Sie sind ja auch so eine Kreative

mit viel Herzblut. Die voller Liebe ganz empathisch: Bla, bla, bla. Es gibt Satzbausteine, die böse machen. Die einen erzürnen, wenn man sprachliche, gestalterische, im weitesten Sinne künstlerische Dienstleistungen erbringt und das in Rechnung stellt. Rechnung wie Finanzamt wie Umsatzsteuervoranmeldung, weil Gewerbe. Und selbst wenn es nur ein Kleingewerbe ist, wenn man im Nebenerwerb keine so umfangreiche Buchführung hat wie ich mit einem sechsstelligen Jahresumsatz und drei Angestellten: Auch dann ist das Arbeit. Es ist eine schöpferische Tätigkeit, die entweder nach ausgewiesenen Arbeitsstunden oder mit einem zuvor vereinbarten Pauschalhonorar entgolten wird. Handwerker arbeiten auch nicht gegen Augenklimpern. Und warum auch? Wenn einer etwas so gut kann, dass andere seine Arbeitsleistung als Produkt anerkennen, wenn sie also etwas bestellen, mithin einem Werkvertrag zustimmen: Dann müssen sie das Werk bezahlen. Nichts da, Herzblut-Augenklimpern-BestimmtistdasfürSieinOrdnungwenn.

An dieser Stelle folgt nicht die Auflistung von Anekdoten aus dem Freiberuflertum. Jeder von uns hat genügend solcher Situationen erlebt, jeder weiß, wie man dann da steht und denkt: Soll ich lachen? Weinen? Schimpfen? Seufzen? Ich meine: Schreiben. Kleiner Brief – Schönen guten Tag. Sie sind der Meinung, meine Dienstleistung sei gratis? Das ist falsch, denn wir hatten folgendes vereinbart. Hier ist die Rechnung. Keine Gefühle, Vermutungen, Herzblut, Klimbim. Einfach: Leistung beschreiben, Wert ausrechnen, Kontonummer, Fälligkeit. So ein kleiner Brief kann (und soll) wirken wie Licht bei Motten. Knoblauch bei Vampiren. Frischluft bei Leuten, die vor lauter Rührung und Gefühlen übersehen, dass Gemeinnützigkeit vom Geber ausgeht. Nicht von dem, der Kreatives schnorrt.

Massenwaremenschen

Gestern war ich bei IKEA. Wir brauchten allerlei Zeug, paar Bretter, etwas Stoff, Töpfe, Tiegel. Ich bin da nicht oft, vielleicht dreimal in zwei Jahren. IKEA ist für Leute mit viel Zeit erfunden worden, also nicht für mich. Egal. Es gibt genügend IKEA-Fans in diesem Land. Die waren auch alle da, gestern. Wer Samstagnachmittag im Februar zu IKEA fährt, muss Hochbetrieb einrechnen. Nur: Was willst Du machen. Fünfeinhalb Tage Einzelhandel plus kleine Oma lassen einem Einkaufszeit, ja, genau, am Samstagnachmittag. Ich war aber vorbereitet. Plan: Schnell dadurch, dann ab nach Hause.

Aber man kann bei IKEA nicht schnell dadurch. Alles voll, überall Menschen. Das Restaurant so gut besetzt wie der Kindergottesdienst an Heiligabend. Ich muss nicht verstehen, dachte ich, warum Menschen ihre Freizeit in Warteschlangen verbringen. Als ob da Südfrüchte an Insassen eines Ostblock-Staates vergeben würden. Aber: Pommes frites! Fleischbällchen! Dann: Möbelausstellung. Menschen, Menschen, Menschen. Brauchen die alle Sofas? Ist in Ostwestfalen Sitzwarenknappheit ausgebrochen? Was weiß ich. Es dauert und dauert, und auf jeden Fall habe ich Gelegenheit, mir zu überlegen, warum Neugeborene zu IKEA fahren. Vermutlich ein Initiationsritual. Ein in der Nähe herumschreiendes Baby teilt meine Skepsis. Ich kann es gut verstehen, ich möchte auch schreien. Die Eltern nicht. Die brauchen Teelichter. Und dann die sogenannte Markthalle. Mekka von den ganzen Leuten, die Bilderrahmen, Leuchtmittel, Blumentöpfe, Aufbewahrungsboxen en gros verbrauchen. Glücksgefühle in der Luft. Irgendetwas, das die Leute verbindet und das sich mir nicht erschließt. Als sei das Glück der Gegenwart, in all dem seelischen Getaumel wenigstens dieselben Kaffeetassen zu haben wie die Nachbarn. Lass sie AfD wählen, aber jedenfalls haben sie auch dieses Geschirr, Du weißt schon.

Ich hatte irgendwann alle Positionen meiner Liste eingesammelt. Ich hatte 243 Euro bezahlt für Bretter, Kisten, eine kleine Bohrmaschine und noch mehr Zeug. Ich hatte ein Kind kotzen sehen, ein anderes lag weinend am Boden. Der Mahlstrom der Teelichtkäufer schob sich daran vorbei. Ich fuhr zur kleinen Oma, die sich das alles besah und sagte – hässlich! Du hast doch normalerweise Geschmack. Sonst wärst Du ja nicht hier.

Ja, dachte ich. Und das ist dann der Unterschied zwischen Individualität und Massenware. Gilt bei Teelichtern und Kaffeetassen genauso wie in der menschlichen Umgebung. Sie ging an den Schrank, sie holte Bunzlauer Keramik raus, wir tranken Kaffee und hatten IKEA schnell vergessen. Wir sind wohl beide keine Massenwaremenschen.

Russisch können

Sie lesen Französisch, sehe ich. Ja. Aus kaufmännisch nicht zu rechtfertigenden, sagen wir mal: nostalgischen Gründen halte ich französische Literatur vorrätig. Den jeweiligen Prix Goncourt, manchmal ein Memoir, jetzt Briefe von Mitterrand. Ich habe Französisch studiert, eher aus einer Laune denn mit guten Argumenten, und das 18. Jahrhundert ist seither mein liebstes. Ich mag die Aufklärung. Warum auch nicht? – Ach, sagte der Kunde. Ich lese gern Russisch. Aber das wagt man ja kaum zu sagen. Also nicht wegen Putin oder der UdSSR, dass Sie mich nicht missverstehen. Nur: Ich mag die Sprache. Ich hab die gern gelernt.

Na ja. Der Front National ist ein Sauhaufen, und den aktuellen Präsidenten finde ich ungeeignet. Aber was hat das mit Voltaire und Diderot zu tun? Der Kunde zögerte. Sie haben Französisch in einem Land gelernt, das es noch gibt. Und ich: Französisch war das Streber-Fach. Man machte sich damit nicht beliebt, man war so doof, statt Informatik (Computer! Zukunft! Arbeitsplätze!) eine komische Sprache mit sonderbaren Zeichen zu lernen. Man war womöglich Opportunist, denn die Französischkurse fuhren öfter weg. Die bekamen auch immer Geld. (Stimmt. Die Völkerverständigung wurde heftig subventioniert. Wird sie, glaube ich, hoffe ich, immer noch.) Der Kunde legte nach, egal. Sie konnten sich das aussuchen. Sie konnten sich sogar aussuchen, eine Sprache nicht zu lernen. Und ich: Ja. Ich hätte Unbildung wählen und mich dafür loben lassen können. Toll.

Wir wurden uns nicht einig. Der Kunde ging davon, er wird sich weiter schämen für die erste Fremdsprache in seinem Deutschland. Schade. Nur auch irgendwie bezeichnend. Was ist das für eine komische Gesellschaft? Wo Sprachen peinlich sind? Ich sehe vor meinem inneren Auge Plakate gegen Schulenglisch. Ein Alptraum. Sicher, der Brexit ist keine Einladung, sich für Großbritannien zu begeistern. Von dem Geisterfahrer in Washington gar nicht zu reden. Aber deswegen Sprachen, Spracherwerb delegitimieren? Es gibt keine schlimmere Form der Isolierung als Sprachlosigkeit. Das ist noch viel verheerender als wirtschaftliche Abschottung.

Deswegen: Sprachen, viele Sprachen in alle Köpfe. Auch die des Ostens – Russisch, Polnisch, Ungarisch. Sprachen bieten Alternativen, sie erschließen Denkmodelle und Traditionen, die fremd erscheinen mögen. Aber sie sind eben: Anders. Deswegen nicht schlecht oder gar peinlich. Wo das Ungewohnte anstößig wird, haben sich die Ungebildeten schon durchgesetzt, haben Kleingeist und Mittelmaß die Deutungshoheit. Das ist noch nie gut gegangen, das ist im Gegenteil brandgefährlich.

Stille Heldin, leider tot

Sozialamt. Ich musste das Sozialamt anrufen. Den sozialpsychiatrischen Dienst im Landkreis Osnabrück, Außenstelle Melle. Wir hatten diese Oma, die zu uns gehörte. Die stets geschäftige und meistens gut gelaunte kleine Oma mit dem Adlerblick. Aber nun war sie schreiend in ein Maisfeld gerannt. Diese Leute! Solche! Die kommen und die holen mich! Ich hatte gesagt, eher der Mähdrescher. Und er: Ich spiel dir Bach. Ich spiele Bach, die ganze Nacht. Komm da jetzt raus. Das half.

Aber wir waren uns nicht sicher. Und wir hatten diesen Tratschverein um uns herum. Ein Dorf mit Meinungen. Sozialamt, sagte meine Mutter. Ruf die an, auch wenn’s dir stinkt. Dafür sind sie da. Sozialpsychiatrischer Dienst im Landkreis Osnabrück, Außenstelle Melle. Ich hatte keine gute Laune. Ich mag Ämter nicht. Und dann aber die Stimme – Guten Tag, mein Name ist Soundso. Soundso mit Bindestrich. Was ist passiert, wie kann ich Ihnen helfen? Frau Soundso mit Bindestrich hörte sich meine Sorgen an. Dann sagte sie, na ja. Es waren 32 Grad an dem Tag. Wenn man bei solchem Wetter zu wenig trinkt, dann spielt vielleicht die Phantasie verrückt. Vor allem bei alten Menschen. 2 Liter Flüssigkeit am Tag, das kriegen Sie hin. Und ich komm nächstens mal vorbei, dann lernen wir uns kennen.

Sie kam, wir tranken Tee, wir mochten uns. So fing das mit uns an. Mit meiner aparten Kleinfamilie und dem sozialpsychiatrischen Dienst im Landkreis Osnabrück, Außenstelle Melle. Frau Soundso mit Bindestrich. Sie war optimal. Optimal an dieser Stelle, optimal für uns. Sie hatte es raus, mit Menschen umzugehen – auch mit den sperrigen. Zum Beispiel mit Theo und mit mir, die wir beide Institutionen lieber weit auf Abstand hielten. Man konnte sie anrufen und schimpfen. Sich aufregen. Später auch weinen und sich trösten lassen. Sie war einfach immer da. Gut für die Menschen.

Nur leider nicht gut für sich selbst. Wir hatten im Sommer viel geredet. Pflege zu Hause, Begleitung eines Sterbenden. Umgang mit der Hinterbleibenden. Wie speist man bei ihr ein, dass sie wirklich, wirklich, wirklich nicht verschleppt werden wird. In kein Altersheim und auch sonst nach nirgendwo. Maisfeldflucht unnötig. Wir hatten das gut hinbekommen, Frau Soundso mit Bindestrich und ich. Wir wollten Kaffee trinken. Wir wollten eigentlich wohl Freunde sein. Ich rief sie an, um einen Termin auszumachen. Sozialpsychiatrischer Dienst im Landkreis Osnabrück, Außenstelle Melle. Aber sie war da nicht. Sie war gestorben. Am Schreibtisch aufgefunden von einem der vielen, die sie brauchten. Tot.

Ich mochte sie so gerne leiden. Und ich bin traurig, dass sie nur 56 Jahre alt geworden ist.

Seine, meine, unsere Bücher

Ich hab mehr Bücher, sagte er. Eindeutig mehr, so um die dreitausend. – Man kann sich in einem Buchladen so vorstellen. Das haben andere auch getan. Mehr Bücher, mehr Autos, mehr Geld. Männer müssen einen ja beeindrucken. So aus Prinzip. Und ich sage dann aus Prinzip – pff. Du kannst sowieso nur mit einem Auto auf einmal fahren. Bei diesem Beeindrucker fiel mir gerade ein – pff. Aber ich kann über Nacht welche bestellen. Lieferung ins Haus vom Fahrer des Grossisten. Nein? Wirklich? Auch Bücher von Reclam, zweisprachig? Ja, auch Reclam orange. Altgriechisch. Oh, das müssen wir ausprobieren. Das ist wirklich imponierend.

Da war das erste – Wir. Die Bücher und wir beide. Bücher betrachten, Bücher lesen, Bücher auswählen, sortieren, kartieren. Bücher geben einem viele Möglichkeiten zur Gemeinsamkeit. „Die Sophisten“ in einer broschierten Reclam-Ausgabe waren das erste, ein kleiner Band über das Wandern im Teutoburger Wald unser letztes gemeinsames Buch. Vorgelesen ganz zum Schluss, als die Aufmerksamkeit nur noch für Viertelstunden reichte. Und dazwischen so viele andere. Man kann in drei Jahren eine große Zahl an Büchern in die Hände nehmen. Lesen, besprechen, sich darüber streiten und einigen. Man kann sich eine Welt aufbauen, ein Lektüreuniversum. „Konfuse Gegenwart“, hat er genannt, was in seinem letzten Lebensjahr entstanden ist. „In dieser konfusen Gegenwart brauchst Du innere Ordnung.“

Er hat sie mir nicht vorgegeben, aber vorbereitet. Ich habe lange überlegt, nach welcher Methode er die Bücher in Regale eingeordnet hat, die wir zusammen lasen. Sie stehen hier um mich herum. Etliche Meter, mehrere Sprachen, neu und gebraucht. Alle durcheinander. Oder? Nein. Sie stehen chronologisch. Eins nach dem anderen, wie wir sie betrachtet haben. Ein Kanon von drei Jahren, eine Handreichung. Aber keine Deutung. Die kann und muss und werde ich nun selber finden.

Öffentliche Güte (Warnung: Rant)

Wenn ich eins gut kann, dann Werbung. Es war zu keiner Zeit ein Problem, Öffentlichkeit zu finden oder, notfalls, herzustellen. Das mag daran liegen, dass ich eine interessante Firma habe. Es mag an mir selber liegen, an meiner Person. Wie auch immer: Aufmerksamkeit ist mir gegeben. Es ist genau deshalb nicht erforderlich, öffentlich zu machen, dass ich gerne gebe. Dass ich sinnvolle Projekte und Institutionen mit Geld- und Sachspenden fördere. Ich habe es aufgerechnet – 2016 um die 5 000 Euro. Ich möchte aber nicht sagen müssen, wem ich was gegeben habe. Ich möchte diese Menschen nicht vorführen, in ihrer Bedürftigkeit, in der Kärglichkeit, die hoffentlich ein klein wenig erträglicher geworden ist. Ich möchte auch keinen Paradeflüchtling mit Schleifchen präsentieren. Schaut her, was der jetzt alles kann. Und ich war stets dabei. Ich habe Zeit, Geld, Nerven eingesetzt, damit wenigstens eine Person von sehr vielen sich in Deutschland wacker schlägt. Dieses Sendungsbewusstsein geht mir ab. Vielleicht aus Gründen katholischer Erziehung. Vielleicht, weil sich das einfach nicht gehört. Ich möchte gerne glauben, dass andere Gebende auch so denken. Allein, es fällt mir schwer. Es fällt mir nach den Aufdringlichkeiten beseelter und von sich selbst berauschter Gebemenschen diese Woche bitter schwer. Was für Selbstdarsteller.

mittelschwer

Sesshaftigkeit war nie mein Ziel. Sesshaft zu sein schien mir eine Metapher für Leben in der Sackgasse. Routine, immer dasselbe, jeden Tag wieder. Sesshaft. Und jetzt sitze ich den siebenten Winter hintereinander in Borgholzhausen. Sich auch nur für einen Tag zu entfernen, bedeutet Arbeit. Planung, Logistik, Koordination. Wer hütet den Laden, wer geht ans Telefon, wer wartet die süße kleine Oma, der man dreimal täglich sagen muss – Nutella ist kein Alleinernährungsmittel. Ich müsste nach alten Gedanken von mir selber kreuzunglücklich sein. Sesshaft in Borgholzhausen, so ein Elend.

Pustekuchen. Ich finde es alles gerade ziemlich gut. Die Welt ist konfus, die Leute sind hektisch, aber in Borgholzhausen hängen ordnungsgemäß die ersten Weihnachtslichter. Ich hab mich in anderen Jahren darüber aufgeregt. Jetzt gefällt mir das. Die Kulisse hier, der Alltag, ist so schön vorhersehbar, dass ich mich fallen lassen kann wie in ein Plumeau. Weich, wolkig, fast zum Kuscheln, aber nur beinah. Man schmust halt nicht mit seiner Umsatzsteuervoranmeldung. Man sagt besser nicht, dass man sich gern mit Goldstiften beschäftigt, wenn man endlose Listen mit Aufgaben vor sich hat, wo es um weit mehr geht als um Gel- oder Lackschrift, die auch auf schwarzem Tonkarton zu sehen ist.

Also, wenn man cool ist, sagt man nicht – ich bin gern sesshaft. Anders könnte ich kaum aushalten, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten und dabei die Laune zu bewahren. Ich könnte ohne den Standard, ohne diese Pium-Geschwindigkeit Hektik und Hysterie nicht von mir schieben, die Personen an mich tragen. Gott sei Dank bin ich nicht cool. Ich bin sesshaft in dieser mittelgroßen Stadt in einem mittelschweren Job mit – nein, nicht mit mittelguten Menschen. Mit den besten Mitarbeitern und Freunden von der ganzen Welt. Dafür wollte ich mich mal wirklich sehr bedanken.