Die kleinen Schwestern

Sie waren in diesem Sommer sehr gut zufrieden, denn es war unheimlich warm. Es gab außerdem in der Familie ein neues Baby, womit keine von ihnen die Jüngste war. Niemand passte hundertprozentig auf, was sie so taten. Oder auch nicht. Mit Oma bei abgedunkelten Fenstern (Holz-Jalousien) Fernsehen schauen, zählte unter: nicht. Man machte aber eigentlich nicht nichts, nur mal eben nicht in diesem wirklich warmen Sommer. Das neue Baby sollte ordentlich schlafen, und wenn man die Holz-Jalousien zu schnell bediente, donnerten die richtig gut laut runter. Davon wachte das Baby garantiert auf. Was ja nicht sein sollte, und deswegen hingen sie eben bei Oma auf dem Sofa herum. Dieses war eigentlich hell, so ungefähr beige mit kleinen Flecken aus einer Farbe wie Pistazien. Die kleinen Schwestern hatten von Pistazien aber bislang nichts gehört. Sie sagten zu den Flecken: Popel.

Das Sofa war auch gar nicht mehr überall hell, nämlich da nicht, wo entweder der kleineren Schwester mal eine Windel ausgelaufen war (Sitz) oder dort, wo Papa hin atmete, wenn er auf dem Sofa schlief (Lehne). Papa lag nicht wegen des neuen Babys oder Mama auf dem Sofa. Er machte das schon immer, aus Prinzip. Abgelegt wie ein Baumstamm. Wenn er ganz fest schlief und eben das Sofa durch Atmen verdunkelte, konnte man als kleine Schwester einzeln um ihn herumturnen und oben auf der Lehne sitzen. Bei zweien wachte er auf, oder wenn man abstürzte. Natürlich auch, wenn beide zugleich abstürzten. Er war aber ein netter Papa und stellte sich nicht so an.

Man durfte nur die Oma nicht ärgern, denn die war schließlich seine Mama. Niemals könnten sie ihr so nahe stehen wie er, behauptete Papa. Die eigene Mama von den kleinen Schwestern war auch sehr nett, aber sie hatte ja nun ein neues Baby und außerdem einen Biogarten. Es ging da unheimlich gesund zu. Sie baute nicht direkt Körner an; die wurden tatsächlich eingekauft. Aber das viele Gemüse aus diesem Biogarten wurde immer mit Körnern zusammen gegessen. Papa sagte manchmal, er sei ja wohl kein Kanarienvogel, und dann fuhr er mit den kleinen Schwestern zur Tankstelle und kaufte ihnen ein Eis. Die Mama fand das eigentlich doof, aber andererseits aß sie auch gern Eis. Sie hatten einmal ausprobiert, ob sie so ein Eis am Stiel im Handschuhfach von der Tankstelle bis nach Hause bringen könnten (wegen: verdunkelt). Ging nicht. Sie wohnten schließlich weit weg von allem, so richtig fast im Wald. Die Eltern von den kleinen Schwestern meinten, das sei das absolut Beste für ihre Kinder, und die Oma hatte entweder keiner gefragt oder es war ihr auch egal gewesen.

Jedenfalls hingen die kleinen Schwestern jetzt mit der Oma im abgedunkelten Wohnzimmer vor der Schrankwand herum und schauten Lassie. Sie trugen schon mal ihre Badeanzüge, weil der Papa losgefahren war, um ihnen ein Planschbecken zu kaufen. Bedingung: Das neue Baby dürfte auch mal mit hinein, aber vorsichtig. Sie hingen und schauten und waren wie kleine Tropfen, nur auch noch mit Neon-Streifen von ihren Badeanzügen. Die Oma strickte nebenbei, das konnte sie blind. Davon leichtes Klackern. Sonst keine weiteren Geräusche. Und was dann geschah, darüber handelt die nächste Geschichte.

 

Kreis Gütersloh

Weißt Du, sage ich zu jemand, den ich echt schon länger kenne. Weißt Du, ich habe mich andauernd darüber aufgeregt, aus diesem letzten Winkel zu sein. Wo es nichts gibt. Kathedralen nicht, keine Architektur in dem Sinn, auch Bildungsbürger begegneten mir erst, nachdem ich aufgebrochen war. Ganze Welt und so, alles lesen, sehen, können wollen. Es reichte zu einigem Wissen und ein paar Ländern in Europa. Dann kehrte ich wieder, eben in diesen Winkel. Kreis Gütersloh in Ostwestfalen. Kaum Arbeitslose, aber auch keine Kultur. Mettwurst, Schnitzel, Grillfleisch. Autos. Landmaschinen und andere Apparate. Das alles ist Ostwestfalen. Es ist, muss ich sagen, wirklich okay soweit.

Es ist, davon abgesehen, auch meine Heimat. Selbst wenn es blöder wäre: Das ist bei mir zu Hause. Ich mag, wie die Menschen sich geben, wie sie reden und, vor allem, wie sie scherzen. Sie sind so normal wie nur was. Um bei diesen meinen Menschen zu bleiben, musste ich mir einen Beruf erfinden. Was ich sein wollte, irgendwie intellektuell mit Medien und Dingens, das geht hier nicht. Ich wurde behelfsweise erstmal Buchhändlerin und, über Schleifen, eine Art Geist-Hausfrau.

Wie die Mütter meiner Kinderzeit sitze ich herum und sehe zu. Gut, nicht der Brut bei irgendwelchen Hausaufgaben, während ich Kartoffeln schäle. Eher, dass ich die Kunden reden höre, während ich eigentlich einen Artikel, Essay, Aufsatz schreibe. Auch den nächsten Roman. Wenn ich im Kopf die Worte wende, sind um mich herum Geräusche. Die normalen, im Sommer: Wilde Kinder, vom Freibad her. Andere Kinder, mit Eis. Ich sage dann, nein, nicht mit dem Eishörnchen hier hinein. Auch nicht zu dritt, seid Ihr bescheuert? Ich murmele, jaja, wenn es über die Schultüten geht (natürlich selbst gebastelt), die Marmeladen (hier, drei Sorten zum Probieren), und dass die Kinder eigentlich im Garten zelten wollten, aber nachts hatten sie plötzlich Angst vorm Wolf und liefen zu den Eltern, während der ältere Cousin ins Zelt wechseln musste. Papa vielleicht auch, und dann spielten sie dort Skat und ließen sich von Mücken beißen. Das wäre normal.

Jetzt sitze ich hier auch. Geist-Hausfrauen bewegen sich wenig. Schon im Kopf, aber ihren Körper nicht bei 30 Grad. Eben wie immer. Nur die Geräusche sind anders. Hastiger, oft laut, kein Mensch hört zu. Sie kapieren das nicht. Es ist doch ungerecht. Der Urlaub und das Grillfleisch und die Kontrollen, und beim Abstrichzentrum wartet man drei Stunden. Da könnte man – Nein, rufe ich. Da jetzt nun nicht ein Würstchen grillen. Auch kein veganes. Gar keins! Abstand halten, ey. Das ist kein Spiel. Ja, hm, sagen die Ostwestfalen. Ich merke, sie sind verstört. Fleisch ist blöd und wir wohl auch, und unsere Autos (heilig bei uns, vergaß ich zu sagen) werden zerkratzt. Die Personen in diesem Kreis Gütersloh, in der mentalen Gruppenhaft, die Deutschland ihnen gerade verpasst: Sie sind gekränkt.

Ich bin es nicht. Ich war auch schon woanders, immer mal. Ich weiß, Provinzialität ist keine Frage des Autokennzeichens. Das ist die Sache mit der Haltung. Recht vielen Menschen fehlt sie aktuell.

Also von mir, von der Geist-Hausfrau im Buchladen in diesem Kreis Gütersloh am Ende der Welt: Ich find’s Scheiße. Ich finde erbärmlich, wie mit uns verfahren wird. Und ich bin aber froh, dass ausgerechnet hier mein Zuhause ist. Niemals würden wir uns nämlich so betragen. Wir gäben jedem Münsteraner ein Kuchenstück und auch den Leuten von Osnabrück ihr Kaltgetränk.

Wir sind die Provinz, na klar. Aber keine Kleinbürger mit engster Sicht.

Gezeichnet: Eine von einem Drittel einer Million hier in der Region.

 

Körper und der Einzelhandel

Bücher und Postkarten auszuwählen halte ich bis auf den heutigen Tag für eine weitestgehend körperferne Tätigkeit. Menschen in Textilien begegnen mir dazu in meinen Räumen, und auch ich selbst halte mich hier nicht im Morgenmantel auf. Es ist mein Raum, kein öffentlicher oder sogenannter dritter Ort, es ist ein Raum, für den ich Miete zahle, den ich beleuchte, heize und eben befülle. Siehe oben, Bücher und Postkarten. Der Körper, in dem ich zu Hause bin, hat damit nach meinem Verständnis recht wenig zu tun.

Gleiches gilt für die angestellten Personen, ob sie nun Schüler, Studentin, Flüchtling oder Mutter sind. Diese Menschen halten sich berufstätig hier auf. Würde mir nicht gefallen, wie sie sich kleiden, könnten sie selbst und auch die Endverbraucher sicher sein, dass ich etwas dazu sage. Ich bin klar in meinen Äußerungen, und unsere langjährigen Mitarbeiter hatten insofern nie ein Problem mit mir. Die anderen waren bald wieder weg, wobei das selten an ihren Textilien lag. Ich ertrage strukturelle Dummheit nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Dass Körper dennoch nie unerheblich waren, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die ländlichen Leute gern schwatzen. Über wenig lässt sich besser reden als über den Körper einer Frau. Optik, Haptik, gern auch das sogenannte gebärfreudige Becken. Die Beine, der Busen, mein Po. Wozu sich Personen in nunmehr zehn Jahren zu äußern meinen mussten – es verblüfft mich immer neu. Und ich meine das im eigentlichen Sinn: Ich wundere mich.

Ich habe aufgehört, nach Erklärungen zu suchen. Habe ich gute Laune, denke ich, dann quatscht doch. Blabla. Blablabla und wieder von vorn. Habe ich schlechte Laune (selten) oder überschreitet das allgemeine Gelaber einen von mir gesetzten Punkt (nicht selten), werde ich deutlich. Ich sage dann: „Hören Sie bitte auf zu glotzen.“ oder „Es mag Sie interessieren, ob ich Kinder habe, aber es geht Sie nichts an.“ oder „Obwohl Sie dringend wissen möchten, wie das körperliche Verhältnis zu meinem verstorbenen Partner war: Sie werden es nie erfahren.“

Ich sage auch: „Wenn Sie die Aushilfe noch zehn Sekunden länger anstarren, gehen Sie an die frische Luft und kehren nicht wieder“ oder „Die Liebesgewohnheiten aller Mitarbeiter sind privat. Gilt für Syrer, Deutsche und auch für eng verwandte Vollidioten.“ Es ist für mich das allergeringste Problem, Chauvinismus, Sexismus und den vielen anderen Alltagsferkeleien entgegenzutreten. Zehn Jahre training on the job; da macht mir keiner etwas vor. Zumal ich mich in einem Raum aus Glas befinde, ich selbst und auch die Meinen sind zu sehen. Uns kann niemand auf den Körper, solange Menschen auf der Straße sind.

Aber was machen die Menschen in ihren Wohnungen? Was machen die und lassen mit sich machen, die mir wegen Corona gerade kaum begegnen? Wie verhält es sich mit der Gewalt in Worten und in Taten? Was tut der Alkohol dazu, und was das irrsinnige Rumgeflacker an Bildschirmen, die man besser nach dem ersten halben Glas ausknipst für den Rest der Nacht? Gehe ich von dem aus, was mir im letzten Vierteljahr digital zugestellt worden ist – und wie gesagt, ich bin die mit der Deutlichkeit. Ich habe Öffentlichkeit, und ich habe gute Männer um mich herum. Wenn ich also, in dieser eher komfortablen Lage, schon soviel Scheiß ertrage: Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie es wohl anderen Frauen geht.

Ich wünsche ihnen und uns allen, gerade an diesem Hauptbesäufnistag des Sommerhalbjahrs, ich wünsche mir, dass Ihr etwas sagt. Meldet euch, wenn Körper und Seelen in Gefahr geraten! Bei mir und überall dort, wo auch Öffentlichkeit ist. Zeigt euch, so schlimm es sich anfühlt. Aber nur wer sichtbar wird, dem kann geholfen werden.

 

Lob des Einzelhandels mit Lesewaren

Kannst Du, beschwerte sich der Geliebte, auch vielleicht mal irgendwas anderes schreiben als Beiträge zur Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft des Bucheinzelhandels? Nein, sagte ich. Geht absolut nicht. Angeblich bin ich vollständig bescheuert und habe absolut keine Ahnung. Ich bin einfach nur zu blöd. Sonst würde ich etwas sozial und ökonomisch Rentableres betreiben als eben diese Sortimentsbuchhandlung. Eine gewisse Oma schaltete sich ein und sagte, ja, wieso. Ich finde das immer sehr interessant. Du, meckerte er, Du vergisst auch, dass sie sich wiederholt. Sie könnte Sachbücher schreiben, Romane, übrigens auch ihre akademische Abschlussarbeit. Es gäbe genügend andere Felder. Davon weiß ich nichts, bekundete die gewisse Oma. Aber sie wird ihre Gründe haben.

Ich kann mehrere Sachbücher und zwei Romane später berichten, sie hatten beide Recht. Er täuschte sich nicht darin, dass mehr Themen meinem Gehirn und meiner Laune besser stehen würden als immer das eine, selbe Kreisen um den Bucheinzelhandel. Es war ein bisschen neurotisch. Aber es war deswegen nicht unnütz, und da kannte mich die Kleine Oma besser. Denn die ewigen Abgesänge auf meinen Beruf, auf das, was ich mir mit fünfzehn ausgesucht und wovon ich nie gelassen hatte: Diese schlechte Rede kränkte mich. Wie das mit Kränkungen so ist: Sie zu überwinden, dauert. Es gelingt noch nicht mal immer. Schulden kann man bezahlen, Verfahren gewinnen. Kränkungen muss man erdulden und sich ihnen immer neu zuwenden, um sie vielleicht irgendwann vergessen zu haben.

Mich störte, auf den Punkt, dass unser Sortimenterwissen nichts mehr zählen sollte. Dass die Digitalisierung vermeintlich unnötig machte, was wir in unseren Köpfen speicherten. Autoren, Titel, Buchreihen. Verlagsprofile, Themenschwerpunkte. Anlässe, saisonal wie regional. Mentale Prägungen politischer, religiöser, dritter weltanschaulicher Naturen. Das alles sollte nicht mehr wichtig sein, weil Computer, Controller, Betriebswirte und, natürlich, immer, Bankmenschen es besser wussten. All die Ermahnungen und Belehrungen, von sanftem Hohn über nicht immer leisen Spott bis hin zu den krachend selbstgefälligen Auftritten von lauten Männern (ausschließlich Kerle, Frauen nie): Das war ein Päckchen. Ich verfüge nun über nicht wenig Selbstbewusstsein und auch die nötige Grundarroganz, um so etwas normalerweise zu verarbeiten. Aber es zehrte doch. Es waren, siehe oben, Kränkungen.

Ich wendete mich anderen Aufgaben zu, schrieb eben dies und das und jenes, kochte, wusch und ordnete die Oma. Sie war so gut, mir einen zunehmend erheblichen Aufwand abzuverlangen. Mein dauerndes Thema, die Ungerechtigkeit an mir selbst und Generationen von Sortimentsbuchhändlerinnen, geriet in den Hintergrund. Danke, Kleine Oma. Well done!

Aber jetzt wohnt sie woanders, und außerdem findet Corona statt. Nein, tut es ja nicht, denn wir bleiben zu Hause, senken die Kurve, verhalten uns, wie ich meine, alle relativ gesittet und werden exzellent regiert. Mein Status als selbständige Sortimentsbuchhändlerin: Prima! Ich habe einen finanziellen Puffer, den mir keine Bank der Welt je gäbe, geschweige denn, binnen 48 Stunden. Die Bezirksregierung Detmold war aber so gut. Der Buchladen darf von mir selbst betreten werden, von anderen nicht. Ich erhalte Ware, bediene das Telefon, reiche Pakete an und tue tatsächlich die ganze Zeit ungefähr das, was Buchhändler klassisch arbeiten. Plus Social Media. Es gab früher kein Facebook, Twitter, Instagram, und ich möchte echt nicht ohne sein. Ich merke aber, vieles von dem, was ich über die Jahre privat und öffentlich dachte – es war nicht nur verkehrt.

Ich meinte, die Chance des Einzelhandels sei Kommunikation. Kompetenz auch, aber noch davor: Kommunikation. Logistik kommt nicht nur im Alphabet danach. Ich meinte zudem, dass ich ein Sortiment präziser einkaufen könnte als eine zentrale Steuerung, dass ich die Kunden genauer kennen, ihren Geschmack einschätzen, im Zweifel sie auch durch Hermeneutik würde versorgen können. Stöbern ist schön, klar. Aber subtil ist es nicht. Ich meinte also beständig und grämte mich mal mehr, mal weniger darüber, dass unsere Bildung und unser Horizont als Sortimentsbuchhändler verkannt wurden, weil wir auch kassierten, Geschenke verpackten, den Boden kehrten und das Altpapier wegschafften.

Irrtum!

Niemand hält den smarten Konsumenten gerade schöner den Spiegel vor als ihr Götze Amazon. Denn was macht der jetzt, wo ist er in der Krise? Bei sich, am eigenen Portemonnaie. Und wir sind hier, sind in den Läden, machen die Arbeit. Ich finde, wir waren selten besser als in dieser Krise, die für uns Einzelhändler der Lesewaren nun wahrlich keine ist. Seien wir stolz auf uns!

 

Solche solchen (Küchenpapier)

Ein einem anderen Haus in meinem vorherigen Leben war es üblich, pro Tag vier Rollen Küchenkrepp zu verarbeiten. Mehr ging nicht. Die Umsetzende hätte auch mehr geschafft, aber ihr Lieferant konnte nur vier pro Tag auf seinem Rennrad befördern. Falsch, in seinem Riesenrucksack, denn so ein Rennrad hat ja gar keinen Gepäckträger. Und im Riesenrucksack wäre womöglich auch Platz für sechs oder acht Rollen gewesen. Der Dialektik dieses Haushalts folgend, wurde die Beschränkung auf vier Einheiten pro Tag von allen Beteiligten unhinterfragt und gelassen zur Kenntnis genommen. Auch die Unterbrechung der Lieferkette infolge Sonntag (kein Küchenpapier von der Tankstelle) oder Unlust (stets möglich) war in dem System vorgesehen. Dafür gab es nämlich Vorräte. Die kamen dadurch zustande, dass die beiden Beteiligten gute Verbindungen zu einer gewissen Buchhändlerin unterhielten, die manchmal Großgebinde anschleppte. Dafür hatten sie ihr ein Fahrrad mit roten Reifen und Gepäckträger geschenkt. Sie konnte darauf mühelos acht Rollen Küchenpapier, also eine Doppellieferung, befördern. Sie tat das auch bisweilen.

Also: Ich lieferte eine ganze Weile Küchenrollen, ohne zu überprüfen, was sie damit taten. Martha und Heinrich, in diesem anderen Leben. Eines Tages musste ich mich doch um Einsicht bemühen, denn eine Behördenperson rief an. Bei mir, in der Buchhandlung, weil beide Beteiligten gesagten hatten, sie könnten sich selbst nicht äußern. Beschäftigt, keine Zeit, keine Lust. Und wozu hatten sie ein Management mit Internet. Martha und Heinrich fanden, alles Lästige (Ämter, Sparkasse, Gertrud, Gemüsekiste) hätte mit dem Internet zu tun und sei also mein Problem.

Sie hatten, erfuhr ich, Ärger mit den Emissionen. Konkret: Sie verfeuerten in ihrem Ofen allerlei, was absolut nicht verbrannt werden darf. Plastiktüten, Aluzeugs, angeblich sogar alte Schuhe. Und das war auch ausnahmsweise nicht aufgefallen, weil es irgendwer verpetzt hätte. Nein, Messungen. Ich sagte zu Heinrich, also weißt Du. Wir bezahlen die Müllabfuhr, und ich hätte auch kein Problem, irgendwelche Gummistiefel persönlich zur Mülldeponie zu fahren. Das würde mich auf eine Weise sogar glücklich machen. Ja, sagte Heinrich. Gedehntes ja, also eher: Jaaaaaaaa. Ja, also in meiner Gegenwart verbrennt sie nur Küchenrollen. Und weder das Feuer noch ich selbst haben ihre übrigen Handlungen unter Kontrolle. Das wirst Du verstehen. Ich schimpfte ein wenig, aus Gewohnheit, und verhalf ihm zu der Einsicht, dass nur noch in seiner Anwesenheit am Feuer gearbeitet werden würde. Bei Kälte am Körper stünde auch dieses Groschengrab namens Elektroheizung zur Verfügung. Ja, sagte Heinrich, jaja.

Ich weiß nicht, ob es geholfen hat. Aber die Emissionsstelle meldete sich nicht wieder. Und ich wusste jedenfalls, was sie mit dem ganzen Küchenkrepp anstellten. Sie verbrannten es, blattweise. Falsch, ruft Martha von irgendwo. Du vergisst etwas, das Wichtigste womöglich. Klar, sage ich. Danke, dass Du weiter mitspielst und einfach mal dagegen hältst. Ja, schmettert sie beinahe triumphierend. Die Teller! Die Tassen! Alles, im Schrank! Und da fällt es mir wieder ein. Die Verarbeitung der Küchenrollen ging nämlich so, dass sie zwischen die Teller des Hauses (Speiseteller, Untertassen, bei guter Laune gern auch Blümchenunterstellteller) einzelne Blätter Küchenkrepp legte. Sie wechselte täglich, denn Ordnung musste sein. Und es gab Geschirr für die nächsten dreißig Jahre oder so. Reichlichst.

Bei Unterbrechnung der Lieferkette hatte sie entweder Vorrat, von mir. Oder sie durchteilte einzelne Blätter mit dem Küchenmesserchen. Scharf gefaltet, und dann mit dem Messer durch die Falte. Immer Messer, nie Schere. Scheren sind für Kindergartenkinder. Was dann jeweils übrig war, kam in den Ofen. Alles übrige auch, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn, was durchaus vorkam, einfach gar kein Küchenkrepp mehr zur Verfügung stand (starke Lust am Feuer, erhebliche Unlust von Heinrich, Abwesenheit von Martina), ging sie über zu Klopapier. Das gab es auch in Rollen, es ließ sich ebenfalls abreißen und verfügen und verbrennen und alle so weiter. Der einzige Nachteil: Auf Klopapier kann man schlecht schreiben. Küchenkrepp hingegen nimmt Schrift von Filzstiften meist problemlos auf. Der Filzstift ist dann kaputt, aber das war immer schon das Problem des Filzstifts und nicht von Martha.

Ey, ruft sie. Und kapierst Du es noch nicht? Du hast wohl gar nichts von mir gelernt! Alles, sage ich. Martha, ohne deine Lust am Nahkampf wäre ich für vieles in den letzten Jahren schlechter gerüstet gewesen. Also, diese solchen, fängt sie an. Ja?, frage ich. Ja, solche und solche. Ok, Küchenkrepp und Klopapier. Richtig!, ruft sie. Ich habe natürlich einen Vorrat angelegt. Logischerweise in der kleinen Sauna. Du kannst sie nur betreten, wenn Du das und das und das beiseite räumst (sieben Fahrräder, 13 Gummistiefel, etliche Jahrgänge „Der Spiegel“ aus den 80ern).

Tatsache! Da liegen reichlich zwei Dutzend Rollen Klopapier. Für mich gespeichert, wirklich bis auf den allerletzten Augenblick, da dieses Haus noch meines ist. Der Käufer hat es mit Inventar erworben; nur die Bücher sind noch mein Eigentum. Die nehme ich mit, von Heinrich. Und von Martha Klopapier, außerdem ihre Lust am Absurden, das auf einmal praktisch wird. Das ist die Dialektik von Holterdorf. Nützlich und, vor allem, lustig. Sonst wäre es auch kein Leben nach Marthas Plan.

 

Tupperdosen, Latenz und Freiheit von Viren

Latenz ist ein Fremdwort. Ich bin gerade zu faul, die Wortherkunft nachzuschlagen. Irgendein Leser dieses Textes wird das erledigen; ich bin ganz sicher. Vielleicht jetzt gleich sofort, vielleicht auch später. Womöglich erst morgen oder nächste Woche. Ich werde das nicht nur ertragen, sondern recht bald sogar vergessen haben, dass ich überhaupt nur warte. Es gibt genügend anderes zu tun, und wieso sollte ich meine Nerven verschleißen und Zeit sinnlos vernichten, um etwas Unplanbares exakt vorherzusehen.

Und das ist schon Latenz, in wenigen Worten: Füge dich und ertrage, was du nicht steuern kannst. Latenz ist eine Schlüsselkompetenz der Selbständigen, sie gehört zur seelischen Grundausrüstung aller nicht sozialversicherungspflichtig Angestellten, um es rentendeutsch präzise auszudrücken. Latenz gehört zu den Selbständigen wie die Tupperdose in den Spießerhaushalt. Es geht nicht ohne. Man weiß ja nie, wie sich der nächste Auftrag gestalten wird, wann die Kunden strömen und hoffentlich kaufen, hängt am Faden eines Kredits, einer Betriebsprüfung oder Zertifizierung. Man sieht nie vorher, ob die Angestellten krank werden und wenn ja, wie lange.

Nie, das ohnehin, kommt einem gelegen, wenn die Leute dummes Zeug reden, ihren Neid in Worte kleiden, die Firma schädigen mit hässlichem Gelaber. Dagegen rüstet man sich über die Jahre mit einem Korsett aus blöden Sprüchen; ich bin, ich räume es ein, Scharfschützin gegen Missgunst, also gegen die Kleinbürgerei unter den negativen Sozialkompetenzen. Latenz, um es zusammenzufassen, ist für uns Selbständige überlebenswichtig – Körper, Seele und Geist gingen kaputt, riebe man sich am Warten auf das Ein- und Ausbleiben von Verschiedenstem auf.

Was man tut, in solchen Zeiten? In Phasen der unternehmerischen Latenz, mithin andauernd? Man hält es aus; ganz einfach. Man spricht und liest und trinkt und isst und sucht mitunter die Toilette auf. Bettet sich abends und steht am anderen Morgen wieder auf. Geht Nichtigkeiten nach, den sogenannten Hobbys. Bewegt sich unter der Bezeichnung Sport und sonst auch oder zu wenig. Man ist daran gewöhnt, dass man das Übliche tut, während Unübliches hoffentlich nur in der positiven Spielart vorkommt (Superauftrag, Riesenumsatz, Rückzahlung vom Finanzamt oder eine üppige Ausschüttung der VG Wort). Wenn nicht (schlechtes Wetter, blöde Kunden, wenig Geld – siehe oben), passiert einem aber auch eine ganze Weile nichts. Weder wird man obdachlos noch bettet man sich hungrig, und Freunde bleiben garantiert nicht fern, wenn sie eben Freunde und keine Trittbrettfahrer sind. Latenz ist vollkommen erträglich, muss ich sagen.

Latenz ist aber auch, man merkt es gerade deutlich, nicht so verbreitet unter den Menschen dieser Zeit. Schade. Wer nämlich latenzerfahren ist, muss weder Klopapier horten noch Desinfektionmittel stehlen, kann sich beim Hausarzt und in der Apotheke ordentlich benehmen, im Bücherladen ohnehin.

Ob es mit mehr Latenz nicht so viele Coronaviren gäbe, sei mal dahingestellt. Aber mehr Latenz führte zu weniger schlechter Laune und der Vermeidung von Hysterie. Man kann natürlich auch viele Tupperdosen haben, in einem ordentlich spießigen Haushalt. Warum nicht Latenz darin verstauen? Ganz, ganz viel. Das wünsch ich mir von allen Lesern dieses Textes. Mehr noch als dass sie ermitteln, woher der Ausdruck sprachgeschichtlich stammt.

Auf eigene Rechnung

Selbständige beschäftigen sich digital viel mit sich selbst. Das ist gut für mich, weil ich immer nachlese, wie andere es handhaben. Ich will nicht sagen, dass die realen Selbständigen um mich herum das nicht auch täten. Aber die schreiben keine Blogs, die machen Notizen auf Bierdeckeln. Und damit fängt es nämlich an.

Ich war immer selbständig in einer Art Vakuum. Ich verdiene Geld mit Tätigkeiten, die Menschen sonst in Hamburg, Berlin und München verrichten. In Bürogemeinschaften, Co-Working-Spaces und Gründerzentren. Was weiß ich. Also, in meiner Vorstellung sitzen die anderen Freiberufler an ordentlichen Tischen mit neuester Technik. Sie trinken angesagte Flüssigkeiten, verwalten sich tüchtig und sind absolut effizient. Ich sitze hinter dem Buchladen, zwischen Kartons. Manchmal fallen Kartons um, weil ich zu faul war, sie rechtzeitig ins Altpapier zu schleppen. Es gab auch schon mal Würmer, als ich vergessen hatte, geschenktes Obst nach Hause zu tragen.

Die menschliche Umgebung hat keine genaue Vorstellung von meinen Tätigkeiten. Die menschliche Umgebung arbeitet, wie gesagt, mit Bierdeckeln und Karopapier und Tischlerbleistiften. Davon würde ich nichts Schlechtes ableiten; diese Leute sind auf eine handfeste Weise ziemlich gescheit. Aber vom Bücherschreiben, vom Übersetzen, Redigieren und überhaupt von intellektueller Arbeit halten sie nicht viel. Man kann das, wie gesagt, nicht anfassen, stapeln und sortieren – weder mental noch ganz konkret.

Die menschliche Umgebung findet aber gut, dass ich eine Buchhandlung unterhalte. Darin sind wir uns einig. Dass sie nicht wahnsinnig viel Geld verdient, war für mich nie wichtig. Sie verdient mir immerhin ein weitestgehend bedingungsloses Grundeinkommen. Die einzige tatsächliche Bedingung: Sei da! Sei bei uns in Borgholzhausen und sprich mit uns und nimm es nicht persönlich, wenn wir uns lustige Gedanken machen, was Du wohl wirklich in deinem Büro da hinten tust. Sei da, damit wir dich mögen können.

Das war jetzt die Vorrede. Die Selbständigkeit räumlich weit weg von denen, die mir intellektuell wichtig sind. Zum Beispiel Maren mit der Espresso-Strategie, die exakt so lange auf eigene Rechnung arbeitet wie ich. Unter halbwegs vergleichbaren Umständen, da ähnlich qualifiziert. Und dann doch nicht vergleichbar, weil mit Kindern und in der Großstadt und aus diesen Gründen mit deutlich höheren Kosten. Aber sie hat zehn ziemlich wahre Punkte aufnotiert, und deswegen komm ich mal hinterher auch wieder mit zehn Kategorien. Unsortiert – wie gesagt, Kartons und Würmer. Also unsortiert das, wovon ich meine, dass es gut und wichtig ist, um als Selbständige ordentlich zu leben.

1. Bleibe absolut immer, unter jedweden Umständen, in der gesetzlichen Krankenversicherung. Lass dir nichts erzählen, von niemandem; besonders nicht als Frau. Gynäkologie ist teuer! Und die gesetzliche Krankenversicherung lässt dich sehr, sehr lange in Ruhe – sowohl in Armut wie bei Reichtum. Ich will das nicht in allen Einzelheiten ausführen, das ist ein Thema für sich. Aber, wie gesagt: Die gesetzliche Krankenversicherung, drei Ausrufezeichen.

2. Das Finanzamt ist nicht Dein Feind. Die wissen, was sie wollen und zu wann. Aber sie sind nicht böse oder hinterhältig, geschweige denn gemein. Du kannst mit denen meistens reden, oft sogar besser als Dein Steuerberater. Steuerberater und Finanzbeamte mögen sich nicht. Finanzbeamte sind, glaube ich, leidgeprüfte Menschen. Sie sind oft verblüffend dankbar, wenn Du höflich bist. Nicht rumschleimen oder anbiedern, einfach die normalen Umgangsformen einhalten.

3. Suche dir genau den Steuerberater, der zu dir passt. Ohne geht es nicht. Aber ich habe in den letzten zehn Jahren mehr Steuerberater als Aushilfen verbraucht. Die richtig guten sind richtig teuer. Ich habe probiert und probiert und dann zu einem gesagt: Ich kann Sie absolut nicht bezahlen, bin aber der Meinung, das binnen achtzehn Monaten hinzukriegen. Er hat die Herausforderung angenommen. Es waren 17 Monate. Er macht eigentlich nicht viel, er ruft immer nur mal an und sagt: Sie denken an mich? Ja, öh, fast, ständig, ach ja, jetzt, wo Sie das sagen.

4. Netzwerke. Aber übertreib es nicht. Du kannst Deine gesamte Privatzeit mit Netzwerken verbringen, Du kannst auch andersherum alle privaten Menschen andauernd geschäftlich einzusetzen versuchen. Nur: Das bringt nichts. Du brauchst Leute um dich, die ähnliche Interessen und Ziele haben. Du brauchst, wenn Du vollumfänglich von der Selbständigkeit lebst, nicht die Zuverdiener mit ehelicher Absicherung. Du brauchst, wenn Du ein Gewerbe hast und Öffnungszeiten, keine Hyperkreativen, die von überall auf der Welt arbeiten. Du brauchst aber unbedingt andere Selbständige, weil sie Deine Konflikte kennen.

5. Netzwerke für den Job, nicht als Geschlecht. Das leidige Thema der Selbständigkeit von Frauen möchte ich zusammenfassen mit einem Satz: Lass es! Sei gut in dem, was Du tust, und sei es mit allen. Männer, Frauen, Diverse. Diese ganzen Themen sind nicht uninteressant, aber sie verdienen kein Geld.

6. Geld brauchst Du. Ich war so naiv zu meinen, ich könnte mit einem Sparbuch von fünftausend Euro loslegen. Das war bescheuert und auch ziemlich teuer. Ich würde heute sagen, 50 000 in Reserve. Muss nicht alles flüssig sein. Das klingt nach viel, aber es ist keine utopische Zahl. Mit einem halbwegs soliden Konzept und ordentlicher Steuerberatung bekommst Du das, notfalls als Förderdarlehn. Für’s Geld empfehle ich die Wirtschaftsförderung der jeweiligen Stadt oder des Kreises. Die sind extra dafür da, dich zu beraten, denn als Gründer bist Du in Deutschland, besser: Für Deutschland attraktiv. Ich würde alles mitnehmen, was sie dir an Zeit und Aufmerksamkeit geben. Als Ausgleich kannst Du irgendwann viele Steuern zahlen oder kostenlose Gründerseminare halten. Aber geht erstmal hin.

7. Wenn Du irgendwo bist, sei ordentlich angezogen. Sorge immer dafür, auch in Phasen von Knappheit, dass Du ein gutes Outfit hast und schöne Schuhe. Geh regelmäßig zum Frisör und pflege Deine Haut. Ich glaube, es kommt immer auf Äußerlichkeiten an, aber nirgends so sehr wie in der Selbständigkeit. Achtung, dies ist kein Mädchen-Argument. Männern schadet optische Ordnung auch nicht.

8. Sei erkennbar. Sei die mit dem Espresso oder der mit dem Fahrrad oder eben: Die mit der roten Jacke. Ich hatte anfangs nur eine gute Jacke, und die war zufällig rot. Ich habe sie längst entsorgt, also die allererste teure rote Jacke. Aber ich habe heute fünf andere im Kleiderschrank, weil ich gelernt habe, daran erkennen mich die Leute wieder. Sogar meine Kleine Oma sagt beim Hausarzt, na ja, mein Chef ist die mit der roten Jacke.

9. Nimm an, was Menschen in dir sehen. Ich habe mir hunderttausend Gedanken über meine Marke, meine Produkte, über alles mögliche gemacht. Kunden wollten aber die mit roten Jacke in ihrem Bücherladen. Ist uns doch egal, was sie da wirklich macht. Aber: Rote Jacke! Bücherladen! Das ist mir nicht so einfach gefallen. Selbständigkeit ist aber nur teilweise Selbstverwirklichung. Sie ist vor allem Broterwerb. Wenn es mein Brot verdient, dass Menschen meinen Bücherladen mögen – bitte. Ich schlafe deswegen keine Nacht schlecht.

10. Schlafe! Wenn Du dauerhaft nicht schlafen kannst, dann läuft was schief und du musst handeln. Ansonsten: Schlafe, ruhe und bedenke. Der Rest kommt von allein.

Buchhandel und Literaturkritik

Als ich sehr jung war, also vor einiger Zeit, lebte noch ein alter Mann mit kahlem Kopf. Er wurde gern parodiert; gefühlt jeder zweite männliche Leser wusste ihn zu wiederholen. Was er empfahl, kauften trotzdem alle. Ich erinnere mich an einen Samstag im Dezember 1995, als die Kunden den Schuber gebrauchten. Sie wissen schon, dieser Schuber. Wusste ich nicht. Ich war sechzehn, Schüleraushilfe in einem Bücherladen innerhalb von Fachwerk. Ich erinnere mich, dass ich an dem Tag einen roten Pullover trug, für die Kulisse eigentlich zu warm. Vielleicht trüge ich ihn heute als Kleid; so ein roter Pullover war das. Der Buchhändler war in Breitcord, seine Katze lag auf der Schreibmaschine. Diese Art von Geschäft.

Und der Schuber? Falsch, es war keiner. Es handelte sich, technisch gesprochen, um eine Kassette mit der mehrbändigen Teilausgabe der Tagebücher eines Romanisten aus dem Land, das es nun auch nicht mehr gab. DDR. Victor Klemperer, seines Zeichens Wissenschaftler mit dem Fachgebiet „französische Literatur“, Spezialität: 18. Jahrhundert (Aufklärung). Victor Klemperer war zu dem Zeitpunkt 35 Jahre tot. Was er zu Lebzeiten an Universitäten des Kaiserreichs, der kurzen Republik und dann des roten Staats gelehrt und geschrieben, wo er sich verborgen gehalten, wie er darüber Zeugnis gegeben hatte, was ihm als Jude unter dem Nationalsozialismus widerfahren war – das alles wusste ich als Schüleraushilfe von sechzehn Jahren absolut nicht. Woher auch?

Ich wusste: A. Die Kassette kostet 98 Mark. B. Der Typ in Cord findet gut, wenn ich hundert Mark Umsatz mache. C. Wenn der andere Typ es empfiehlt, ist es bestimmt nicht schlecht. Ich kann anstelle dieses Dings, das mir erstmal nichts sagt, auch zwei Fotobände über Hirsche verkaufen. Damit erreiche ich A. und B. ebenfalls. Vielleicht ist B. sogar heiterer und gibt mir fünf Mark Prämie, denn er hat viele Hirsche, Rehe, Welt- und Seekarten zu hohen Preisen vorrätig. Der will gar nicht mal unbedingt, dass ich diesen Schuber, äh, die Kassette anbiete. Die muss er ja bestellen. Ich mache das natürlich extra; dafür bin ich sechzehn und trage diesen roten Pullover. Mit C. werde ich mich später beschäftigen. Dreimal Klemperer an diesem Samstag, zwei am Dienstag danach (montags keine Ware vom Barsortiment). Der Cordmann ist zufrieden und schenkt mir einen Roman von Eva Ibbotson. Die passende Lektüre für ein, Zitat, junges Mädchen. Ich hätte eigentlich gern den Schuber, äh, die Kassette, aber das versteht der nicht.

Die Zeit ging darüber weg, es wurde 1996, 97, die Zeit ging weiter, der wirklich sehr alte Mann mit dem kahlen Kopf schrieb ein berührendes Buch der Liebe in Zeiten des Genozids und wurde mir, aus diesem und anderen Gründen, als Beschreibender von Texten angenehm geläufig. Brauchte ich Ordnung für das, was ich gerade las, schlug ich bei ihm nach. Da er sehr, sehr alt wurde und echt wichtig war, ließen Ausgaben nicht auf sich warten. Gesammelte Rezensionen, sowas. Essays, Aufsätze, eine Geschichte der deutschen Literatur in zwei Bänden. Ich las das alles: Erst gierig, dann besonnen. War anfangs ständig beeindruckt, später nur manchmal. Fand den Kritiker oft klug, aber manchmal scharf und zu scharf. Las es alles, hatte das Fachwerk mit der Katze lange hinter mir gelassen, übrigens auch Klemperer irgendwann: Einen gescheiten Schreiber und präzisen Chronisten, den ich brauchte, um Voltaire zu finden.

Jetzt ist 2019, wir haben inzwischen Internet und Facebook und Blogs. Es gibt immer noch Buchläden, und Cord ist sogar wieder in Mode. Mir fällt aber gerade ein, als ich dies schreibe, dass der Buchhändler von damals nie auf die Idee gekommen wäre, ein Urteil über Literatur zu äußern. Der freute sich immer nur über 98 Mark Umsatz. Wenn es sich dabei um Literatur handelte, hatte er nichts dagegen. Kritik war eine nützliche und anerkannte Größe, der wir uns fügten: Der Cordbuchhändler, die Katze und ich. Niemand kam auf die Idee, uns in eine Jury zu berufen. Und ich finde das bis heute gut.

Zu ihm zurück

Manchmal stelle ich mir vor, ich rufe Heinrich an. „Du bist jetzt länger tot, als ich dich überhaupt nur kannte“, würde ich sagen.

„Kein Problem“, wären seine Worte. „Es waren tausend gute Tage. Leider keine Primzahl, Tausend.“ „Martha geht es gut“, würde ich berichten. „Sie ist nicht besonders durcheinander, sie ist auch frech wie eh und je.“ „Ich wusste das“, könnte er antworten, „ich wusste, dass ihr zueinander passt. Wenn ich überhaupt etwas auszusetzen hätte: Sie kennt dich noch soviel länger, jetzt schon tausend und viele Tage. Ich könnte eifersüchtig sein.“ „Oh bitte“, würde ich einwenden, „erspar mir das. Ich hatte deinetwegen ohnehin viel Ärger.“ „So?“ Ich weiß, er würde an mir vorbeiblicken, sich davonwinden. Er wusste, als er starb, dass er Ungeklärtes hinterließ. Krimskrams hier, verletzte Eitelkeiten da. Heinrich hatte in seinem langen Leben manches nicht ordentlich beendet, hatte sich oft entzogen oder herausgekauft. Das war mir klar; ich kannte ihn sehr gut. Ich kannte nur diese ganzen Personen nicht, die – zurecht oder nicht – meinten, sie hätten Hoheit über ihn. Sie sorgten dafür, dass ich sie kennen lernte: Freundliche Briefe hier, Episoden da. Aber auch die, die ihn hassten. Ich verstehe bis heute nicht, wie ein einzelner Mensch soviel Ungemach, soviel Verdruss, eine derartige Menge unausgegorener Gefühle auslösen kann. Das ist wohl nicht nur einer; ich bin es auch. Ich bin die, der es gelungen ist, mit diesem schwierigen, herrlichen Menschen glücklich zu sein. Dass Glück zu Hass führt, bei denen, wo es misslang – ist das normal? Zwangsläufig? Muss das so sein? Ich habe dazu keine Meinung, ich habe auch vermieden, mit Hass auf Hass zu reagieren. Es führt zu nichts.

„Heinrich“, könnte ich sagen, „du, Heinrich. Und ich habe ein Buch geschrieben. Über Martha, dich und mich. Es ist mir, glaube ich, ganz gut gelungen. Die Leser mögen es. Ich war damit im Radio und im Fernsehen, ich lese daraus vor. Womöglich bin ich jetzt eine Schriftstellerin.“ „Ich wusste es“, höre ich Heinrich, „ich wusste das von Anfang an.“ Er würde sich unterbrechen, ein Hustenbonbon auswickeln, „du wolltest es ja nur nicht hören.“ „Ich bin einfach nicht so eitel wie du“, wäre meine Antwort. „Wenn es den Leuten gefällt, gut, schön. Sonst verkauf ich weiter Taschenbücher.“ „Ich wollte dich aus diesem Dorf herausholen“, müsste er einräumen, „ich fand es unangemessen, zu klein für dich.“ „Nö, ich nicht. Es ist ein freundliches Dorf mit herzlichen Menschen. Und, Heinrich. Die Welt ist nicht besser geworden seit deinem Tod. Die Leute spinnen. Wählen idiotisch, verhalten sich hektisch. Ich sage oft zu Kunden, so geht es nun aber nicht.“ Er ließe mich reden. „Konfuser Zeitgeist“, würde er einwerfen, „ich hab es dir doch gesagt. Da machst du nichts.“ „Nein, stimmt. Also, ich verlasse mein Dorf genau deswegen nicht. Ich fühle mich hier aufgehoben, und man kann tatsächlich sehr gut schreiben. Hinten, im Büro, hinter dem Verkaufsraum.“

„Und mein Sofa?“, könnte er sich erkundigen. „Hm. Eins hab ich weggeworfen, das rote. Ich habe nicht ausgehalten, dass Fremde auf deinem Sofa saßen. Das andere, kleine: Das steht bei Martha. Sie findet es hässlich. Er würde lächeln, sagen: „Also, dann gefällt es ihr. Benutzt ihr eigentlich noch mein Haus? Ich habe reden hören, du hättest es verlassen.“ „Nein, nicht so richtig. Ich war eine Weile weg, Gertrud ist mir lästig geworden ist. Es war auch für Martha nicht ganz das richtige. Offenes Feuer, keine Küche. Wir hatten übrigens beide nichts gegen Warmwasser.“

Er hört gut zu, ich sehe es an seinen Fingern. Sie bewegen sich lautlos, wie auf dem Klavier. Bewegen sich im Takt dessen, was ich rede. „Ich gehe aber hin“, sage ich, „jetzt wieder öfter. Einige Bäume müssen gefällt werden, mit dem Brunnen ist auch etwas nicht in Ordnung. Dem Haus merkt man an, dass ich anderes zu erledigen hatte.“ „Das kommt vor“, meint er, „es ist im Leben manchmal so.“ „Ja“, stimme ich zu, wohl merkend, dass ich den Konditional verlassen habe, „aber ich habe neuerdings das Gefühl, ich bin wieder bei dir. Ich glaube, ich habe alles entsorgt. Meinen Schrott und deine Lasten. Ich bin wieder da, wo wir mal waren, Martha, du und ich. Drei ungewöhnliche Personen, die sich die Freiheit nahmen, glücklich zu sein.“ „Gut“, meint Heinrich. „Und wie gesagt, ich wusste, du schaffst es. Jetzt schreibe schnell das nächste Buch und viele mehr. Ich bin immer bei dir.“

BRD

Als ich zum Studieren nach Berlin ging, lernte ich die BRD erst kennen. Dabei war sie zu dem Zeitpunkt schon genauso historisch wie die DDR. Die Republik nannte sich einfach „Deutschland“, und bis zu ihrer ersten Kanzlerin würde es nicht mehr lange dauern. Ich war dreiundzwanzig und hatte zwei Ausbildungen absolviert, beide mit glänzenden Noten. Ich hatte mir vorgenommen, nun lauter Dinge zu tun, die mich interessierten. Berufe hatte ich ja schon, und in diesen Lehrberufen (konkret: Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin IHK und Buchhändlerin mit Schwerpunkt im herstellenden Buchhandel) sollte man immer genug Geld zum Leben verdienen können. So war es, und das stimmt übrigens bis heute.

Ich sagte das in einem Einführungskurs Geschichte an der Humboldt-Universität leicht dahin, ich studiere, weil ich Lust dazu habe. Ich hatte den Satz nicht beendet, da fuhr mir ein Mädchen mit fettigen Haaren dazwischen: „Ein Töchterlein, da sieh mal an. Wohnt wahrscheinlich mit Warmwassser!“ Das Mädchen mit den fettigen Haaren lebte ofenbeheizt und, wie ich, vom BaföG-Höchstsatz. Sie erhielt BaföG, weil sie Halbwaise war und ihre Mutter ABM-Kraft. Ich hatte viele Geschwister. Ich ging, wenn ich etwas haben wollte (Wohnung mit Warmwasser, Wintermantel, Computer, dies, das), arbeiten, und weil ich einen Beruf hatte, wurde das ordentlich bezahlt. Das Mädchen mit den fettigen Haaren behauptete, mit dem BaföG-Höchstsatz auszukommen.

Wir blieben uns ein paar Jahre erhalten, wie sich das in Zusammenhängen eines Studiums manchmal ergibt. Wir waren uns auch nicht unsympathisch, da ähnlich ehrgeizig. Und wir kamen klar, weil wir beide in dem System fremd waren.  Sowas verbindet. „Wasch dir mal die Haare“, sagte ich ihr eines Tages. „Wasch dir die Haare, und ich garantiere, du findest einen Job.“ Sie meckerte, aber weil sie etwas jünger war als ich, folgte sie meinem Rat. Sie wurde sofort irgendetwas bei der Uni, eine ganze Weile vor mir. Sie bekam, weil sie schlau war, einen Job mit fast elf Euro Stundenlohn – und wir reden von Berlin, vor fünfzehn Jahren. Es gab damals keinen Mindestlohn, es gab genügend Studenten, die für fünf Euro kellnerten.

„Hör auf, dich mit den Bürgermädchen zu befreunden“, stänkerte sie. „Du hast kein Klassenbewusstsein.“ Ich dachte ausgiebig darüber nach, ich wusste auch, was sie meinte. Die Insignien des akademischen Bürgertums hatte ich lernen müssen wie sie, und ‚Haare waschen‘ war dabei die leichteste Übung. Das akademische Bürgertum, Abteilung: Töchter, spielte nach Regeln, die mir genauso fremd waren wie einer Halbwaisen aus der ehemaligen DDR. Instrumente, Lektüren, Freizeitgewohnheiten. Symbolkapital, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen. Aber, Bourdieu gelesen (und verstanden) habend, befolgte ich ihren Rat absolut nicht.

Ich wusste, es gab in der BRD ein tonangebendes Milieu, zu dem ich eindeutig nicht gehörte. Meine Eltern sind keine Akademiker, ich habe als erste nach beiden Seiten Abitur gemacht. Das hat sich inzwischen geändert, ich glaube, alle Geschwister, Cousins und Cousinen haben mehr als zehn Klassen Schule absolviert. Ich weiß es aber wirklich nicht, weil das in der BRD außerhalb dieses zahlenmäßig überschaubaren Milieus des akademischen Bürgertums nicht wichtig war. Ein Beruf war wichtig, ein sogenannter ordentlicher Beruf, der einen durchs Leben trägt – Mädchen wie Jungs. Dass Berufen dies heute nur noch selten gelingt, ist eine Nachwendeerfahrung meiner Generation (West).

Unsere Wende war nicht 1989. Es gab zwischen 2000 und jetzt einen Sicherheitseinbruch, den ich eher nicht wirtschaftlich fassen möchte. Nahezu allen Mitschülern und Kommilitonen geht es heute ökonomisch ordentlich. Aber wir werden in den seltensten Fällen so stabil wie unsere Eltern leben, und das zu akzeptieren, fällt nicht jedem einfach. Dennoch: wir haben fast alle mehr gelernt und die Welt ausgiebiger bereist als die Generation vor uns, auch viel länger darüber nachgedacht, wie wir leben wollen. Wir sind im guten Sinn Kinder der liberalen und großzügigen BRD. Man musste absolut nicht dem akademischem Bürgertum entstammen, um auch das zu haben, was diese Leute für ihre Kinder richtig fanden. Man sollte Sprachen lernen, sich umtun, verschiedene Meinungen gelten lassen, man sollte Arbeit und Muße in ein ordentliches Verhältnis bringen. Diese Leute waren souverän genug, sich eben nicht abzuschotten.

Als es modisch wurde, Didier Eribon zu lesen und sich in seinem schwer erträglichen Klassen-Selbstmitleid zu suhlen, fiel mir das Mädchen mit den fettigen Haaren wieder ein. Ich hatte sie verloren, als ich entschied, einem nichtakademischen Broterwerb nachzugehen. Sie hatte mich bemitleidet, dass ich angestellte Buchhändlerin wurde, während sie promovierte. In der Selbständigkeit begann sich mich zu verachten: Ein Kapitalistin, Ausbeuterin. BRD! Sie hatte es immer gewusst. Immer, immer, immer hätte sie mir angesehen, dass ich mit den von ihr vielfach apostrophierten Bürgermädchen wesentlich mehr gemein hatte als mit ihr – BaföG-Höchstsatz hin oder her. Ich brach den Kontakt ab; ich fand, es stand sie nicht an, über mich zu urteilen, weder als einzelne noch über meine Generation. Sie hatte sich nie bemüht, uns jenseits ihrer Vorurteile kennen zu lernen. Wie unhöflich!

Natürlich habe ich mit den Frauen meiner Generation (West) deutlich mehr gemein als mit anderen sozialen Gruppen, in denen ich mit einem Bein vielleicht auch stehe. Wir haben alle Berufe gelernt, die uns liegen, die unseren Neigungen entsprechen und die normalerweise dazu hinreichen, uns selbst über Wasser zu halten. Uns fehlt meistens der letzte Ehrgeiz, es den Männern unbedingt gleichzutun, sich also um jeden Preis durchzusetzen. Es kommt von wo, dass im Verhältnis recht viele Frauen meiner Generation nur wenig arbeiten, sich vielen anderen Dingen widmen, sich zum Teil leichtfertig versorgen lassen möchten. Das hat aber mit den Geschlechterverhältnissen der Elterngeneration zu tun, nicht mit dem akademischen Bürgertum der BRD. Denn dieses war, anders als die französische Bourgeoisie, eine zugängliche Elite. Wenn man wollte, war man dabei. Dieses Selbstverständnis finde ich, über die ökonomischen Sicherheiten hinaus, enorm stabil. BRD war: Jeder kann dabei sein. DDR war: Jeder muss dabei sein.

Und Deutschland heute? Ich habe dieses Jahr gefühlt nichts anderes gelesen und gehört als Erklärungen des Ostens. Warum sie da so sind, warum der anders ist und warum man ewig Verständnis haben muss für alles mögliche. Unterm Strich: MUSS ist eine grässliche Vokabel. Wenn mir von dem herrlichen BRD-Liberalismus eins geblieben ist, Bürgermädchen (das ich nicht bin) hin oder her, dann die Gewissheit, dass jeder können soll, aber nicht müssen muss.

Ich muss also für AfD-Wähler kein Verständnis haben. Soviel BRD ist in mir drin.