Worlds apart oder: Das Internet als solches

Es ist hier immer mal die Rede vom digitalen Anschlussbedarf. Netze ausbauen, Zugänge schaffen, sich dem Thema stellen. Furchtlos dieser Herausforderung entgegentreten. Entschlossenheit und Maßnahmen sind gefragt. Aufklärung!

Beschäftigen Sie sich mal mit diesem Internet, Frau Bergmann. Es ist wichtig. Es ist im Moment Vierpunktnull. Internet Vierpunktnull, die ganze Welt spricht schon davon.

– Welche Welt?

Na ja, die Unternehmer. Sie wissen schon, die aus der freien Wirtschaft. Vierpunktnull.

– Und was ich hier mache, das ist keine Wirtschaft? Unfreie Wirtschaft?

Kultur ist das, Frau Bergmann. Sie sind ja so eine sogenannte Kreative. Wobei, das fällt mir gerade ein. Die sind ja viel in diesem Internet. Wie nennt sich das bei Ihnen?

– Vierpunktnull?

Sie nehmen mich nicht ernst, ich merke das.

– Gleichfalls.

Hm. Nein, das kann man so nicht sagen. Sie müssen auch mal meinen Standpunkt verstehen. Ich geb mir hier wirklich alle Mühe. Und Sie machen sich darüber lustig. Öffentlich.

– Allenfalls im Internet.

Dann will ich mal nicht so sein. Zurück zum Thema. Sie müssen sich, wie ich mehrfach sagte, unbedingt mit diesem Internet beschäftigen. Das ist die Zukunft. Sie mit Ihrem Einzelhandel, ich würde weinen, wenn ich Sie wäre.

– Sind Sie ja nicht.

Jetzt geht das schon wieder los. Ich will mich hier wirklich mit Ihnen unterhalten, ernsthaft. Und Sie tun so, als hätten Sie schon Ahnung von diesem Internet.

– Ich kenn mich in der digitalen Öffentlichkeit ganz gut aus.

Ja. Sie klüngeln immer mit dem Haller Kreisblatt rum. Was die alles über Sie berichten. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

– Das hat was mit dem Internet zu tun. Die nutzen das dort auch.

Ist nicht wahr. Wewewe Haller Kreisblatt?

– Nö, eher Social Media. Die sind zum Beispiel auf Facebook unterwegs, neuerdings auch bei Instagram. Und gar nicht schlecht, wenn ich das sagen darf. Irgendwer hat sich da sinnvolle Gedanken gemacht.

Frau Bergmann. Bleiben Sie bei der Sache. Wie waren beim Internet gewesen, und jetzt kommen Sie schon wieder mit was anderem. Social Media, hahaha. Ich nenn das Fatzebook. Wer da seine Zeit verplempert, der hat doch den Schuss nicht gehört. Der hat zuviel Zeit. Ihr habt alle zuviel Zeit, Ihr Kulturellen. Sie und diese Lokalreporter.

– Ich müsste jetzt dringend schreiben.

Für dieses Internet? Hahaha, nee, bestimmt für das Haller Kreisblatt. Sie schreiben Ihre eigene Werbung. Ich hab Sie durchschaut.

– Nö. Für ein Printmagazin, bei den Buchhändlern. Das Internet als Selbstverständlichkeit. Ich erkläre, warum ich meine, Internet funktioniert für Einzelhändler und überhaupt für Unternehmer intuitiv – oder gar nicht. Internet funktioniert nur, wenn man es als Teil der Realität akzeptiert. Dann aber bietet es faire Chancen,  auch für kleine Unternehmer in der Provinz. Die Investitionen für Sichtbarkeit im Netz sind nämlich in Geldbeträgen überschaubar. Man kann seine Ideen selbst umsetzen, indem man Zeit investiert. Die kostet erstmal nichts. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss morgen 3 000 Zeichen abliefern. Dann reden wir weiter.

Immer diese kulturellen Kreativen. Ich lass Sie mal in Ruhe. Aber nicht, dass das wieder heißt, Sie seien nicht dabei gewesen. Man habe Sie nicht gefragt. Vierpunktnull. Ich sag nur, Vierpunktnull. Bis die Tage, Frau Kollegin.

 

 

 

 

Glitzermütze

Vierter Adventssamstag. Ich kam nach Hause, es war früher Nachmittag, und sie hatten schon dreimal angerufen.

Wo bleibst Du denn? Wir müssen Geschenke kaufen!

– Seid froh, dass der Buchladen nur bis mittags geöffnet hat. Überall anders ist langer Samstag.

Mittags ist ewig vorbei. Und wir müssen jetzt wirklich Geschenke kaufen. Dringend!

Wir, das bedeutete: Personen in diesem Haushalt. Einzelne von uns, zwei, manchmal alle drei. Aber eher er und ich. Sie blieb daheim.

Seid mir nicht böse, sagte sie. Ich hab soviel zu tun. Ich würde sehr gern mitfahren, aber die Arbeit hält mich auf. Ich kann das nicht verantworten.

Mitunter dachte ich, Schabernack. Sie spricht mir nach, um mich zu ärgern. Arbeit, die einen aufhält, das ist doch Floskeldeutsch. Aber für sie: Schützende Arbeit. Die man vorschützt, um zu Hause zu bleiben. Weil man da geborgen ist, sicher. Bewahrt vor schrägen Blicken, wenn man die Zeiten durcheinander wirft. Bewahrt, weil man sich bei der Speisekarte helfen lässt.

Ich bestelle, was Du nimmst. Du hast einen guten Geschmack.

– Ok. Ich bring dir Käsekuchen mit.

Prima. Und überschlagt euch nicht. Ich habe viel zu tun.

Wir kauften reichlich Geschenke an diesem vierten Advent, Geschenke für alle, die wir mochten. Bunte Tücher, schöne Becher. Ich kaufte für meine Mutter eine Filzstola und für die kleine Nichte eine Krippe aus Holz. Ich suchte für ihn eine Brille aus – helles Blau, Eisblau, es passte genau zu seinen Augen. Und für sie kauften wir eine Glitzermütze. Weiche Wolle, innen Fleece. Durchwirkt von Silberfäden. Sie würde leuchten, wenn sie im Dunkeln durch die Felder ging. Sie wäre sichtbar, und ich hätte diese Sorge los.

– Gib es ihr nicht sofort, das Päckchen. Lass es erstmal liegen. Sie muss sich dran gewöhnen.

Ich will ihr das aber sofort geben, sagte er. Sie muss heute Abend beschützt werden. Auf der Stelle. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Er sauste an mir vorbei, die Einfahrt herunter ins Haus hinein. Ich musste den Kofferraum leerräumen, die Tüten aufnehmen. Ich folgte ihm ein paar Minuten später.

Am Küchentisch die Szene, die ich hatte vermeiden wollen. Sie in großer Freude, oh, schönes Papier. Ein Aufkleber. Und Schleifchen. Er mit der Glitzermütze auf dem Kopf. Hässlich, hatte sie gesagt. Natürlich sehr hässlich. Setz die selber auf, die hässliche, komische Mütze. Aber schönes Papier. Das verwahre ich.

– Sie wird die Mütze lieben, sagte ich. In zwei, drei Tagen. Nach Annäherung.

Und dachte, nach zweiundvierzig Jahren könntest Du durchschauen, dass sie mit dir spielt. Glaub doch nicht, dass sie auf Knopfdruck reagiert. Aber er war schon davon gegangen, er spielte Weihnachtslieder am Klavier. Sie faltete das Papier, legte die Schleife beiseite und stellte sich daneben.

Schön, sagte sie. Ich habe einen erlesenen Geschmack. Sonst hätte ich dir nicht so eine schöne Mütze ausgesucht. Er seufzte und spielte. Ich schickte ein stilles Gebet. Liebes Christkind. Lass es bitte so bleiben. Noch viele Jahre.

Achteinhalb Monate später war er tot. An Krebs gestorben. Wenn das gehen mag, einigermaßen undramatisch. Die Glitzermütze hatte uns begleitet. Sie störte Röntgenaufnahmen, behinderte die Kernspintomographie. Glitzer, glitzer. Sie war im Krankenhaus dabei, im Hochsommer. Meistens auf dem Kopf, nie außer Reichweite. Das musste so sein. Sie braucht das, sagte er. Vertrau ihr, dass sie sich zu verstehen gibt.

– Hier, Herr Doktor. Sehr schöne Mütze. Ich hab die für ihn ausgesucht. Ich hatte schon immer einen guten Geschmack. Auch bei Männern.

Lass sie, sagte er. Lass sie glitzern, über meinen Tod hinaus. Sie hat das Recht, anständig behandelt zu werden.

– Und mit Glitzer!

Sie hat ihm die Glitzermütze in den Sarg gelegt. Sie hat dem Totengräber gesagt, junger Mann, die Mütze muss mit. Aber ich bleibe hier. Ich hab noch was zu tun.

Heute fragt sie mich manchmal:

– Du. Könnten wir wohl bei diesem Friedhof vorbeifahren? Ich wollte überprüfen, ob man die Glitzermütze sieht.

Ja, sage ich. Ich meine, in Vollmondnächten kurz nach zwei Uhr morgens glitzert sie.

– Ok. Das beruhigt mich. Ich schreibe mir das auf.

Sie nimmt ein Notizbuch, sucht den Schminkstift, befeuchtet ihn mit Spucke, schreibt:

Prüfen, ob erledigt. Und setzt ein Häkchen dran.

– Wir haben das gut gemacht, wir beide. Komm, wir essen Käsekuchen.

Wenn es schöne Trauer gibt, dann wohl die mit Käsekuchen. In dem Wissen, dass sie weiter glitzert. Und dass er weiß, sie kommt zu ihrem Recht. Sie wird anständig behandelt. Nicht von allen, beileibe nicht. Aber von mir und denen, die auch finden, Glitzer muss man haben. In jedem Lebensalter.

 

 

 

 

Beliebiger Dienstag

Als ich um 9 Uhr in die Buchhandlung kam, sagte Facebook: Da ist was los. Da hat dich einer erwähnt, wohl nicht positiv, denn es hagelt Kommentare. Kritik klickt gut, Häme noch besser. Nolens volens war ich anstößig geworden in einem notorischen Bereich. Buchblogger gekränkt. Das ist ein Verstoß, den man sich besser an einem verregneten Wochenende als zu normalen Arbeitszeiten leistet. Ich habe zwischen 9 und 10 ein paar Reaktionen gekontert. Dann habe ich:

Kunden bedient. Das Telefon beantwortet. Rechnungen geschrieben, Rechnungen bezahlt, Briefe konzipiert, an einem Manuskript gearbeitet, der kleinen Oma Mittagessen gemacht, weitere Kunden bedient, mit der IHK telefoniert, mit dem Haller Kreisblatt geredet, Kollegen im Einzelhandel gemailt, dass wir jetzt wirklich mal in die Gänge kommen müssen mit unserem Manufaktur-Konzept.

Wie, was, Manufaktur?

– Ich hab dir das schon x mal lang und breit erzählt. Euch allen. Es geht darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Qualifizierte Dienstleistungen, starke Marken.

Du hast zuviel Zeit. Als ob man mit Konzepten auch nur einen Cent verdient.

– Konzeptlosigkeit ist keine Lösung.

Du nervst.

– Ich kann das auch alleine machen. Kein Problem.

Das war nur Spaß. Ich bin dabei. Du machst das schon. Also mach jetzt. Wann ist das fertig? Dieses sogenannte Konzept?

– Ich muss mich gerade mit Buchbloggern raufen.

Auf keinen Fall! Wir haben hier dieses, äh, Konzept. Wir müssen sofort damit anfangen, das ist wichtig, der Einzelhandel liegt darnieder. Wo sind die, diese Blogger?

– Im Internet. Oder in Berlin oder beides.

Weit weg! Egal! Los, wir brauchen Postkarten und Aufkleber und eine Sonntagsöffnung und Gummibärchen. Und einen Malwettbewerb mit den Kindergärten, und wehe, Du legst dich schon wieder mit den Vereinen an. Vereine sind wichtige Kunden, besonders der Schützenverein und der Männergesangsverein.

– Blogger sind auch wichtig. Die sind in meiner Branche nicht unerheblich. Eine neue Form von Literaturkritik. Ich finde das interessant.

Ich nicht! Kugelschreiber. Keine Kekse mit Facebook-Daumen. Das ist nur wieder was aus diesem Internet. Das hat bestimmt so ein sogenannter Blogger erfunden.

– Nein, Anita Freitag-Meyer. Die verkauft mit viralem Marketing tonnenweise Gebäck. Facebook, Keksblog, Instagram. Die hat zum Beispiel Einhornplätzchen mit Glitzer.

Du spinnst.

Es ist jetzt kurz vor halb sieben. Ich habe den ganzen Tag geredet, einen normalen Dienstagsumsatz erwirtschaftet, das Manuskript zu 85 Prozent durchgesehen, fast alle Einzelhändlerkollegen für heute davon überzeugt, dass dieses Internet nicht nur des Teufels ist. Zumindest bis morgen. Sportives Vergessen ist ein Hobby von Personen, die mal testen wollten, ob sich Leute mit solchen sogenannten Bücherläden ärgern lassen.

Also, nein. Ich lass mich nicht ärgern. Jedenfalls nicht auf der Straße in Borgholzhausen. Und auch eher nicht von Botschaften aus fernen Welten. Ich meine nämlich, es gibt keinen Konflikt zwischen Bucheinzelhändlern und digitaler Literaturkritik. Ich meine, Personen, die im Einzelhandel den ganzen Tag von Menschen umgeben sind, wissen aus eben dieser Erfahrung, was ihre Kunden wollen. Bestimmte Bücher, andere nicht. Eher Bücher, die mir gefallen als die Favoriten ihnen unbekannter Influencer. Und was ich selbst gern lese, interessiert die meisten Kunden auch nicht absolut. Sie nehmen das ernst, weil ich diejenige bin, die sich die Werbesprüche und Postkarten und Veranstaltungen ausdenkt. Wie sich das gehört im Bücherladen.

Jetzt fahr ich schnell nach Hause, denn morgen früh um 9 geht es hier weiter. Einzelhandelsstrukturwandelmanufakturüberlegungen. Und Kriminalromane, Bleistifte, Leuchtflummis und kleine Geschichten zum Vorlesen für zwischendurch.

Ein schöner Arbeitsalltag. Aber weit weg vom Buchbloggerbetrieb.

 

 

 

So ein schöner Sommer

Sommer ist eine schöne Jahreszeit. Es ist warm, die Sonne scheint, die Menschen haben gute Laune. Und auch noch Urlaub. Sie müssen also durch die Gegend reisen und erleben, was sie anschließend berichten. Vorrat für den Alltag. Ich schau mir das seit Jahren an, und es gefällt mir. Mein guter Sommer geht nämlich so:

Ich arbeite, weil alle anderen Urlaub machen. Ich streite mich nicht um Freizeit – schon gar nicht, seit ich Chef bin. Ich arbeite also in dieser schönen Sommerkulisse. Die Buchhandlung ist hell und freundlich, die Eisdiele nicht weit, und Ferienlektüre verkauf ich gern. Man hört aus dem Freibad Kinderjuchzen, hin und wieder wandert jemand auf dem Hermannsweg vorbei, gelegentlich haben wir selbst Besuch.

Die kleine Oma arbeitet natürlich auch. Sie erledigt Verrichtungen und erzählt mir abends davon. Ich trage ihr dafür Tageskassen, Rechnungsnummern und dergleichen vor. Wobei sie die dritte Kategorie am besten findet, denn dazu gehören meine Texte. Artikel, Essays, Buchanfänge. Ich lese ihr vor, was ich geschrieben habe, und sie sagt – gefällt mir. Oder – langweilig! Wo ist der Humor? Ich bin doch kein Witzbuchautor, wende ich ein. Und sie – Autorin! Gewöhn dir endlich an, dass Du Bücherschreiberin und Feministin bin. Wie Du an mir siehst, ist das nicht schwer. Ich schau sie also an und freue mich, dass wir diesen Sommer und bestimmt noch viele vor uns haben.

 

 

Katastrophentourismus im Einzelhandel

Es fällt mir gerade ein: Ich bin ja schon fast sieben Jahre hier. Sieben Jahre Buchhandlung in Borgholzhausen, davon drei Jahre mit Verlag. Das ist gar nicht so wenig Zeit, das ist die längste Berufstätigkeit, und meine liebste sowieso. Es soll so bleiben.

Was hat sich verändert, fragt das Haller Kreisblatt. Och, sage ich. Nicht so viel. Doch, sagt das Haller Kreisblatt, der ganze Einzelhandel liegt darnieder. Schlimm. Schauen Sie mal – Sonderseite Leerstand in Halle. Machen wir demnächst auch mal für Borgholzhausen. Versmold hatten wir schon. Ha, sage ich. Dann gibt’s aber hunderttausendprozentig keine Anzeigen mehr von mir. Ich fördere nicht den Abgesang auf mein Gewerbe. Nicht mal mit 85 Euro netto auf so einer Sammelseite. Vergesst es einfach. Ok, sagt das Haller Kreisblatt, das ist natürlich logisch.

Wie gesagt, hier hat sich nicht viel verändert. Es ist etwas zu voll, ein bisschen unordentlich, ich habe irgendwann andere Lampen gekauft, verschiedene Computer, und nächstens brauchen wir neuen Fußboden. Aber wenn sich der Einzelhandel insgesamt verändert, ist Konstanz beinahe irritierend. Verwirrend. An der Exegese der Verwirrung, an ihrer Perpetuierung durch immer neue Girlanden voller Düsternis sind Kunden wesentlich beteiligt. Es scheint so ein menschliches Grundbedürfnis zu sein – Die Freude an Niedergang und Spektakel, der sanfte Grusel angesichts von Problemen, die man selbst nicht hat.

Ein schönes Beispiel: Die Eisdiele in Borgholzhausen öffnete dieses Jahr spät. Recherchen: Wohin sind die abgehauen, Frau Bergmann? Kann man wohl die Möbel aus der Insolvenz ersteigern? Das kommt davon, dass man meint, wir lassen uns hier das Geld aus der Tasche ziehen. Das meinen Sie doch auch, Frau Bergmann? Nee. Ich wusste, die haben ein Baby bekommen. Die öffnen halt etwas später wegen ihres Säuglings. Ich habe nichts gesagt, aber ich hab mich so gefreut über all die dummen Gesichter, über die Schreckensgeier, die sich – Leute sind zielsicher stillos – auf der Eiscafé-Terrasse von Unkerei erholen, die sie selber angestiftet haben.

Ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie schwer Einzelhändler heute arbeiten. In ihrem Job, in ihrem eigenen Gewerk, mal mehr, mal weniger. Da gibt es auch Herausforderungen; notorisch misstrauische Banken sind zu nennen, die müßigen Diskussionen mit super selbstbewussten Endverbrauchern. Aber das ist alles Teil des Jobs, das weiß man vorher oder lernt es irgendwann.

Die Härte, der wir gerade ausgesetzt sind und die mich ärgert, maßlos ärgert: Öffentlicher Katastrophismus. Alle wissen angeblich, wie es geht, woran es liegt. Jeder hat seine Meinung und dreimal Recht. Aber sie reden, die Verwaltungsleute, Politiker, Journalisten und all die vielen Leute auf der Straße, von Zuständen, die sie nicht übersehen. Die allermeisten sagen, befragt, warum sie nicht selbst im Einzelhandel tätig sind: Liebe Frau Bergmann. Die Arbeitszeiten. Und immer dieses Risiko. Das muss ja jeder selber wissen, aber wenn Sie mich fragen.

Antworten Sie doch mal auf meine Frage, sage ich dann gern. Ich habe gefragt, warum Sie mich mit Gewissheiten belästigen, die nur scheinbar sind. Sie wollten Ihre Sicherheit, und ich meinen Einzelhandel. Ich schlage eine Gegenumfrage vor: Burnout-Risiko in Großraumbüros. Haltungsschäden, Herzinfarkt. Da kommt auf jeden Fall was raus, das Ihnen nicht gefällt. Oder auch Boreout. Vielleicht ist der Katastrophismus, die Freude am Scheitern fremder Leute, auch nur eine Spielart von Langeweile. Krankhafte Langeweile macht boshaft und irgendwann krank. Ich war in sieben Jahren in Borgholzhausen insgesamt fünf Tage krank. Dreimal Stimme weg, zweimal Magen verdorben. Spricht für den Job.

Lass dir nichts gefallen

Reluctant feminist. Die Feministin, die keine sein wollte. Ich war ziemlich lange der Meinung, Feminismus ist irgendwas mit Alice Schwarzer oder Aufsichtsrätinnen oder Kindergartenplätzen. Feminismus ist entweder abstrakt oder von meiner Lebenswelt weit weg. Ich habe einmal gelesen, in Deutschland kann man sehr gut keine Kinder oder viele Kinder haben, alles dazwischen ist mühsam. Das finde ich, wiederum abstrakt, wenn auch betrüblich, so doch einleuchtend.

Um es ganz kurz zu sagen: Ich streite nicht über Selbstverständlichkeiten. Und Frauenrechte sind selbstverständlich. Nur: Frauenrechte sind zwar für mich selbstverständlich, aber deswegen noch lange nicht für alle. Ich verteidige sie – und mich – viel zu oft, um übersehen zu können: Hier läuft was schief. Hier ist, noch immer, ganz grundsätzlich etwas nicht in Ordnung. Programmierfehler einer Gesellschaft. Beliebige Beispiele:

Frau Bergmann, wie hießen Sie vor der Ehe? – Auch Bergmann. Antwort: Hä? Also, dann haben Sie Ihren Namen behalten. – Nein. Antwort: Versteh ich nicht. – Geht Sie nichts an. Antwort: Aber jetzt weiß ich immer noch nicht, ob Sie verheiratet sind. – Ist das wichtig, um ein Buch zu kaufen?

Junge Frau, ich sag mal Fräulein Bergmann zu Ihnen. – Das möchte ich nicht. Antwort: Soll ich Jungfrau Bergmann sagen? – Sie sollen bitte künftig bei Amazon einkaufen. Antwort: Das geht nicht. Ich unterstütze Sie doch. – Jetzt nicht mehr.

Dass Sie die Haare so kurz tragen. Das gefällt mir nicht. – Und ich finde, Sie sind zu fett. Antwort: Also, das ist jetzt aber eine sehr persönliche Bemerkung. – Sie kommentieren meine Frisur, und ich sag was zu Ihrem Leibesumfang. Wo ist das Problem? Antwort: Boah, ich finde Sie eigentlich nett. Aber Sie sind viel zu feministisch.

Das Problem ist also, die Regeln für Nähe und Distanz stellt der auf, der über Frauen spricht. Das kann ein Mann, muss aber kein Mann sein. Auch Frauen können über Frauen sehr respektlos sprechen. Der Körper der Frau ist Gesprächsstoff, wo er das nicht sein sollte. Ich meine damit explizit nicht Kleidung. Mode und ihre Spielarten, auch die Verweigerung von Mode, das sind Oberflächen. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob jemand sagt, schöner Pullover. Das ist ein Kompliment. Oder jemand sagt, hm, also der Pullover verhüllt ja nun gar nicht, dass Sie um die Mitte zugelegt haben. Das ist eine Anmaßung.

Und dann, weiters, was soll dieses Gerede von den körperlichen Defiziten in den intellektuellen Berufen? Die Wertschöpfung in dieser Firma entsteht durch Kopfarbeit. Dass ich meine Kopfarbeit besser verkaufe, wenn ich mir die Haare wasche, geschenkt. Aber alles andere, der Körper, die körperlichen und die seelischen Verhältnisse: Was schert’s die Leute?

Ich meine, das erste Recht jeder Frau ist es, Distanzlosigkeiten dieser und aller Art zurückzuweisen. Höflich, aber deutlich. Beschimpfen bringt nichts, das macht nur angreifbar. Aber immer wieder, immer neu: Grenzen aufzeigen.

Lass dir nichts gefallen, sage ich allen Frauen, die bei uns arbeiten. Ich kann es nicht ändern, dass die Leute reden, wie sie sind. Aber gib ihnen die Antworten, die sie verdienen. Höflich, deutlich, ohne Scheu. Feminismus ist leider immer noch (auch) die Verteidigung des Selbstverständlichen. Deswegen bin ich Feministin. Obwohl ich Alice Schwarzer bescheuert finde. Obwohl ich meine, es gibt wichtigere Probleme als Aufsichtsrätinnen in Dax-Konzernen. Und auch, obwohl ich meine, die Arbeitswelt sollte von der Arbeitswelt ausgehend die Kindergartenplätze organisieren und nicht umgekehrt. Wie gesagt, ich bin die Feministin, die sich schwer tut. Bis auf diesen einen Punkt:

Lass dir nichts gefallen.

So ein bisschen (Stalking)

Ich habe in der Buchhandlung Kunden, die mich so ein bisschen unterstützen. Sie schneiden Zeitungsartikel aus. Sie bringen ein Glas Marmelade, zu meinem Geburtstag Blumen, sie tragen mir zu, wenn ein Dritter Unsinn redet. Ach, sagen sie. Der ist nur neidisch. Den mag halt keiner, und wir mögen dich, und deswegen ist der jetzt beleidigt. Ist doch lustig. Ich bin meistens geneigt, das auch lustig zu finden. Ich bin aber vor allem gerührt über Kunden, die mich, siehe oben, so ein bisschen unterstützen. Vielleicht ist das der Preis des öffentlichen Lebens. Man ist so ein bisschen unter Beobachtung. Aber im Guten. Wir passen auf dich auf.

In meinem privaten Leben habe ich das nicht so gern. Da gibt es nichts zu verbergen, deswegen nicht. Aber privat ist privat. Ich bin an sechs Tagen in der Woche öffentlich. Ich habe fünf Telefone und etliche Digitalkanäle. Das ist mein Job, das ist in Ordnung. Gerade deswegen ist bei mir zu Hause – nichts. Ruhe, Stille, Garten. Telefonnummer vierstellig, kein Fernseher, viele Bücher, eine Oma. Und die war jetzt das Problem. Andere Frauen in meinem Alter haben Kinder, ich habe eine Oma zu versorgen. Ihre Welt ist klein geworden, wie das so ist mit 82 3/4 Jahren. Meine ist nach Feierabend absichtlich klein. Ich will dann Kartoffeln schälen, Grießbrei kochen, eine Geschichte vorlesen. Manchmal zwei, mitunter drei. Eine Idylle, die wir beide brauchen.

Das Problem dabei, ich kann es nur beschreiben. Es ist mir fern. Es scheint von diesem bisschen Sozialkontrolle herzurühren, das man als Provinzbuchhändler gern aushält. Das aber im Privaten lästig ist. In unsere private kleine Welt sind jetzt Leute eingedrungen, die ich so ein bisschen kannte. Weil sie in der Nähe wohnen. Weil sie schon immer dazu neigten, sich recht viel um das zu kümmern, was jenseits ihres Jägerzauns passiert. Als hätten sie den nicht eigens aufgestellt, um ihre Weltsicht anzuzeigen. Jägerzaun, Metapher der Einschränkung. Mit Kant: Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Mit den Nachbarn: Aufklärung ist die Alarmierung des Sozialamts wegen Verwahrlosung der Oma. Sie bekommt nichts zu essen, sie hat es schlecht, sie leidet. Sie ist mir ausgesetzt, weil ich ruchlos bin, wie man auch weiß, weil ich – so ein bisschen. Ich bin so ein bisschen anders als diese Leute. Ich habe Abitur, einen Beruf, ich habe mein Auskommen. Ich war in dieser sogenannten Universität, und nicht nur ein bisschen. Ich bin eine Kampfansage für Menschen mit Jägerzaun im Kopf. Das war schon immer so, daran bin ich gewöhnt. Nur: Ich habe jetzt eine Oma in meinem Leben. Geerbt von einem, der sie so sehr geliebt hat wie mich (und ich ihn). Er hat sie mir vererbt, dass ich sie hüte. Es geht da nicht um Geld. Es geht um Liebe.

Ich bin böse, wütend und beleidigt, dass diese schlimmen Menschen ihren stümperhaften Neid, ihr schlichtes Wesen, all den Argwohn, der Dummheit nun mal innewohnt, dass sie das alles an einer netten kleinen Oma auslassen. Die schwächere Person in meinem Leben, das sie mir vielleicht neiden, das sie aber eindeutig nicht verstehen. Dass sie uns observieren, dass sie aufschreiben und verbreiten, wann und was wir essen, wann wir schlafen, wen wir sehen. Das ist nicht nur so ein bisschen übergriffig, das ist Stalking. Und dagegen wehre ich mich jetzt.