Kopftuch

Ich lese diese Beiträge von Menschen aus der Politik. Kopftuch, Burka, Burkini und zurück. Als ob es gerade keine anderen Themen gäbe als die textile Oberfläche weiblicher Personen. Was soll ich dazu sagen?

Erstmal: Schaut in den Spiegel! Viele von denen, die sich empören, laufen herum, als sei 1985. Hannelore Kohl revisited. Stahlhelm-Blondschopf und Damen-Trevira. Schlimm. Die muslimische Großstadtmode ist auch nicht meine, die ist mir mit und ohne Kopftuch viel zu schrill. Aber sie ist in sich ästhetisch kohärent. Das kann man weder vom Karottenhosenstil der CDU-Frauen noch von der grünen Variante, vom Großraumleinen, sagen.

Zweitens: Sieben Jahre als Arbeitgeber sind sieben Jahre Achselhaare, Gesichtsblech, Reinlichkeit und Schuhabsätze. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt. Und das eine Kopftuchmädchen, das hier ganz am Anfang mal im Einsatz war – die war einer der leichteren Fälle. Bunt ist ok, aber BHs sind kein Zusatzelement für obenauf. Hat sie kapiert. Und dass sie nicht auf Dauer bei uns geblieben ist, hatte mit dem Kopftuch am allerwenigsten zu tun. Sie war mehr für Dekoration als für Inhalte. Sowas kommt vor.

Drittens, und das ist meine Kopftuchmeinung, drittens finde ich alles blöd, womit Frauen sich im Wege stehen. Wir leben in Deutschland, das ich wenigstens in Sachen Chancengleichheit in Ordnung finde. Schulbesuch ist kostenlos, die Schulen sind nicht schlecht, und jeder kann studieren, der das für nötig hält. Wenn einer heute an der Uni scheitert, hat das in den seltensten Fällen wirtschaftliche Gründe. Und der Engtanz mit Bourdieu: Übertrieben. Es stimmt, man kann sich Habitus nicht kaufen, und es ist wahr, dass irgendwann Mechanismen der Elite greifen. Aber dieser Punkt liegt in Deutschland so weit hinten-oben wie in keinem anderen mir bekannten Land.

Deswegen kann man auch als Kopftuchmädchen sehr schön zur Schule gehen, kann Abitur machen und studieren. Und wenn man dann auch nur ein bisschen zuhört, wird man von selbst begreifen, dass es ohne Kopftuch leichter ist. Wenn nicht, dann nicht. Das kann man aber von ziemlich vielen anderen Milieus in Deutschland ganz genauso sagen.

 

 

Weltanschauung

Wenn ich im Buchladen aus dem Fenster schaue, dann seh ich meine Welt. Kleinstadt mit weitgehend wohlhabenden Menschen in eher friedlicher Umgebung. Das gefällt mir. Deswegen bin ich ja hier. Weltanschauung ist nicht zuletzt eine Entscheidung über das Wie und Wo des eigenen Lebens.

Was dazu kommt: Werte, Ethik, eine Religion und politische Meinungen – das entsteht, würde ich sagen, in der Wechselwirkung von Erziehung, Wissen und dem Alltagserleben. Je älter man wird, desto stabiler ist so eine Weltanschauung. Ich bin jetzt über sechs Jahre in Borgholzhausen. Ich schaue schon lange aus diesem Fenster. Ich kann also davon ausgehen, dass meine Weltsicht einer Ordnung folgt.

Das ist keine Ordnung, die jedem behagt. Warum auch? Aber je sesshafter ich geworden bin, je bekannter und profilierter, desto energischer ertönt Sprachwiderstand. Das geht gar nicht! Damit habe ich ein Problem! Das kann ich so nicht stehen lassen! Ich muss dir ehrlich sagen – undsoweiter, undsofort. Keine Woche, in der nicht einer dafür sorgen möchte, dass ich den Pfad der Tugend wiederfinde. Politisch korrekt bin. Nicht immer so deutlich. Und überhaupt: Jetzt seien Sie mal nicht so.

Die kurze, bittere Wahrheit für alle Freunde des sozialen Teflons:

Doch, ich bin so.

Ich werde weiter sagen, dass Digitalfeminismus oft nur lila bemalter Egoismus ist.

Ich werde darauf bestehen, dass Kompetenz von Qualifikation herrührt und nicht von Beziehungsstatus oder Reproduktionsfreudigkeit.

Ich werde auch in Zukunft kein überhöhtes Trinkgeld akzeptieren, das mir zeigen soll, welcher Kunde der vermeintlich wichtigere ist.

Ich werde nicht dazu schweigen, dass ich diese Wegelagerei namens Spendensammeln peinlich finde. Wir spenden großzügig, aber nach Bethel. Ich halte Bethel für kompetent, diskret und in Einklang mit meiner Weltsicht. Auf hiesige Projekte und deren Leiter trifft das selten zu.*

Und ich werde auch weiter nur müde lächeln, wenn mir beliebige Personen konfuse Mitteilungen über die Strategie meines Unternehmens vortragen. Die Firma heißt Bergmann und befindet sich in Borgholzhausen. Das ist unmissverständlich.

*4 Beispiele aus einer Woche im August

 

 

 

 

Dumm. Oder: Wie ich Feministin wurde

Ich meinte ja, die Zeit sei endgültig vorbei, wo man sich bei Papa über mich beschwert. Ich hielt das für bewiesen, weil ich 37 bin. Ich habe ein paar graue Haare und etwas mehr Erfolg. Selbst den allerliebsten Klassenfeinden, den Typen hinter Schreibtischen im Anzug – selbst denen leuchtet heute ein: Sie heißt nicht Mädchen. Man muss sie nicht mögen, aber sie kann was. Punkt.

Ich halte Leistung für wesentlicher als Geschlecht. Ich finde, man muss sehr dumm sein, um zu glauben, dass es in dieser Gesellschaft reicht zu sagen – ich bin eine Frau, und wenn Du nicht machst, was ich will, dann zeig ich dir den Mittelfinger. Dann mach ich auf Urschrei oder nervous breakdown oder beides. Ich werde auf jeden Fall lästig und nenne das eine Strategie. Feministische Strategie.

Zu diesen scheint neuerdings zu zählen, bei Papa Bergmann über mich zu klagen. Ich sitze hier und grüble: Die Jungs, die Typen von der alten Schule, die hab ich alle eingesackt. Die nehmen mich ernst. Und junge Frauen rufen Papa an. Was ist da passiert? Was ist so furchtbar schiefgegangen mit diesem Feminismus? Wie auch immer ich dazu stehe – er ist zu wichtig, um von dummen Frauen definiert zu werden. Also los.

 

Notfallpatienten

Das Schöne an so einer Buchhandlung: Es geht nicht um Leben und Tod. Keiner stirbt daran, dass ein Taschenbuch vergriffen ist. Langzeitfolgen einer verspäteten Tageszustellung von KV sind mir nicht bekannt. Weder ich selbst noch Mitarbeiter oder gar Kunden sind traumageschädigt durch Phasen von Unordnung in dieser Firma. Und überhaupt ist gerade Sommer. Ich sehe also keine Veranlassung, in Stress zu verfallen.

Gleiches empfehle ich Nutzergruppen, die Dynamik entfalten. Man muss nicht an Türen rütteln, die kurzfristig verschlossen sind, weil jemand auf der Toilette ist. Man muss nicht fünfmal am Tag anrufen, um den Lieferfortschritt eines Vokabeltrainers zu überprüfen. Und man muss bestimmt nicht glauben, dass ich Titel schneller finde, wenn man mir vom Fahrradständer Informationsfragmente zubrüllt.

All das gilt mit ziemlicher Sicherheit für sämtliche Kollegen im Bucheinzelhandel. Aber für mich persönlich gilt es gerade ganz besonders. Ich habe hier zwei Patienten im eigentlichen Sinn. Da geht es tatsächlich um Medizin, es ist mitunter dringend. Und es geht, das vor allem, um Herzensmenschen. Sie stehen mir näher als jeder einzelne Endverbraucher.

Die Situation ist insofern unproblematisch als dass ich nette Kunden habe. Freundliche, liebenswürdige, geduldige Menschen, mit denen mich ich auch unter Pflegebedingungen verstehe. Wir leben ja schon eine Weile miteinander. Ein guter Zustand – und gut genug, um Störenfrieden klare Ansagen zu machen: Stress raus. Wir sind nicht in der Notaufnahme. Sie kaufen hier höchstens Bücher. Und wenn Sie mich nerven: Dann in diesem Sommer nicht. Dann kaufen Sie woanders.

Domestiken

Als Diplomatie verteilt wurde, war ich woanders. Ich habe einen hohen Fehlerquotienten in politischer Korrektheit, und abstrakte Solidarität finde ich komisch. Ich bin der perfekte Klassenfeind all derer, die es grundsätzlich richtig gut meinen. So vom Prinzip aus Überzeugung im Ehrenamt und ganz bewusst. Wir beargwöhnen uns. Ja, natürlich bezahlen wir Herrn Mao Mindestlohn! Was denn sonst? Knallerbsen? Unser Fensterputzer arbeitet auf Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer. Unsere Mitarbeiter sind angemeldet. Berufsgenosssenschaft, Sozialabgaben, Haftpflicht etc pp. Das ordnungsgemäße Verhalten als Arbeitgeber kostet mehr als die Miete für unser Ladenlokal. Das ist in Deutschland so.

Ich wundere mich nur, warum die Leute soviel danach fragen. Selbst wenn wir illegal sein wollten – es ginge gar nicht. Deutschland sichert seine Arbeitnehmer bestens ab, und ich finde das gut. Aber deswegen ist es unnötig herumzubohren: Ja, Sie halten sich schon an die Gesetze? Sie machen das hier doch nicht schwarz, zwinker-zwinker, unter uns, liebe Frau Bergmann?! Genauso gut könnte man fragen, ob Heiligabend wirklich am 24. Dezember ist. (Schon länger. So ungefähr 2000 Jahre.)

Die Leute fragen also, und irgendwann wusste ich, warum. Klassischer Fall von Paralleluniversum. Es gibt eine erste Arbeitswelt, zu der meistens die gehören, die einen Schulabschluss haben, eine Berufsausbildung oder ein abgeschlossenes Studium. Die genügend Geld verdienen, um selbstverständlich davon auszugehen, dass man in Deutschland Rechte hat. Egal, ob angestellt oder auf eigene Rechnung: Man weiß, dass Leistung einen Wert hat, man weiß, wo man sich beschweren, seine Rechte einfordern, sich verteidigen (lassen) kann. Deutschland ist ein prima Land in dieser Hinsicht.

Wenn man dazugehört. Sprache, Pass, Zertifikate, Referenzen. Es braucht nicht viel Geld, um diesen Status zu erreichen, es geht um Zugehörigkeit. Zugehörigkeit, um dazuzugehören. Tautologisch. Und sehr traurig. Ich habe ja Panoramablick auf die Freistraße. Ich sehe, wer hier tagsüber spazieren geht, wer Pakete zustellt, kleine Kinder betreut und alte Leute durch die Gegend schiebt. Da ist Personal aus aller Herren Länder unterwegs. Manch einer lächelt ungern wegen seiner schlechten Zähne. Etliche verstehen mich nicht, wenn ich frage, woher sie sind. Schön ist das nicht.

Ich habe keine Lösung, ich bin weder Sozialpolitiker noch Großbeschäftiger. Aber ich bin höflich. Ich lächle, spreche langsam, formuliere um und neu. Und ich nehme mit stetig wachsendem Befremden wahr, wenn hier einer von – denen spricht. Die. Diese Leute. So eine Polin für Oma, die Rumänen fürs Feld, unsere Tagesmutter, die gute Seele. Gute Seele zum Stundenlohn von etwa 3.20 Euro. Soviel sind den Angestellten ihre Domestiken wert. Nichts. Kaum Geld, wenig Manieren. Es wäre ein Anfang, die Alltagshelfer beim Namen statt bei ihrer Funktion zu nennen. Man machte das zu Gutsbesitzerzeiten so. Ironie der Geschichte, zöge ich mit dieser Haltung an meinen Moral-Observierern links vorbei.

 

 

Ein goldener Mercedes

Autos sind in Ostwestfalen wichtig. Man nutzt sie zum Herumfahren, aber auch zur Pflege und als Weltanschauung. Man gebraucht sie sogar als Kennzeichen, in manchen Kreisen. Das sind dann vornehmlich solche mit Männern, und eher mit den praktischen. Also die Kreise, die sich an Tresen aufhalten. Wenn man dort fragt, Du, ich brauche wen, der Bauschutt transportiert (Lampen aufhängt, Wände malert, Rasen mäht), dann ist die Antwort: Günther. Manni. Potti. Jupp. Und wer ist das jetzt? Boah, Du stellst Fragen. Fährt nen Astra. Omega. Focus. Transit. Hä? Du weißt auch gar nichts. Geh in Deinen Bücherladen. Ich sag ihm Bescheid, der kommt dann vorbei. – Das klappt immer. Es erscheint zuverlässig ein Fahrzeug mit Insasse und Werkzeug, manchmal auch mit Hund.

Ich konnte mich dazu nie richtig verhalten, weil ich meistens kein Auto hatte. Ich fuhr Bus. Das ist so ungewöhnlich, vor allem in den praktischen Kreisen, dass einen das direkt interessant macht. Die mit dem Bus. Die mit dem Schulbus in ihren Bücherladen fährt. Wo man sie aufsuchen kann, wenn man zum Beispiel für die Olle an Weihnachten so ein sogenanntes Buch braucht. Du weißt schon, wo sie heult beim Lesen. Kochbuch geht sonst auch. Und pack das ein. Geschenkmäßig!

Dann der Systemfehler. Ich wurde in einem Mercedes gesehen. Goldener Mercedes Cabrio. Im offenen Wagen. Im Hochsommer. Anruf: War Dein Schulbus kaputt oder was? (Haha.) Nächster Anruf: Du fährst ja wohl auch nicht bei jedem mit. (Bei dir ist kein Platz. Haustiere, Schrauben, Dosen.) Dritter Anruf, mein Bankberater zu der Zeit. Warum hab ich dir überhaupt einen Kredit verkauft? Wo Du Leute mit solchen Autos kennst! (Ich frage mich das bis heute. Sein Chef übrigens auch.)

Es war der Lokalreporter. Der Lokalreporter vom Haller Kreisblatt, Ortsausgabe Borgholzhausen. Nebenher Fahrzeugfreund und Autosammler. Der war über 30 Jahre Lokalreporter. Aber – fährt nen goldenen Mercedes Cabrio klingt nicht so schön wie: Astra. Omega. Transit. Focus. Schulbus. Deswegen hatten sie ihn pragmatisch ausgeblendet. Möglicherweise ein ganz klein bisschen auch aus Eifersucht. Egal. Ich hab ihn jedenfalls wieder eingeblendet, denn er ist schon eine Weile in Rente und hat Zeit für ein Projekt. Man kommt als Ostwestfale an den Autos einfach nicht vorbei. Als Ostwestfälin auch nicht. Nicht mal als Bücherladen oder eben als Verlag. Deswegen füge ich mich, und wir machen ein Autobuch. Alle zusammen. Handwerks- und geschenkmäßig. Vor allem spaßmäßig.

 

 

Frauenaufgabe

Immer wieder Frauenfragen. Ich würde viel lieber darüber sprechen, dass ich neuerdings Bücher schreibe. Ich hätte eine Menge zur Integrationspolitik zu sagen. Ich möchte immerfort schimpfen über die Renten-Lügerei. Brexit, Grexit, Ferienspiele. Alles Themen, zu denen ich eine Meinung habe. Aber ich komme um die Frauenfragen nicht herum. Sie sind, im Negativen, ein Zeitgeistphänomen. Ich weiß zwar, welche Rechte ich habe. Ich habe auch gelernt, sie durchzusetzen – notfalls per Anwalt. „Mädchen“ hat schon länger keiner mehr zu mir gesagt.

Sich als Frau in Unternehmerkreisen durchzusetzen, war sehr viel mühsamer als angenommen. Kein Sprint, sondern ein Etappenlauf in vielen Tausend Schritten. Aber es hat funktioniert. Wie schön für mich. Nur: Ich bin ja nicht alleine auf der Welt. Ich sehe als Arbeitgeberin, als Kommilitonin, als Nachbarin, Freundin, Schwester jeden Tag, wie Frauen meiner Generation vereinnahmt werden. Es ist die Daily Soap. Mal schauen, wer sich heute rechtfertigen muss. Gern arbeiten? Hm. Ein bisschen unweiblich. Zu Hause bei den Kindern bleiben? Retro. Pfui. Der Mode nicht folgen und einfach irgendwas anziehen? So geht’s ja nun auch nicht. Kleider kaufen und sich schminken? Vorsicht, unsolide. Studiert haben und mit Stolz den Titel führen? Prahlerei! Klasse 10 und damit gut zufrieden? Das ist aber auch ein bisschen wenig. – Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Jeder und leider auch jede fühlen sich gerade berufen, unser mittelaltes Frauenleben permanent zu kommentieren.

Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich weiß nur, es stört mich. Es ist indiskret, unhöflich, übergriffig, chauvinistisch. Es ist grob und peinlich. Und ich glaube, die Frauenaufgabe meiner Generation ist so schlicht wie nahezu unlösbar. Sie lautet: Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sich immer wieder sagen, dass dieses ganze Gerede eben nur das ist – Gerede. Kein Grund, nervös zu werden. Aber ein guter Grund, für sich und andere nicht zu schweigen. Die Antwort auf jeden einzelnen Kommentar lautet: Das geht Sie nichts an. Das ist mein Leben.