So ein bisschen (Stalking)

Ich habe in der Buchhandlung Kunden, die mich so ein bisschen unterstützen. Sie schneiden Zeitungsartikel aus. Sie bringen ein Glas Marmelade, zu meinem Geburtstag Blumen, sie tragen mir zu, wenn ein Dritter Unsinn redet. Ach, sagen sie. Der ist nur neidisch. Den mag halt keiner, und wir mögen dich, und deswegen ist der jetzt beleidigt. Ist doch lustig. Ich bin meistens geneigt, das auch lustig zu finden. Ich bin aber vor allem gerührt über Kunden, die mich, siehe oben, so ein bisschen unterstützen. Vielleicht ist das der Preis des öffentlichen Lebens. Man ist so ein bisschen unter Beobachtung. Aber im Guten. Wir passen auf dich auf.

In meinem privaten Leben habe ich das nicht so gern. Da gibt es nichts zu verbergen, deswegen nicht. Aber privat ist privat. Ich bin an sechs Tagen in der Woche öffentlich. Ich habe fünf Telefone und etliche Digitalkanäle. Das ist mein Job, das ist in Ordnung. Gerade deswegen ist bei mir zu Hause – nichts. Ruhe, Stille, Garten. Telefonnummer vierstellig, kein Fernseher, viele Bücher, eine Oma. Und die war jetzt das Problem. Andere Frauen in meinem Alter haben Kinder, ich habe eine Oma zu versorgen. Ihre Welt ist klein geworden, wie das so ist mit 82 3/4 Jahren. Meine ist nach Feierabend absichtlich klein. Ich will dann Kartoffeln schälen, Grießbrei kochen, eine Geschichte vorlesen. Manchmal zwei, mitunter drei. Eine Idylle, die wir beide brauchen.

Das Problem dabei, ich kann es nur beschreiben. Es ist mir fern. Es scheint von diesem bisschen Sozialkontrolle herzurühren, das man als Provinzbuchhändler gern aushält. Das aber im Privaten lästig ist. In unsere private kleine Welt sind jetzt Leute eingedrungen, die ich so ein bisschen kannte. Weil sie in der Nähe wohnen. Weil sie schon immer dazu neigten, sich recht viel um das zu kümmern, was jenseits ihres Jägerzauns passiert. Als hätten sie den nicht eigens aufgestellt, um ihre Weltsicht anzuzeigen. Jägerzaun, Metapher der Einschränkung. Mit Kant: Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Mit den Nachbarn: Aufklärung ist die Alarmierung des Sozialamts wegen Verwahrlosung der Oma. Sie bekommt nichts zu essen, sie hat es schlecht, sie leidet. Sie ist mir ausgesetzt, weil ich ruchlos bin, wie man auch weiß, weil ich – so ein bisschen. Ich bin so ein bisschen anders als diese Leute. Ich habe Abitur, einen Beruf, ich habe mein Auskommen. Ich war in dieser sogenannten Universität, und nicht nur ein bisschen. Ich bin eine Kampfansage für Menschen mit Jägerzaun im Kopf. Das war schon immer so, daran bin ich gewöhnt. Nur: Ich habe jetzt eine Oma in meinem Leben. Geerbt von einem, der sie so sehr geliebt hat wie mich (und ich ihn). Er hat sie mir vererbt, dass ich sie hüte. Es geht da nicht um Geld. Es geht um Liebe.

Ich bin böse, wütend und beleidigt, dass diese schlimmen Menschen ihren stümperhaften Neid, ihr schlichtes Wesen, all den Argwohn, der Dummheit nun mal innewohnt, dass sie all das an einer netten kleinen Oma auslassen. Der schwächeren Person in meinem Leben, das sie mir vielleicht neiden, das sie aber eindeutig nicht verstehen. Dass sie uns observieren, dass sie aufschreiben und verbreiten, wann und was wir essen, wann wir schlafen, wen wir sehen. Das ist nicht nur so ein bisschen übergriffig, das ist Stalking. Und dagegen wehre ich mich jetzt.

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6 Gedanken zu “So ein bisschen (Stalking)

    1. Ganz viel drüber reden. Es allen weitersagen. Ich schreibe das erst jetzt, wo wir juristisch gut geschützt sind. Aber: Warum zu etwas schweigen, nur weil es eklig ist? Öffentlichkeit ist bei so etwas wichtig.

  1. So blöd es klingt: zur Polizei gehen und anzeigen. Ist doof, kann nützen. Ich kenn sowas leider, einmal erlebt.
    Und drüber sprechen. Freunde, Verwandte, euch gegenüber positiv eingestellten Menschen erzählen. Und das öfter, solange diese Schnüffelei andauert.
    Ohren steif halten und munter bleiben!

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