Beliebiger Dienstag

Als ich um 9 Uhr in die Buchhandlung kam, sagte Facebook: Da ist was los. Da hat dich einer erwähnt, wohl nicht positiv, denn es hagelt Kommentare. Kritik klickt gut, Häme noch besser. Nolens volens war ich anstößig geworden in einem notorischen Bereich. Buchblogger gekränkt. Das ist ein Verstoß, den man sich besser an einem verregneten Wochenende als zu normalen Arbeitszeiten leistet. Ich habe zwischen 9 und 10 ein paar Reaktionen gekontert. Dann habe ich:

Kunden bedient. Das Telefon beantwortet. Rechnungen geschrieben, Rechnungen bezahlt, Briefe konzipiert, an einem Manuskript gearbeitet, der kleinen Oma Mittagessen gemacht, weitere Kunden bedient, mit der IHK telefoniert, mit dem Haller Kreisblatt geredet, Kollegen im Einzelhandel gemailt, dass wir jetzt wirklich mal in die Gänge kommen müssen mit unserem Manufaktur-Konzept.

Wie, was, Manufaktur?

– Ich hab dir das schon x mal lang und breit erzählt. Euch allen. Es geht darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Qualifizierte Dienstleistungen, starke Marken.

Du hast zuviel Zeit. Als ob man mit Konzepten auch nur einen Cent verdient.

– Konzeptlosigkeit ist keine Lösung.

Du nervst.

– Ich kann das auch alleine machen. Kein Problem.

Das war nur Spaß. Ich bin dabei. Du machst das schon. Also mach jetzt. Wann ist das fertig? Dieses sogenannte Konzept?

– Ich muss mich gerade mit Buchbloggern raufen.

Auf keinen Fall! Wir haben hier dieses, äh, Konzept. Wir müssen sofort damit anfangen, das ist wichtig, der Einzelhandel liegt darnieder. Wo sind die, diese Blogger?

– Im Internet. Oder in Berlin oder beides.

Weit weg! Egal! Los, wir brauchen Postkarten und Aufkleber und eine Sonntagsöffnung und Gummibärchen. Und einen Malwettbewerb mit den Kindergärten, und wehe, Du legst dich schon wieder mit den Vereinen an. Vereine sind wichtige Kunden, besonders der Schützenverein und der Männergesangsverein.

– Blogger sind auch wichtig. Die sind in meiner Branche nicht unerheblich. Eine neue Form von Literaturkritik. Ich finde das interessant.

Ich nicht! Kugelschreiber. Keine Kekse mit Facebook-Daumen. Das ist nur wieder was aus diesem Internet. Das hat bestimmt so ein sogenannter Blogger erfunden.

– Nein, Anita Freitag-Meyer. Die verkauft mit viralem Marketing tonnenweise Gebäck. Facebook, Keksblog, Instagram. Die hat zum Beispiel Einhornplätzchen mit Glitzer.

Du spinnst.

Es ist jetzt kurz vor halb sieben. Ich habe den ganzen Tag geredet, einen normalen Dienstagsumsatz erwirtschaftet, das Manuskript zu 85 Prozent durchgesehen, fast alle Einzelhändlerkollegen für heute davon überzeugt, dass dieses Internet nicht nur des Teufels ist. Zumindest bis morgen. Sportives Vergessen ist ein Hobby von Personen, die mal testen wollten, ob sich Leute mit solchen sogenannten Bücherläden ärgern lassen.

Also, nein. Ich lass mich nicht ärgern. Jedenfalls nicht auf der Straße in Borgholzhausen. Und auch eher nicht von Botschaften aus fernen Welten. Ich meine nämlich, es gibt keinen Konflikt zwischen Bucheinzelhändlern und digitaler Literaturkritik. Ich meine, Personen, die im Einzelhandel den ganzen Tag von Menschen umgeben sind, wissen aus eben dieser Erfahrung, was ihre Kunden wollen. Bestimmte Bücher, andere nicht. Eher Bücher, die mir gefallen als die Favoriten ihnen unbekannter Influencer. Und was ich selbst gern lese, interessiert die meisten Kunden auch nicht absolut. Sie nehmen das ernst, weil ich diejenige bin, die sich die Werbesprüche und Postkarten und Veranstaltungen ausdenkt. Wie sich das gehört im Bücherladen.

Jetzt fahr ich schnell nach Hause, denn morgen früh um 9 geht es hier weiter. Einzelhandelsstrukturwandelmanufakturüberlegungen. Und Kriminalromane, Bleistifte, Leuchtflummis und kleine Geschichten zum Vorlesen für zwischendurch.

Ein schöner Arbeitsalltag. Aber weit weg vom Buchbloggerbetrieb.

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Beliebiger Dienstag

  1. Gedankensplitter von Mascha K.: für Martina B. -ein bisserl verändert:
    (…)
    In dir scheint alles aufgeräumt und heiter:
    Die Diele blitzt. Und du hast nichts verschlürt.
    An solchem Tag erkletterst du die Leiter,
    Die von der Erde in den Wohlfühl-Himmel führt.
    Da kannst auch du nach eigenem Belieben
    – Weil du dich selber magst – den Nächsten lieben.
    Freu‘ dich, dass du dich an das Schöne
    Hältst, weh dem, der an das Wunder sich gewöhne.
    Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
    Ich freue mich, dass du so heiter bist. Und deshalb: Bleib dir treu.

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