Öffentliche Güte (Warnung: Rant)

Wenn ich eins gut kann, dann Werbung. Es war zu keiner Zeit ein Problem, Öffentlichkeit zu finden oder, notfalls, herzustellen. Das mag daran liegen, dass ich eine interessante Firma habe. Es mag an mir selber liegen, an meiner Person. Wie auch immer: Aufmerksamkeit ist mir gegeben. Es ist genau deshalb nicht erforderlich, öffentlich zu machen, dass ich gerne gebe. Dass ich sinnvolle Projekte und Institutionen mit Geld- und Sachspenden fördere. Ich habe es aufgerechnet – 2016 um die 5 000 Euro. Ich möchte aber nicht sagen müssen, wem ich was gegeben habe. Ich möchte diese Menschen nicht vorführen, in ihrer Bedürftigkeit, in der Kärglichkeit, die hoffentlich ein klein wenig erträglicher geworden ist. Ich möchte auch keinen Paradeflüchtling mit Schleifchen präsentieren. Schaut her, was der jetzt alles kann. Und ich war stets dabei. Ich habe Zeit, Geld, Nerven eingesetzt, damit wenigstens eine Person von sehr vielen sich in Deutschland wacker schlägt. Dieses Sendungsbewusstsein geht mir ab. Vielleicht aus Gründen katholischer Erziehung. Vielleicht, weil sich das einfach nicht gehört. Ich möchte gerne glauben, dass andere Gebende auch so denken. Allein, es fällt mir schwer. Es fällt mir nach den Aufdringlichkeiten beseelter und von sich selbst berauschter Gebemenschen diese Woche bitter schwer. Was für Selbstdarsteller.

mittelschwer

Sesshaftigkeit war nie mein Ziel. Sesshaft zu sein schien mir eine Metapher für Leben in der Sackgasse. Routine, immer dasselbe, jeden Tag wieder. Sesshaft. Und jetzt sitze ich den siebenten Winter hintereinander in Borgholzhausen. Sich auch nur für einen Tag zu entfernen, bedeutet Arbeit. Planung, Logistik, Koordination. Wer hütet den Laden, wer geht ans Telefon, wer wartet die süße kleine Oma, der man dreimal täglich sagen muss – Nutella ist kein Alleinernährungsmittel. Ich müsste nach alten Gedanken von mir selber kreuzunglücklich sein. Sesshaft in Borgholzhausen, so ein Elend.

Pustekuchen. Ich finde es alles gerade ziemlich gut. Die Welt ist konfus, die Leute sind hektisch, aber in Borgholzhausen hängen ordnungsgemäß die ersten Weihnachtslichter. Ich hab mich in anderen Jahren darüber aufgeregt. Jetzt gefällt mir das. Die Kulisse hier, der Alltag, ist so schön vorhersehbar, dass ich mich fallen lassen kann wie in ein Plumeau. Weich, wolkig, fast zum Kuscheln, aber nur beinah. Man schmust halt nicht mit seiner Umsatzsteuervoranmeldung. Man sagt besser nicht, dass man sich gern mit Goldstiften beschäftigt, wenn man endlose Listen mit Aufgaben vor sich hat, wo es um weit mehr geht als um Gel- oder Lackschrift, die auch auf schwarzem Tonkarton zu sehen ist.

Also, wenn man cool ist, sagt man nicht – ich bin gern sesshaft. Anders könnte ich kaum aushalten, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten und dabei die Laune zu bewahren. Ich könnte ohne den Standard, ohne diese Pium-Geschwindigkeit Hektik und Hysterie nicht von mir schieben, die Personen an mich tragen. Gott sei Dank bin ich nicht cool. Ich bin sesshaft in dieser mittelgroßen Stadt in einem mittelschweren Job mit – nein, nicht mit mittelguten Menschen. Mit den besten Mitarbeitern und Freunden von der ganzen Welt. Dafür wollte ich mich mal wirklich sehr bedanken.

Buchhandel für Halle in Westfalen

In einer mittelgroßen Stadt in Ostwestfalen gab es drei Buchläden. Zwei schon immer, und den Frauenbuchladen so lange, wie es Frauenbuchläden eben gab. Aber jetzt macht der eine von den beiden auch noch zu, und der andere macht Bilderrahmen. Schlecht für die Haller. Gut für Amazon.

Erster Profiteur jeder Buchladenschließung ist der Mega-Versender. Amazon ist smart und praktisch, Amazon hat seine Meriten. Aber Amazon kann noch so viele Pakete nach Halle schicken: Eine Buchhandlung werden die Amerikaner dort kaum eröffnen. Thalia und Hugendubel genauso wenig. Vielleicht die Mayersche? Wer weiß.

Ich weiß aber, dass wir in Borgholzhausen ein reiches Sortiment vorhalten. Wir haben 35 laufende Meter Belletristik – die größte Auswahl zwischen Bielefeld und Osnabrück. Wir haben haben nicht so wenig Koch- und Kinderbuch, wir haben Bildbände und eine Geschichtsabteilung. Wir können Ebooks erklären und verkaufen, wir können überhaupt gut Internet.

Und: Wir haben diesen Verlag. Ich bin die einzige Regionalverlegerin in Ostwestfalen. Das ist Arbeit genug und übrigens mein Lehrberuf. Deshalb wird es keine Filiale geben, auch keinen Umzug. Aber ich lade Sie herzlich nach Borgholzhausen ein. Sie können hier parken, stöbern und sogar Kaffee trinken – ein paar Schritte weiter im Lebkuchencafé.

Ich freue mich auf Sie! Ihre Martina Bergmann

Aus meiner Grundschulzeit

Dies ist eine schöne Geschichte, die mir regelmäßig zugetragen wird. Ich war nicht dabei, ich fasse nur zusammen. Es ist auch lange her. Es war in diesem anderen Land, wo Mütter Hausfrau waren. 12 Uhr 45 Schulschluss, Mittagessen um eins. Wenn es mit dem Schulbus nicht klappte, standen die Mütter in ihrem sogenannten Frauenauto auf dem eigens ausgewiesenen Abholparkplatz. Es war ein ordentliches Land.

Zu dieser Ordnung gehörten auch Elternabende, wobei das eine Fehlbezeichnung ist. Es waren fast immer Mütter, die sich über Kastanienmännchen und Plätzchenbacken informieren ließen. Väter eher nicht. Die hatten andere Aufgaben. Sie störten auch die Ordnung, wenn sie da erschienen. Man merkt das hier:

An einem Eltern-, also Mütterabend ging es um Hochbegabte. Das war ein neues Thema, dem sie sich gründlich widmen wollten. Begreifen, nachvollziehen, ermitteln. Klar, denn auf dem Land bleibt sowas nicht abstrakt. Das macht sonst keinen Spaß. Also: Wer ist hier hochbegabt? Hypothese: Viele. Es schien sich um eine Begabungshäufung zu handeln. Durch viel Liebe, pünktliches Mittagessen und die Einwirkung der Musikschule schien ihnen diese dritte Klasse ungewöhnlich wohlgeraten.

Die Klassenlehrerin hatte vorgeschlagen, dass sie hilft. Sie liest Aufsätze, aber anonym. Und die Eltern, also: Mütter sagen, wer das geschrieben hat. Aufsätze lassen in Wortschatz und Satzbau leicht erkennen, wo die Talente sind. Sie hatte Episoden herausgesucht, Nacherzählungen von kleinen Comics. Vater und Sohn von e. o. plauen. Und das waren ja auch schöne Geschichten. Die Mütter freuten sich. Nein, wie reizend. Allerliebst. Eine selige Einigkeit. Und durch das jeweils erst verschämte, dann aber doch vernehmbare Kichern konnte man zuordnen, wenn eine Mutter eigene Talente angewendet hatte.

Aber dann wurde es komisch. Es gab da diese Geschichte, die gefiel der Klassenlehrerin am besten. Das war die Geschichte mit Vater, Sohn, weiteren Geschwistern, einigen Nachbarn und Bundeskanzler Helmut Kohl. Die Klassenlehrerin meinte, daran sieht man – Hochbegabung. Die Mütter fanden das nicht so gut. Die meinten, hier zeigt sich vor allem Eigensinn. Und den muss man nicht noch extra loben. Doch, sagte die Klassenlehrerin, da bleibt sie bei ihrer Meinung. Sie kennt sich aus, sie hat das übrigens studiert.

Die Stimmung kippte augenblicklich. Studiert. Eine Frau. Ts, ts. Das war nicht üblich, und das wurde auch nicht gern gesehen. Räuspern, Unmut. Die Klassenlehrerin suchte den Ausweg. Sie wandte sich an den scheinbar halb weggedösten Einzelvater. Jetzt hören Sie mal, sagte sie. Freuen Sie sich, dass Sie eine Tochter haben, die so schön schreibt.

Und der Vater: Nein. Ich mag das nicht, wenn Eltern ihre Kinder zu was zwingen. Wenn sie später Bücher schreiben will, kann ich das wohl nicht verhindern. Der Abend war gelaufen. Sowas von gelaufen. Die Mütter tragen ihm das bis heute nach. Und sie haben mir alle davon erzählt, jede einzelne. Als ob ich was für deren Trauma könnte.

Kopftuch

Ich lese diese Beiträge von Menschen aus der Politik. Kopftuch, Burka, Burkini und zurück. Als ob es gerade keine anderen Themen gäbe als die textile Oberfläche weiblicher Personen. Was soll ich dazu sagen?

Erstmal: Schaut in den Spiegel! Viele von denen, die sich empören, laufen herum, als sei 1985. Hannelore Kohl revisited. Stahlhelm-Blondschopf und Damen-Trevira. Schlimm. Die muslimische Großstadtmode ist auch nicht meine, die ist mir mit und ohne Kopftuch viel zu schrill. Aber sie ist in sich ästhetisch kohärent. Das kann man weder vom Karottenhosenstil der CDU-Frauen noch von der grünen Variante, vom Großraumleinen, sagen.

Zweitens: Sieben Jahre als Arbeitgeber sind sieben Jahre Achselhaare, Gesichtsblech, Reinlichkeit und Schuhabsätze. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt. Und das eine Kopftuchmädchen, das hier ganz am Anfang mal im Einsatz war – die war einer der leichteren Fälle. Bunt ist ok, aber BHs sind kein Zusatzelement für obenauf. Hat sie kapiert. Und dass sie nicht auf Dauer bei uns geblieben ist, hatte mit dem Kopftuch am allerwenigsten zu tun. Sie war mehr für Dekoration als für Inhalte. Sowas kommt vor.

Drittens, und das ist meine Kopftuchmeinung, drittens finde ich alles blöd, womit Frauen sich im Wege stehen. Wir leben in Deutschland, das ich in Sachen Chancengleichheit ok finde. Schulbesuch ist kostenlos, die Schulen sind nicht schlecht, und jeder kann studieren. Wenn einer heute an der Uni scheitert, hat das in den seltensten Fällen wirtschaftliche Gründe. Und der Engtanz mit Bourdieu: Übertrieben. Es stimmt, man kann sich Habitus nicht kaufen, und es ist wahr, dass irgendwann Mechanismen der Elite greifen. Aber dieser Punkt liegt in Deutschland so weit hinten-oben wie in keinem anderen mir bekannten Land.

Deswegen kann man auch als Kopftuchmädchen sehr schön zur Schule gehen, kann Abitur machen und studieren. Und wenn man dann auch nur ein bisschen zuhört, wird man von selbst begreifen, dass es ohne Kopftuch leichter ist. Wenn nicht, dann nicht. Das kann man aber von ziemlich vielen anderen Milieus in Deutschland ganz genauso sagen.

 

 

Weltanschauung

Wenn ich im Buchladen aus dem Fenster schaue, dann seh ich meine Welt. Kleinstadt mit weitgehend wohlhabenden Menschen in eher friedlicher Umgebung. Das gefällt mir. Deswegen bin ich ja hier. Weltanschauung ist nicht zuletzt eine Entscheidung über das Wie und Wo des eigenen Lebens.

Was dazu kommt: Werte, Ethik, eine Religion und politische Meinungen – das entsteht, würde ich sagen, in der Wechselwirkung von Erziehung, Wissen und dem Alltagserleben. Je älter man wird, desto stabiler ist so eine Weltanschauung. Ich bin jetzt über sechs Jahre in Borgholzhausen. Ich schaue schon lange aus diesem Fenster. Ich kann also davon ausgehen, dass meine Weltsicht einer Ordnung folgt.

Das ist keine Ordnung, die jedem behagt. Warum auch? Aber je sesshafter ich geworden bin, je bekannter und profilierter, desto energischer ertönt Sprachwiderstand. Das geht gar nicht! Damit habe ich ein Problem! Das kann ich so nicht stehen lassen! Ich muss dir ehrlich sagen – undsoweiter, undsofort. Keine Woche, in der nicht einer dafür sorgen möchte, dass ich den Pfad der Tugend wiederfinde. Politisch korrekt bin. Nicht immer so deutlich. Und überhaupt: Jetzt seien Sie mal nicht so.

Die kurze, bittere Wahrheit für alle Freunde des sozialen Teflons:

Doch, ich bin so.

Ich werde weiter sagen, dass Digitalfeminismus oft nur lila bemalter Egoismus ist.

Ich werde darauf bestehen, dass Kompetenz von Qualifikation herrührt und nicht von Beziehungsstatus oder Reproduktionsfreudigkeit.

Ich werde auch in Zukunft kein überhöhtes Trinkgeld akzeptieren, das mir zeigen soll, welcher Kunde der vermeintlich wichtigere ist.

Ich werde nicht dazu schweigen, dass ich diese Wegelagerei namens Spendensammeln peinlich finde. Wir spenden großzügig, aber nach Bethel. Ich halte Bethel für kompetent, diskret und in Einklang mit meiner Weltsicht. Auf hiesige Projekte und deren Leiter trifft das selten zu.*

Und ich werde auch weiter nur müde lächeln, wenn mir beliebige Personen konfuse Mitteilungen über die Strategie meines Unternehmens vortragen. Die Firma heißt Bergmann und befindet sich in Borgholzhausen. Das ist unmissverständlich.

*4 Beispiele aus einer Woche im August

 

 

 

 

Dumm. Oder: Wie ich Feministin wurde

Ich meinte ja, die Zeit sei endgültig vorbei, wo man sich bei Papa über mich beschwert. Ich hielt das für bewiesen, weil ich 37 bin. Ich habe ein paar graue Haare und etwas mehr Erfolg. Selbst den allerliebsten Klassenfeinden, den Typen hinter Schreibtischen im Anzug – selbst denen leuchtet heute ein: Sie heißt nicht Mädchen. Man muss sie nicht mögen, aber sie kann was. Punkt.

Ich halte Leistung für wesentlicher als Geschlecht. Ich finde, man muss sehr dumm sein, um zu glauben, dass es in dieser Gesellschaft reicht zu sagen – ich bin eine Frau, und wenn Du nicht machst, was ich will, dann zeig ich dir den Mittelfinger. Dann mach ich auf Urschrei oder nervous breakdown oder beides. Ich werde auf jeden Fall lästig und nenne das eine Strategie. Feministische Strategie.

Zu diesen scheint neuerdings zu zählen, bei Papa Bergmann über mich zu klagen. Ich sitze hier und grüble: Die Jungs, die Typen von der alten Schule, die hab ich alle eingesackt. Die nehmen mich ernst. Und junge Frauen rufen Papa an. Was ist da passiert? Was ist so furchtbar schiefgegangen mit diesem Feminismus? Wie auch immer ich dazu stehe – er ist zu wichtig, um von dummen Frauen definiert zu werden. Also los.