Achtzehn Jahre

Vor achtzehn Jahren dachte ich, nun bin ich wirklich bald erwachsen. Noch ein letztes Lehrjahr, dann echt unabhängig für den Rest des Lebens. Denn mit einem Abgangszeugnis von der IHK, so hatte ich das oft gehört, mit dem wäre man einsatzfähig. Am Arbeitsmarkt begehrt und deswegen gut bezahlt. Frei. In diesem Europa, das zu wachsen schien wie Pilze auf dem Herbstwaldboden, im großen Europa mit der einen Währung – ach, es würde wunderbar. Die Welt stünde mir offen. Sollte ich das glauben?

Ich glaubte es nicht. Ich war vor achtzehn Jahren auch schon skeptisch, aber ich war noch keine Patriotin. Das wurde ich erst durch Situationen, die man zu der Zeit nicht kennt. Ich ging arbeiten, studierte, wurde krank und gesund, arbeitete, wechselte die Stadt und noch einmal, verlor einen Job und wurde Freiberuflerin. Nahm Darlehn auf, wusste es auch nicht so recht, machte Fehler, machte einen Buchladen. Machte dies und das und nutzte Deutschland, wie man es eben nutzt als Mittelstandstochter in einer soliden Landschaft. Sowieso schwarz regiert, schon immer. Wie sonst?

Maschinenbau, Mähdrescher, Schlachthöfe, Süßwaren. Soziales? Gedöns, um eine Zeitgeistvokabel aufzugreifen. Gedöns für die Frauenbeauftragten mit den Doppelnamen, für die Sozialarbeiter in ihren Birkenstock-Sandalen, für alle möglichen Personen, die leider nicht Betriebswirt werden konnten oder auch Jurist. Kann ja nicht jeder, Sie verstehen schon, vom Kopf und überhaupt. Die werden dann was mit Menschen. Ungefähr wie sowas Kreatives. Nur eben auch noch mit Bezug zum wahren Leben, von dem Sie als sogenannte Kreative nichts verstehen. Sie, Madame, und nichts für ungut. Ich begriff, dass die gestaltenden Figuren meiner Gegend wesentlich binär funktionierten. Die einen machten Wirtschaft, die waren von der CDU. Und die anderen waren fürs Gedöns zuständig. Kindergärten, Frauen, Altersheime, Malkurs und Geschichtswerkstatt. Zuckerguss. Die schwarzen Buben kümmern sich um die Wirtschaft, und der Rest gibt das Geld wieder aus. Ohne Bubenkoffergeld nichts Soziales. Nennt sich Neoliberalismus, lernte ich. Ist halt so. Ich dachte als Skeptikerin gründlich darüber nach. Zerlegte das Argument in Einzelteile, suchte nach einer womöglich verborgenen Logik, drehte und wendete die Sprachbausteine in meinem Kopf wie Holzklötzchen. Fand das Konstrukt inkongruent und unlogisch. Fand es verkürzt, irgendwie albern und übrigens auch chauvinistisch. Schwarze Buben geben Geld und alle anderen tapezieren damit bunt. Legte das Befremden erstmal beiseite.

Vor fünf Jahren, also nach dreizehn Jahren mit dieser einen CDU-Frau, die für sich alleine soviel denken kann wie das gesamt Bubentum der blöden alten BRD, jedenfalls 2013, geriet ich an Gedöns. Aus dem denkbar banalsten Grund, der Liebe wegen. Ich geriet in eine Lebenslage mit echt viel Gedöns. Krankheiten, Alter, Sozialstaat, Sorgerecht, gesetzliche Betreuung, Pflegestufen, Rentenpunkte. Ich bekam mit all dem zu tun, von dem es immerzu geheißen hatte, es ginge mich nichts an. Gut qualifiziert, am Arbeitsmarkt gefragt, wie maßgeschneidert für neoliberale Lebenswelten.

Und dann schaffen Sie sich zwei alte Leute auf den Hals? Geht’s noch? Ich lernte schnell und auf die wirklich harte Tour, dass die allermeisten Buben zu sozialen Fragen nicht nur wenig zu sagen haben, sondern dass sie, schlimmer noch, darauf herabsehen. Ach, Sie jetzt auch noch mit Gedöns, Frau Bergmann? Und wenn, dann mal endlich mit Kindern. Aber diese alten Leute: Was soll denn das, ich bitte Sie. Das hörte ich mir alles an, das übergriffige Gerede, die viele heiße Luft. Lief in der Zwischenzeit von Beratungsstelle zu Sozialdienst zu Gericht und wieder zurück. Lernte die Strukturen des Gedönses kennen, schätzte sie bald als funktional, gut überlegt und sorgfältig umgesetzt. Wurde Patriotin, ausgerechnet, an der für mich selbst früher unmöglichsten Stelle: Ich wurde eine soziale Patriotin.

Achtzehn Jahre brauchte ich, um zu begreifen, warum Sozialpolitik kein Gedöns ist, beileibe nicht, sondern die Grundlage von allem. Und dann tritt diese Frau zurück, die für mich immer vorbildhafte Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin. Warum auch nicht, sie hat den Job lange gemacht, ist bald im Rentenalter, und, also, warum nicht. Aber ich sehe mit Entsetzen, dass die Aktenkofferbuben immer noch meinen, sie machen das Geld und alle anderen Gedöns. Geld bezahlt Gedöns. Anders als vor achtzehn Jahren (sowieso) und auch noch vor fünf Jahren kann ich sagen: Was für ein Schwachsinn! Alles ist sozial in dieser Gegenwart. Und deswegen braucht es keinen Parteivorsitzenden von damals, sondern jemand Zeitgemäßes. Einen vollständigen Menschen, Gedöns und Wirtschaft. In dieser Reihenfolge.

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In Ostwestfalen Bücher schreiben (müssen)

Wann machst du das?, fragt mein akademischer Lehrer. Ich treffe ihn, nach vielen Jahren. Wir haben uns nie aus den Augen verloren, aber seine anderen Schüler sind näher bei ihm geblieben. Fachlich, auch räumlich.

Wann, will er wissen, schreibst du? Mittags, sage ich, in den zwei Stunden, wo keine Kunden kommen. Und manchmal am Abend, aber eher nicht. Abends koche ich der Oma was zu essen und lese vor.

In der Mittagszeit?, wundert er sich. Also, da bin ich aber sehr beschäftigt. Ich muss unterrichten und konferieren und die Sprechstunde halten. Ich gehe dann auch noch in die Mensa, ich treffe Kollegen. Mittags habe ich zum Schreiben keine Zeit.

Mittags, sage ich, sind die Ostwestfalen daheim am Mittagstisch. Sie essen Salzkartoffeln und ein Stück Fleisch, Karotten, Erbsen, Kohl. Nachtisch. Lecker, sagt der akademische Lehrer. Die Mensa hat oft Fraß im Angebot. Also, ein Mittagessen wie bei meiner Mutter – das nähme ich sehr gern. Tja, sage ich. Tja. Aber mir kocht keiner ein Mittagessen mit Salzkartoffeln, Fleisch und matschigem Gemüse. Ich will das auch gar nicht. Ich will nicht essen wie vor 25 Jahren. Du stellst dich an, sagt er. Du hast dich immer schon mehr angestellt als meine Assistenten.

Die sind ja auch Männer, sage ich. Nicht alle, meint er. Ha, sage ich. Haha, aber die Universität ist im Berliner Osten. Und ich bin in Westfalen auf dem Land. Das ist ein Unterschied, sogar beim Essen. Schmeckt besser da, sagt er. Kann sein, überlege ich. Kann wohl wirklich sein. Aber in Westfalen auf dem Land wird eben überhaupt zur Mittagszeit gegessen, in der Familie.

Bürgerlich?, fragt er. Ach, nein. Ja, nein. Wie soll ich das sagen? Spuck’s aus, verlangt er. Was ist das für ein Theater um ein lächerliches Mittagessen? Du bist doch sonst nicht so anstrengend. Nur beim Kaffeekochen und inzwischen, wie es scheint, bei weiteren häuslichen Verrichtungen. Du wirst älter, ich merke das genau.

Grundsätzlicher, sage ich. Es geht mir nicht ums Mittagessen. Ich koche bestimmt besser als deine anderen Mitarbeiter, männlich wie weiblich. Wer unter Hausfrauen aufgewachsen ist, kann kochen, bügeln, waschen. Kann das alles auch schnell und hat deswegen keine Mühe, die Oma zu versorgen.

Er sieht mich an, ich muss jetzt antworten. Und keinen Blödsinn, denn dumm ist er nicht. Er war auch immer fair. Dieselben, irrwitzig hohen Anforderungen für Frauen und Männer. Kaum einer konnte sie erfüllen. Einige Männer in Cordhosen, ganz selten eine Wissenschaftlerin. Ich lege mir die Worte sorgsam zurecht; wie soll ich das erklären:

Das Problem, sage ich. Das Problem ist dieses völlig aus der Zeit gefallene Rollenverständnis hier bei uns. Es nervt mich seit 10 Jahren jeden Tag. Es kränkt und ärgert mich, dass selbst junge Männer auf dem Land noch meinen, sie seien zum Haushaltsvorstand geboren. Sie müssten sich verheiraten, um einige Kinder und die Mutter dieser selben mit einem soliden Einkommen auskömmlich zu versorgen. Dafür arbeiten sie hart, das ist gar kein Problem für sie.

Aber so ein Mittagessen, ein paar Salzkartoffeln Punkt halb eins – das ist ja dann wohl nicht zuviel verlangt.

Er lacht, der akademische Lehrer. Stell dich nicht an, sagt er. Du hast mittags zwei Stunden ganz für dich allein. Das ist mehr als den meisten Hochschullehrern und all deinen Studienkollegen tagsüber zur Verfügung steht. Stell dich nicht so an und lass die kleinen Kameraden reden. Selbst in der Jungen Union fängt irgendwann die Zukunft an. Bis dahin kannst du aber noch völlig ungestört drei oder vier Bücher schreiben.

Meinung ist kein Kleidungsstück

So eine Buchhandlung ist nicht viel anders ausgestattet als ein Kleiderschrank. Möbliert mit Büchern. Es gibt Textilien für jeden Tag, Jeanshosen, Pullover, T-Shirts. Krimis, Familienromane, Bilderbücher für die Kinder. Es gibt Blusen, aber die muss man bügeln, damit sie schön aussehen. Gedichte lesen sich auch nicht im Vorübergehen. Von Wäsche will ich nicht reden, denn ich erzähl ja nicht herum, was sich die Leute so bestellen. Ich bin ja nicht Frau Zuckerberg. Ich bin nur die Frau Bergmann und bloß in diesem Borgholzhausen. Der Mann mit dem Schnurrbart würde, wenn er mich kennte, vielleicht sagen und ganz sicher denken: Sie hat sie nicht alle.

Sie stellt ein Kopftuchmädchen ein, das sich mit schrillbuntem Satin bekleidet. Sie sagt, das ist aber kein Kopftuchmädchen, sondern eine Fachkraft. Interkulturelle Kommunikation, ich lerne jeden Tag von ihr. Sie beschäftigt in einem anderen Jahr jemand aus Syrien, einen jungen Mann. Sie freut sich, wie schnell er ihre Sprache lernt, sie ist ein Experiment mit sich selber eingegangen: Es muss gelingen, dass er ohne Transfergeld auskommt. Denn er kann, vom Kopf, und er will auch, von der Seele. Ich sage immer wieder, das in Deinem Rücken, das ist meine Hand. Meine Hand stützt dich, ich bin da. Ich habe die Privilegien, die dir fehlen, und ich teile sie mit dir. Weil ich absolut nichts dafür getan habe, in diesem reichen Land als gesundes Kind gescheiter Eltern geboren worden zu sein. Die mich genährt, gekleidet, gemocht und, manchmal, geschubst haben. Ich schubs dich auch, denn ich weiß, wenn Du fällst, hast Du meine Hand. Und wenn dich einer von denen schubst, die einfach zu dumm zum Denken sind: Dann bin ich mehr als die. Das kannst Du glauben!

Die Jahre vergingen, der Schnurrbartmann schrieb immer noch ein Buch. Es wurde schlimmer und abstruser, es wurde peinlich. Statistik mit Gefühlen, sagte beim ersten Buch ein Kunde nicht ganz ohne Gehirn. Zweiundzwanzigneunundneunzig, sagte ich und biss die Zähne zusammen. Brauch ich gerade. Für das Kopftuchmädchen, für die Bank, für Strom und Telefon. Scheiße!

Das letzte Buch ist nicht mehr erschienen wie gehabt. Der große Verlag verzichtete auf eine Auflage. Zweiundzwanzigneunundneunzig mal hunderttausend oder mehr. Ich hatte eins bestellt, für den Typ von damals. Einen der ersten Kunden, und ich bin ja treu, auf meine Weise. Es stand da und glotzte mich an, jeden Tag. Eine grüne Fratze. Er kam nicht, um es abzuholen. Was weiß ich, warum. Ich hätte es zerstören mögen, kaputtreißen. Ein anderer kam heute, der konnte das gebrauchen. Er fand auch wieder, also, nun – junge Frau. Wenn ich Ihnen etwas sagen darf. Wenn Sie doch auch mal bitte Verständnis haben.

Wofür?

Was treibt Menschen, sich diesen Unsinn reinzutun? Fünfundzwanzig Euro für Blabla, sinister. Verquirlten Mist, Vorurteile, Gemeinplätze. Schlecht sitzende Schlüpfer aus Polyester, die schon riechen, bevor man sich hineingequetscht hat. Wer zieht sowas an, und warum? Jeder hat sein schmutziges Geheimnis, aber es muss ja nicht nach außen stinken. Ich will das nicht in meiner Nase, in meinem Laden, dieses faulig wabernde Gemoser. Ich bestelle den Sarrazin weiter, ich halte nichts von Zensur. Aber den Ertrag stecke ich von nun an in ein Schwein. Zehn Euro pro Buch. Mal sehen, was zusammenkommt.

Eines Tages hauen wir das Schwein kaputt, die Frau mit dem Kopftuch, der syrische Lehrling und ich. Und meine anderen herrlichen Mitarbeiter, auch die Oma. Ich hoffe, das Schwein wird nicht viel Geld enthalten, ich hoffe sehr, ich muss aufstocken, um ihnen allen reichlich den Tisch zu decken. Den ich mit feinem Leinen belege und mit schönem Porzellan. Denn es ist genug für alle da. In diesem Land, an meiner Tafel.

Der 80. Geburtstag

Heinrich war am Telefon. „Du, ich fahre gleich los. Ich bin in fünfundzwanzig Minuten da, und dann müssen wir schnell Geschenke einpacken und Blumen kaufen und zurückfahren und -“ Seine Stimme überschlug sich, er war mit großem Eifer bei der Sache. Ich unterbrach den Redefluss. Ich hatte mir das angewöhnt, auch wenn es unhöflich war. Aber man kam bei Heinrich sonst nicht zu Wort. „Heinrich“, sagte ich. Er sprach weiter. „Hallo, Heinrich. Was ist los?“ Ich stellte mir vor, dass er am Telefon stand, kippelig-federnd. Er sprach mit Körpereinsatz, er bewegte sich im Rhythmus seiner Worte. Nicht elegant, ein Tänzer war er nicht. Mehr im Ansatz zum Schlussspurt. Stets im Aufbruch, immer noch an drei anderen Orten – wenigstens im Kopf.

„Heinrich?“ Er räusperte sich. „Martha“, sagte er. „Martha wird heute achtzig Jahre alt. Du musst sie besuchen. Sonst kommt keiner. Ich seufzte innerlich. Es war kurz vor Schulanfang, ich musste Hefte und Blocks aufräumen, ich musste auch noch einen Auftrag von der Grundschule bearbeiten. Arbeitshefte, eine fiese Friemelei. Und ich hatte es natürlich liegen lassen. Nun war Eile geboten.

„Morgen?“, versuchte ich. „Morgen ist Freitag, und dann ist Samstag. Samstag wäre noch besser. Da habe ich mehr Ruhe.“ „Nein“, sagte Heinrich, und war plötzlich ernst. „Sie wird nur heute achtzig, genau heute, und niemand war da.“ Er hielt inne. „Sie weiß es nicht, aber ich bin gekränkt. Als ob ein Mensch ausgelöscht wird, sobald er selber nichts mehr speichert.“ Ich kannte Martha vom Telefon, und mir war aufgefallen, dass sie ein bisschen – tja. Verschaltet war. Sie telefonierte gern, und sie hatte stets viel zu berichten. Es ging nur manchmal durcheinander. Personen, Ereignisse, Daten. Ich hatte mir angewöhnt, ihre Fäden aufzunehmen. Es war nicht so schwer, es war eigentlich logisch. Ich wusste irgendwann, welche Stichworte zu welchem Jahrzehnt gehörten, und dann konnte ich ihr folgen. Heinrich fiel das schwerer. Er kannte sie vielleicht zu gut.

Martha bediente die Wahlwiederholung, wenn Heinrich bei uns angerufen hatte. Er war nun unterwegs, mit dem Fahrrad. Ich sah auf die Uhr. Er müsste bei der Landesgrenze angekommen sein, also ungefähr ein Drittel der Strecke zurückgelegt haben. Das Telefon klingelte, Heinrichs Nummer. „Hier spricht Frau Doktor Geisler. Ich wollte mich mal melden, weil wir uns ja neulich getroffen hatten.“ „Hi, Martha“, sagte ich. „Herzlichen Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag.“ „Ich kenne keinen Geburtstag!“ Das war Martha. Immer scharf, auch gerne scharf daneben. „Nee“, erklärte ich. „Du hast heute Geburtstag, Du wirst achtzig. Und ich komme gleich mit Heinrich, um dir Geschenke zu bringen.“ „Achtzig? Das kann nicht sein. Der Pass ist gefälscht, ich bin in echt, äh.“ Sie stockte, und ich ergriff die Gelegenheit. „Was wünscht Du dir?“ Martha kicherte. Ich sollte lernen, sie hielt sich dann die Innenhand vor den Mund wie ein Teenager von früher, wie ein Backfisch. „Hihi“, tönte es durch das Telefon. „Hihi, also, ha. Such dir was aus. Ich muss jetzt erstmal in den Garten.“ Das Freizeichen erklang, und sie war weg.

Heinrich stand in der Ladentür. Fahrradtrikot, wie immer. Wollsocken, Klettsandalen, Reiserucksack. Rosen ragten hinter seinem Rücken hervor, die hatte er schon besorgt. Wir packten zwei Bücher ein, eins mit Bildern von Katzen und eins mit vielen Blumen; Heinrich verstaute sie sorgsam. Ich nötigte ihm einen Becher Wasser auf, denn es war warm. Und dann fuhren wir los. Der kleine Mann auf dem Rennrad und ich daneben. Zwei Köpfe größer, achtundvierzig Jahre jünger. Weißes Hollandrad mit roten Reifen. Das hatte mir Heinrich zum 35. Geburtstag geschenkt. Wir waren schon viel gefahren, aber, und das fiel mir jetzt auf, wir waren noch nie bei Heinrich zu Hause gewesen. Er hatte sich geziert. Die Unordnung, die Schotterstraße, aber eigentlich war er nervös, mich Martha vorzustellen. Sie hatte mir am Telefon berichtet, und nicht nur einmal, dass es sich bei ihr um eine Haushälterin handelte, aber mit Spezialbefugnissen. Heinrich hatte dazu geschmunzelt, leicht verlegen. Sie war mal seine Freundin gewesen, also seine Geliebte. Wenn ich wüsste, was er meinte. Und jetzt teilten sie das Alter.

„Es wirkt, als hättet ihr es gut zusammen“, sagte ich. „Ja“, sagte Heinrich. „Und ich muss sie leider auch beschützen. Früher hat sich keiner für uns interessiert, aber seit sie sich in diese poetische Verfassung begeben hat, werden wir ständig von vorgeblich fürsorglichen Instanzen belästigt.“ „Nachbarn? Kirche? Das Altersheim?“, fragte ich. Ich war lange genug Provinzbuchhändlerin, um den schmalen Grat zwischen Aufmerksamkeit und Aufdringlichkeit zu kennen. „Ja“, seufzte Heinrich. „Und wie verlogen sie sind, erkennst Du daran, dass genau niemand Martha zum achtzigsten Geburtstag gratuliert hat. Ich habe ihr das Telefon weggenommen, um das zu kontrollieren. Keiner, kein Mensch. Deswegen musst Du mit. Möglicherweise schickt sie dich zur Hölle. Aber jemand wird ihr die Hand gegeben haben. Sie wird nur einmal achtzig.“

Wir waren bei Heinrich angekommen. Ich kannte das Haus, aber ich hatte es noch nie betreten. Ein kleiner Bauernkotten, vorn die Deele mit Fahrrädern und Gartengerät. Dann ein großer Raum mit einem Flügel darin. Dunkel. Ich stieß mit dem Fuß gegen einen Stapel Zeitungen. „Martha?“, rief Heinrich. „Hier“, ertönte es von vorne rechts. „Hier, bei der Arbeit.“ Wir gingen durch den Flügel-Raum und nahmen eine Stufe. Plötzlich war es hell. Eine kleine Küche, beide Fenster weit offen. Die Abendsonne schien herein. Eine kleine, zarte Frau stand am Waschbecken. Lange weiße Haare, eine buntes Kopftuch. Wenn ich es richtig sah, spülte sie Marmeladengläser. Sie wischte die rechte Hand an ihrer Hose ab. Sie trug Chucks, fiel mir auf. Diese hochgeschnürten Turnschuhe mit dem runden Etikett an der Seite. Cool, dachte ich. Sie wischte also und streckte mir ihre Hand entgegen. Energisch, fester Händedruck. Sie hätte auch ein Messer zücken können, von der Geste. „Ich gratuliere dir“, sagte ich. „Schön, dass wir uns jetzt auch in echt kennen.“ „Ich dir auch“, erwiderte Martha. Sie strahlte und wippte. Wie Heinrich pflegte sie mit dem ganzen Körper zu sprechen. „Ich hatte mir schon überlegt, wo Du die letzten Wochen warst. Ich habe doch den Tisch für dich gedeckt.“ Tatsächlich, da standen drei Tassen, drei Holzbretter, Messer, Gabeln, ein Gurkenglas, etwas Kuchen, zwei Äpfel und eine Banane.

Heinrich stupste mich an. Er war sehr bewegt, ich merkte das. „Ich schenke dir“, sagte er, „das größte Abenteuer deines bisherigen Lebens. Mit Martha ist es nie langweilig. Du wirst das immer wieder merken.“

Adelheid oder: Auf einmal fast 40

Adelheid (*Pseudonym) aus Osnabrück (*stimmt auch nicht) sagte neulich: „Du bist ja nicht mehr ganz jung.“ Sie sprach schnell weiter; ich konnte nicht beleidigt sein. „Also, nicht vom Alter. Aber von dem, was wir zusammen erlebt haben. Du kannst logischerweise nicht mehr ganz jung sein. Wie alt bist Du nochmal?“ „Fast vierzig“, sagte ich. „Ist egal.“ „Natürlich ist es egal“, beschied sie mich. „Nur: Man muss sich orientieren, wer von den Kollegen noch Buchhändler ohne Computer war.“ „Ich nicht, Adelheid. Ich war Buchhändlerin ohne Internet, aber nicht mehr ohne Computer.“

„Du wirst mir also folgen können“, sagte sie. „Internet ist ja angeblich weltweit. Aber es kommt mir provinziell vor.“ Ich mochte nicht widersprechen. „Im Internet kann man sich das Leben zusammensuchen wie ein Menü bei McDonalds.“ Das trifft wohl zu, dachte ich bei mir. Aber wenn ich ihr das Wort redete, würde sie sich unterbrechen und einen anderen Gesprächsfaden aufnehmen. Torte, zum Beispiel. Ich wollte nichts über Kuchen hören, Himbeer-Sahne, Apfel-Streusel, Mandelsplitter. Adelheid hat auch so ihre provinziellen Elemente. Sie ist nur schlau genug, die nicht ins Netz zu stellen. Niemals würde Adelheid ihr Abendessen bei Instagram ausstellen – wie ich, wenn mir langweilig ist. Sich beim Essen zu langweilen, ist für sie undenkbar. Essen ist –

„Internet“, sagte sie, „scheint bei übermäßigem Konsum das Gehirn zu schädigen.“ Sollte ich entgegnen, dass der Konsum von Speisen dem Körper abträglich ist? „Die jungen Kollegen, die viel Internet machen“, jetzt hatte sie ihr Thema, „die schwelgen gar nicht so.“ „In Torte?“, warf ich ein. Sie lachte. „Das würde denen gar nicht schaden. Sie sind oft zu dürr. Aber nein. Ich meine, sie schwelgen nicht in Sprache. Sie können Romane gar nicht mehr genussvoll lesen.“ Sie brachte Beispiele an, Bücher aus dieser Saison. „Adelheid“, sagte ich. „Das ist Belletristik vom Stapel. Die darf schlicht sein.“ Sie schnaubte durch das Telefon. „Auch Lieschen Müller hat ein Recht auf schöne Sprache, das will ich dir wohl sagen. Kein Mensch denkt mehr an Lieschen Müller in diesen Verlagen. Das empört mich!“

„Was ist meine Aufgabe?, fragte ich. Ich kenne Adelheid sehr lange; ich hatte noch kein Smartphone, als ich zuerst mit ihr Torte essen war. Ich kenne Adelheid so gut, dass ich wusste, nun gibt sie mir eine Aufgabe. Früher: Regal putzen. Bestseller-Wand auffüllen. Gerade stehen. Hände aus den Taschen. Und heute? „Adelheid, was willst Du?“ „Über Deinen vierzigsten Geburtstag reden.“ „Der ist erst nächstes Jahr. Was willst Du wirklich?“ Ich hörte sie schmunzeln. „Ok“, sie setzte an. „Ok, ich habe mir das so gedacht. Du sendest den Verlagen, sie sollen wieder schöne Bücher machen. Nicht so viele, aber schöne. Sie sollen an die Lieschen Müllers denken.“

„Und dann?“ Sie pustete in ihr Telefon. „Ich will bis zur Rente Buchhändlerin sein. Das geht nur, wenn die Bücher besser werden. Ich traue dir zu, diese schlichte Wahrheit zu verbreiten.“ „Ja, gut“, versprach ich. „An mir soll das nicht liegen.“ Sie war zufrieden. „Du hättest selber darauf kommen können, aber Du bist ja noch jung. Nicht mal vierzig. Schreibe: Die besten Bücher, nicht nur bessere. Dann reicht es für dich auch noch.“ Ich war irgendwie ergriffen, das gebe ich gern zu. Adelheid würde sagen, dann iss doch ein Stückchen Kuchen, für die Nerven. Aber vorher, schreib den Text. Also:

 

 

 

Seicht

Manche Worte mag ich nicht. Prozessoptimierung, prokrastinieren, seicht. Prozessoptimierung ist undeutlich für Aufräumen. Prokrastinieren ist pseudo-schlau für Nichtstun. Und seicht ist eine Ohrfeige ins eigene Gesicht. Jeder, der ein seichtes Buch erbittet, haut sich selber eine rein. Zu seicht gibt es, ich habe das extra nachgelesen, nicht eine einzige positive Belegung. Seicht ist auf der Sachebene ein Tümpel und sonst: Abgeschmackt, banal, trivial, geist- und niveaulos. Sagt der Duden.

Die Buchhändlerin sagt: Man soll leichte Bücher lesen, gerade im Sommer. Vergnügte, charmante und folgenlose Zwischendurchlektüren. Man soll sie als Taschenbuch konsumieren, und nicht nur, weil Kurt Tucholsky einmal so schön beschrieben hat, dass Bücher am Strand ein Eigenleben haben. „Nach etwa ein bis zwei Wochen schwellen sie ganz dick an – nun werden sie wohl ein Broschürchen gebären, denkt man – aber es ist nichts damit, es ist nur der Sand, mit dem sie sich vollgesogen haben. Das raschelt so schön, wenn man umblättert.“ (als Peter Panther, 1930)

Man soll, sagt die Buchhändlerin, sich Leichtigkeit zuführen. Leicht ist hell und freundlich, leicht ist nicht blöd. Leicht ist die Bedingung, dass das andere auch funktioniert. Das, wozu man sein Gehirn gebraucht, sein Wissen, Mut, Charakter. Aber das geht immer nur, wenn leicht auch geht. Kein Schopenhauer ohne Kurt Tucholsky, kein Sartre ohne den sonnigen Albert Camus. Keine Elena Ferrante ohne „Sommerferien auf Saltkrokan“, kein Böll ohne ein wenig Uwe Timm und Christa Wolf niemals ohne Brigitte Reimann.

Leicht ist wichtig, seicht ist blöd. Seicht ist für Feiglinge, die sich immerzu selbst optimieren und darüber vergessen, was auch noch wichtig ist: Die Sonne scheint. Und all die schönen Bücher warten nur darauf, dass man sie liest. Funktioniert übrigens besser mit solchen, die man beim Buchhändler kauft. Anonym liefern lassen ist nämlich sehr seicht. Es ist das Eingeständnis, schlecht für sich zu sorgen.

Der vorletzte Geburtstag

Ein Sonntag im Juni, schönes Wetter.

„Ich muss zu einem Termin, auswärts. Tut mir sehr Leid, Heinrich. Aber ich kann es wirklich nicht ändern. Die Anfahrt dauert anderthalb Stunden, dann zwei Stunden reden und wieder zurück. Ich schaff das nicht abends, nach Ladenschluss.“

„Perfekt“, sagt Heinrich. „Ich kann die ganze Zeit allein mit dir im Auto sitzen. Und wir können uns sogar noch unterhalten. Das ist wirklich mal ein Vorteil dem Fahrrad gegenüber.“

„Du möchtest Deinen 84. Geburtstag auf der Straße verbringen?“, frage ich.

„Ja, unbedingt. Ich kann mich auch waschen, wenn dir das Spaß macht. Also, um dir zu meinem Geburtstag eine Freude zu machen, ziehe ich sogar ein weißes Hemd an.“

„Und Martha schenkst Du drei Dosen Instant-Cappuccino? Feierlicherweise?“

„Sie wird das zu schätzen wissen“, schmunzelt Heinrich. „Aufmerksamkeiten nimmt sie stets gern entgegen.“

Tatsächlich. Martha hält Geburtstage für überschätzt. Die meisten sind sowieso gefälscht, um wertvollen Personen weiszumachen, sie müssten endlich sterben. Martha denkt, sie ist eigentlich 59 oder 63. Aber sie kann sich mit gefälschten Dokumenten nicht beschäftigen, nicht heute.

„Also, dieser Cappuccino. Typ Classico. Wie ich. Passt zu mir.“

„Die Dose ist rot.“

„Ja, sehr hässlich. Aber nur zur Tarnung. Classico erkenn ich immer.“

„Wir sind eben Klassiker“, sagt Heinrich. „Und jetzt lass uns fahren, ich freu mich auf den Weg mit dir.“

Wir machen uns auf die Reise, und es ist wirklich sehr schön. Der Termin, eine Manuskriptbesprechung, verläuft angenehm. Heinrich schließt zwei neue Freundschaften – ein Mann in seinem Alter, den er einfach super findet. Und ein anderer, etwas jüngerer, der sich für Franz Boas interessiert.

„Franz Boas war ein Pionier des wissenschaftlichen Kulturvergleichs. Er hatte viel mit Eskimos zu tun.“

„Heinrich, was glaubst Du, wie viele Menschen auf der Welt sich mit Franz Boas beschäftigen?“

„Weiß ich nicht. Fünfzehn? Aber Klaus wird mir seine Vorarbeiten schicken, und ich habe bestimmt auch noch Dokumente. Ich habe mich schon vor sechzig Jahren für Franz Boas interessiert. Und das hat nicht nachgelassen. Also, es ist eine Fügung.“

Wir essen zusammen, die neuen Freunde, Heinrich und ich.

„Ein Festmahl“, freut er sich. „Wenn das mein letzter Geburtstag sein sollte, ich wäre es zufrieden.“

Wir fahren nach Hause. Auf dem Küchentisch eine Notiz von Martha. Wahrnehmung von Termin, auswärts. Betrifft: Ermittlung tatsächliches Alter. Cappu im Schrank. Ich sehe sie weiter hinten im Garten, ihr Kopftuch leuchtet zwischen den Bäumen.

Ein heiterer vorletzter Geburtstag. Der letzte wird aber auch noch schön sein, bittersüß. Nur mit Martha und in dem Wissen, dass es bald zu Ende geht.