BRD

Als ich zum Studieren nach Berlin ging, lernte ich die BRD erst kennen. Dabei war sie zu dem Zeitpunkt schon genauso historisch wie die DDR. Die Republik nannte sich einfach „Deutschland“, und bis zu ihrer ersten Kanzlerin würde es nicht mehr lange dauern. Ich war dreiundzwanzig und hatte zwei Ausbildungen absolviert, beide mit glänzenden Noten. Ich hatte mir vorgenommen, nun lauter Dinge zu tun, die mich interessierten. Berufe hatte ich ja schon, und in diesen Lehrberufen (konkret: Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin IHK und Buchhändlerin mit Schwerpunkt im herstellenden Buchhandel) sollte man immer genug Geld zum Leben verdienen können. So war es, und das stimmt übrigens bis heute.

Ich sagte das in einem Einführungskurs Geschichte an der Humboldt-Universität leicht dahin, ich studiere, weil ich Lust dazu habe. Ich hatte den Satz nicht beendet, da fuhr mir ein Mädchen mit fettigen Haaren dazwischen: „Ein Töchterlein, da sieh mal an. Wohnt wahrscheinlich mit Warmwassser!“ Das Mädchen mit den fettigen Haaren lebte ofenbeheizt und, wie ich, vom BaföG-Höchstsatz. Sie erhielt BaföG, weil sie Halbwaise war und ihre Mutter ABM-Kraft. Ich hatte viele Geschwister. Ich ging, wenn ich etwas haben wollte (Wohnung mit Warmwasser, Wintermantel, Computer, dies, das), arbeiten, und weil ich einen Beruf hatte, wurde das ordentlich bezahlt. Das Mädchen mit den fettigen Haaren behauptete, mit dem BaföG-Höchstsatz auszukommen.

Wir blieben uns ein paar Jahre erhalten, wie sich das in Zusammenhängen eines Studiums manchmal ergibt. Wir waren uns auch nicht unsympathisch, da ähnlich ehrgeizig. Und wir kamen klar, weil wir beide in dem System fremd waren.  Sowas verbindet. „Wasch dir mal die Haare“, sagte ich ihr eines Tages. „Wasch dir die Haare, und ich garantiere, du findest einen Job.“ Sie meckerte, aber weil sie etwas jünger war als ich, folgte sie meinem Rat. Sie wurde sofort irgendetwas bei der Uni, eine ganze Weile vor mir. Sie bekam, weil sie schlau war, einen Job mit fast elf Euro Stundenlohn – und wir reden von Berlin, vor fünfzehn Jahren. Es gab damals keinen Mindestlohn, es gab genügend Studenten, die für fünf Euro kellnerten.

„Hör auf, dich mit den Bürgermädchen zu befreunden“, stänkerte sie. „Du hast kein Klassenbewusstsein.“ Ich dachte ausgiebig darüber nach, ich wusste auch, was sie meinte. Die Insignien des akademischen Bürgertums hatte ich lernen müssen wie sie, und ‚Haare waschen‘ war dabei die leichteste Übung. Das akademische Bürgertum, Abteilung: Töchter, spielte nach Regeln, die mir genauso fremd waren wie einer Halbwaisen aus der ehemaligen DDR. Instrumente, Lektüren, Freizeitgewohnheiten.  Symbolkapital, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen. Aber, Bourdieu gelesen (und verstanden) habend, befolgte ich ihren Rat absolut nicht.

Ich wusste, es gab in der BRD ein tonangebendes Milieu, zu dem ich eindeutig nicht gehörte. Meine Eltern sind keine Akademiker, ich habe als erste nach beiden Seiten Abitur gemacht. Das hat sich inzwischen geändert, ich glaube, alle Geschwister, Cousins und Cousinen haben mehr als zehn Klassen Schule absolviert. Ich weiß es aber wirklich nicht, weil das in der BRD außerhalb dieses zahlenmäßig überschaubaren Milieus des akademischen Bürgertums nicht wichtig war. Ein Beruf war wichtig, ein sogenannter ordentlicher Beruf, der einen durchs Leben trägt – Mädchen wie Jungs. Dass Berufen dies heute nur noch selten gelingt, ist eine Nachwendeerfahrung meiner Generation (West).

Unsere Wende war nicht 1989. Es gab zwischen 2000 und jetzt einen Sicherheitseinbruch, den ich eher nicht wirtschaftlich fassen möchte. Nahezu allen Mitschülern und Kommilitonen geht es heute ökonomisch ordentlich. Aber wir werden in den seltensten Fällen so stabil wie unsere Eltern leben, und das zu akzeptieren, fällt nicht jedem einfach. Dennoch: wir haben fast alle mehr gelernt und die Welt ausgiebiger bereist als die Generation vor uns, auch viel länger darüber nachgedacht, wie wir leben wollen. Wir sind im guten Sinn Kinder der liberalen und großzügigen BRD. Man musste absolut nicht dem akademischem Bürgertum entstammen, um auch das zu haben, was diese Leute für ihre Kinder richtig fanden. Man sollte Sprachen lernen, sich umtun, verschiedene Meinungen gelten lassen, man sollte Arbeit und Muße in ein ordentliches Verhältnis bringen. Diese Leute waren souverän genug, sich eben nicht abzuschotten.

Als es modisch wurde, Didier Eribon zu lesen und sich in seinem schwer erträglichen Klassen-Selbstmitleid zu suhlen, fiel mir das Mädchen mit den fettigen Haaren wieder ein. Ich hatte sie verloren, als ich entschied, einem nichtakademischen Broterwerb nachzugehen. Sie hatte mich bemitleidet, dass ich angestellte Buchhändlerin wurde, während sie promovierte. In der Selbständigkeit begann sich mich zu verachten: Ein Kapitalistin, Ausbeuterin. BRD! Sie hatte es immer gewusst. Immer, immer, immer hätte sie mir angesehen, dass ich mit den von ihr vielfach apostrophierten Bürgermädchen wesentlich mehr gemein hatte als mit ihr – BaföG-Höchstsatz hin oder her. Ich brach den Kontakt ab; ich fand, es stand sie nicht an, über mich zu urteilen, weder als einzelne noch über meine Generation. Sie hatte sich nie bemüht, uns jenseits ihrer Vorurteile kennen zu lernen. Wie unhöflich!

Natürlich habe ich mit den Frauen meiner Generation (West) deutlich mehr gemein als mit anderen sozialen Gruppen, in denen ich mit einem Bein vielleicht auch stehe. Wir haben alle Berufe gelernt, die uns liegen, die unseren Neigungen entsprechen und die normalerweise dazu hinreichen, uns selbst über Wasser zu halten. Uns fehlt meistens der letzte Ehrgeiz, es den Männern unbedingt gleichzutun, sich also um jeden Preis durchzusetzen. Es kommt von wo, dass im Verhältnis recht viele Frauen meiner Generation nur wenig arbeiten, sich vielen anderen Dingen widmen, sich zum Teil leichtfertig versorgen lassen möchten. Das hat aber mit den Geschlechterverhältnissen der Elterngeneration zu tun, nicht mit dem akademischen Bürgertum der BRD. Denn dieses war, anders als die französische Bourgeoisie, eine zugängliche Elite. Wenn man wollte, war man dabei. Dieses Selbstverständnis finde ich, über die ökonomischen Sicherheiten hinaus, enorm stabil. BRD war: Jeder kann dabei sein. DDR war: Jeder muss dabei sein.

Und Deutschland heute? Ich habe dieses Jahr gefühlt nichts anderes gelesen und gehört als Erklärungen des Ostens. Warum sie da so sind, warum der anders ist und warum man ewig Verständnis haben muss für alles mögliche. Unterm Strich: MUSS ist eine grässliche Vokabel. Wenn mir von dem herrlichen BRD-Liberalismus eins geblieben ist, Bürgermädchen (das ich nicht bin) hin oder her, dann die Gewissheit, dass jeder können soll, aber nicht müssen muss.

Ich muss also für AfD-Wähler kein Verständnis haben. Soviel BRD ist in mir drin.

 

 

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Abholfach

Das Abholfach ist, technisch betrachtet, ein Regal an unattraktiver Stelle. Hinter der Kasse, in einem Kabäuschen nahebei, ach ja, und in einer der vielen Buchhandlungen vor meiner eigenen hatten sie ihr Abholfach am anderen Ende des Geschäfts. Man musste für die Kunden laufen, im Wortsinn. Geradeaus, linksrum, Achtung, zwei Stufen. Wenige Schritte, dann wieder links, und dann beim Chef vorbei an den Computern. Das Abholfach machte einem dort Mühe. Das sollte aus irgendwelchen Gründen sinnvoll sein, die er aber bis heute keinem verraten hat. Womöglich hatte dieser Chef nur keine Lust, sein Abholfach besonders wichtig zu nehmen. Er fand, eine Vermutung aus der zeitlichen Ferne, sein Sortiment vor Ort gut genug. Diese Bestellerei!

Das Abholfach war immer da, war auch nie unwichtig, aber das Abholfach war früher so etwas wie Graubrot im Buchhandel. War da, tat keinem weh, aß man, um im Bild zu bleiben, mit Margarine und Wurst. Halt so, nichts außer der Reihe. Man hatte viel, was deutlich mehr mundete. Romane auf Türmen, Taschenbücher nach Alphabet, von den Kinderbüchern am üppigsten. Kunst auch, dazu Lexika, Atlanten, man hatte Globen, Bibeln (vergoldet und ohne) und ganz viel Herrliches. Delikatessen: Lachs, Kaviar, erlesene Früchte, mundenden Käse, vom Fleisch nur das Feinste. Man hatte das alles in seiner Buchhandlung, und das Abholfach, na ja. Man muss auch hin und wieder Graubrot essen, um zu wissen, wie gut man es mit allem anderen hat.

Delikatessen kamen von irgendwo, ich bilde mir ein: Vom Zauberboten. Graubrot brachte das Barsortiment. Ich hatte unterwegs gelernt, warum es Barsortiment heißt und nicht einfach: Großhandel. Die Begründung ist historisch, die hat mit Zeiten zu tun, als es noch kein einheitliches Geld in Deutschland gab und der Einzelhandel sich En détail nannte. Selbstbedienung nicht so gern, Präsentation der schönen Ware besser durch geschultes Fachpersonal – etc pp. In die Zeit, als das Barsortiment erfunden wurde, möchte ich nicht zurück. Ich möchte keine Könige und Fürsten, keine Seuchengefahr, geprügelte Kinder und missbrauchte Dienstmädchen. Ich wünsche mir aber die Zeit etwas näher, als das Abholfach irgendein Regal im Laden war und das Barsortiment Großhandelsfunktionen erfüllte. Man bestellte da etwas, das traf ein, der Kunde freute sich über die zügige, für ihn portofreie Belieferung, und wenn es einmal nicht funktionierte, reagierte der Kunde gelassen. Graubrot, nun ja. Da hing die Welt nicht von ab.

Heute scheint die Belieferungsgeschwindigkeit von Graubrot das Hauptkriterium für die Relevanz einer Buchhandlung zu sein. Kunden meinen das häufig. Sie halten mir gern ihr Smartphone unter die Nase, sagen – Amazon hat das aber! Mit Prime ist das morgen früh da! Oder – Ich gebe Ihnen eine Chance. Bei Amazon ist das nämlich gerade nur über den Marketplace zu haben, und wer bin ich denn, dass ich da 3 Euro Porto zahle. Also, ich gebe Ihnen eine Chance. Man unterstützt den Einzelhandel, wo man kann.

Und dann kommt die Einzelhändlerin und sagt: Och nö, schönen Dank. Wir unterhalten hier gern ein Abholfach. Wir bestellen Ihnen dieses oder jenes, übrigens auch immer noch portofrei. Normalerweise klappt es schnell, aber mein Name ist nicht Prime, mein Name ist Bergmann. Mein alter Großhändler hat im Frühjahr eine krachende Insolvenz hingelegt, ich habe mehrere sehr öde Monate damit verbracht, den Einkauf neu zu organisieren. Es war, als müsste ich die Buchhandlung komplett neu einrichten. Ich hatte das nicht vorgesehen, dieses Frühjahr, ich wollte meinen Roman vermarkten und mich darüber freuen, dass die Welt ihn mag. Delikatessen, so war mein Plan. Ich hatte absolut keine Lust auf Graubrot, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als es aufzuessen, bis ich von einem Vorschuss an neuer Stelle Sicherheiten hinterlegen konnte.

Der neue Großhändler beliefert mich zuverlässig, es lässt sich gut an. Aber wie bei allem, was ganz neu ist, muss man sich erst noch gewöhnen. Und dann stehen da wieder Personen mit Smartphone. Das sind die Leute, die selten Guten Tag sagen und Auf Wiedersehen auch wirklich nur, wenn es über Nacht und portofrei geklappt hat. Im anderen Fall gehen sie grußlos. Ich hatte noch nie die Angewohnheit, mir schlechte Manieren unnötig lange, ach was: überhaupt gefallen zu lassen. Ich bin aus genau diesem Grund überhaupt selbständig: Ich muss mir Allüren, Manieren und anderen Zeitgeist-Hokuspokus nicht gefallen lassen, solange ich mir das leisten kann.

Kassensturz: Ich kann. Ich habe in den letzten zwei Jahren drei Bücher geschrieben, eines übersetzt, ich habe Hunderte weiterer Seiten verfasst, ich habe mich als Autorin rentabel gemacht. Ich habe das bestimmt nicht getan, weil mir das blöde Abholfach jemals zu schwer im Magen gelegen hätte. Aber der schöne Effekt all der herrlichen Lektüren, der Bücher-Delikatessen mit geistreichen Menschen: Der wunderbare Effekt davon – Scheiß aufs Abholfach. Wir machen das, so ist es nicht. Aber nicht mehr um jeden Preis, in Abwesenheit von Umgangsformen.

Kuratieren, äh: Aufräumen

Kuratieren ist eine Vokabel, die mir grundsätzlich gefällt: Etwas umständlich, nicht ständig in Gebrauch, klingt auch nach was. Klingt wie Große Weite Welt (GWW) oder intellektuell oder sehr intellektuell. Klingt wie ganz was anderes als Borgholzhausen. Halt so ein Hegewort, das ich mir heimlich aufsage, wenn ich die Pixibücher sortiere. Kuratieren, kuratieren. Klingt anders als: Buchladen aufräumen in Borgholzhausen. Aber Borgholzhausen ist auch nicht GWW. Borgholzhausen ist zu Hause.

Kuratieren, kuratieren kann man sich prima selber predigen, wenn man das Kassenbuch zum siebten Mal neu schreibt, weil man das ja von Hand erledigt. Nicht wegen Borgholzhausen, aber aus Prinzip. Spart siebzig oder hundert Euro Computerkosten im Monat (kuratieren, kuratieren), also noch mehr als der Verzicht auf EC-Cash (kuratieren, kuratieren). Man kann, ich habe es ausprobiert, bei jeder echt profanen Arbeit denken, dass das ja heimlich Kuratieren ist. Oder wenigstens die Vorstufe davon. Prä-Kuratieren.

Das eigentliche Kuratieren, also das, was jetzt neuerdings ganz viele tun, das hat mit GWW zu tun. Sprich, überhaupt nicht mit Borgholzhausen. Prominente kuratieren in Buchhandlungen. Andere auch, und die werden dann später prominent. Eins bedingt das andere. Dritte kuratieren nicht, aber die wissen trotzdem über den Buchhandel Bescheid. Man merkt das an verschiedenen Faktoren, die in Zusammenhang stehen mit GWW und Kuratieren. Ich nicht, denn ich bin ja in Borgholzhausen (kuratieren, kuratieren).

Ich bin einfach in Borgholzhausen und suche aus, was hier in den Regalen steht. Vorher muss ich aufräumen und Staub putzen und den Boden wischen. Leider fällt mir dafür kein Euphemismus ein, nicht einmal so ein ähnlich schönes Wort wie Kuratieren. Arbeit, fällt mir ein. Einzelhandel macht viel Einzelarbeit. Deswegen gibt es davon nicht mehr viel, besonders nicht in GWW. Da müsste der nämlich eine andere Rendite erzielen als hier auf dem Land.

Wo wir nicht kuratieren, sondern die Pixibücher aufräumen. Und wenn wir damit fertig sind, die Postkarten, die Klappkarten, die Lesezeichen, das Taschenbuchalphabet, die Bilderbücher nach Jahren und die Kochbücher nach Farbe. Nein, falsch. Wir kuratieren ja hier nicht. Also Obst zum Obst und Grillwurst ins Fleischfach. Grillen mit Gemüse nach woanders, etwa zu den Vegetariern. Oder Veganern. Oder, oder. Man hat zu tun, wenn man Einzelhandel betreibt. Auch ohne Kuratieren. Unabhängig davon, dass man sich Vokabeln aufsagt wie zum Beispiel kuratieren (kuratieren, kuratieren).

Vielleicht sollte man eher Wochenende, Wochenende sagen. Oder Freibad, Freibad. Spargel, Spargel. Irgendwas von dieser Art, das gar nicht nach GWW klingt. Oder intellektuell oder sehr intellektuell. Sondern einfach nach dem guten Leben. Denn das haben wir hier zweifelsohne. Ein schöner Aberglaube wäre, wenn das nur erhalten bleiben kann, indem man Vokabeln wie kuratieren vermeidet. Denn die klingen nach GWW, und da gibt es gar nicht mehr viel Einzelhandel. Also besser wirklich nicht von kuratieren reden, denken, träumen. Einfach weiter aufräumen. Wenigstens hier auf dem Land.

 

Fernsehzeitung

Die Fernsehzeitung war stets wichtig gewesen. Sie kam immer donnerstags, im Abonnement. Und dann wusste man, was in der übernächsten Woche gesendet werden würde. Man wusste das vermutlich sowieso, aber mit Hilfe der Fernsehzeitung hatte man den Überblick auch schriftlich. Einige Leute kreuzten sich in der Fernsehzeitung etwas an, andere machten sofort das Kreuzworträtsel. Ich bilde mir ein, ich hätte in Sachkunde den Gebrauch der Fernsehzeitung durchgenommen. Aber womöglich bilde ich mir das heute ein, weil das Kinderleben insgesamt war wie die Fernsehzeitung. Jeder hatte denselben Stundenplan, so ungefähr jedenfalls. Grundschule, Mittagessen, Hausaufgaben, nicht fernsehen, irgendwas machen, nicht fernsehen, Abendessen, vielleicht fernsehen.

Ins Bett gehen, lesen, nein, nicht fernsehen. Nicht zu Oma rübergehen, die nämlich immer fernsieht. Unter der Decke lesen, nein, Licht aus jetzt, man sieht das unter der Türe durch. Quatsch, doch nicht, wenn ich unter der Decke lese. Ja, doch, aber gefühlt. Nur noch drei Seiten, nein, nicht zu Oma nach nebenan, obwohl die seit sieben Uhr fernsieht. Aber Oma ist alt und sitzt im Sessel, und die darf das. Fernsehen und aufbleiben, beides. Schwupps, rüber zu Oma, ganz leise. Man sieht den Lichtschein von unten (angeblich), aber Kinderfüße hört man nicht (meine ich). Fernsehen mit Oma, herrlich. Oma findet das auch. Sie findet, man soll sich mal nicht so anstellen mit diesem Fernsehen. Das hat noch keinem Kind geschadet. Quatsch, sagt Mama, alles verkehrt. Fernsehen war früher noch nicht erfunden, und deswegen ist das keineswegs bewiesen. Fernsehen und Schäden und kein Schaden. Und jetzt ab ins Bett, und diese bescheuerte Idee, dass man Kinderfüße von unten nicht hören kann. Zwei vielleicht nicht. Aber vier Füße und sechs Füße.

Als Oma starb, war ich neun. Und danach hatte ich keine Lust mehr auf Fernsehen. Ich las weiter und wurde älter, ich wurde alt genug, um selber zu entscheiden, wann ich das Licht ausmachte. Las und las und las. Und dies und das. Vergaß das Fernsehen, vergaß auch die Fernsehzeitung. Das Abonnement war bei Omas Tod gekündigt worden. Sah keine Talkshows und Gesprächsrunden und History Channel und Frühstücksfernsehen und auch nicht Rosamunde Pilcher. Keinen Tatort. Konnte andauernd nicht mitreden, hatte leider keine Ahnung. Alle hatten sich daran gewöhnt.

Und dann stand mein Buch in der Fernsehzeitung. Alle wussten es, klar. Alle außer mir, von der aber jeder wusste, sie hat doch nicht die Fernsehzeitung. Keinen Fernseher und also keine Fernsehzeitung. Logisch. Nicht alle, aber einige schnitten die Buchbesprechung aus. Liefen damit in die Buchhandlung, brachten mir Schnipsel. Ich habe hier zwanzig Schnipsel mit ein und derselben Buchbesprechung. Ich bin gerührt. Denn ich weiß: Die Fernsehzeitung ist heilig. Bevor man die kaputtschneidet, muss wirklich was passiert sein. Und noch dazu die übernächste. Nicht die, die direkt anfängt, sondern die andere. Also: Nutzer der Fernsehzeitung verließen ihre Ordnung. Konnte jemals schöner bewiesen werden, wie Literatur die Welt verändert? In Ostwestfalen sicher nicht.

Drängelei (Jahresgefühl)

Man überlegt sich, was war nochmal in diesem Jahr? Wie fing es an, wie ging es weiter. Was tat ich und was ließ ich bleiben, aus welchen Gründen. Überlegt das alles, zieht einen Strich, denkt dies und das. Ich denke dieses Jahr: Och ja. War gut. Oma satt und glücklich, Eltern beieinander, Kopf intakt. Mein Kopf hat einen Roman geschrieben, und die Seele ist damit zufrieden. Mehr will ich gerade nicht. Es wäre ein kurzes Resümee, für mich allein an meinem Schreibtisch; kurz und gut.

Nun bin ich nicht alleine, sondern unter Menschen. Zum einen, weil jeder (hoffentlich) unter Menschen ist. Alleinsein macht doof. Zum anderen, weil mein Hauptberuf mit Menschen ist, der Hauptberuf im Bücherladen. Einzelhandel. Menschen kommen und gehen, lassen sich beraten oder auch nicht, wählen aus, bestellen, bezahlen, reklamieren, telefonieren, machen sich bemerkbar so oder so. Viele Menschen jeden Tag. Ich mag das, ich mag Menschen überhaupt. Ich mag auch meine Kunden. Ich höre immer mal, ich möchte die Kunden nicht. Ich sei zu ihnen garstig und kurz angebunden.

Das ist Unfug, zu hundert Prozent, und eine böse Unterstellung. Es dauerte eine Weile, bis ich wusste, sie kommt immer von da, wo ich mich verweigert habe. Wo ich sagte – nein, bitte warten Sie. Gleich sind Sie an der Reihe. Bitte gedulden Sie sich, einer nach dem anderen. Bitte begreifen Sie: Ich kann irre schnell arbeiten. Aber ich überschlage mich für keinen, auch nicht für Sie. Egal, ob Sie drängeln, schubsen, schimpfen: Das führt bei mir zu nichts.

Mein Jahresgefühl war also: Einige Menschen benehmen sich nicht gut. Sie schieben und raufen als sei ein Dauerlauf der Seelen ausgebrochen; irgendwie endzeitlich. Man könnte sich der Rastlosigkeit weltanschaulich nähern, in großen Schleifen voll tiefer Gedanken, wie Oswald Spengler meinetwegen. Ich fasse mich kürzer: Es nervt. Und die Methode, frei nach Omas Frisör – Raum für gute Leute schaffen. Wer nervt, geht.

Achtzehn Jahre

Vor achtzehn Jahren dachte ich, nun bin ich wirklich bald erwachsen. Noch ein letztes Lehrjahr, dann echt unabhängig für den Rest des Lebens. Denn mit einem Abgangszeugnis von der IHK, so hatte ich das oft gehört, mit dem wäre man einsatzfähig. Am Arbeitsmarkt begehrt und deswegen gut bezahlt. Frei. In diesem Europa, das zu wachsen schien wie Pilze auf dem Herbstwaldboden, im großen Europa mit der einen Währung – ach, es würde wunderbar. Die Welt stünde mir offen. Sollte ich das glauben?

Ich glaubte es nicht. Ich war vor achtzehn Jahren auch schon skeptisch, aber ich war noch keine Patriotin. Das wurde ich erst durch Situationen, die man zu der Zeit nicht kennt. Ich ging arbeiten, studierte, wurde krank und gesund, arbeitete, wechselte die Stadt und noch einmal, verlor einen Job und wurde Freiberuflerin. Nahm Darlehn auf, wusste es auch nicht so recht, machte Fehler, machte einen Buchladen. Machte dies und das und nutzte Deutschland, wie man es eben nutzt als Mittelstandstochter in einer soliden Landschaft. Sowieso schwarz regiert, schon immer. Wie sonst?

Maschinenbau, Mähdrescher, Schlachthöfe, Süßwaren. Soziales? Gedöns, um eine Zeitgeistvokabel aufzugreifen. Gedöns für die Frauenbeauftragten mit den Doppelnamen, für die Sozialarbeiter in ihren Birkenstock-Sandalen, für alle möglichen Personen, die leider nicht Betriebswirt werden konnten oder auch Jurist. Kann ja nicht jeder, Sie verstehen schon, vom Kopf und überhaupt. Die werden dann was mit Menschen. Ungefähr wie sowas Kreatives. Nur eben auch noch mit Bezug zum wahren Leben, von dem Sie als sogenannte Kreative nichts verstehen. Sie, Madame, und nichts für ungut. Ich begriff, dass die gestaltenden Figuren meiner Gegend wesentlich binär funktionierten. Die einen machten Wirtschaft, die waren von der CDU. Und die anderen waren fürs Gedöns zuständig. Kindergärten, Frauen, Altersheime, Malkurs und Geschichtswerkstatt. Zuckerguss. Die schwarzen Buben kümmern sich um die Wirtschaft, und der Rest gibt das Geld wieder aus. Ohne Bubenkoffergeld nichts Soziales. Nennt sich Neoliberalismus, lernte ich. Ist halt so. Ich dachte als Skeptikerin gründlich darüber nach. Zerlegte das Argument in Einzelteile, suchte nach einer womöglich verborgenen Logik, drehte und wendete die Sprachbausteine in meinem Kopf wie Holzklötzchen. Fand das Konstrukt inkongruent und unlogisch. Fand es verkürzt, irgendwie albern und übrigens auch chauvinistisch. Schwarze Buben geben Geld und alle anderen tapezieren damit bunt. Legte das Befremden erstmal beiseite.

Vor fünf Jahren, also nach dreizehn Jahren mit dieser einen CDU-Frau, die für sich alleine soviel denken kann wie das gesamt Bubentum der blöden alten BRD, jedenfalls 2013, geriet ich an Gedöns. Aus dem denkbar banalsten Grund, der Liebe wegen. Ich geriet in eine Lebenslage mit echt viel Gedöns. Krankheiten, Alter, Sozialstaat, Sorgerecht, gesetzliche Betreuung, Pflegestufen, Rentenpunkte. Ich bekam mit all dem zu tun, von dem es immerzu geheißen hatte, es ginge mich nichts an. Gut qualifiziert, am Arbeitsmarkt gefragt, wie maßgeschneidert für neoliberale Lebenswelten.

Und dann schaffen Sie sich zwei alte Leute auf den Hals? Geht’s noch? Ich lernte schnell und auf die wirklich harte Tour, dass die allermeisten Buben zu sozialen Fragen nicht nur wenig zu sagen haben, sondern dass sie, schlimmer noch, darauf herabsehen. Ach, Sie jetzt auch noch mit Gedöns, Frau Bergmann? Und wenn, dann mal endlich mit Kindern. Aber diese alten Leute: Was soll denn das, ich bitte Sie. Das hörte ich mir alles an, das übergriffige Gerede, die viele heiße Luft. Lief in der Zwischenzeit von Beratungsstelle zu Sozialdienst zu Gericht und wieder zurück. Lernte die Strukturen des Gedönses kennen, schätzte sie bald als funktional, gut überlegt und sorgfältig umgesetzt. Wurde Patriotin, ausgerechnet, an der für mich selbst früher unmöglichsten Stelle: Ich wurde eine soziale Patriotin.

Achtzehn Jahre brauchte ich, um zu begreifen, warum Sozialpolitik kein Gedöns ist, beileibe nicht, sondern die Grundlage von allem. Und dann tritt diese Frau zurück, die für mich immer vorbildhafte Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin. Warum auch nicht, sie hat den Job lange gemacht, ist bald im Rentenalter, und, also, warum nicht. Aber ich sehe mit Entsetzen, dass die Aktenkofferbuben immer noch meinen, sie machen das Geld und alle anderen Gedöns. Geld bezahlt Gedöns. Anders als vor achtzehn Jahren (sowieso) und auch noch vor fünf Jahren kann ich sagen: Was für ein Schwachsinn! Alles ist sozial in dieser Gegenwart. Und deswegen braucht es keinen Parteivorsitzenden von damals, sondern jemand Zeitgemäßes. Einen vollständigen Menschen, Gedöns und Wirtschaft. In dieser Reihenfolge.

In Ostwestfalen Bücher schreiben (müssen)

Wann machst du das?, fragt mein akademischer Lehrer. Ich treffe ihn, nach vielen Jahren. Wir haben uns nie aus den Augen verloren, aber seine anderen Schüler sind näher bei ihm geblieben. Fachlich, auch räumlich.

Wann, will er wissen, schreibst du? Mittags, sage ich, in den zwei Stunden, wo keine Kunden kommen. Und manchmal am Abend, aber eher nicht. Abends koche ich der Oma was zu essen und lese vor.

In der Mittagszeit?, wundert er sich. Also, da bin ich aber sehr beschäftigt. Ich muss unterrichten und konferieren und die Sprechstunde halten. Ich gehe dann auch noch in die Mensa, ich treffe Kollegen. Mittags habe ich zum Schreiben keine Zeit.

Mittags, sage ich, sind die Ostwestfalen daheim am Mittagstisch. Sie essen Salzkartoffeln und ein Stück Fleisch, Karotten, Erbsen, Kohl. Nachtisch. Lecker, sagt der akademische Lehrer. Die Mensa hat oft Fraß im Angebot. Also, ein Mittagessen wie bei meiner Mutter – das nähme ich sehr gern. Tja, sage ich. Tja. Aber mir kocht keiner ein Mittagessen mit Salzkartoffeln, Fleisch und matschigem Gemüse. Ich will das auch gar nicht. Ich will nicht essen wie vor 25 Jahren. Du stellst dich an, sagt er. Du hast dich immer schon mehr angestellt als meine Assistenten.

Die sind ja auch Männer, sage ich. Nicht alle, meint er. Ha, sage ich. Haha, aber die Universität ist im Berliner Osten. Und ich bin in Westfalen auf dem Land. Das ist ein Unterschied, sogar beim Essen. Schmeckt besser da, sagt er. Kann sein, überlege ich. Kann wohl wirklich sein. Aber in Westfalen auf dem Land wird eben überhaupt zur Mittagszeit gegessen, in der Familie.

Bürgerlich?, fragt er. Ach, nein. Ja, nein. Wie soll ich das sagen? Spuck’s aus, verlangt er. Was ist das für ein Theater um ein lächerliches Mittagessen? Du bist doch sonst nicht so anstrengend. Nur beim Kaffeekochen und inzwischen, wie es scheint, bei weiteren häuslichen Verrichtungen. Du wirst älter, ich merke das genau.

Grundsätzlicher, sage ich. Es geht mir nicht ums Mittagessen. Ich koche bestimmt besser als deine anderen Mitarbeiter, männlich wie weiblich. Wer unter Hausfrauen aufgewachsen ist, kann kochen, bügeln, waschen. Kann das alles auch schnell und hat deswegen keine Mühe, die Oma zu versorgen.

Er sieht mich an, ich muss jetzt antworten. Und keinen Blödsinn, denn dumm ist er nicht. Er war auch immer fair. Dieselben, irrwitzig hohen Anforderungen für Frauen und Männer. Kaum einer konnte sie erfüllen. Einige Männer in Cordhosen, ganz selten eine Wissenschaftlerin. Ich lege mir die Worte sorgsam zurecht; wie soll ich das erklären:

Das Problem, sage ich. Das Problem ist dieses völlig aus der Zeit gefallene Rollenverständnis hier bei uns. Es nervt mich seit 10 Jahren jeden Tag. Es kränkt und ärgert mich, dass selbst junge Männer auf dem Land noch meinen, sie seien zum Haushaltsvorstand geboren. Sie müssten sich verheiraten, um einige Kinder und die Mutter dieser selben mit einem soliden Einkommen auskömmlich zu versorgen. Dafür arbeiten sie hart, das ist gar kein Problem für sie.

Aber so ein Mittagessen, ein paar Salzkartoffeln Punkt halb eins – das ist ja dann wohl nicht zuviel verlangt.

Er lacht, der akademische Lehrer. Stell dich nicht an, sagt er. Du hast mittags zwei Stunden ganz für dich allein. Das ist mehr als den meisten Hochschullehrern und all deinen Studienkollegen tagsüber zur Verfügung steht. Stell dich nicht so an und lass die kleinen Kameraden reden. Selbst in der Jungen Union fängt irgendwann die Zukunft an. Bis dahin kannst du aber noch völlig ungestört drei oder vier Bücher schreiben.