Männer, die Gedichte* schreiben

*eine Autobiografie/einen heiteren Roman über ihre Studienzeit/ein Grundlagenwerk zu irgendwas (oder alles in eins)

Statistisch betrachtet, müssten Frauen und Männer ungefähr gleich gut begabt sein, sich literarisch zu verhalten. Nämlich in der großen Mehrheit eher nicht. Das macht nichts, denn es erscheinen sowieso zu viele Bücher. Die viel zu vielen werden aber, je ambitionierter es zugeht, immer noch weit überwiegend von Männern verfasst. Es gibt Theorien, warum das so ist, und denen will ich gar nicht widersprechen. Sie sind ziemlich logisch. Den meisten fehlt aber eine Herleitung aus praktischer Erfahrung. Dazu kann ich beitragen, und eine Menge. Fast alles davon ist, objektiv betrachtet, mehr lustig als bedrohlich. Deswegen ist es der passende Text für einen langweiligen Novemberabend.

Der Anfang liegt in einer Zeit, als man Maschine schreiben ließ. Männer sprachen auf Band, und Frauen hörten sich das an. Sie machten einen Text daraus. Ich tat das auch, denn ich konnte sehr, sehr schnell Maschine schreiben. Das zählte mehr als mein wirklich gutes Abitur. Ich hatte den Ausbildungsplatz wegen der Noten. Aber ich wurde verwendet für Maschinenschrift. Etwas über zwanzig Jahre her, man reibt sich heute die Augen. Egal. Ich verschriftlichte also Bänder von jemand, der beim Diktieren aß, rülpste, sich unterbrach, eine Geliebte anrief oder das Delikatessengeschäft. Die Texte waren ungefähr so kohärent wie heute eine WhatsApp-Sprachnachricht. Generationen von Frauen redigierten die Geräusche aus den Briefen des Lektors, eine Lebensarbeitszeit entlang. Ich war zufällig die letzte. Als ich, wiederum Jahre später, dies beiläufig erwähnte, sinngemäß: Hahaha. Wie lustig. Wenn das irgendjemand wüsste. Als ich das also sagte, durchaus freundlich, endete unser Gespräch. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Ein anderer, eine Person, die sich unbedingt auf rund eintausend Seiten zu ihrem eigenen Leben, zu einem Hergang von bewunderungswürdiger Durchschnittlichkeit (Schulbesuch, Fußballspiel, Bundeswehr, Studienabschluss, Reihenhaus, Verehelichung mit zwei Nachwüchsen, die dies artig wiederholen) verhalten musste, erwähnte auch, er habe den ersten Sohn nach dem Verzehr von Grünkohl mit Mettwurst gezeugt. Ich riet, als Textbearbeitende, diese Information doch im Interesse der Enkel privat zu halten. Die Person war nicht einverstanden. Egal. Das Buch floppte so sehr, dass es ohnehin kaum jemand zu lesen bekam. Die Person regte sich maßlos auf, mit weiteren Seiten endlos öden Gefasels. Ich dachte, Rache ist in diesem Fall nicht Blut-, sondern Mettwurst. Der Tag wird kommen, an dem ich hierüber Witze mache. Es ist Donnerstag, 19. November 2020.

Dann begab es sich, dass jemand während einer Lesung siebenmal mein Handy anrief. Eine Lesung von mir, wohlgemerkt. Es saßen etwa 90 Personen im Publikum. Jemand störte mit seinem Geklingel also echt viele Menschen. Ungehört, stellte er dann SMS des Inhalts zu, sein Ruhm als Autor sei durch mich gefährdet. Durch alles, was ich selber schreibe. Sehr bezeichnend. Dieser sogenannte Autor ist nämlich gar keiner. Er hatte mir Texte seiner lange verstorbenen Mutter überantwortet, die ich echt gut finde. Aber sie sind von ihr und nicht von ihm. Möge sie ihm von ihrer Wolke eins hinter die Ohren geben. Ich kann’s schlecht selber tun, denn ich wechselte die Handynummer. Der sogenannte Autor wandte sich, Klassiker, an Papa Bergmann. Das ist die einhundertprozentige Garantie, von uns beiden nicht länger für voll genommen zu werden. Papa Bergmann verlegt Rohre. Ich verlege Bücher. Babyeinfach zu behalten. Es sei denn, man ist so eitel, dass man sonst nichts mitbekommt.

Von Verlegerin zu Verleger erzählte ich ihm nun gerade gestern eine neue Episode aus der Umlaufbahn der Eitelkeit. Das Heimatheft. Jemand, sagte ich, also dieser jemand, dem wir Bargeld im Briefumschlag schicken mussten, weil – was weiß ich. Künstler sind mitunter so, man muss es nicht alles immer verstehen. Also dieser jemand, der alles besser kann und weiß als wir, jemand plagiiert das Heimatheft. Der Dicke?, fragte Papa Bergmann. Dicke Männer fressen einem alles weg, wenn man nicht aufpasst. Gut, meinte ich. Stimmt in dem Fall tatsächlich. Würde ich aber nicht zum Gesetz erheben. Ich würde eher von Eitelkeit sprechen, von Narzissmus womöglich. Papa Bergmann motzte sich was zurecht über studierte Fremdwörter; ein Lieblingsthema von ihm und eine andere Geschichte.

Es ging in der Sache jedenfalls um das Heimatheft. Ein Format, das ich aus guten Gründen digital verborgen halte. Darunter: Zielgruppe faxt. Und: Zielgruppe gebraucht einen Filter, der Begriffe und Ideen entfernt, die Friedrich Merz gefallen. Die Filterin schreibt diesen Text. Für die von Papa und mir jeweils sehr geliebten Heimathefte konnte der Bargeld-Künstler immer nur Hohn und Spott erübrigen. Völlig unter seinem Niveau. Und jetzt macht der das auch! Und ich stelle mir vor, wie er schon an der Silbentrennung scheitert. Wie in all den Umbrüchen, die ich über Jahre noch und noch einmal durchsehen musste. Wer Silbentrennung nicht kann (Gehör! Duden!), wird relativ sicher mit der Kernzielgruppe Heimatheft überquer kommen. Denn Duden können sie. Schreiben, na ja. Die sind aber auch die einzigen, die das von sich gar nicht erst behaupten.

Unterm Strich, in drei nahezu beliebigen Episoden: Es gibt zu viele schlechte Texte von unbegabten männlichen Autoren, weil fast keine Frau im Hintergrund sich traut, aus ihrer Werkstatt zu berichten. Und auch, weil mir in vielen Jahren rund um die Bücher so gut wie keine in ihre Zeilen übermäßig verliebte weibliche Person begegnet ist. Ich denke schon den ganzen Abend darüber nach, aber es fällt mir keine ein. Es sind einfach immer und immer und immer wieder eitle Männer, aus denen die Worte quellen wie Hackfleisch aus dem Drehwolf. Frauen (und begabte Männer) sollten ihnen deutlicher sagen: Geh doch bitte den Rasen mähen oder streiche das Gartenhaus. Das kannst Du wirklich gut. Literatur, nicht so. Das wird nichts, auch nicht mit Gewalt. Das wird nur schrill und albern und ist ästhetisch ungefähr so ansehnlich wie Gedacktes halb und halb.

Damit ist dieser Artikel erst einmal zu Ende. Ich bemerke, über Gedichte ist noch nichts gesagt. Den dazu erforderlichen Eintrag kann ich nur betrunken verfassen. Sonst schlage ich meinen Computer zu Bruch. Der Tag wird aber kommen.

Bilder von Martha

Ein letzter Text, denn literarisch ist alles gesagt, und Martha geht es gut, wo sie jetzt lebt. Sie ist der Meinung, ich sei ausgezogen. Ich hatte ein halbes Jahr so etwas wie Liebeskummer, nur schlimmer. Männern kann man alles Mögliche vorwerfen. Zum Beispiel, dass sie fremdgehen oder bescheuert sind, oder dass sie einem Frauenleben im 21. Jahrhundert mit Argumenten von Adenauer begegnen. Man kann aber einer Frau von 85 Jahren mit fortschreitender Demenz diese eben nicht zum Vorwurf machen. Es ist, wie es ist, nämlich furchtbar.

Falls Martha das auch meinte oder fühlte, hat sie es vergessen. Ich gönne es ihr, mit aller Liebe. Ich gönne ihr, dass sie jetzt rund um die Uhr versorgt wird von Menschen, die das professionell können, die von Pflege in dem eigentlichen Sinn etwas verstehen. Die die greisen Körper passend versorgen, die auch wissen, wann (gegen all meine Gedanken) Chemie nötig wird. Die es gelernt haben, medizinisch, psychologisch und was weiß ich. Was ich hier getan habe, war erweiterte Hauswirtschaft mit Vorlesen. Es war sehr schön, und es ist sieben Jahre gut gegangen. Aber wenn ich Bilder von Martha betrachte, von dieser hinreißend schönen Frau, der wilden Elfe, wie ein Freund des Hauses manchmal sagte, dann zeigen diese Fotos Veränderungen. Nicht zum Guten!

Demenz ist die Krankheit, die den Charakter stiehlt, die das Leuchten und ein jegliches Charisma zerstört. Wenn ich Fotos von Heinrich sehe, noch Tage vor seinem Tod an Krebs, dann höre ich ihn reden, weiß, was er sagte, wie er küsste. Bei Martha muss ich lange zurück, um Jahre. Sie wird auf meinen ungefähr 3000 Handyfotos nicht weniger schön. Aber sie verschwindet. Was ich mit Martha persönlich zu klären habe, beruht auf unseren Vereinbarungen, als sie noch konnte, wusste, wollte. Das gilt für mich, und da sie eine wirklich zähe Pflanze ist, haben wir diesen Vertrag miteinander bestimmt noch ein paar Jahre. Niemals, das steht darin auch, würde Martha wollen, dass man sie jetzt sieht. Ich finde sie, wie gesagt, immer noch bildschön. Aber ich weiß, sie selbst wäre anderer Meinung.

Bilder von Martha kommen mir jetzt in den Sinn, wenn in den sozialen Netzwerken Fotos auftauchen, die entsetzte Angehörige versenden. Sie stellen leere, entseelte Gesichter zur Schau. Es solle, sagen die Angehörigen, an Corona liegen, an der Isolation, an schlechter Pflege. Sie lassen alles aus sich heraus, was ihnen auf der Seele ist. Der eigenen Einsamkeit wegen, ihrer Existenzangst, des Trübsinns infolge November. Das ist legitim. Aber es hat mit der Demenz nichts zu tun. Die zieht in den Gesichtern ihre Kreise, und wenn die Patienten so aussehen, wie es irgendwann kommt: Spätestens an der Stelle bedarf es professioneller Pflege. Die Leute, die das tun, sind Helden. Sind sie immer, aber natürlich x-mal mehr in einem Jahr wie diesem. Sie brauchen bestimmt mehr Geld (wer nicht), und sie können sich von den rhetorischen Girlanden aus Politik und Zeitgeschehen sowieso nichts kaufen. Ich habe nach all den Jahren allerdings nicht den Eindruck, dass es sie wahnsinnig stört. Jeder Beruf hat seine Schattenseiten.

Aber dass für Mitarbeiter*innen in der Pflege quengelnde Angehörige gerade jetzt überflüssig sind wie Warzen an der Nase, wie ein entzündeter Fußnagel oder die Seuche an sich: Ich dachte, das sei nun wirklich selbsterklärend. Wie ich aber anhand der Gruselfotos da und dort begreife, versteht es sich eben nicht von selbst. Deswegen, von Martha und von mir, von uns beiden hier (und dem Heinrich auf seiner Wolke): Lasst das sein! Lasst die Pflegenden ihre Arbeit tun und prostituiert euch nicht mit Fotos euer demenzkranken Freunde und Verwandten!

Danke.

Wer von uns hat das geschrieben?

Bevor ich eine Schriftstellerin dieses Namens wurde, hatte ich mich an allen möglichen Büchern auf verschiedenste Weise betätigt. Ich war Korrektorin, Bildredakteurin, mithelfende Lektorin, ich war eine Verfasserin von Legenden und Fußnoten, und ich habe gar nicht so wenig übersetzt, immer mal wieder. Denn inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens, über zwanzig Jahre, bin ich an der Herstellung von Büchern beteiligt. Ich tat das meistens ohne erheblichen persönlichen Ehrgeiz; es fiel mir immer leicht.

Der Beruf meines Herzens, den ich mir mit fünfzehn ausgesucht habe, mit dem ich also schon Silberhochzeit hatte: Buchhändlerin. Ich war und bin in erster Linie eine Buchhändlerin. Ich habe vor allem immer dann geschrieben, wenn mir Geld fehlte. Für den Buchladen, seltener für ein Paar Schuhe oder einen Mantel. Da dies so ein pragmatischer Zugang zum Schreiben ist, wie er womöglich nur in meiner Landschaft denkbar ist: Deswegen halte ich mich meist zurück, wenn Autor*innen über ihren Alltag sprechen, über die Schwierigkeiten des Tageslaufs am Schreibtisch, über die Hindernisse des Betriebs und, meinetwegen, über die strukturelle Nachrangigkeit des weiblichen Schreibens – was auch immer das sei. Ich fühle mich nicht berufen, zu dieser komplizierten Gemengelage etwas Erheblicheres beizutragen als eben: Es fällt mir einfach. Ich bin immer veröffentlicht worden, wenn ich das für richtig hielt, und ich habe mit dem Schreiben Geld verdient, von Buch 1 an und auch davor.

Buch 1 wurde fast zufällig mein eigenes. Ich produzierte einen Bildband über Borgholzhausen. Schöne Fotos, und es fehlte noch Text. Ich war in Eile, denn ich brauchte das Buch zum Weihnachtsmarkt und wusste, keiner außer mir schafft das in zwei Wochen. Ich dachte nicht, oh, ich bin so toll. Ich wusste nur, ich kann das auf Termin, und ich geh mir dabei nicht selber auf die Nerven. Was ich verfasse, ist irgendwie ok, und sämtliche von mir hier zu Hause über Jahre eingesetzten Testleser wissen nicht, dass zu den Spielregeln des Betriebs eine gewisse Zimperlichkeit zählt. Ich kann mich blind darauf verlassen, dass sie mir sagen, wenn es öde ist. (Und für Rechtschreibfehler gibt es den Korrektor.)

So entstand also Buch 1, die kleine Geschichte von Borgholzhausen, der absolut nichts fehlt, wie sämtliche Leser damals sagten. Aber doch, eins. Es fehlte ein Name. Ich fand es nicht erheblich, an prominenter Stelle zu erwähnen, dass ich selbst die Texte geschrieben hatte. Ich fand sie ok, das Buch wurde fertig, wir haben es sehr schön verkauft. Mehr wollte ich nicht. Dass nebenbei ein Raten losging, wer denn wohl dieses Buch geschrieben hätte, lief an mir zunächst vorbei. Es war ja auch Dezember, und ich hatte anderes zu tun. Ich verpackte zu meiner großen Freude sehr viele Geschenke.

Aber im Januar, gleich zu Beginn, stand einer der Heimatforscher an meinem Tresen. Abteilung: Richtig netter Typ, Cordhosen, Pullunder. Emsiger Fleiß bei geringer Fallhöhe, das Methodische betreffend. Wendete seinen Hut in den Händen, tapste mit den Goretex-Schuhen sein Schmelzwasser auf meinem Linoleum breit, fragte mit einem halben Grinsen: „Wer von uns hat das denn nun geschrieben?“ Ich stand da und begriff es zuerst gar nicht. Sagte: „Hä, wer von euch?“ Er sprach weiter und nannte mir Namen. Lauter integre, kundige Historiker, mehr oder weniger beleumundet, einen ordentlichen Text zu schreiben; all die, die ich auch angerufen hätte, wäre mehr Zeit gewesen.

Ich erklärte, das war ich selber. Aufgrund von Zeitmangel hätte ich schnell mal eben – und dieses Erstaunen dann. Der nette Mensch, einer der heimatkundlichen Endlosverfasser bei starkem Schweiß am Commodore, stand da wie vom Schlag getroffen. Er unterließ es im Augenblick, seinen Schneematsch weiter zu verteilen. Kaufte noch drei Exemplare desselben Bandes, dessen Verfasserin ihre Anonymität nunmehr gelüftet hatte. Ging davon und ließ mich stehen:

Mit dieser Episode, die ich seither in jedem Vortrag erwähne, der nicht von alten Leuten oder Ravensberger Fachwerkhäuschen handelt, sondern davon, dass Frauen sich bis heute wahnsinnig behaupten müssen, wenn sie ihre Sache durchsetzen wollen. Frauen sind meistens nicht eitel. Warum dies so ist, ob nun genetisch, pädagogisch oder wegen Foucault und Walter Benjamin, Hegel, Hannah Arendt, Judith Butler oder keine Ahnung: Dazu werde ich auch weiter keine Meinung haben. Denn dazu fällt es mir zu leicht. Aber seit Buch 1 bin ich eine Schriftstellerin dieses Namens, der mein eigener ist. Dass mir zu dieser Einsicht ein weißer alter Mann aus Borgholzhausen verhelfen musste, wie nett auch immer, begünstigt den Verdacht, dass in der Sache der Frauen noch reichlich viel im Argen liegt.

Der Händler handelt

Ich saß in meinem wie üblich viel zu vollen Bücherladen und wusste auch nicht so recht. Medial war angeraten, in Panik zu verfallen. Lockdown, Pandemie, Jahrhundertkrise. Die Wirtschaft bricht zusammen. Drei Leute mindestens pro Tag am Telefon, die ihr Bedauern äußern wollten. Dass es so schlecht geht, ach, und dieses Elend. Dass sie warme Gefühle für mich hätten und aber selbst ganz froh. Home Office, Sie wissen schon… Mir passiert nichts. Ich hörte es mir an und schaute aus dem Fenster (nix los), besah mir die Bücher (gute Aussichten), war unlustig, mich stärker damit zu befassen, was irgendwer über meine Firma meint.

Was mach ich denn nun, dachte ich. Ach, erstmal etwas Geschenkpapier einkaufen. Auch davon war bereits nicht wenig vorhanden. Aber was Schönes geht immer. Ich rief also den Händler meines Vertrauens an, den ich schon länger kenne, auch aus Zeiten, wo es wirklich schlecht war, was aber damals keinen interessierte. Damals war man selber Schuld. Heute ist die Pandemie der Übeltäter. Also mit dem Händler des Vertrauens sprechen. Erzähl, erzähl. Ich sagte, boah, es geht mir ja auf die Nerven. Dieses Gegreine und Geraune überall.

Was immer nun kommt: Auch diese Krise wird vorübergehen. Wie ungefähr jede Krise, von denen man sich in der Selbständigkeit so viele zuzieht wie als Kleinkind Schnupfen. Denn irgendwas ist immer. Ja, sagte der nette Mensch mit dem schönen Geschenkpapier, mit den Schleifchen und Tüten und all dem Zeug, das man eigentlich nicht braucht. Das aber gute Laune macht, und also. Er berichtete von seiner Firma, redete dies und das. Ähnliche Ansichten wie ich, sagen wir mal: Alles ungewöhnlich, aber nicht nur schlecht. Wir murmelten so herum. Und dann meinte er: Im Grunde ist es einfach. Wir sind Händler. Der Händler handelt.

Ich notierte die Worte auf Papier, weil sie mir schon da gefielen. Ende März, glaube ich. Der Händler handelt.

Den Zettel dann verbuddelt, viel anderes gemacht. Die Oma umquartiert, Bücher verkauft, Texte geschrieben, ziemlich verhandelt an einigen Stationen, und in der Buchhandlung war tatsächlich eine Menge los. Man wird ja scheel angeschaut, wenn man heute sagt, entschuldigen Sie: Ich nehme Krisen ernst. Aber hier ist gerade keine. Und ich kann auch keine herbeizitieren, nur weil es Ihnen gut bekäme, für das Selbst- und Fremdbild, dass alle Selbständigen Nöte leiden. Ist nicht so. Ich bin dafür auch dankbar, aber andererseits war es harte Arbeit.

Ich räumte auf, um zu vermeiden, irgendwelchen Leuten das zu sagen, was ich wirklich denke (Sicherheiten, Ansprüche, das gemeint Zustehende – hilft halt nix, wenn man sich nicht selbst bewegen kann). Ich kramte und schaufelte und tüftelte hier vor mich hin und fand eben das Blatt mit der Bemerkung von im Frühling.

Der Händler handelt.

Ich habe mich so gefreut, denn genau das ist es, in der Essenz. Sich bewegen und verändern können, agieren, wie man meint. Herrlich!

Sofort Geschenkpapier bestellt. Ich kann es nur empfehlen. Geschenkpapier macht gute Laune, und es ist ein Lieferant, von dem man auch lernt.

Die Gewinner (Eine Zuneigung!)

Die Schule geht ja wieder los, zumindest erst einmal. Da schon länger keine Schule war, fehlt den Kindern jeder Ernst. Ob sie den spazieren trügen bei weniger als 35 Grad: Ich zweifle. Aber sie sind diesen Sommer auffällig heiter und irre und rasen zwischen den Schreibwaren herum. Die wir auch anbieten; richtig, ich hatte es beinahe schon vergessen. Ich bin altmodisch insofern ich bei einem Papiergroßhändler der Generation Fax einkaufe und das übrigens mag. Also, meine Schreibwaren in allen Ecken, irgendwo.

Der gebotene Ernst und ich sind kein Traumpaar. Das verbindet mich mit den Kindern, und deswegen haben wir Sympathien. Sie sind gut gelaunt, ich bin das auch, und wir suchen eben die Bleistifte einer bestimmten Stärke, außerdem Heftstreifen, Leuchtmarkierer, Pappschnellhefter. Wir finden alles Mögliche, und manchmal sogar zügig, was wir suchen. Sonst etwas anderes.

Kinder und ich sind diesbezüglich gleich: Wir gehören unter Aufsicht. Ich merke das. Ich merke, nicht allen ist es gut bekommen, seit März wenig Anleitung gehabt zu haben. Ich räume ja auch nur auf, wenn meine Lieblingsaushilfe eingeteilt ist, vor der ich mich sonst schäme. Oder vielleicht für das Haller Kreisblatt. Aber nur manchmal. Und eben die Kinder: Tja. Ich wünsche ihnen, dass es wieder viel Schule gibt. Jeden Tag und alle Fächer, bis Weihnachten am Stück.

Ich bin weder Elternteil noch Lehrer. Auch nicht Mitarbeitende einer Bibliothek oder des Jugendzentrums. Ich bin die, die sich leistet, den Buchladen nur manchmal aufzuräumen. Und die mit den Kindern schwatzt, sofern sie nicht männlich und schweigsam sind. Was mir dabei in diesem warmen Sommer auffällt:

Erstens: Es ist wichtig, dass die Kinder unter Aufsicht kommen, Aufsicht mit Inhalten, mit Ordnung und allem, was dazugehört. Es gibt nämlich Kinder, die haben es nicht gut. Für die ist es schlecht, wenn sie zuviel zu Hause sind. Diverse Gründe, die sie mir nennen, weil ich nichts weitersage. Versprochen und wird nicht gebrochen. Aber allein die Tatsache, dass sie im Buchladen erscheinen, um sich zu bereden – die sagt etwas über das Fehlen von anderen Orten hier an der Peripherie.

Zweitens: Alles, was ich über ungleiche Chancen gelesen habe, darüber, dass immer stärker wieder zum Tragen kommt, ob zu Hause Strukturen, Bildung, Gelder sind, ist leider wahr. Computer sind dabei noch das Geringste. Bildung ist auch das mit der Ruhe, mit dem Raum für sich (und sei er nur ein Katzentisch). Strukturen sind ein Frühstück, das Haarshampoo, die Busfahrkarte. Ich würde es schandbar finden, verstärkte sich die Ungleichheit durch Abwarten noch weiter.

Drittens: Auch mal das Gute. Also, drittens und zum Schluss: Ich freue mich und bin so stolz für die Kinder, die vor fünf Jahren mit ihren Eltern gekommen sind, in diesem anderen wilden Herbst. Hätten sie nicht meistens schwarze Haare (was in Ostwestfalen ungebräuchlich ist): Von der Sprache allein kann man kaum noch sagen, dass sie einen weiten Weg gekommen sind und dass ihre ersten Worte nicht in Deutschland fielen. Sie schwatzen und räumen und sind so emsig und irre wie alle Kinder diesen Sommer. Es nimmt mich für sie ein, für ihre Energie und ihren Wagemut. Und auch für eine Gesellschaft, die sie so weit getragen hat. Das haben wir tatsächlich geschafft, und diese Kinder sind unsere strahlenden Gewinner.

Wenn es uns mit den abgehängten oder sich abhängenden Eingeborenen auch gelänge, dass sie lernen und dabei sind: Es wäre schön. Alle Kinder sollten in so einem reichen Land Gewinner sein. Kinder sollten immer die Gewinner sein.

Die kleinen Schwestern

Sie waren in diesem Sommer sehr gut zufrieden, denn es war unheimlich warm. Es gab außerdem in der Familie ein neues Baby, womit keine von ihnen die Jüngste war. Niemand passte hundertprozentig auf, was sie so taten. Oder auch nicht. Mit Oma bei abgedunkelten Fenstern (Holz-Jalousien) Fernsehen schauen, zählte unter: nicht. Man machte aber eigentlich nicht nichts, nur mal eben nicht in diesem wirklich warmen Sommer. Das neue Baby sollte ordentlich schlafen, und wenn man die Holz-Jalousien zu schnell bediente, donnerten die richtig gut laut runter. Davon wachte das Baby garantiert auf. Was ja nicht sein sollte, und deswegen hingen sie eben bei Oma auf dem Sofa herum. Dieses war eigentlich hell, so ungefähr beige mit kleinen Flecken aus einer Farbe wie Pistazien. Die kleinen Schwestern hatten von Pistazien aber bislang nichts gehört. Sie sagten zu den Flecken: Popel.

Das Sofa war auch gar nicht mehr überall hell, nämlich da nicht, wo entweder der kleineren Schwester mal eine Windel ausgelaufen war (Sitz) oder dort, wo Papa hin atmete, wenn er auf dem Sofa schlief (Lehne). Papa lag nicht wegen des neuen Babys oder Mama auf dem Sofa. Er machte das schon immer, aus Prinzip. Abgelegt wie ein Baumstamm. Wenn er ganz fest schlief und eben das Sofa durch Atmen verdunkelte, konnte man als kleine Schwester einzeln um ihn herumturnen und oben auf der Lehne sitzen. Bei zweien wachte er auf, oder wenn man abstürzte. Natürlich auch, wenn beide zugleich abstürzten. Er war aber ein netter Papa und stellte sich nicht so an.

Man durfte nur die Oma nicht ärgern, denn die war schließlich seine Mama. Niemals könnten sie ihr so nahe stehen wie er, behauptete Papa. Die eigene Mama von den kleinen Schwestern war auch sehr nett, aber sie hatte ja nun ein neues Baby und außerdem einen Biogarten. Es ging da unheimlich gesund zu. Sie baute nicht direkt Körner an; die wurden tatsächlich eingekauft. Aber das viele Gemüse aus diesem Biogarten wurde immer mit Körnern zusammen gegessen. Papa sagte manchmal, er sei ja wohl kein Kanarienvogel, und dann fuhr er mit den kleinen Schwestern zur Tankstelle und kaufte ihnen ein Eis. Die Mama fand das eigentlich doof, aber andererseits aß sie auch gern Eis. Sie hatten einmal ausprobiert, ob sie so ein Eis am Stiel im Handschuhfach von der Tankstelle bis nach Hause bringen könnten (wegen: verdunkelt). Ging nicht. Sie wohnten schließlich weit weg von allem, so richtig fast im Wald. Die Eltern von den kleinen Schwestern meinten, das sei das absolut Beste für ihre Kinder, und die Oma hatte entweder keiner gefragt oder es war ihr auch egal gewesen.

Jedenfalls hingen die kleinen Schwestern jetzt mit der Oma im abgedunkelten Wohnzimmer vor der Schrankwand herum und schauten Lassie. Sie trugen schon mal ihre Badeanzüge, weil der Papa losgefahren war, um ihnen ein Planschbecken zu kaufen. Bedingung: Das neue Baby dürfte auch mal mit hinein, aber vorsichtig. Sie hingen und schauten und waren wie kleine Tropfen, nur auch noch mit Neon-Streifen von ihren Badeanzügen. Die Oma strickte nebenbei, das konnte sie blind. Davon leichtes Klackern. Sonst keine weiteren Geräusche. Und was dann geschah, darüber handelt die nächste Geschichte.

 

Kreis Gütersloh

Weißt Du, sage ich zu jemand, den ich echt schon länger kenne. Weißt Du, ich habe mich andauernd darüber aufgeregt, aus diesem letzten Winkel zu sein. Wo es nichts gibt. Kathedralen nicht, keine Architektur in dem Sinn, auch Bildungsbürger begegneten mir erst, nachdem ich aufgebrochen war. Ganze Welt und so, alles lesen, sehen, können wollen. Es reichte zu einigem Wissen und ein paar Ländern in Europa. Dann kehrte ich wieder, eben in diesen Winkel. Kreis Gütersloh in Ostwestfalen. Kaum Arbeitslose, aber auch keine Kultur. Mettwurst, Schnitzel, Grillfleisch. Autos. Landmaschinen und andere Apparate. Das alles ist Ostwestfalen. Es ist, muss ich sagen, wirklich okay soweit.

Es ist, davon abgesehen, auch meine Heimat. Selbst wenn es blöder wäre: Das ist bei mir zu Hause. Ich mag, wie die Menschen sich geben, wie sie reden und, vor allem, wie sie scherzen. Sie sind so normal wie nur was. Um bei diesen meinen Menschen zu bleiben, musste ich mir einen Beruf erfinden. Was ich sein wollte, irgendwie intellektuell mit Medien und Dingens, das geht hier nicht. Ich wurde behelfsweise erstmal Buchhändlerin und, über Schleifen, eine Art Geist-Hausfrau.

Wie die Mütter meiner Kinderzeit sitze ich herum und sehe zu. Gut, nicht der Brut bei irgendwelchen Hausaufgaben, während ich Kartoffeln schäle. Eher, dass ich die Kunden reden höre, während ich eigentlich einen Artikel, Essay, Aufsatz schreibe. Auch den nächsten Roman. Wenn ich im Kopf die Worte wende, sind um mich herum Geräusche. Die normalen, im Sommer: Wilde Kinder, vom Freibad her. Andere Kinder, mit Eis. Ich sage dann, nein, nicht mit dem Eishörnchen hier hinein. Auch nicht zu dritt, seid Ihr bescheuert? Ich murmele, jaja, wenn es über die Schultüten geht (natürlich selbst gebastelt), die Marmeladen (hier, drei Sorten zum Probieren), und dass die Kinder eigentlich im Garten zelten wollten, aber nachts hatten sie plötzlich Angst vorm Wolf und liefen zu den Eltern, während der ältere Cousin ins Zelt wechseln musste. Papa vielleicht auch, und dann spielten sie dort Skat und ließen sich von Mücken beißen. Das wäre normal.

Jetzt sitze ich hier auch. Geist-Hausfrauen bewegen sich wenig. Schon im Kopf, aber ihren Körper nicht bei 30 Grad. Eben wie immer. Nur die Geräusche sind anders. Hastiger, oft laut, kein Mensch hört zu. Sie kapieren das nicht. Es ist doch ungerecht. Der Urlaub und das Grillfleisch und die Kontrollen, und beim Abstrichzentrum wartet man drei Stunden. Da könnte man – Nein, rufe ich. Da jetzt nun nicht ein Würstchen grillen. Auch kein veganes. Gar keins! Abstand halten, ey. Das ist kein Spiel. Ja, hm, sagen die Ostwestfalen. Ich merke, sie sind verstört. Fleisch ist blöd und wir wohl auch, und unsere Autos (heilig bei uns, vergaß ich zu sagen) werden zerkratzt. Die Personen in diesem Kreis Gütersloh, in der mentalen Gruppenhaft, die Deutschland ihnen gerade verpasst: Sie sind gekränkt.

Ich bin es nicht. Ich war auch schon woanders, immer mal. Ich weiß, Provinzialität ist keine Frage des Autokennzeichens. Das ist die Sache mit der Haltung. Recht vielen Menschen fehlt sie aktuell.

Also von mir, von der Geist-Hausfrau im Buchladen in diesem Kreis Gütersloh am Ende der Welt: Ich find’s Scheiße. Ich finde erbärmlich, wie mit uns verfahren wird. Und ich bin aber froh, dass ausgerechnet hier mein Zuhause ist. Niemals würden wir uns nämlich so betragen. Wir gäben jedem Münsteraner ein Kuchenstück und auch den Leuten von Osnabrück ihr Kaltgetränk.

Wir sind die Provinz, na klar. Aber keine Kleinbürger mit engster Sicht.

Gezeichnet: Eine von einem Drittel einer Million hier in der Region.

 

Körper und der Einzelhandel

Bücher und Postkarten auszuwählen halte ich bis auf den heutigen Tag für eine weitestgehend körperferne Tätigkeit. Menschen in Textilien begegnen mir dazu in meinen Räumen, und auch ich selbst halte mich hier nicht im Morgenmantel auf. Es ist mein Raum, kein öffentlicher oder sogenannter dritter Ort, es ist ein Raum, für den ich Miete zahle, den ich beleuchte, heize und eben befülle. Siehe oben, Bücher und Postkarten. Der Körper, in dem ich zu Hause bin, hat damit nach meinem Verständnis recht wenig zu tun.

Gleiches gilt für die angestellten Personen, ob sie nun Schüler, Studentin, Flüchtling oder Mutter sind. Diese Menschen halten sich berufstätig hier auf. Würde mir nicht gefallen, wie sie sich kleiden, könnten sie selbst und auch die Endverbraucher sicher sein, dass ich etwas dazu sage. Ich bin klar in meinen Äußerungen, und unsere langjährigen Mitarbeiter hatten insofern nie ein Problem mit mir. Die anderen waren bald wieder weg, wobei das selten an ihren Textilien lag. Ich ertrage strukturelle Dummheit nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Dass Körper dennoch nie unerheblich waren, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die ländlichen Leute gern schwatzen. Über wenig lässt sich besser reden als über den Körper einer Frau. Optik, Haptik, gern auch das sogenannte gebärfreudige Becken. Die Beine, der Busen, mein Po. Wozu sich Personen in nunmehr zehn Jahren zu äußern meinen mussten – es verblüfft mich immer neu. Und ich meine das im eigentlichen Sinn: Ich wundere mich.

Ich habe aufgehört, nach Erklärungen zu suchen. Habe ich gute Laune, denke ich, dann quatscht doch. Blabla. Blablabla und wieder von vorn. Habe ich schlechte Laune (selten) oder überschreitet das allgemeine Gelaber einen von mir gesetzten Punkt (nicht selten), werde ich deutlich. Ich sage dann: „Hören Sie bitte auf zu glotzen.“ oder „Es mag Sie interessieren, ob ich Kinder habe, aber es geht Sie nichts an.“ oder „Obwohl Sie dringend wissen möchten, wie das körperliche Verhältnis zu meinem verstorbenen Partner war: Sie werden es nie erfahren.“

Ich sage auch: „Wenn Sie die Aushilfe noch zehn Sekunden länger anstarren, gehen Sie an die frische Luft und kehren nicht wieder“ oder „Die Liebesgewohnheiten aller Mitarbeiter sind privat. Gilt für Syrer, Deutsche und auch für eng verwandte Vollidioten.“ Es ist für mich das allergeringste Problem, Chauvinismus, Sexismus und den vielen anderen Alltagsferkeleien entgegenzutreten. Zehn Jahre training on the job; da macht mir keiner etwas vor. Zumal ich mich in einem Raum aus Glas befinde, ich selbst und auch die Meinen sind zu sehen. Uns kann niemand auf den Körper, solange Menschen auf der Straße sind.

Aber was machen die Menschen in ihren Wohnungen? Was machen die und lassen mit sich machen, die mir wegen Corona gerade kaum begegnen? Wie verhält es sich mit der Gewalt in Worten und in Taten? Was tut der Alkohol dazu, und was das irrsinnige Rumgeflacker an Bildschirmen, die man besser nach dem ersten halben Glas ausknipst für den Rest der Nacht? Gehe ich von dem aus, was mir im letzten Vierteljahr digital zugestellt worden ist – und wie gesagt, ich bin die mit der Deutlichkeit. Ich habe Öffentlichkeit, und ich habe gute Männer um mich herum. Wenn ich also, in dieser eher komfortablen Lage, schon soviel Scheiß ertrage: Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie es wohl anderen Frauen geht.

Ich wünsche ihnen und uns allen, gerade an diesem Hauptbesäufnistag des Sommerhalbjahrs, ich wünsche mir, dass Ihr etwas sagt. Meldet euch, wenn Körper und Seelen in Gefahr geraten! Bei mir und überall dort, wo auch Öffentlichkeit ist. Zeigt euch, so schlimm es sich anfühlt. Aber nur wer sichtbar wird, dem kann geholfen werden.

 

Lob des Einzelhandels mit Lesewaren

Kannst Du, beschwerte sich der Geliebte, auch vielleicht mal irgendwas anderes schreiben als Beiträge zur Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft des Bucheinzelhandels? Nein, sagte ich. Geht absolut nicht. Angeblich bin ich vollständig bescheuert und habe absolut keine Ahnung. Ich bin einfach nur zu blöd. Sonst würde ich etwas sozial und ökonomisch Rentableres betreiben als eben diese Sortimentsbuchhandlung. Eine gewisse Oma schaltete sich ein und sagte, ja, wieso. Ich finde das immer sehr interessant. Du, meckerte er, Du vergisst auch, dass sie sich wiederholt. Sie könnte Sachbücher schreiben, Romane, übrigens auch ihre akademische Abschlussarbeit. Es gäbe genügend andere Felder. Davon weiß ich nichts, bekundete die gewisse Oma. Aber sie wird ihre Gründe haben.

Ich kann mehrere Sachbücher und zwei Romane später berichten, sie hatten beide Recht. Er täuschte sich nicht darin, dass mehr Themen meinem Gehirn und meiner Laune besser stehen würden als immer das eine, selbe Kreisen um den Bucheinzelhandel. Es war ein bisschen neurotisch. Aber es war deswegen nicht unnütz, und da kannte mich die Kleine Oma besser. Denn die ewigen Abgesänge auf meinen Beruf, auf das, was ich mir mit fünfzehn ausgesucht und wovon ich nie gelassen hatte: Diese schlechte Rede kränkte mich. Wie das mit Kränkungen so ist: Sie zu überwinden, dauert. Es gelingt noch nicht mal immer. Schulden kann man bezahlen, Verfahren gewinnen. Kränkungen muss man erdulden und sich ihnen immer neu zuwenden, um sie vielleicht irgendwann vergessen zu haben.

Mich störte, auf den Punkt, dass unser Sortimenterwissen nichts mehr zählen sollte. Dass die Digitalisierung vermeintlich unnötig machte, was wir in unseren Köpfen speicherten. Autoren, Titel, Buchreihen. Verlagsprofile, Themenschwerpunkte. Anlässe, saisonal wie regional. Mentale Prägungen politischer, religiöser, dritter weltanschaulicher Naturen. Das alles sollte nicht mehr wichtig sein, weil Computer, Controller, Betriebswirte und, natürlich, immer, Bankmenschen es besser wussten. All die Ermahnungen und Belehrungen, von sanftem Hohn über nicht immer leisen Spott bis hin zu den krachend selbstgefälligen Auftritten von lauten Männern (ausschließlich Kerle, Frauen nie): Das war ein Päckchen. Ich verfüge nun über nicht wenig Selbstbewusstsein und auch die nötige Grundarroganz, um so etwas normalerweise zu verarbeiten. Aber es zehrte doch. Es waren, siehe oben, Kränkungen.

Ich wendete mich anderen Aufgaben zu, schrieb eben dies und das und jenes, kochte, wusch und ordnete die Oma. Sie war so gut, mir einen zunehmend erheblichen Aufwand abzuverlangen. Mein dauerndes Thema, die Ungerechtigkeit an mir selbst und Generationen von Sortimentsbuchhändlerinnen, geriet in den Hintergrund. Danke, Kleine Oma. Well done!

Aber jetzt wohnt sie woanders, und außerdem findet Corona statt. Nein, tut es ja nicht, denn wir bleiben zu Hause, senken die Kurve, verhalten uns, wie ich meine, alle relativ gesittet und werden exzellent regiert. Mein Status als selbständige Sortimentsbuchhändlerin: Prima! Ich habe einen finanziellen Puffer, den mir keine Bank der Welt je gäbe, geschweige denn, binnen 48 Stunden. Die Bezirksregierung Detmold war aber so gut. Der Buchladen darf von mir selbst betreten werden, von anderen nicht. Ich erhalte Ware, bediene das Telefon, reiche Pakete an und tue tatsächlich die ganze Zeit ungefähr das, was Buchhändler klassisch arbeiten. Plus Social Media. Es gab früher kein Facebook, Twitter, Instagram, und ich möchte echt nicht ohne sein. Ich merke aber, vieles von dem, was ich über die Jahre privat und öffentlich dachte – es war nicht nur verkehrt.

Ich meinte, die Chance des Einzelhandels sei Kommunikation. Kompetenz auch, aber noch davor: Kommunikation. Logistik kommt nicht nur im Alphabet danach. Ich meinte zudem, dass ich ein Sortiment präziser einkaufen könnte als eine zentrale Steuerung, dass ich die Kunden genauer kennen, ihren Geschmack einschätzen, im Zweifel sie auch durch Hermeneutik würde versorgen können. Stöbern ist schön, klar. Aber subtil ist es nicht. Ich meinte also beständig und grämte mich mal mehr, mal weniger darüber, dass unsere Bildung und unser Horizont als Sortimentsbuchhändler verkannt wurden, weil wir auch kassierten, Geschenke verpackten, den Boden kehrten und das Altpapier wegschafften.

Irrtum!

Niemand hält den smarten Konsumenten gerade schöner den Spiegel vor als ihr Götze Amazon. Denn was macht der jetzt, wo ist er in der Krise? Bei sich, am eigenen Portemonnaie. Und wir sind hier, sind in den Läden, machen die Arbeit. Ich finde, wir waren selten besser als in dieser Krise, die für uns Einzelhändler der Lesewaren nun wahrlich keine ist. Seien wir stolz auf uns!

 

Solche solchen (Küchenpapier)

Ein einem anderen Haus in meinem vorherigen Leben war es üblich, pro Tag vier Rollen Küchenkrepp zu verarbeiten. Mehr ging nicht. Die Umsetzende hätte auch mehr geschafft, aber ihr Lieferant konnte nur vier pro Tag auf seinem Rennrad befördern. Falsch, in seinem Riesenrucksack, denn so ein Rennrad hat ja gar keinen Gepäckträger. Und im Riesenrucksack wäre womöglich auch Platz für sechs oder acht Rollen gewesen. Der Dialektik dieses Haushalts folgend, wurde die Beschränkung auf vier Einheiten pro Tag von allen Beteiligten unhinterfragt und gelassen zur Kenntnis genommen. Auch die Unterbrechung der Lieferkette infolge Sonntag (kein Küchenpapier von der Tankstelle) oder Unlust (stets möglich) war in dem System vorgesehen. Dafür gab es nämlich Vorräte. Die kamen dadurch zustande, dass die beiden Beteiligten gute Verbindungen zu einer gewissen Buchhändlerin unterhielten, die manchmal Großgebinde anschleppte. Dafür hatten sie ihr ein Fahrrad mit roten Reifen und Gepäckträger geschenkt. Sie konnte darauf mühelos acht Rollen Küchenpapier, also eine Doppellieferung, befördern. Sie tat das auch bisweilen.

Also: Ich lieferte eine ganze Weile Küchenrollen, ohne zu überprüfen, was sie damit taten. Martha und Heinrich, in diesem anderen Leben. Eines Tages musste ich mich doch um Einsicht bemühen, denn eine Behördenperson rief an. Bei mir, in der Buchhandlung, weil beide Beteiligten gesagten hatten, sie könnten sich selbst nicht äußern. Beschäftigt, keine Zeit, keine Lust. Und wozu hatten sie ein Management mit Internet. Martha und Heinrich fanden, alles Lästige (Ämter, Sparkasse, Gertrud, Gemüsekiste) hätte mit dem Internet zu tun und sei also mein Problem.

Sie hatten, erfuhr ich, Ärger mit den Emissionen. Konkret: Sie verfeuerten in ihrem Ofen allerlei, was absolut nicht verbrannt werden darf. Plastiktüten, Aluzeugs, angeblich sogar alte Schuhe. Und das war auch ausnahmsweise nicht aufgefallen, weil es irgendwer verpetzt hätte. Nein, Messungen. Ich sagte zu Heinrich, also weißt Du. Wir bezahlen die Müllabfuhr, und ich hätte auch kein Problem, irgendwelche Gummistiefel persönlich zur Mülldeponie zu fahren. Das würde mich auf eine Weise sogar glücklich machen. Ja, sagte Heinrich. Gedehntes ja, also eher: Jaaaaaaaa. Ja, also in meiner Gegenwart verbrennt sie nur Küchenrollen. Und weder das Feuer noch ich selbst haben ihre übrigen Handlungen unter Kontrolle. Das wirst Du verstehen. Ich schimpfte ein wenig, aus Gewohnheit, und verhalf ihm zu der Einsicht, dass nur noch in seiner Anwesenheit am Feuer gearbeitet werden würde. Bei Kälte am Körper stünde auch dieses Groschengrab namens Elektroheizung zur Verfügung. Ja, sagte Heinrich, jaja.

Ich weiß nicht, ob es geholfen hat. Aber die Emissionsstelle meldete sich nicht wieder. Und ich wusste jedenfalls, was sie mit dem ganzen Küchenkrepp anstellten. Sie verbrannten es, blattweise. Falsch, ruft Martha von irgendwo. Du vergisst etwas, das Wichtigste womöglich. Klar, sage ich. Danke, dass Du weiter mitspielst und einfach mal dagegen hältst. Ja, schmettert sie beinahe triumphierend. Die Teller! Die Tassen! Alles, im Schrank! Und da fällt es mir wieder ein. Die Verarbeitung der Küchenrollen ging nämlich so, dass sie zwischen die Teller des Hauses (Speiseteller, Untertassen, bei guter Laune gern auch Blümchenunterstellteller) einzelne Blätter Küchenkrepp legte. Sie wechselte täglich, denn Ordnung musste sein. Und es gab Geschirr für die nächsten dreißig Jahre oder so. Reichlichst.

Bei Unterbrechnung der Lieferkette hatte sie entweder Vorrat, von mir. Oder sie durchteilte einzelne Blätter mit dem Küchenmesserchen. Scharf gefaltet, und dann mit dem Messer durch die Falte. Immer Messer, nie Schere. Scheren sind für Kindergartenkinder. Was dann jeweils übrig war, kam in den Ofen. Alles übrige auch, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn, was durchaus vorkam, einfach gar kein Küchenkrepp mehr zur Verfügung stand (starke Lust am Feuer, erhebliche Unlust von Heinrich, Abwesenheit von Martina), ging sie über zu Klopapier. Das gab es auch in Rollen, es ließ sich ebenfalls abreißen und verfügen und verbrennen und alle so weiter. Der einzige Nachteil: Auf Klopapier kann man schlecht schreiben. Küchenkrepp hingegen nimmt Schrift von Filzstiften meist problemlos auf. Der Filzstift ist dann kaputt, aber das war immer schon das Problem des Filzstifts und nicht von Martha.

Ey, ruft sie. Und kapierst Du es noch nicht? Du hast wohl gar nichts von mir gelernt! Alles, sage ich. Martha, ohne deine Lust am Nahkampf wäre ich für vieles in den letzten Jahren schlechter gerüstet gewesen. Also, diese solchen, fängt sie an. Ja?, frage ich. Ja, solche und solche. Ok, Küchenkrepp und Klopapier. Richtig!, ruft sie. Ich habe natürlich einen Vorrat angelegt. Logischerweise in der kleinen Sauna. Du kannst sie nur betreten, wenn Du das und das und das beiseite räumst (sieben Fahrräder, 13 Gummistiefel, etliche Jahrgänge „Der Spiegel“ aus den 80ern).

Tatsache! Da liegen reichlich zwei Dutzend Rollen Klopapier. Für mich gespeichert, wirklich bis auf den allerletzten Augenblick, da dieses Haus noch meines ist. Der Käufer hat es mit Inventar erworben; nur die Bücher sind noch mein Eigentum. Die nehme ich mit, von Heinrich. Und von Martha Klopapier, außerdem ihre Lust am Absurden, das auf einmal praktisch wird. Das ist die Dialektik von Holterdorf. Nützlich und, vor allem, lustig. Sonst wäre es auch kein Leben nach Marthas Plan.