Lass dir nichts gefallen

Reluctant feminist. Die Feministin, die keine sein wollte. Ich war ziemlich lange der Meinung, Feminismus ist irgendwas mit Alice Schwarzer oder Aufsichtsrätinnen oder Kindergartenplätzen. Feminismus ist entweder abstrakt oder von meiner Lebenswelt weit weg. Ich habe einmal gelesen, in Deutschland kann man sehr gut keine Kinder oder viele Kinder haben, alles dazwischen ist mühsam. Das finde ich, wiederum abstrakt, wenn auch betrüblich, so doch einleuchtend.

Um es ganz kurz zu sagen: Ich streite nicht über Selbstverständlichkeiten. Und Frauenrechte sind selbstverständlich. Nur: Frauenrechte sind zwar für mich selbstverständlich, aber deswegen noch lange nicht für alle. Ich verteidige sie – und mich – viel zu oft, um übersehen zu können: Hier läuft was schief. Hier ist, noch immer, ganz grundsätzlich etwas nicht in Ordnung. Programmierfehler einer Gesellschaft. Beliebige Beispiele:

Frau Bergmann, wie hießen Sie vor der Ehe? – Auch Bergmann. Antwort: Hä? Also, dann haben Sie Ihren Namen behalten. – Nein. Antwort: Versteh ich nicht. – Geht Sie nichts an. Antwort: Aber jetzt weiß ich immer noch nicht, ob Sie verheiratet sind. – Ist das wichtig, um ein Buch zu kaufen?

Junge Frau, ich sag mal Fräulein Bergmann zu Ihnen. – Das möchte ich nicht. Antwort: Soll ich Jungfrau Bergmann sagen? – Sie sollen bitte künftig bei Amazon einkaufen. Antwort: Das geht nicht. Ich unterstütze Sie doch. – Jetzt nicht mehr.

Dass Sie die Haare so kurz tragen. Das gefällt mir nicht. – Und ich finde, Sie sind zu fett. Antwort: Also, das ist jetzt aber eine sehr persönliche Bemerkung. – Sie kommentieren meine Frisur, und ich sag was zu Ihrem Leibesumfang. Wo ist das Problem? Antwort: Boah, ich finde Sie eigentlich nett. Aber Sie sind viel zu feministisch.

Das Problem ist also, die Regeln für Nähe und Distanz stellt der auf, der über Frauen spricht. Das kann ein Mann, muss aber kein Mann sein. Auch Frauen können über Frauen sehr respektlos sprechen. Der Körper der Frau ist Gesprächsstoff, wo er das nicht sein sollte. Ich meine damit explizit nicht Kleidung. Mode und ihre Spielarten, auch die Verweigerung von Mode, das sind Oberflächen. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob jemand sagt, schöner Pullover. Das ist ein Kompliment. Oder jemand sagt, hm, also der Pullover verhüllt ja nun gar nicht, dass Sie um die Mitte zugelegt haben. Das ist eine Anmaßung.

Und dann, weiters, was soll dieses Gerede von den körperlichen Defiziten in den intellektuellen Berufen? Die Wertschöpfung in dieser Firma entsteht durch Kopfarbeit. Dass ich meine Kopfarbeit besser verkaufe, wenn ich mir die Haare wasche, geschenkt. Aber alles andere, der Körper, die körperlichen und die seelischen Verhältnisse: Was schert’s die Leute?

Ich meine, das erste Recht jeder Frau ist es, Distanzlosigkeiten dieser und aller Art zurückzuweisen. Höflich, aber deutlich. Beschimpfen bringt nichts, das macht nur angreifbar. Aber immer wieder, immer neu: Grenzen aufzeigen.

Lass dir nichts gefallen, sage ich allen Frauen, die bei uns arbeiten. Ich kann es nicht ändern, dass die Leute reden, wie sie sind. Aber gib ihnen die Antworten, die sie verdienen. Höflich, deutlich, ohne Scheu. Feminismus ist leider immer noch (auch) die Verteidigung des Selbstverständlichen. Deswegen bin ich Feministin. Obwohl ich Alice Schwarzer bescheuert finde. Obwohl ich meine, es gibt wichtigere Probleme als Aufsichtsrätinnen in Dax-Konzernen. Und auch, obwohl ich meine, die Arbeitswelt sollte von der Arbeitswelt ausgehend die Kindergartenplätze organisieren und nicht umgekehrt. Wie gesagt, ich bin die Feministin, die sich schwer tut. Bis auf diesen einen Punkt:

Lass dir nichts gefallen.

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