Wer von uns hat das geschrieben?

Bevor ich eine Schriftstellerin dieses Namens wurde, hatte ich mich an allen möglichen Büchern auf verschiedenste Weise betätigt. Ich war Korrektorin, Bildredakteurin, mithelfende Lektorin, ich war eine Verfasserin von Legenden und Fußnoten, und ich habe gar nicht so wenig übersetzt, immer mal wieder. Denn inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens, über zwanzig Jahre, bin ich an der Herstellung von Büchern beteiligt. Ich tat das meistens ohne erheblichen persönlichen Ehrgeiz; es fiel mir immer leicht.

Der Beruf meines Herzens, den ich mir mit fünfzehn ausgesucht habe, mit dem ich also schon Silberhochzeit hatte: Buchhändlerin. Ich war und bin in erster Linie eine Buchhändlerin. Ich habe vor allem immer dann geschrieben, wenn mir Geld fehlte. Für den Buchladen, seltener für ein Paar Schuhe oder einen Mantel. Da dies so ein pragmatischer Zugang zum Schreiben ist, wie er womöglich nur in meiner Landschaft denkbar ist: Deswegen halte ich mich meist zurück, wenn Autor*innen über ihren Alltag sprechen, über die Schwierigkeiten des Tageslaufs am Schreibtisch, über die Hindernisse des Betriebs und, meinetwegen, über die strukturelle Nachrangigkeit des weiblichen Schreibens – was auch immer das sei. Ich fühle mich nicht berufen, zu dieser komplizierten Gemengelage etwas Erheblicheres beizutragen als eben: Es fällt mir einfach. Ich bin immer veröffentlicht worden, wenn ich das für richtig hielt, und ich habe mit dem Schreiben Geld verdient, von Buch 1 an und auch davor.

Buch 1 wurde fast zufällig mein eigenes. Ich produzierte einen Bildband über Borgholzhausen. Schöne Fotos, und es fehlte noch Text. Ich war in Eile, denn ich brauchte das Buch zum Weihnachtsmarkt und wusste, keiner außer mir schafft das in zwei Wochen. Ich dachte nicht, oh, ich bin so toll. Ich wusste nur, ich kann das auf Termin, und ich geh mir dabei nicht selber auf die Nerven. Was ich verfasse, ist irgendwie ok, und sämtliche von mir hier zu Hause über Jahre eingesetzten Testleser wissen nicht, dass zu den Spielregeln des Betriebs eine gewisse Zimperlichkeit zählt. Ich kann mich blind darauf verlassen, dass sie mir sagen, wenn es öde ist. (Und für Rechtschreibfehler gibt es den Korrektor.)

So entstand also Buch 1, die kleine Geschichte von Borgholzhausen, der absolut nichts fehlt, wie sämtliche Leser damals sagten. Aber doch, eins. Es fehlte ein Name. Ich fand es nicht erheblich, an prominenter Stelle zu erwähnen, dass ich selbst die Texte geschrieben hatte. Ich fand sie ok, das Buch wurde fertig, wir haben es sehr schön verkauft. Mehr wollte ich nicht. Dass nebenbei ein Raten losging, wer denn wohl dieses Buch geschrieben hätte, lief an mir zunächst vorbei. Es war ja auch Dezember, und ich hatte anderes zu tun. Ich verpackte zu meiner großen Freude sehr viele Geschenke.

Aber im Januar, gleich zu Beginn, stand einer der Heimatforscher an meinem Tresen. Abteilung: Richtig netter Typ, Cordhosen, Pullunder. Emsiger Fleiß bei geringer Fallhöhe, das Methodische betreffend. Wendete seinen Hut in den Händen, tapste mit den Goretex-Schuhen sein Schmelzwasser auf meinem Linoleum breit, fragte mit einem halben Grinsen: „Wer von uns hat das denn nun geschrieben?“ Ich stand da und begriff es zuerst gar nicht. Sagte: „Hä, wer von euch?“ Er sprach weiter und nannte mir Namen. Lauter integre, kundige Historiker, mehr oder weniger beleumundet, einen ordentlichen Text zu schreiben; all die, die ich auch angerufen hätte, wäre mehr Zeit gewesen.

Ich erklärte, das war ich selber. Aufgrund von Zeitmangel hätte ich schnell mal eben – und dieses Erstaunen dann. Der nette Mensch, einer der heimatkundlichen Endlosverfasser bei starkem Schweiß am Commodore, stand da wie vom Schlag getroffen. Er unterließ es im Augenblick, seinen Schneematsch weiter zu verteilen. Kaufte noch drei Exemplare desselben Bandes, dessen Verfasserin ihre Anonymität nunmehr gelüftet hatte. Ging davon und ließ mich stehen:

Mit dieser Episode, die ich seither in jedem Vortrag erwähne, der nicht von alten Leuten oder Ravensberger Fachwerkhäuschen handelt, sondern davon, dass Frauen sich bis heute wahnsinnig behaupten müssen, wenn sie ihre Sache durchsetzen wollen. Frauen sind meistens nicht eitel. Warum dies so ist, ob nun genetisch, pädagogisch oder wegen Foucault und Walter Benjamin, Hegel, Hannah Arendt, Judith Butler oder keine Ahnung: Dazu werde ich auch weiter keine Meinung haben. Denn dazu fällt es mir zu leicht. Aber seit Buch 1 bin ich eine Schriftstellerin dieses Namens, der mein eigener ist. Dass mir zu dieser Einsicht ein weißer alter Mann aus Borgholzhausen verhelfen musste, wie nett auch immer, begünstigt den Verdacht, dass in der Sache der Frauen noch reichlich viel im Argen liegt.

Der Händler handelt

Ich saß in meinem wie üblich viel zu vollen Bücherladen und wusste auch nicht so recht. Medial war angeraten, in Panik zu verfallen. Lockdown, Pandemie, Jahrhundertkrise. Die Wirtschaft bricht zusammen. Drei Leute mindestens pro Tag am Telefon, die ihr Bedauern äußern wollten. Dass es so schlecht geht, ach, und dieses Elend. Dass sie warme Gefühle für mich hätten und aber selbst ganz froh. Home Office, Sie wissen schon… Mir passiert nichts. Ich hörte es mir an und schaute aus dem Fenster (nix los), besah mir die Bücher (gute Aussichten), war unlustig, mich stärker damit zu befassen, was irgendwer über meine Firma meint.

Was mach ich denn nun, dachte ich. Ach, erstmal etwas Geschenkpapier einkaufen. Auch davon war bereits nicht wenig vorhanden. Aber was Schönes geht immer. Ich rief also den Händler meines Vertrauens an, den ich schon länger kenne, auch aus Zeiten, wo es wirklich schlecht war, was aber damals keinen interessierte. Damals war man selber Schuld. Heute ist die Pandemie der Übeltäter. Also mit dem Händler des Vertrauens sprechen. Erzähl, erzähl. Ich sagte, boah, es geht mir ja auf die Nerven. Dieses Gegreine und Geraune überall.

Was immer nun kommt: Auch diese Krise wird vorübergehen. Wie ungefähr jede Krise, von denen man sich in der Selbständigkeit so viele zuzieht wie als Kleinkind Schnupfen. Denn irgendwas ist immer. Ja, sagte der nette Mensch mit dem schönen Geschenkpapier, mit den Schleifchen und Tüten und all dem Zeug, das man eigentlich nicht braucht. Das aber gute Laune macht, und also. Er berichtete von seiner Firma, redete dies und das. Ähnliche Ansichten wie ich, sagen wir mal: Alles ungewöhnlich, aber nicht nur schlecht. Wir murmelten so herum. Und dann meinte er: Im Grunde ist es einfach. Wir sind Händler. Der Händler handelt.

Ich notierte die Worte auf Papier, weil sie mir schon da gefielen. Ende März, glaube ich. Der Händler handelt.

Den Zettel dann verbuddelt, viel anderes gemacht. Die Oma umquartiert, Bücher verkauft, Texte geschrieben, ziemlich verhandelt an einigen Stationen, und in der Buchhandlung war tatsächlich eine Menge los. Man wird ja scheel angeschaut, wenn man heute sagt, entschuldigen Sie: Ich nehme Krisen ernst. Aber hier ist gerade keine. Und ich kann auch keine herbeizitieren, nur weil es Ihnen gut bekäme, für das Selbst- und Fremdbild, dass alle Selbständigen Nöte leiden. Ist nicht so. Ich bin dafür auch dankbar, aber andererseits war es harte Arbeit.

Ich räumte auf, um zu vermeiden, irgendwelchen Leuten das zu sagen, was ich wirklich denke (Sicherheiten, Ansprüche, das gemeint Zustehende – hilft halt nix, wenn man sich nicht selbst bewegen kann). Ich kramte und schaufelte und tüftelte hier vor mich hin und fand eben das Blatt mit der Bemerkung von im Frühling.

Der Händler handelt.

Ich habe mich so gefreut, denn genau das ist es, in der Essenz. Sich bewegen und verändern können, agieren, wie man meint. Herrlich!

Sofort Geschenkpapier bestellt. Ich kann es nur empfehlen. Geschenkpapier macht gute Laune, und es ist ein Lieferant, von dem man auch lernt.

Die Gewinner (Eine Zuneigung!)

Die Schule geht ja wieder los, zumindest erst einmal. Da schon länger keine Schule war, fehlt den Kindern jeder Ernst. Ob sie den spazieren trügen bei weniger als 35 Grad: Ich zweifle. Aber sie sind diesen Sommer auffällig heiter und irre und rasen zwischen den Schreibwaren herum. Die wir auch anbieten; richtig, ich hatte es beinahe schon vergessen. Ich bin altmodisch insofern ich bei einem Papiergroßhändler der Generation Fax einkaufe und das übrigens mag. Also, meine Schreibwaren in allen Ecken, irgendwo.

Der gebotene Ernst und ich sind kein Traumpaar. Das verbindet mich mit den Kindern, und deswegen haben wir Sympathien. Sie sind gut gelaunt, ich bin das auch, und wir suchen eben die Bleistifte einer bestimmten Stärke, außerdem Heftstreifen, Leuchtmarkierer, Pappschnellhefter. Wir finden alles Mögliche, und manchmal sogar zügig, was wir suchen. Sonst etwas anderes.

Kinder und ich sind diesbezüglich gleich: Wir gehören unter Aufsicht. Ich merke das. Ich merke, nicht allen ist es gut bekommen, seit März wenig Anleitung gehabt zu haben. Ich räume ja auch nur auf, wenn meine Lieblingsaushilfe eingeteilt ist, vor der ich mich sonst schäme. Oder vielleicht für das Haller Kreisblatt. Aber nur manchmal. Und eben die Kinder: Tja. Ich wünsche ihnen, dass es wieder viel Schule gibt. Jeden Tag und alle Fächer, bis Weihnachten am Stück.

Ich bin weder Elternteil noch Lehrer. Auch nicht Mitarbeitende einer Bibliothek oder des Jugendzentrums. Ich bin die, die sich leistet, den Buchladen nur manchmal aufzuräumen. Und die mit den Kindern schwatzt, sofern sie nicht männlich und schweigsam sind. Was mir dabei in diesem warmen Sommer auffällt:

Erstens: Es ist wichtig, dass die Kinder unter Aufsicht kommen, Aufsicht mit Inhalten, mit Ordnung und allem, was dazugehört. Es gibt nämlich Kinder, die haben es nicht gut. Für die ist es schlecht, wenn sie zuviel zu Hause sind. Diverse Gründe, die sie mir nennen, weil ich nichts weitersage. Versprochen und wird nicht gebrochen. Aber allein die Tatsache, dass sie im Buchladen erscheinen, um sich zu bereden – die sagt etwas über das Fehlen von anderen Orten hier an der Peripherie.

Zweitens: Alles, was ich über ungleiche Chancen gelesen habe, darüber, dass immer stärker wieder zum Tragen kommt, ob zu Hause Strukturen, Bildung, Gelder sind, ist leider wahr. Computer sind dabei noch das Geringste. Bildung ist auch das mit der Ruhe, mit dem Raum für sich (und sei er nur ein Katzentisch). Strukturen sind ein Frühstück, das Haarshampoo, die Busfahrkarte. Ich würde es schandbar finden, verstärkte sich die Ungleichheit durch Abwarten noch weiter.

Drittens: Auch mal das Gute. Also, drittens und zum Schluss: Ich freue mich und bin so stolz für die Kinder, die vor fünf Jahren mit ihren Eltern gekommen sind, in diesem anderen wilden Herbst. Hätten sie nicht meistens schwarze Haare (was in Ostwestfalen ungebräuchlich ist): Von der Sprache allein kann man kaum noch sagen, dass sie einen weiten Weg gekommen sind und dass ihre ersten Worte nicht in Deutschland fielen. Sie schwatzen und räumen und sind so emsig und irre wie alle Kinder diesen Sommer. Es nimmt mich für sie ein, für ihre Energie und ihren Wagemut. Und auch für eine Gesellschaft, die sie so weit getragen hat. Das haben wir tatsächlich geschafft, und diese Kinder sind unsere strahlenden Gewinner.

Wenn es uns mit den abgehängten oder sich abhängenden Eingeborenen auch gelänge, dass sie lernen und dabei sind: Es wäre schön. Alle Kinder sollten in so einem reichen Land Gewinner sein. Kinder sollten immer die Gewinner sein.

Die kleinen Schwestern

Sie waren in diesem Sommer sehr gut zufrieden, denn es war unheimlich warm. Es gab außerdem in der Familie ein neues Baby, womit keine von ihnen die Jüngste war. Niemand passte hundertprozentig auf, was sie so taten. Oder auch nicht. Mit Oma bei abgedunkelten Fenstern (Holz-Jalousien) Fernsehen schauen, zählte unter: nicht. Man machte aber eigentlich nicht nichts, nur mal eben nicht in diesem wirklich warmen Sommer. Das neue Baby sollte ordentlich schlafen, und wenn man die Holz-Jalousien zu schnell bediente, donnerten die richtig gut laut runter. Davon wachte das Baby garantiert auf. Was ja nicht sein sollte, und deswegen hingen sie eben bei Oma auf dem Sofa herum. Dieses war eigentlich hell, so ungefähr beige mit kleinen Flecken aus einer Farbe wie Pistazien. Die kleinen Schwestern hatten von Pistazien aber bislang nichts gehört. Sie sagten zu den Flecken: Popel.

Das Sofa war auch gar nicht mehr überall hell, nämlich da nicht, wo entweder der kleineren Schwester mal eine Windel ausgelaufen war (Sitz) oder dort, wo Papa hin atmete, wenn er auf dem Sofa schlief (Lehne). Papa lag nicht wegen des neuen Babys oder Mama auf dem Sofa. Er machte das schon immer, aus Prinzip. Abgelegt wie ein Baumstamm. Wenn er ganz fest schlief und eben das Sofa durch Atmen verdunkelte, konnte man als kleine Schwester einzeln um ihn herumturnen und oben auf der Lehne sitzen. Bei zweien wachte er auf, oder wenn man abstürzte. Natürlich auch, wenn beide zugleich abstürzten. Er war aber ein netter Papa und stellte sich nicht so an.

Man durfte nur die Oma nicht ärgern, denn die war schließlich seine Mama. Niemals könnten sie ihr so nahe stehen wie er, behauptete Papa. Die eigene Mama von den kleinen Schwestern war auch sehr nett, aber sie hatte ja nun ein neues Baby und außerdem einen Biogarten. Es ging da unheimlich gesund zu. Sie baute nicht direkt Körner an; die wurden tatsächlich eingekauft. Aber das viele Gemüse aus diesem Biogarten wurde immer mit Körnern zusammen gegessen. Papa sagte manchmal, er sei ja wohl kein Kanarienvogel, und dann fuhr er mit den kleinen Schwestern zur Tankstelle und kaufte ihnen ein Eis. Die Mama fand das eigentlich doof, aber andererseits aß sie auch gern Eis. Sie hatten einmal ausprobiert, ob sie so ein Eis am Stiel im Handschuhfach von der Tankstelle bis nach Hause bringen könnten (wegen: verdunkelt). Ging nicht. Sie wohnten schließlich weit weg von allem, so richtig fast im Wald. Die Eltern von den kleinen Schwestern meinten, das sei das absolut Beste für ihre Kinder, und die Oma hatte entweder keiner gefragt oder es war ihr auch egal gewesen.

Jedenfalls hingen die kleinen Schwestern jetzt mit der Oma im abgedunkelten Wohnzimmer vor der Schrankwand herum und schauten Lassie. Sie trugen schon mal ihre Badeanzüge, weil der Papa losgefahren war, um ihnen ein Planschbecken zu kaufen. Bedingung: Das neue Baby dürfte auch mal mit hinein, aber vorsichtig. Sie hingen und schauten und waren wie kleine Tropfen, nur auch noch mit Neon-Streifen von ihren Badeanzügen. Die Oma strickte nebenbei, das konnte sie blind. Davon leichtes Klackern. Sonst keine weiteren Geräusche. Und was dann geschah, darüber handelt die nächste Geschichte.

 

Kreis Gütersloh

Weißt Du, sage ich zu jemand, den ich echt schon länger kenne. Weißt Du, ich habe mich andauernd darüber aufgeregt, aus diesem letzten Winkel zu sein. Wo es nichts gibt. Kathedralen nicht, keine Architektur in dem Sinn, auch Bildungsbürger begegneten mir erst, nachdem ich aufgebrochen war. Ganze Welt und so, alles lesen, sehen, können wollen. Es reichte zu einigem Wissen und ein paar Ländern in Europa. Dann kehrte ich wieder, eben in diesen Winkel. Kreis Gütersloh in Ostwestfalen. Kaum Arbeitslose, aber auch keine Kultur. Mettwurst, Schnitzel, Grillfleisch. Autos. Landmaschinen und andere Apparate. Das alles ist Ostwestfalen. Es ist, muss ich sagen, wirklich okay soweit.

Es ist, davon abgesehen, auch meine Heimat. Selbst wenn es blöder wäre: Das ist bei mir zu Hause. Ich mag, wie die Menschen sich geben, wie sie reden und, vor allem, wie sie scherzen. Sie sind so normal wie nur was. Um bei diesen meinen Menschen zu bleiben, musste ich mir einen Beruf erfinden. Was ich sein wollte, irgendwie intellektuell mit Medien und Dingens, das geht hier nicht. Ich wurde behelfsweise erstmal Buchhändlerin und, über Schleifen, eine Art Geist-Hausfrau.

Wie die Mütter meiner Kinderzeit sitze ich herum und sehe zu. Gut, nicht der Brut bei irgendwelchen Hausaufgaben, während ich Kartoffeln schäle. Eher, dass ich die Kunden reden höre, während ich eigentlich einen Artikel, Essay, Aufsatz schreibe. Auch den nächsten Roman. Wenn ich im Kopf die Worte wende, sind um mich herum Geräusche. Die normalen, im Sommer: Wilde Kinder, vom Freibad her. Andere Kinder, mit Eis. Ich sage dann, nein, nicht mit dem Eishörnchen hier hinein. Auch nicht zu dritt, seid Ihr bescheuert? Ich murmele, jaja, wenn es über die Schultüten geht (natürlich selbst gebastelt), die Marmeladen (hier, drei Sorten zum Probieren), und dass die Kinder eigentlich im Garten zelten wollten, aber nachts hatten sie plötzlich Angst vorm Wolf und liefen zu den Eltern, während der ältere Cousin ins Zelt wechseln musste. Papa vielleicht auch, und dann spielten sie dort Skat und ließen sich von Mücken beißen. Das wäre normal.

Jetzt sitze ich hier auch. Geist-Hausfrauen bewegen sich wenig. Schon im Kopf, aber ihren Körper nicht bei 30 Grad. Eben wie immer. Nur die Geräusche sind anders. Hastiger, oft laut, kein Mensch hört zu. Sie kapieren das nicht. Es ist doch ungerecht. Der Urlaub und das Grillfleisch und die Kontrollen, und beim Abstrichzentrum wartet man drei Stunden. Da könnte man – Nein, rufe ich. Da jetzt nun nicht ein Würstchen grillen. Auch kein veganes. Gar keins! Abstand halten, ey. Das ist kein Spiel. Ja, hm, sagen die Ostwestfalen. Ich merke, sie sind verstört. Fleisch ist blöd und wir wohl auch, und unsere Autos (heilig bei uns, vergaß ich zu sagen) werden zerkratzt. Die Personen in diesem Kreis Gütersloh, in der mentalen Gruppenhaft, die Deutschland ihnen gerade verpasst: Sie sind gekränkt.

Ich bin es nicht. Ich war auch schon woanders, immer mal. Ich weiß, Provinzialität ist keine Frage des Autokennzeichens. Das ist die Sache mit der Haltung. Recht vielen Menschen fehlt sie aktuell.

Also von mir, von der Geist-Hausfrau im Buchladen in diesem Kreis Gütersloh am Ende der Welt: Ich find’s Scheiße. Ich finde erbärmlich, wie mit uns verfahren wird. Und ich bin aber froh, dass ausgerechnet hier mein Zuhause ist. Niemals würden wir uns nämlich so betragen. Wir gäben jedem Münsteraner ein Kuchenstück und auch den Leuten von Osnabrück ihr Kaltgetränk.

Wir sind die Provinz, na klar. Aber keine Kleinbürger mit engster Sicht.

Gezeichnet: Eine von einem Drittel einer Million hier in der Region.

 

Körper und der Einzelhandel

Bücher und Postkarten auszuwählen halte ich bis auf den heutigen Tag für eine weitestgehend körperferne Tätigkeit. Menschen in Textilien begegnen mir dazu in meinen Räumen, und auch ich selbst halte mich hier nicht im Morgenmantel auf. Es ist mein Raum, kein öffentlicher oder sogenannter dritter Ort, es ist ein Raum, für den ich Miete zahle, den ich beleuchte, heize und eben befülle. Siehe oben, Bücher und Postkarten. Der Körper, in dem ich zu Hause bin, hat damit nach meinem Verständnis recht wenig zu tun.

Gleiches gilt für die angestellten Personen, ob sie nun Schüler, Studentin, Flüchtling oder Mutter sind. Diese Menschen halten sich berufstätig hier auf. Würde mir nicht gefallen, wie sie sich kleiden, könnten sie selbst und auch die Endverbraucher sicher sein, dass ich etwas dazu sage. Ich bin klar in meinen Äußerungen, und unsere langjährigen Mitarbeiter hatten insofern nie ein Problem mit mir. Die anderen waren bald wieder weg, wobei das selten an ihren Textilien lag. Ich ertrage strukturelle Dummheit nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Dass Körper dennoch nie unerheblich waren, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die ländlichen Leute gern schwatzen. Über wenig lässt sich besser reden als über den Körper einer Frau. Optik, Haptik, gern auch das sogenannte gebärfreudige Becken. Die Beine, der Busen, mein Po. Wozu sich Personen in nunmehr zehn Jahren zu äußern meinen mussten – es verblüfft mich immer neu. Und ich meine das im eigentlichen Sinn: Ich wundere mich.

Ich habe aufgehört, nach Erklärungen zu suchen. Habe ich gute Laune, denke ich, dann quatscht doch. Blabla. Blablabla und wieder von vorn. Habe ich schlechte Laune (selten) oder überschreitet das allgemeine Gelaber einen von mir gesetzten Punkt (nicht selten), werde ich deutlich. Ich sage dann: „Hören Sie bitte auf zu glotzen.“ oder „Es mag Sie interessieren, ob ich Kinder habe, aber es geht Sie nichts an.“ oder „Obwohl Sie dringend wissen möchten, wie das körperliche Verhältnis zu meinem verstorbenen Partner war: Sie werden es nie erfahren.“

Ich sage auch: „Wenn Sie die Aushilfe noch zehn Sekunden länger anstarren, gehen Sie an die frische Luft und kehren nicht wieder“ oder „Die Liebesgewohnheiten aller Mitarbeiter sind privat. Gilt für Syrer, Deutsche und auch für eng verwandte Vollidioten.“ Es ist für mich das allergeringste Problem, Chauvinismus, Sexismus und den vielen anderen Alltagsferkeleien entgegenzutreten. Zehn Jahre training on the job; da macht mir keiner etwas vor. Zumal ich mich in einem Raum aus Glas befinde, ich selbst und auch die Meinen sind zu sehen. Uns kann niemand auf den Körper, solange Menschen auf der Straße sind.

Aber was machen die Menschen in ihren Wohnungen? Was machen die und lassen mit sich machen, die mir wegen Corona gerade kaum begegnen? Wie verhält es sich mit der Gewalt in Worten und in Taten? Was tut der Alkohol dazu, und was das irrsinnige Rumgeflacker an Bildschirmen, die man besser nach dem ersten halben Glas ausknipst für den Rest der Nacht? Gehe ich von dem aus, was mir im letzten Vierteljahr digital zugestellt worden ist – und wie gesagt, ich bin die mit der Deutlichkeit. Ich habe Öffentlichkeit, und ich habe gute Männer um mich herum. Wenn ich also, in dieser eher komfortablen Lage, schon soviel Scheiß ertrage: Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie es wohl anderen Frauen geht.

Ich wünsche ihnen und uns allen, gerade an diesem Hauptbesäufnistag des Sommerhalbjahrs, ich wünsche mir, dass Ihr etwas sagt. Meldet euch, wenn Körper und Seelen in Gefahr geraten! Bei mir und überall dort, wo auch Öffentlichkeit ist. Zeigt euch, so schlimm es sich anfühlt. Aber nur wer sichtbar wird, dem kann geholfen werden.

 

Lob des Einzelhandels mit Lesewaren

Kannst Du, beschwerte sich der Geliebte, auch vielleicht mal irgendwas anderes schreiben als Beiträge zur Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft des Bucheinzelhandels? Nein, sagte ich. Geht absolut nicht. Angeblich bin ich vollständig bescheuert und habe absolut keine Ahnung. Ich bin einfach nur zu blöd. Sonst würde ich etwas sozial und ökonomisch Rentableres betreiben als eben diese Sortimentsbuchhandlung. Eine gewisse Oma schaltete sich ein und sagte, ja, wieso. Ich finde das immer sehr interessant. Du, meckerte er, Du vergisst auch, dass sie sich wiederholt. Sie könnte Sachbücher schreiben, Romane, übrigens auch ihre akademische Abschlussarbeit. Es gäbe genügend andere Felder. Davon weiß ich nichts, bekundete die gewisse Oma. Aber sie wird ihre Gründe haben.

Ich kann mehrere Sachbücher und zwei Romane später berichten, sie hatten beide Recht. Er täuschte sich nicht darin, dass mehr Themen meinem Gehirn und meiner Laune besser stehen würden als immer das eine, selbe Kreisen um den Bucheinzelhandel. Es war ein bisschen neurotisch. Aber es war deswegen nicht unnütz, und da kannte mich die Kleine Oma besser. Denn die ewigen Abgesänge auf meinen Beruf, auf das, was ich mir mit fünfzehn ausgesucht und wovon ich nie gelassen hatte: Diese schlechte Rede kränkte mich. Wie das mit Kränkungen so ist: Sie zu überwinden, dauert. Es gelingt noch nicht mal immer. Schulden kann man bezahlen, Verfahren gewinnen. Kränkungen muss man erdulden und sich ihnen immer neu zuwenden, um sie vielleicht irgendwann vergessen zu haben.

Mich störte, auf den Punkt, dass unser Sortimenterwissen nichts mehr zählen sollte. Dass die Digitalisierung vermeintlich unnötig machte, was wir in unseren Köpfen speicherten. Autoren, Titel, Buchreihen. Verlagsprofile, Themenschwerpunkte. Anlässe, saisonal wie regional. Mentale Prägungen politischer, religiöser, dritter weltanschaulicher Naturen. Das alles sollte nicht mehr wichtig sein, weil Computer, Controller, Betriebswirte und, natürlich, immer, Bankmenschen es besser wussten. All die Ermahnungen und Belehrungen, von sanftem Hohn über nicht immer leisen Spott bis hin zu den krachend selbstgefälligen Auftritten von lauten Männern (ausschließlich Kerle, Frauen nie): Das war ein Päckchen. Ich verfüge nun über nicht wenig Selbstbewusstsein und auch die nötige Grundarroganz, um so etwas normalerweise zu verarbeiten. Aber es zehrte doch. Es waren, siehe oben, Kränkungen.

Ich wendete mich anderen Aufgaben zu, schrieb eben dies und das und jenes, kochte, wusch und ordnete die Oma. Sie war so gut, mir einen zunehmend erheblichen Aufwand abzuverlangen. Mein dauerndes Thema, die Ungerechtigkeit an mir selbst und Generationen von Sortimentsbuchhändlerinnen, geriet in den Hintergrund. Danke, Kleine Oma. Well done!

Aber jetzt wohnt sie woanders, und außerdem findet Corona statt. Nein, tut es ja nicht, denn wir bleiben zu Hause, senken die Kurve, verhalten uns, wie ich meine, alle relativ gesittet und werden exzellent regiert. Mein Status als selbständige Sortimentsbuchhändlerin: Prima! Ich habe einen finanziellen Puffer, den mir keine Bank der Welt je gäbe, geschweige denn, binnen 48 Stunden. Die Bezirksregierung Detmold war aber so gut. Der Buchladen darf von mir selbst betreten werden, von anderen nicht. Ich erhalte Ware, bediene das Telefon, reiche Pakete an und tue tatsächlich die ganze Zeit ungefähr das, was Buchhändler klassisch arbeiten. Plus Social Media. Es gab früher kein Facebook, Twitter, Instagram, und ich möchte echt nicht ohne sein. Ich merke aber, vieles von dem, was ich über die Jahre privat und öffentlich dachte – es war nicht nur verkehrt.

Ich meinte, die Chance des Einzelhandels sei Kommunikation. Kompetenz auch, aber noch davor: Kommunikation. Logistik kommt nicht nur im Alphabet danach. Ich meinte zudem, dass ich ein Sortiment präziser einkaufen könnte als eine zentrale Steuerung, dass ich die Kunden genauer kennen, ihren Geschmack einschätzen, im Zweifel sie auch durch Hermeneutik würde versorgen können. Stöbern ist schön, klar. Aber subtil ist es nicht. Ich meinte also beständig und grämte mich mal mehr, mal weniger darüber, dass unsere Bildung und unser Horizont als Sortimentsbuchhändler verkannt wurden, weil wir auch kassierten, Geschenke verpackten, den Boden kehrten und das Altpapier wegschafften.

Irrtum!

Niemand hält den smarten Konsumenten gerade schöner den Spiegel vor als ihr Götze Amazon. Denn was macht der jetzt, wo ist er in der Krise? Bei sich, am eigenen Portemonnaie. Und wir sind hier, sind in den Läden, machen die Arbeit. Ich finde, wir waren selten besser als in dieser Krise, die für uns Einzelhändler der Lesewaren nun wahrlich keine ist. Seien wir stolz auf uns!

 

Solche solchen (Küchenpapier)

Ein einem anderen Haus in meinem vorherigen Leben war es üblich, pro Tag vier Rollen Küchenkrepp zu verarbeiten. Mehr ging nicht. Die Umsetzende hätte auch mehr geschafft, aber ihr Lieferant konnte nur vier pro Tag auf seinem Rennrad befördern. Falsch, in seinem Riesenrucksack, denn so ein Rennrad hat ja gar keinen Gepäckträger. Und im Riesenrucksack wäre womöglich auch Platz für sechs oder acht Rollen gewesen. Der Dialektik dieses Haushalts folgend, wurde die Beschränkung auf vier Einheiten pro Tag von allen Beteiligten unhinterfragt und gelassen zur Kenntnis genommen. Auch die Unterbrechung der Lieferkette infolge Sonntag (kein Küchenpapier von der Tankstelle) oder Unlust (stets möglich) war in dem System vorgesehen. Dafür gab es nämlich Vorräte. Die kamen dadurch zustande, dass die beiden Beteiligten gute Verbindungen zu einer gewissen Buchhändlerin unterhielten, die manchmal Großgebinde anschleppte. Dafür hatten sie ihr ein Fahrrad mit roten Reifen und Gepäckträger geschenkt. Sie konnte darauf mühelos acht Rollen Küchenpapier, also eine Doppellieferung, befördern. Sie tat das auch bisweilen.

Also: Ich lieferte eine ganze Weile Küchenrollen, ohne zu überprüfen, was sie damit taten. Martha und Heinrich, in diesem anderen Leben. Eines Tages musste ich mich doch um Einsicht bemühen, denn eine Behördenperson rief an. Bei mir, in der Buchhandlung, weil beide Beteiligten gesagten hatten, sie könnten sich selbst nicht äußern. Beschäftigt, keine Zeit, keine Lust. Und wozu hatten sie ein Management mit Internet. Martha und Heinrich fanden, alles Lästige (Ämter, Sparkasse, Gertrud, Gemüsekiste) hätte mit dem Internet zu tun und sei also mein Problem.

Sie hatten, erfuhr ich, Ärger mit den Emissionen. Konkret: Sie verfeuerten in ihrem Ofen allerlei, was absolut nicht verbrannt werden darf. Plastiktüten, Aluzeugs, angeblich sogar alte Schuhe. Und das war auch ausnahmsweise nicht aufgefallen, weil es irgendwer verpetzt hätte. Nein, Messungen. Ich sagte zu Heinrich, also weißt Du. Wir bezahlen die Müllabfuhr, und ich hätte auch kein Problem, irgendwelche Gummistiefel persönlich zur Mülldeponie zu fahren. Das würde mich auf eine Weise sogar glücklich machen. Ja, sagte Heinrich. Gedehntes ja, also eher: Jaaaaaaaa. Ja, also in meiner Gegenwart verbrennt sie nur Küchenrollen. Und weder das Feuer noch ich selbst haben ihre übrigen Handlungen unter Kontrolle. Das wirst Du verstehen. Ich schimpfte ein wenig, aus Gewohnheit, und verhalf ihm zu der Einsicht, dass nur noch in seiner Anwesenheit am Feuer gearbeitet werden würde. Bei Kälte am Körper stünde auch dieses Groschengrab namens Elektroheizung zur Verfügung. Ja, sagte Heinrich, jaja.

Ich weiß nicht, ob es geholfen hat. Aber die Emissionsstelle meldete sich nicht wieder. Und ich wusste jedenfalls, was sie mit dem ganzen Küchenkrepp anstellten. Sie verbrannten es, blattweise. Falsch, ruft Martha von irgendwo. Du vergisst etwas, das Wichtigste womöglich. Klar, sage ich. Danke, dass Du weiter mitspielst und einfach mal dagegen hältst. Ja, schmettert sie beinahe triumphierend. Die Teller! Die Tassen! Alles, im Schrank! Und da fällt es mir wieder ein. Die Verarbeitung der Küchenrollen ging nämlich so, dass sie zwischen die Teller des Hauses (Speiseteller, Untertassen, bei guter Laune gern auch Blümchenunterstellteller) einzelne Blätter Küchenkrepp legte. Sie wechselte täglich, denn Ordnung musste sein. Und es gab Geschirr für die nächsten dreißig Jahre oder so. Reichlichst.

Bei Unterbrechnung der Lieferkette hatte sie entweder Vorrat, von mir. Oder sie durchteilte einzelne Blätter mit dem Küchenmesserchen. Scharf gefaltet, und dann mit dem Messer durch die Falte. Immer Messer, nie Schere. Scheren sind für Kindergartenkinder. Was dann jeweils übrig war, kam in den Ofen. Alles übrige auch, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn, was durchaus vorkam, einfach gar kein Küchenkrepp mehr zur Verfügung stand (starke Lust am Feuer, erhebliche Unlust von Heinrich, Abwesenheit von Martina), ging sie über zu Klopapier. Das gab es auch in Rollen, es ließ sich ebenfalls abreißen und verfügen und verbrennen und alle so weiter. Der einzige Nachteil: Auf Klopapier kann man schlecht schreiben. Küchenkrepp hingegen nimmt Schrift von Filzstiften meist problemlos auf. Der Filzstift ist dann kaputt, aber das war immer schon das Problem des Filzstifts und nicht von Martha.

Ey, ruft sie. Und kapierst Du es noch nicht? Du hast wohl gar nichts von mir gelernt! Alles, sage ich. Martha, ohne deine Lust am Nahkampf wäre ich für vieles in den letzten Jahren schlechter gerüstet gewesen. Also, diese solchen, fängt sie an. Ja?, frage ich. Ja, solche und solche. Ok, Küchenkrepp und Klopapier. Richtig!, ruft sie. Ich habe natürlich einen Vorrat angelegt. Logischerweise in der kleinen Sauna. Du kannst sie nur betreten, wenn Du das und das und das beiseite räumst (sieben Fahrräder, 13 Gummistiefel, etliche Jahrgänge „Der Spiegel“ aus den 80ern).

Tatsache! Da liegen reichlich zwei Dutzend Rollen Klopapier. Für mich gespeichert, wirklich bis auf den allerletzten Augenblick, da dieses Haus noch meines ist. Der Käufer hat es mit Inventar erworben; nur die Bücher sind noch mein Eigentum. Die nehme ich mit, von Heinrich. Und von Martha Klopapier, außerdem ihre Lust am Absurden, das auf einmal praktisch wird. Das ist die Dialektik von Holterdorf. Nützlich und, vor allem, lustig. Sonst wäre es auch kein Leben nach Marthas Plan.

 

Tupperdosen, Latenz und Freiheit von Viren

Latenz ist ein Fremdwort. Ich bin gerade zu faul, die Wortherkunft nachzuschlagen. Irgendein Leser dieses Textes wird das erledigen; ich bin ganz sicher. Vielleicht jetzt gleich sofort, vielleicht auch später. Womöglich erst morgen oder nächste Woche. Ich werde das nicht nur ertragen, sondern recht bald sogar vergessen haben, dass ich überhaupt nur warte. Es gibt genügend anderes zu tun, und wieso sollte ich meine Nerven verschleißen und Zeit sinnlos vernichten, um etwas Unplanbares exakt vorherzusehen.

Und das ist schon Latenz, in wenigen Worten: Füge dich und ertrage, was du nicht steuern kannst. Latenz ist eine Schlüsselkompetenz der Selbständigen, sie gehört zur seelischen Grundausrüstung aller nicht sozialversicherungspflichtig Angestellten, um es rentendeutsch präzise auszudrücken. Latenz gehört zu den Selbständigen wie die Tupperdose in den Spießerhaushalt. Es geht nicht ohne. Man weiß ja nie, wie sich der nächste Auftrag gestalten wird, wann die Kunden strömen und hoffentlich kaufen, hängt am Faden eines Kredits, einer Betriebsprüfung oder Zertifizierung. Man sieht nie vorher, ob die Angestellten krank werden und wenn ja, wie lange.

Nie, das ohnehin, kommt einem gelegen, wenn die Leute dummes Zeug reden, ihren Neid in Worte kleiden, die Firma schädigen mit hässlichem Gelaber. Dagegen rüstet man sich über die Jahre mit einem Korsett aus blöden Sprüchen; ich bin, ich räume es ein, Scharfschützin gegen Missgunst, also gegen die Kleinbürgerei unter den negativen Sozialkompetenzen. Latenz, um es zusammenzufassen, ist für uns Selbständige überlebenswichtig – Körper, Seele und Geist gingen kaputt, riebe man sich am Warten auf das Ein- und Ausbleiben von Verschiedenstem auf.

Was man tut, in solchen Zeiten? In Phasen der unternehmerischen Latenz, mithin andauernd? Man hält es aus; ganz einfach. Man spricht und liest und trinkt und isst und sucht mitunter die Toilette auf. Bettet sich abends und steht am anderen Morgen wieder auf. Geht Nichtigkeiten nach, den sogenannten Hobbys. Bewegt sich unter der Bezeichnung Sport und sonst auch oder zu wenig. Man ist daran gewöhnt, dass man das Übliche tut, während Unübliches hoffentlich nur in der positiven Spielart vorkommt (Superauftrag, Riesenumsatz, Rückzahlung vom Finanzamt oder eine üppige Ausschüttung der VG Wort). Wenn nicht (schlechtes Wetter, blöde Kunden, wenig Geld – siehe oben), passiert einem aber auch eine ganze Weile nichts. Weder wird man obdachlos noch bettet man sich hungrig, und Freunde bleiben garantiert nicht fern, wenn sie eben Freunde und keine Trittbrettfahrer sind. Latenz ist vollkommen erträglich, muss ich sagen.

Latenz ist aber auch, man merkt es gerade deutlich, nicht so verbreitet unter den Menschen dieser Zeit. Schade. Wer nämlich latenzerfahren ist, muss weder Klopapier horten noch Desinfektionmittel stehlen, kann sich beim Hausarzt und in der Apotheke ordentlich benehmen, im Bücherladen ohnehin.

Ob es mit mehr Latenz nicht so viele Coronaviren gäbe, sei mal dahingestellt. Aber mehr Latenz führte zu weniger schlechter Laune und der Vermeidung von Hysterie. Man kann natürlich auch viele Tupperdosen haben, in einem ordentlich spießigen Haushalt. Warum nicht Latenz darin verstauen? Ganz, ganz viel. Das wünsch ich mir von allen Lesern dieses Textes. Mehr noch als dass sie ermitteln, woher der Ausdruck sprachgeschichtlich stammt.

Auf eigene Rechnung

Selbständige beschäftigen sich digital viel mit sich selbst. Das ist gut für mich, weil ich immer nachlese, wie andere es handhaben. Ich will nicht sagen, dass die realen Selbständigen um mich herum das nicht auch täten. Aber die schreiben keine Blogs, die machen Notizen auf Bierdeckeln. Und damit fängt es nämlich an.

Ich war immer selbständig in einer Art Vakuum. Ich verdiene Geld mit Tätigkeiten, die Menschen sonst in Hamburg, Berlin und München verrichten. In Bürogemeinschaften, Co-Working-Spaces und Gründerzentren. Was weiß ich. Also, in meiner Vorstellung sitzen die anderen Freiberufler an ordentlichen Tischen mit neuester Technik. Sie trinken angesagte Flüssigkeiten, verwalten sich tüchtig und sind absolut effizient. Ich sitze hinter dem Buchladen, zwischen Kartons. Manchmal fallen Kartons um, weil ich zu faul war, sie rechtzeitig ins Altpapier zu schleppen. Es gab auch schon mal Würmer, als ich vergessen hatte, geschenktes Obst nach Hause zu tragen.

Die menschliche Umgebung hat keine genaue Vorstellung von meinen Tätigkeiten. Die menschliche Umgebung arbeitet, wie gesagt, mit Bierdeckeln und Karopapier und Tischlerbleistiften. Davon würde ich nichts Schlechtes ableiten; diese Leute sind auf eine handfeste Weise ziemlich gescheit. Aber vom Bücherschreiben, vom Übersetzen, Redigieren und überhaupt von intellektueller Arbeit halten sie nicht viel. Man kann das, wie gesagt, nicht anfassen, stapeln und sortieren – weder mental noch ganz konkret.

Die menschliche Umgebung findet aber gut, dass ich eine Buchhandlung unterhalte. Darin sind wir uns einig. Dass sie nicht wahnsinnig viel Geld verdient, war für mich nie wichtig. Sie verdient mir immerhin ein weitestgehend bedingungsloses Grundeinkommen. Die einzige tatsächliche Bedingung: Sei da! Sei bei uns in Borgholzhausen und sprich mit uns und nimm es nicht persönlich, wenn wir uns lustige Gedanken machen, was Du wohl wirklich in deinem Büro da hinten tust. Sei da, damit wir dich mögen können.

Das war jetzt die Vorrede. Die Selbständigkeit räumlich weit weg von denen, die mir intellektuell wichtig sind. Zum Beispiel Maren mit der Espresso-Strategie, die exakt so lange auf eigene Rechnung arbeitet wie ich. Unter halbwegs vergleichbaren Umständen, da ähnlich qualifiziert. Und dann doch nicht vergleichbar, weil mit Kindern und in der Großstadt und aus diesen Gründen mit deutlich höheren Kosten. Aber sie hat zehn ziemlich wahre Punkte aufnotiert, und deswegen komm ich mal hinterher auch wieder mit zehn Kategorien. Unsortiert – wie gesagt, Kartons und Würmer. Also unsortiert das, wovon ich meine, dass es gut und wichtig ist, um als Selbständige ordentlich zu leben.

1. Bleibe absolut immer, unter jedweden Umständen, in der gesetzlichen Krankenversicherung. Lass dir nichts erzählen, von niemandem; besonders nicht als Frau. Gynäkologie ist teuer! Und die gesetzliche Krankenversicherung lässt dich sehr, sehr lange in Ruhe – sowohl in Armut wie bei Reichtum. Ich will das nicht in allen Einzelheiten ausführen, das ist ein Thema für sich. Aber, wie gesagt: Die gesetzliche Krankenversicherung, drei Ausrufezeichen.

2. Das Finanzamt ist nicht Dein Feind. Die wissen, was sie wollen und zu wann. Aber sie sind nicht böse oder hinterhältig, geschweige denn gemein. Du kannst mit denen meistens reden, oft sogar besser als Dein Steuerberater. Steuerberater und Finanzbeamte mögen sich nicht. Finanzbeamte sind, glaube ich, leidgeprüfte Menschen. Sie sind oft verblüffend dankbar, wenn Du höflich bist. Nicht rumschleimen oder anbiedern, einfach die normalen Umgangsformen einhalten.

3. Suche dir genau den Steuerberater, der zu dir passt. Ohne geht es nicht. Aber ich habe in den letzten zehn Jahren mehr Steuerberater als Aushilfen verbraucht. Die richtig guten sind richtig teuer. Ich habe probiert und probiert und dann zu einem gesagt: Ich kann Sie absolut nicht bezahlen, bin aber der Meinung, das binnen achtzehn Monaten hinzukriegen. Er hat die Herausforderung angenommen. Es waren 17 Monate. Er macht eigentlich nicht viel, er ruft immer nur mal an und sagt: Sie denken an mich? Ja, öh, fast, ständig, ach ja, jetzt, wo Sie das sagen.

4. Netzwerke. Aber übertreib es nicht. Du kannst Deine gesamte Privatzeit mit Netzwerken verbringen, Du kannst auch andersherum alle privaten Menschen andauernd geschäftlich einzusetzen versuchen. Nur: Das bringt nichts. Du brauchst Leute um dich, die ähnliche Interessen und Ziele haben. Du brauchst, wenn Du vollumfänglich von der Selbständigkeit lebst, nicht die Zuverdiener mit ehelicher Absicherung. Du brauchst, wenn Du ein Gewerbe hast und Öffnungszeiten, keine Hyperkreativen, die von überall auf der Welt arbeiten. Du brauchst aber unbedingt andere Selbständige, weil sie Deine Konflikte kennen.

5. Netzwerke für den Job, nicht als Geschlecht. Das leidige Thema der Selbständigkeit von Frauen möchte ich zusammenfassen mit einem Satz: Lass es! Sei gut in dem, was Du tust, und sei es mit allen. Männer, Frauen, Diverse. Diese ganzen Themen sind nicht uninteressant, aber sie verdienen kein Geld.

6. Geld brauchst Du. Ich war so naiv zu meinen, ich könnte mit einem Sparbuch von fünftausend Euro loslegen. Das war bescheuert und auch ziemlich teuer. Ich würde heute sagen, 50 000 in Reserve. Muss nicht alles flüssig sein. Das klingt nach viel, aber es ist keine utopische Zahl. Mit einem halbwegs soliden Konzept und ordentlicher Steuerberatung bekommst Du das, notfalls als Förderdarlehn. Für’s Geld empfehle ich die Wirtschaftsförderung der jeweiligen Stadt oder des Kreises. Die sind extra dafür da, dich zu beraten, denn als Gründer bist Du in Deutschland, besser: Für Deutschland attraktiv. Ich würde alles mitnehmen, was sie dir an Zeit und Aufmerksamkeit geben. Als Ausgleich kannst Du irgendwann viele Steuern zahlen oder kostenlose Gründerseminare halten. Aber geht erstmal hin.

7. Wenn Du irgendwo bist, sei ordentlich angezogen. Sorge immer dafür, auch in Phasen von Knappheit, dass Du ein gutes Outfit hast und schöne Schuhe. Geh regelmäßig zum Frisör und pflege Deine Haut. Ich glaube, es kommt immer auf Äußerlichkeiten an, aber nirgends so sehr wie in der Selbständigkeit. Achtung, dies ist kein Mädchen-Argument. Männern schadet optische Ordnung auch nicht.

8. Sei erkennbar. Sei die mit dem Espresso oder der mit dem Fahrrad oder eben: Die mit der roten Jacke. Ich hatte anfangs nur eine gute Jacke, und die war zufällig rot. Ich habe sie längst entsorgt, also die allererste teure rote Jacke. Aber ich habe heute fünf andere im Kleiderschrank, weil ich gelernt habe, daran erkennen mich die Leute wieder. Sogar meine Kleine Oma sagt beim Hausarzt, na ja, mein Chef ist die mit der roten Jacke.

9. Nimm an, was Menschen in dir sehen. Ich habe mir hunderttausend Gedanken über meine Marke, meine Produkte, über alles mögliche gemacht. Kunden wollten aber die mit roten Jacke in ihrem Bücherladen. Ist uns doch egal, was sie da wirklich macht. Aber: Rote Jacke! Bücherladen! Das ist mir nicht so einfach gefallen. Selbständigkeit ist aber nur teilweise Selbstverwirklichung. Sie ist vor allem Broterwerb. Wenn es mein Brot verdient, dass Menschen meinen Bücherladen mögen – bitte. Ich schlafe deswegen keine Nacht schlecht.

10. Schlafe! Wenn Du dauerhaft nicht schlafen kannst, dann läuft was schief und du musst handeln. Ansonsten: Schlafe, ruhe und bedenke. Der Rest kommt von allein.