Buchhandel und Literaturkritik

Als ich sehr jung war, also vor einiger Zeit, lebte noch ein alter Mann mit kahlem Kopf. Er wurde gern parodiert; gefühlt jeder zweite männliche Leser wusste ihn zu wiederholen. Was er empfahl, kauften trotzdem alle. Ich erinnere mich an einen Samstag im Dezember 1995, als die Kunden den Schuber gebrauchten. Sie wissen schon, dieser Schuber. Wusste ich nicht. Ich war sechzehn, Schüleraushilfe in einem Bücherladen innerhalb von Fachwerk. Ich erinnere mich, dass ich an dem Tag einen roten Pullover trug, für die Kulisse eigentlich zu warm. Vielleicht trüge ich ihn heute als Kleid; so ein roter Pullover war das. Der Buchhändler war in Breitcord, seine Katze lag auf der Schreibmaschine. Diese Art von Geschäft.

Und der Schuber? Falsch, es war keiner. Es handelte sich, technisch gesprochen, um eine Kassette mit der mehrbändigen Teilausgabe der Tagebücher eines Romanisten aus dem Land, das es nun auch nicht mehr gab. DDR. Victor Klemperer, seines Zeichens Wissenschaftler mit dem Fachgebiet „französische Literatur“, Spezialität: 18. Jahrhundert (Aufklärung). Victor Klemperer war zu dem Zeitpunkt 35 Jahre tot. Was er zu Lebzeiten an Universitäten des Kaiserreichs, der kurzen Republik und dann des roten Staats gelehrt und geschrieben, wo er sich verborgen gehalten, wie er darüber Zeugnis gegeben hatte, was ihm als Jude unter dem Nationalsozialismus widerfahren war – das alles wusste ich als Schüleraushilfe von sechzehn Jahren absolut nicht. Woher auch?

Ich wusste: A. Die Kassette kostet 98 Mark. B. Der Typ in Cord findet gut, wenn ich hundert Mark Umsatz mache. C. Wenn der andere Typ es empfiehlt, ist es bestimmt nicht schlecht. Ich kann anstelle dieses Dings, das mir erstmal nichts sagt, auch zwei Fotobände über Hirsche verkaufen. Damit erreiche ich A. und B. ebenfalls. Vielleicht ist B. sogar heiterer und gibt mir fünf Mark Prämie, denn er hat viele Hirsche, Rehe, Welt- und Seekarten zu hohen Preisen vorrätig. Der will gar nicht mal unbedingt, dass ich diesen Schuber, äh, die Kassette anbiete. Die muss er ja bestellen. Ich mache das natürlich extra; dafür bin ich sechzehn und trage diesen roten Pullover. Mit C. werde ich mich später beschäftigen. Dreimal Klemperer an diesem Samstag, zwei am Dienstag danach (montags keine Ware vom Barsortiment). Der Cordmann ist zufrieden und schenkt mir einen Roman von Eva Ibbotson. Die passende Lektüre für ein, Zitat, junges Mädchen. Ich hätte eigentlich gern den Schuber, äh, die Kassette, aber das versteht der nicht.

Die Zeit ging darüber weg, es wurde 1996, 97, die Zeit ging weiter, der wirklich sehr alte Mann mit dem kahlen Kopf schrieb ein berührendes Buch der Liebe in Zeiten des Genozids und wurde mir, aus diesem und anderen Gründen, als Beschreibender von Texten angenehm geläufig. Brauchte ich Ordnung für das, was ich gerade las, schlug ich bei ihm nach. Da er sehr, sehr alt wurde und echt wichtig war, ließen Ausgaben nicht auf sich warten. Gesammelte Rezensionen, sowas. Essays, Aufsätze, eine Geschichte der deutschen Literatur in zwei Bänden. Ich las das alles: Erst gierig, dann besonnen. War anfangs ständig beeindruckt, später nur manchmal. Fand den Kritiker oft klug, aber manchmal scharf und zu scharf. Las es alles, hatte das Fachwerk mit der Katze lange hinter mir gelassen, übrigens auch Klemperer irgendwann: Einen gescheiten Schreiber und präzisen Chronisten, den ich brauchte, um Voltaire zu finden.

Jetzt ist 2019, wir haben inzwischen Internet und Facebook und Blogs. Es gibt immer noch Buchläden, und Cord ist sogar wieder in Mode. Mir fällt aber gerade ein, als ich dies schreibe, dass der Buchhändler von damals nie auf die Idee gekommen wäre, ein Urteil über Literatur zu äußern. Der freute sich immer nur über 98 Mark Umsatz. Wenn es sich dabei um Literatur handelte, hatte er nichts dagegen. Kritik war eine nützliche und anerkannte Größe, der wir uns fügten: Der Cordbuchhändler, die Katze und ich. Niemand kam auf die Idee, uns in eine Jury zu berufen. Und ich finde das bis heute gut.

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Zu ihm zurück

Manchmal stelle ich mir vor, ich rufe Heinrich an. „Du bist jetzt länger tot, als ich dich überhaupt nur kannte“, würde ich sagen.

„Kein Problem“, wären seine Worte. „Es waren tausend gute Tage. Leider keine Primzahl, Tausend.“ „Martha geht es gut“, würde ich berichten. „Sie ist nicht besonders durcheinander, sie ist auch frech wie eh und je.“ „Ich wusste das“, könnte er antworten, „ich wusste, dass ihr zueinander passt. Wenn ich überhaupt etwas auszusetzen hätte: Sie kennt dich noch soviel länger, jetzt schon tausend und viele Tage. Ich könnte eifersüchtig sein.“ „Oh bitte“, würde ich einwenden, „erspar mir das. Ich hatte deinetwegen ohnehin viel Ärger.“ „So?“ Ich weiß, er würde an mir vorbeiblicken, sich davonwinden. Er wusste, als er starb, dass er Ungeklärtes hinterließ. Krimskrams hier, verletzte Eitelkeiten da. Heinrich hatte in seinem langen Leben manches nicht ordentlich beendet, hatte sich oft entzogen oder herausgekauft. Das war mir klar; ich kannte ihn sehr gut. Ich kannte nur diese ganzen Personen nicht, die – zurecht oder nicht – meinten, sie hätten Hoheit über ihn. Sie sorgten dafür, dass ich sie kennen lernte: Freundliche Briefe hier, Episoden da. Aber auch die, die ihn hassten. Ich verstehe bis heute nicht, wie ein einzelner Mensch soviel Ungemach, soviel Verdruss, eine derartige Menge unausgegorener Gefühle auslösen kann. Das ist wohl nicht nur einer; ich bin es auch. Ich bin die, der es gelungen ist, mit diesem schwierigen, herrlichen Menschen glücklich zu sein. Dass Glück zu Hass führt, bei denen, wo es misslang – ist das normal? Zwangsläufig? Muss das so sein? Ich habe dazu keine Meinung, ich habe auch vermieden, mit Hass auf Hass zu reagieren. Es führt zu nichts.

„Heinrich“, könnte ich sagen, „du, Heinrich. Und ich habe ein Buch geschrieben. Über Martha, dich und mich. Es ist mir, glaube ich, ganz gut gelungen. Die Leser mögen es. Ich war damit im Radio und im Fernsehen, ich lese daraus vor. Womöglich bin ich jetzt eine Schriftstellerin.“ „Ich wusste es“, höre ich Heinrich, „ich wusste das von Anfang an.“ Er würde sich unterbrechen, ein Hustenbonbon auswickeln, „du wolltest es ja nur nicht hören.“ „Ich bin einfach nicht so eitel wie du“, wäre meine Antwort. „Wenn es den Leuten gefällt, gut, schön. Sonst verkauf ich weiter Taschenbücher.“ „Ich wollte dich aus diesem Dorf herausholen“, müsste er einräumen, „ich fand es unangemessen, zu klein für dich.“ „Nö, ich nicht. Es ist ein freundliches Dorf mit herzlichen Menschen. Und, Heinrich. Die Welt ist nicht besser geworden seit deinem Tod. Die Leute spinnen. Wählen idiotisch, verhalten sich hektisch. Ich sage oft zu Kunden, so geht es nun aber nicht.“ Er ließe mich reden. „Konfuser Zeitgeist“, würde er einwerfen, „ich hab es dir doch gesagt. Da machst du nichts.“ „Nein, stimmt. Also, ich verlasse mein Dorf genau deswegen nicht. Ich fühle mich hier aufgehoben, und man kann tatsächlich sehr gut schreiben. Hinten, im Büro, hinter dem Verkaufsraum.“

„Und mein Sofa?“, könnte er sich erkundigen. „Hm. Eins hab ich weggeworfen, das rote. Ich habe nicht ausgehalten, dass Fremde auf deinem Sofa saßen. Das andere, kleine: Das steht bei Martha. Sie findet es hässlich. Er würde lächeln, sagen: „Also, dann gefällt es ihr. Benutzt ihr eigentlich noch mein Haus? Ich habe reden hören, du hättest es verlassen.“ „Nein, nicht so richtig. Ich war eine Weile weg, Gertrud ist mir lästig geworden ist. Es war auch für Martha nicht ganz das richtige. Offenes Feuer, keine Küche. Wir hatten übrigens beide nichts gegen Warmwasser.“

Er hört gut zu, ich sehe es an seinen Fingern. Sie bewegen sich lautlos, wie auf dem Klavier. Bewegen sich im Takt dessen, was ich rede. „Ich gehe aber hin“, sage ich, „jetzt wieder öfter. Einige Bäume müssen gefällt werden, mit dem Brunnen ist auch etwas nicht in Ordnung. Dem Haus merkt man an, dass ich anderes zu erledigen hatte.“ „Das kommt vor“, meint er, „es ist im Leben manchmal so.“ „Ja“, stimme ich zu, wohl merkend, dass ich den Konditional verlassen habe, „aber ich habe neuerdings das Gefühl, ich bin wieder bei dir. Ich glaube, ich habe alles entsorgt. Meinen Schrott und deine Lasten. Ich bin wieder da, wo wir mal waren, Martha, du und ich. Drei ungewöhnliche Personen, die sich die Freiheit nahmen, glücklich zu sein.“ „Gut“, meint Heinrich. „Und wie gesagt, ich wusste, du schaffst es. Jetzt schreibe schnell das nächste Buch und viele mehr. Ich bin immer bei dir.“

BRD

Als ich zum Studieren nach Berlin ging, lernte ich die BRD erst kennen. Dabei war sie zu dem Zeitpunkt schon genauso historisch wie die DDR. Die Republik nannte sich einfach „Deutschland“, und bis zu ihrer ersten Kanzlerin würde es nicht mehr lange dauern. Ich war dreiundzwanzig und hatte zwei Ausbildungen absolviert, beide mit glänzenden Noten. Ich hatte mir vorgenommen, nun lauter Dinge zu tun, die mich interessierten. Berufe hatte ich ja schon, und in diesen Lehrberufen (konkret: Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin IHK und Buchhändlerin mit Schwerpunkt im herstellenden Buchhandel) sollte man immer genug Geld zum Leben verdienen können. So war es, und das stimmt übrigens bis heute.

Ich sagte das in einem Einführungskurs Geschichte an der Humboldt-Universität leicht dahin, ich studiere, weil ich Lust dazu habe. Ich hatte den Satz nicht beendet, da fuhr mir ein Mädchen mit fettigen Haaren dazwischen: „Ein Töchterlein, da sieh mal an. Wohnt wahrscheinlich mit Warmwassser!“ Das Mädchen mit den fettigen Haaren lebte ofenbeheizt und, wie ich, vom BaföG-Höchstsatz. Sie erhielt BaföG, weil sie Halbwaise war und ihre Mutter ABM-Kraft. Ich hatte viele Geschwister. Ich ging, wenn ich etwas haben wollte (Wohnung mit Warmwasser, Wintermantel, Computer, dies, das), arbeiten, und weil ich einen Beruf hatte, wurde das ordentlich bezahlt. Das Mädchen mit den fettigen Haaren behauptete, mit dem BaföG-Höchstsatz auszukommen.

Wir blieben uns ein paar Jahre erhalten, wie sich das in Zusammenhängen eines Studiums manchmal ergibt. Wir waren uns auch nicht unsympathisch, da ähnlich ehrgeizig. Und wir kamen klar, weil wir beide in dem System fremd waren.  Sowas verbindet. „Wasch dir mal die Haare“, sagte ich ihr eines Tages. „Wasch dir die Haare, und ich garantiere, du findest einen Job.“ Sie meckerte, aber weil sie etwas jünger war als ich, folgte sie meinem Rat. Sie wurde sofort irgendetwas bei der Uni, eine ganze Weile vor mir. Sie bekam, weil sie schlau war, einen Job mit fast elf Euro Stundenlohn – und wir reden von Berlin, vor fünfzehn Jahren. Es gab damals keinen Mindestlohn, es gab genügend Studenten, die für fünf Euro kellnerten.

„Hör auf, dich mit den Bürgermädchen zu befreunden“, stänkerte sie. „Du hast kein Klassenbewusstsein.“ Ich dachte ausgiebig darüber nach, ich wusste auch, was sie meinte. Die Insignien des akademischen Bürgertums hatte ich lernen müssen wie sie, und ‚Haare waschen‘ war dabei die leichteste Übung. Das akademische Bürgertum, Abteilung: Töchter, spielte nach Regeln, die mir genauso fremd waren wie einer Halbwaisen aus der ehemaligen DDR. Instrumente, Lektüren, Freizeitgewohnheiten.  Symbolkapital, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen. Aber, Bourdieu gelesen (und verstanden) habend, befolgte ich ihren Rat absolut nicht.

Ich wusste, es gab in der BRD ein tonangebendes Milieu, zu dem ich eindeutig nicht gehörte. Meine Eltern sind keine Akademiker, ich habe als erste nach beiden Seiten Abitur gemacht. Das hat sich inzwischen geändert, ich glaube, alle Geschwister, Cousins und Cousinen haben mehr als zehn Klassen Schule absolviert. Ich weiß es aber wirklich nicht, weil das in der BRD außerhalb dieses zahlenmäßig überschaubaren Milieus des akademischen Bürgertums nicht wichtig war. Ein Beruf war wichtig, ein sogenannter ordentlicher Beruf, der einen durchs Leben trägt – Mädchen wie Jungs. Dass Berufen dies heute nur noch selten gelingt, ist eine Nachwendeerfahrung meiner Generation (West).

Unsere Wende war nicht 1989. Es gab zwischen 2000 und jetzt einen Sicherheitseinbruch, den ich eher nicht wirtschaftlich fassen möchte. Nahezu allen Mitschülern und Kommilitonen geht es heute ökonomisch ordentlich. Aber wir werden in den seltensten Fällen so stabil wie unsere Eltern leben, und das zu akzeptieren, fällt nicht jedem einfach. Dennoch: wir haben fast alle mehr gelernt und die Welt ausgiebiger bereist als die Generation vor uns, auch viel länger darüber nachgedacht, wie wir leben wollen. Wir sind im guten Sinn Kinder der liberalen und großzügigen BRD. Man musste absolut nicht dem akademischem Bürgertum entstammen, um auch das zu haben, was diese Leute für ihre Kinder richtig fanden. Man sollte Sprachen lernen, sich umtun, verschiedene Meinungen gelten lassen, man sollte Arbeit und Muße in ein ordentliches Verhältnis bringen. Diese Leute waren souverän genug, sich eben nicht abzuschotten.

Als es modisch wurde, Didier Eribon zu lesen und sich in seinem schwer erträglichen Klassen-Selbstmitleid zu suhlen, fiel mir das Mädchen mit den fettigen Haaren wieder ein. Ich hatte sie verloren, als ich entschied, einem nichtakademischen Broterwerb nachzugehen. Sie hatte mich bemitleidet, dass ich angestellte Buchhändlerin wurde, während sie promovierte. In der Selbständigkeit begann sich mich zu verachten: Ein Kapitalistin, Ausbeuterin. BRD! Sie hatte es immer gewusst. Immer, immer, immer hätte sie mir angesehen, dass ich mit den von ihr vielfach apostrophierten Bürgermädchen wesentlich mehr gemein hatte als mit ihr – BaföG-Höchstsatz hin oder her. Ich brach den Kontakt ab; ich fand, es stand sie nicht an, über mich zu urteilen, weder als einzelne noch über meine Generation. Sie hatte sich nie bemüht, uns jenseits ihrer Vorurteile kennen zu lernen. Wie unhöflich!

Natürlich habe ich mit den Frauen meiner Generation (West) deutlich mehr gemein als mit anderen sozialen Gruppen, in denen ich mit einem Bein vielleicht auch stehe. Wir haben alle Berufe gelernt, die uns liegen, die unseren Neigungen entsprechen und die normalerweise dazu hinreichen, uns selbst über Wasser zu halten. Uns fehlt meistens der letzte Ehrgeiz, es den Männern unbedingt gleichzutun, sich also um jeden Preis durchzusetzen. Es kommt von wo, dass im Verhältnis recht viele Frauen meiner Generation nur wenig arbeiten, sich vielen anderen Dingen widmen, sich zum Teil leichtfertig versorgen lassen möchten. Das hat aber mit den Geschlechterverhältnissen der Elterngeneration zu tun, nicht mit dem akademischen Bürgertum der BRD. Denn dieses war, anders als die französische Bourgeoisie, eine zugängliche Elite. Wenn man wollte, war man dabei. Dieses Selbstverständnis finde ich, über die ökonomischen Sicherheiten hinaus, enorm stabil. BRD war: Jeder kann dabei sein. DDR war: Jeder muss dabei sein.

Und Deutschland heute? Ich habe dieses Jahr gefühlt nichts anderes gelesen und gehört als Erklärungen des Ostens. Warum sie da so sind, warum der anders ist und warum man ewig Verständnis haben muss für alles mögliche. Unterm Strich: MUSS ist eine grässliche Vokabel. Wenn mir von dem herrlichen BRD-Liberalismus eins geblieben ist, Bürgermädchen (das ich nicht bin) hin oder her, dann die Gewissheit, dass jeder können soll, aber nicht müssen muss.

Ich muss also für AfD-Wähler kein Verständnis haben. Soviel BRD ist in mir drin.

 

 

Abholfach

Das Abholfach ist, technisch betrachtet, ein Regal an unattraktiver Stelle. Hinter der Kasse, in einem Kabäuschen nahebei, ach ja, und in einer der vielen Buchhandlungen vor meiner eigenen hatten sie ihr Abholfach am anderen Ende des Geschäfts. Man musste für die Kunden laufen, im Wortsinn. Geradeaus, linksrum, Achtung, zwei Stufen. Wenige Schritte, dann wieder links, und dann beim Chef vorbei an den Computern. Das Abholfach machte einem dort Mühe. Das sollte aus irgendwelchen Gründen sinnvoll sein, die er aber bis heute keinem verraten hat. Womöglich hatte dieser Chef nur keine Lust, sein Abholfach besonders wichtig zu nehmen. Er fand, eine Vermutung aus der zeitlichen Ferne, sein Sortiment vor Ort gut genug. Diese Bestellerei!

Das Abholfach war immer da, war auch nie unwichtig, aber das Abholfach war früher so etwas wie Graubrot im Buchhandel. War da, tat keinem weh, aß man, um im Bild zu bleiben, mit Margarine und Wurst. Halt so, nichts außer der Reihe. Man hatte viel, was deutlich mehr mundete. Romane auf Türmen, Taschenbücher nach Alphabet, von den Kinderbüchern am üppigsten. Kunst auch, dazu Lexika, Atlanten, man hatte Globen, Bibeln (vergoldet und ohne) und ganz viel Herrliches. Delikatessen: Lachs, Kaviar, erlesene Früchte, mundenden Käse, vom Fleisch nur das Feinste. Man hatte das alles in seiner Buchhandlung, und das Abholfach, na ja. Man muss auch hin und wieder Graubrot essen, um zu wissen, wie gut man es mit allem anderen hat.

Delikatessen kamen von irgendwo, ich bilde mir ein: Vom Zauberboten. Graubrot brachte das Barsortiment. Ich hatte unterwegs gelernt, warum es Barsortiment heißt und nicht einfach: Großhandel. Die Begründung ist historisch, die hat mit Zeiten zu tun, als es noch kein einheitliches Geld in Deutschland gab und der Einzelhandel sich En détail nannte. Selbstbedienung nicht so gern, Präsentation der schönen Ware besser durch geschultes Fachpersonal – etc pp. In die Zeit, als das Barsortiment erfunden wurde, möchte ich nicht zurück. Ich möchte keine Könige und Fürsten, keine Seuchengefahr, geprügelte Kinder und missbrauchte Dienstmädchen. Ich wünsche mir aber die Zeit etwas näher, als das Abholfach irgendein Regal im Laden war und das Barsortiment Großhandelsfunktionen erfüllte. Man bestellte da etwas, das traf ein, der Kunde freute sich über die zügige, für ihn portofreie Belieferung, und wenn es einmal nicht funktionierte, reagierte der Kunde gelassen. Graubrot, nun ja. Da hing die Welt nicht von ab.

Heute scheint die Belieferungsgeschwindigkeit von Graubrot das Hauptkriterium für die Relevanz einer Buchhandlung zu sein. Kunden meinen das häufig. Sie halten mir gern ihr Smartphone unter die Nase, sagen – Amazon hat das aber! Mit Prime ist das morgen früh da! Oder – Ich gebe Ihnen eine Chance. Bei Amazon ist das nämlich gerade nur über den Marketplace zu haben, und wer bin ich denn, dass ich da 3 Euro Porto zahle. Also, ich gebe Ihnen eine Chance. Man unterstützt den Einzelhandel, wo man kann.

Und dann kommt die Einzelhändlerin und sagt: Och nö, schönen Dank. Wir unterhalten hier gern ein Abholfach. Wir bestellen Ihnen dieses oder jenes, übrigens auch immer noch portofrei. Normalerweise klappt es schnell, aber mein Name ist nicht Prime, mein Name ist Bergmann. Mein alter Großhändler hat im Frühjahr eine krachende Insolvenz hingelegt, ich habe mehrere sehr öde Monate damit verbracht, den Einkauf neu zu organisieren. Es war, als müsste ich die Buchhandlung komplett neu einrichten. Ich hatte das nicht vorgesehen, dieses Frühjahr, ich wollte meinen Roman vermarkten und mich darüber freuen, dass die Welt ihn mag. Delikatessen, so war mein Plan. Ich hatte absolut keine Lust auf Graubrot, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als es aufzuessen, bis ich von einem Vorschuss an neuer Stelle Sicherheiten hinterlegen konnte.

Der neue Großhändler beliefert mich zuverlässig, es lässt sich gut an. Aber wie bei allem, was ganz neu ist, muss man sich erst noch gewöhnen. Und dann stehen da wieder Personen mit Smartphone. Das sind die Leute, die selten Guten Tag sagen und Auf Wiedersehen auch wirklich nur, wenn es über Nacht und portofrei geklappt hat. Im anderen Fall gehen sie grußlos. Ich hatte noch nie die Angewohnheit, mir schlechte Manieren unnötig lange, ach was: überhaupt gefallen zu lassen. Ich bin aus genau diesem Grund überhaupt selbständig: Ich muss mir Allüren, Manieren und anderen Zeitgeist-Hokuspokus nicht gefallen lassen, solange ich mir das leisten kann.

Kassensturz: Ich kann. Ich habe in den letzten zwei Jahren drei Bücher geschrieben, eines übersetzt, ich habe Hunderte weiterer Seiten verfasst, ich habe mich als Autorin rentabel gemacht. Ich habe das bestimmt nicht getan, weil mir das blöde Abholfach jemals zu schwer im Magen gelegen hätte. Aber der schöne Effekt all der herrlichen Lektüren, der Bücher-Delikatessen mit geistreichen Menschen: Der wunderbare Effekt davon – Scheiß aufs Abholfach. Wir machen das, so ist es nicht. Aber nicht mehr um jeden Preis, in Abwesenheit von Umgangsformen.

Kuratieren, äh: Aufräumen

Kuratieren ist eine Vokabel, die mir grundsätzlich gefällt: Etwas umständlich, nicht ständig in Gebrauch, klingt auch nach was. Klingt wie Große Weite Welt (GWW) oder intellektuell oder sehr intellektuell. Klingt wie ganz was anderes als Borgholzhausen. Halt so ein Hegewort, das ich mir heimlich aufsage, wenn ich die Pixibücher sortiere. Kuratieren, kuratieren. Klingt anders als: Buchladen aufräumen in Borgholzhausen. Aber Borgholzhausen ist auch nicht GWW. Borgholzhausen ist zu Hause.

Kuratieren, kuratieren kann man sich prima selber predigen, wenn man das Kassenbuch zum siebten Mal neu schreibt, weil man das ja von Hand erledigt. Nicht wegen Borgholzhausen, aber aus Prinzip. Spart siebzig oder hundert Euro Computerkosten im Monat (kuratieren, kuratieren), also noch mehr als der Verzicht auf EC-Cash (kuratieren, kuratieren). Man kann, ich habe es ausprobiert, bei jeder echt profanen Arbeit denken, dass das ja heimlich Kuratieren ist. Oder wenigstens die Vorstufe davon. Prä-Kuratieren.

Das eigentliche Kuratieren, also das, was jetzt neuerdings ganz viele tun, das hat mit GWW zu tun. Sprich, überhaupt nicht mit Borgholzhausen. Prominente kuratieren in Buchhandlungen. Andere auch, und die werden dann später prominent. Eins bedingt das andere. Dritte kuratieren nicht, aber die wissen trotzdem über den Buchhandel Bescheid. Man merkt das an verschiedenen Faktoren, die in Zusammenhang stehen mit GWW und Kuratieren. Ich nicht, denn ich bin ja in Borgholzhausen (kuratieren, kuratieren).

Ich bin einfach in Borgholzhausen und suche aus, was hier in den Regalen steht. Vorher muss ich aufräumen und Staub putzen und den Boden wischen. Leider fällt mir dafür kein Euphemismus ein, nicht einmal so ein ähnlich schönes Wort wie Kuratieren. Arbeit, fällt mir ein. Einzelhandel macht viel Einzelarbeit. Deswegen gibt es davon nicht mehr viel, besonders nicht in GWW. Da müsste der nämlich eine andere Rendite erzielen als hier auf dem Land.

Wo wir nicht kuratieren, sondern die Pixibücher aufräumen. Und wenn wir damit fertig sind, die Postkarten, die Klappkarten, die Lesezeichen, das Taschenbuchalphabet, die Bilderbücher nach Jahren und die Kochbücher nach Farbe. Nein, falsch. Wir kuratieren ja hier nicht. Also Obst zum Obst und Grillwurst ins Fleischfach. Grillen mit Gemüse nach woanders, etwa zu den Vegetariern. Oder Veganern. Oder, oder. Man hat zu tun, wenn man Einzelhandel betreibt. Auch ohne Kuratieren. Unabhängig davon, dass man sich Vokabeln aufsagt wie zum Beispiel kuratieren (kuratieren, kuratieren).

Vielleicht sollte man eher Wochenende, Wochenende sagen. Oder Freibad, Freibad. Spargel, Spargel. Irgendwas von dieser Art, das gar nicht nach GWW klingt. Oder intellektuell oder sehr intellektuell. Sondern einfach nach dem guten Leben. Denn das haben wir hier zweifelsohne. Ein schöner Aberglaube wäre, wenn das nur erhalten bleiben kann, indem man Vokabeln wie kuratieren vermeidet. Denn die klingen nach GWW, und da gibt es gar nicht mehr viel Einzelhandel. Also besser wirklich nicht von kuratieren reden, denken, träumen. Einfach weiter aufräumen. Wenigstens hier auf dem Land.

 

Fernsehzeitung

Die Fernsehzeitung war stets wichtig gewesen. Sie kam immer donnerstags, im Abonnement. Und dann wusste man, was in der übernächsten Woche gesendet werden würde. Man wusste das vermutlich sowieso, aber mit Hilfe der Fernsehzeitung hatte man den Überblick auch schriftlich. Einige Leute kreuzten sich in der Fernsehzeitung etwas an, andere machten sofort das Kreuzworträtsel. Ich bilde mir ein, ich hätte in Sachkunde den Gebrauch der Fernsehzeitung durchgenommen. Aber womöglich bilde ich mir das heute ein, weil das Kinderleben insgesamt war wie die Fernsehzeitung. Jeder hatte denselben Stundenplan, so ungefähr jedenfalls. Grundschule, Mittagessen, Hausaufgaben, nicht fernsehen, irgendwas machen, nicht fernsehen, Abendessen, vielleicht fernsehen.

Ins Bett gehen, lesen, nein, nicht fernsehen. Nicht zu Oma rübergehen, die nämlich immer fernsieht. Unter der Decke lesen, nein, Licht aus jetzt, man sieht das unter der Türe durch. Quatsch, doch nicht, wenn ich unter der Decke lese. Ja, doch, aber gefühlt. Nur noch drei Seiten, nein, nicht zu Oma nach nebenan, obwohl die seit sieben Uhr fernsieht. Aber Oma ist alt und sitzt im Sessel, und die darf das. Fernsehen und aufbleiben, beides. Schwupps, rüber zu Oma, ganz leise. Man sieht den Lichtschein von unten (angeblich), aber Kinderfüße hört man nicht (meine ich). Fernsehen mit Oma, herrlich. Oma findet das auch. Sie findet, man soll sich mal nicht so anstellen mit diesem Fernsehen. Das hat noch keinem Kind geschadet. Quatsch, sagt Mama, alles verkehrt. Fernsehen war früher noch nicht erfunden, und deswegen ist das keineswegs bewiesen. Fernsehen und Schäden und kein Schaden. Und jetzt ab ins Bett, und diese bescheuerte Idee, dass man Kinderfüße von unten nicht hören kann. Zwei vielleicht nicht. Aber vier Füße und sechs Füße.

Als Oma starb, war ich neun. Und danach hatte ich keine Lust mehr auf Fernsehen. Ich las weiter und wurde älter, ich wurde alt genug, um selber zu entscheiden, wann ich das Licht ausmachte. Las und las und las. Und dies und das. Vergaß das Fernsehen, vergaß auch die Fernsehzeitung. Das Abonnement war bei Omas Tod gekündigt worden. Sah keine Talkshows und Gesprächsrunden und History Channel und Frühstücksfernsehen und auch nicht Rosamunde Pilcher. Keinen Tatort. Konnte andauernd nicht mitreden, hatte leider keine Ahnung. Alle hatten sich daran gewöhnt.

Und dann stand mein Buch in der Fernsehzeitung. Alle wussten es, klar. Alle außer mir, von der aber jeder wusste, sie hat doch nicht die Fernsehzeitung. Keinen Fernseher und also keine Fernsehzeitung. Logisch. Nicht alle, aber einige schnitten die Buchbesprechung aus. Liefen damit in die Buchhandlung, brachten mir Schnipsel. Ich habe hier zwanzig Schnipsel mit ein und derselben Buchbesprechung. Ich bin gerührt. Denn ich weiß: Die Fernsehzeitung ist heilig. Bevor man die kaputtschneidet, muss wirklich was passiert sein. Und noch dazu die übernächste. Nicht die, die direkt anfängt, sondern die andere. Also: Nutzer der Fernsehzeitung verließen ihre Ordnung. Konnte jemals schöner bewiesen werden, wie Literatur die Welt verändert? In Ostwestfalen sicher nicht.

Drängelei (Jahresgefühl)

Man überlegt sich, was war nochmal in diesem Jahr? Wie fing es an, wie ging es weiter. Was tat ich und was ließ ich bleiben, aus welchen Gründen. Überlegt das alles, zieht einen Strich, denkt dies und das. Ich denke dieses Jahr: Och ja. War gut. Oma satt und glücklich, Eltern beieinander, Kopf intakt. Mein Kopf hat einen Roman geschrieben, und die Seele ist damit zufrieden. Mehr will ich gerade nicht. Es wäre ein kurzes Resümee, für mich allein an meinem Schreibtisch; kurz und gut.

Nun bin ich nicht alleine, sondern unter Menschen. Zum einen, weil jeder (hoffentlich) unter Menschen ist. Alleinsein macht doof. Zum anderen, weil mein Hauptberuf mit Menschen ist, der Hauptberuf im Bücherladen. Einzelhandel. Menschen kommen und gehen, lassen sich beraten oder auch nicht, wählen aus, bestellen, bezahlen, reklamieren, telefonieren, machen sich bemerkbar so oder so. Viele Menschen jeden Tag. Ich mag das, ich mag Menschen überhaupt. Ich mag auch meine Kunden. Ich höre immer mal, ich möchte die Kunden nicht. Ich sei zu ihnen garstig und kurz angebunden.

Das ist Unfug, zu hundert Prozent, und eine böse Unterstellung. Es dauerte eine Weile, bis ich wusste, sie kommt immer von da, wo ich mich verweigert habe. Wo ich sagte – nein, bitte warten Sie. Gleich sind Sie an der Reihe. Bitte gedulden Sie sich, einer nach dem anderen. Bitte begreifen Sie: Ich kann irre schnell arbeiten. Aber ich überschlage mich für keinen, auch nicht für Sie. Egal, ob Sie drängeln, schubsen, schimpfen: Das führt bei mir zu nichts.

Mein Jahresgefühl war also: Einige Menschen benehmen sich nicht gut. Sie schieben und raufen als sei ein Dauerlauf der Seelen ausgebrochen; irgendwie endzeitlich. Man könnte sich der Rastlosigkeit weltanschaulich nähern, in großen Schleifen voll tiefer Gedanken, wie Oswald Spengler meinetwegen. Ich fasse mich kürzer: Es nervt. Und die Methode, frei nach Omas Frisör – Raum für gute Leute schaffen. Wer nervt, geht.