Katastrophentourismus im Einzelhandel

Es fällt mir gerade ein: Ich bin ja schon fast sieben Jahre hier. Sieben Jahre Buchhandlung in Borgholzhausen, davon drei Jahre mit Verlag. Das ist gar nicht so wenig Zeit, das ist die längste Berufstätigkeit, und meine liebste sowieso. Es soll so bleiben.

Was hat sich verändert, fragt das Haller Kreisblatt. Och, sage ich. Nicht so viel. Doch, sagt das Haller Kreisblatt, der ganze Einzelhandel liegt darnieder. Schlimm. Schauen Sie mal – Sonderseite Leerstand in Halle. Machen wir demnächst auch mal für Borgholzhausen. Versmold hatten wir schon. Ha, sage ich. Dann gibt’s aber hunderttausendprozentig keine Anzeigen mehr von mir. Ich fördere nicht den Abgesang auf mein Gewerbe. Nicht mal mit 85 Euro netto auf so einer Sammelseite. Vergesst es einfach. Ok, sagt das Haller Kreisblatt, das ist natürlich logisch.

Wie gesagt, hier hat sich nicht viel verändert. Es ist etwas zu voll, ein bisschen unordentlich, ich habe irgendwann andere Lampen gekauft, verschiedene Computer, und nächstens brauchen wir neuen Fußboden. Aber wenn sich der Einzelhandel insgesamt verändert, ist Konstanz beinahe irritierend. Verwirrend. An der Exegese der Verwirrung, an ihrer Perpetuierung durch immer neue Girlanden voller Düsternis sind Kunden wesentlich beteiligt. Es scheint so ein menschliches Grundbedürfnis zu sein – Die Freude an Niedergang und Spektakel, der sanfte Grusel angesichts von Problemen, die man selbst nicht hat.

Ein schönes Beispiel: Die Eisdiele in Borgholzhausen öffnete dieses Jahr spät. Recherchen: Wohin sind die abgehauen, Frau Bergmann? Kann man wohl die Möbel aus der Insolvenz ersteigern? Das kommt davon, dass man meint, wir lassen uns hier das Geld aus der Tasche ziehen. Das meinen Sie doch auch, Frau Bergmann? Nee. Ich wusste, die haben ein Baby bekommen. Die öffnen halt etwas später wegen ihres Säuglings. Ich habe nichts gesagt, aber ich hab mich so gefreut über all die dummen Gesichter, über die Schreckensgeier, die sich – Leute sind zielsicher stillos – auf der Eiscafé-Terrasse von Unkerei erholen, die sie selber angestiftet haben.

Ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie schwer Einzelhändler heute arbeiten. In ihrem Job, in ihrem eigenen Gewerk, mal mehr, mal weniger. Da gibt es auch Herausforderungen; notorisch misstrauische Banken sind zu nennen, die müßigen Diskussionen mit super selbstbewussten Endverbrauchern. Aber das ist alles Teil des Jobs, das weiß man vorher oder lernt es irgendwann.

Die Härte, der wir gerade ausgesetzt sind und die mich ärgert, maßlos ärgert: Öffentlicher Katastrophismus. Alle wissen angeblich, wie es geht, woran es liegt. Jeder hat seine Meinung und dreimal Recht. Aber sie reden, die Verwaltungsleute, Politiker, Journalisten und all die vielen Leute auf der Straße, von Zuständen, die sie nicht übersehen. Die allermeisten sagen, befragt, warum sie nicht selbst im Einzelhandel tätig sind: Liebe Frau Bergmann. Die Arbeitszeiten. Und immer dieses Risiko. Das muss ja jeder selber wissen, aber wenn Sie mich fragen.

Antworten Sie doch mal auf meine Frage, sage ich dann gern. Ich habe gefragt, warum Sie mich mit Gewissheiten belästigen, die nur scheinbar sind. Sie wollten Ihre Sicherheit, und ich meinen Einzelhandel. Ich schlage eine Gegenumfrage vor: Burnout-Risiko in Großraumbüros. Haltungsschäden, Herzinfarkt. Da kommt auf jeden Fall was raus, das Ihnen nicht gefällt. Oder auch Boreout. Vielleicht ist der Katastrophismus, die Freude am Scheitern fremder Leute, auch nur eine Spielart von Langeweile. Krankhafte Langeweile macht boshaft und irgendwann krank. Ich war in sieben Jahren in Borgholzhausen insgesamt fünf Tage krank. Dreimal Stimme weg, zweimal Magen verdorben. Spricht für den Job.

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