Glitzermütze

Vierter Adventssamstag. Ich kam nach Hause, es war früher Nachmittag, und sie hatten schon dreimal angerufen.

Wo bleibst Du denn? Wir müssen Geschenke kaufen!

– Seid froh, dass der Buchladen nur bis mittags geöffnet hat. Überall anders ist langer Samstag.

Mittags ist ewig vorbei. Und wir müssen jetzt wirklich Geschenke kaufen. Dringend!

Wir, das bedeutete: Personen in diesem Haushalt. Einzelne von uns, zwei, manchmal alle drei. Aber eher er und ich. Sie blieb daheim.

Seid mir nicht böse, sagte sie. Ich hab soviel zu tun. Ich würde sehr gern mitfahren, aber die Arbeit hält mich auf. Ich kann das nicht verantworten.

Mitunter dachte ich, Schabernack. Sie spricht mir nach, um mich zu ärgern. Arbeit, die einen aufhält, das ist doch Floskeldeutsch. Aber für sie: Schützende Arbeit. Die man vorschützt, um zu Hause zu bleiben. Weil man da geborgen ist, sicher. Bewahrt vor schrägen Blicken, wenn man die Zeiten durcheinander wirft. Bewahrt, weil man sich bei der Speisekarte helfen lässt.

Ich bestelle, was Du nimmst. Du hast einen guten Geschmack.

– Ok. Ich bring dir Käsekuchen mit.

Prima. Und überschlagt euch nicht. Ich habe viel zu tun.

Wir kauften reichlich Geschenke an diesem vierten Advent, Geschenke für alle, die wir mochten. Bunte Tücher, schöne Becher. Ich kaufte für meine Mutter eine Filzstola und für die kleine Nichte eine Krippe aus Holz. Ich suchte für ihn eine Brille aus – helles Blau, Eisblau, es passte genau zu seinen Augen. Und für sie kauften wir eine Glitzermütze. Weiche Wolle, innen Fleece. Durchwirkt von Silberfäden. Sie würde leuchten, wenn sie im Dunkeln durch die Felder ging. Sie wäre sichtbar, und ich hätte diese Sorge los.

– Gib es ihr nicht sofort, das Päckchen. Lass es erstmal liegen. Sie muss sich dran gewöhnen.

Ich will ihr das aber sofort geben, sagte er. Sie muss heute Abend beschützt werden. Auf der Stelle. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Er sauste an mir vorbei, die Einfahrt herunter ins Haus hinein. Ich musste den Kofferraum leerräumen, die Tüten aufnehmen. Ich folgte ihm ein paar Minuten später.

Am Küchentisch die Szene, die ich hatte vermeiden wollen. Sie in großer Freude, oh, schönes Papier. Ein Aufkleber. Und Schleifchen. Er mit der Glitzermütze auf dem Kopf. Hässlich, hatte sie gesagt. Natürlich sehr hässlich. Setz die selber auf, die hässliche, komische Mütze. Aber schönes Papier. Das verwahre ich.

– Sie wird die Mütze lieben, sagte ich. In zwei, drei Tagen. Nach Annäherung.

Und dachte, nach zweiundvierzig Jahren könntest Du durchschauen, dass sie mit dir spielt. Glaub doch nicht, dass sie auf Knopfdruck reagiert. Aber er war schon davon gegangen, er spielte Weihnachtslieder am Klavier. Sie faltete das Papier, legte die Schleife beiseite und stellte sich daneben.

Schön, sagte sie. Ich habe einen erlesenen Geschmack. Sonst hätte ich dir nicht so eine schöne Mütze ausgesucht. Er seufzte und spielte. Ich schickte ein stilles Gebet. Liebes Christkind. Lass es bitte so bleiben. Noch viele Jahre.

Achteinhalb Monate später war er tot. An Krebs gestorben. Wenn das gehen mag, einigermaßen undramatisch. Die Glitzermütze hatte uns begleitet. Sie störte Röntgenaufnahmen, behinderte die Kernspintomographie. Glitzer, glitzer. Sie war im Krankenhaus dabei, im Hochsommer. Meistens auf dem Kopf, nie außer Reichweite. Das musste so sein. Sie braucht das, sagte er. Vertrau ihr, dass sie sich zu verstehen gibt.

– Hier, Herr Doktor. Sehr schöne Mütze. Ich hab die für ihn ausgesucht. Ich hatte schon immer einen guten Geschmack. Auch bei Männern.

Lass sie, sagte er. Lass sie glitzern, über meinen Tod hinaus. Sie hat das Recht, anständig behandelt zu werden.

– Und mit Glitzer!

Sie hat ihm die Glitzermütze in den Sarg gelegt. Sie hat dem Totengräber gesagt, junger Mann, die Mütze muss mit. Aber ich bleibe hier. Ich hab noch was zu tun.

Heute fragt sie mich manchmal:

– Du. Könnten wir wohl bei diesem Friedhof vorbeifahren? Ich wollte überprüfen, ob man die Glitzermütze sieht.

Ja, sage ich. Ich meine, in Vollmondnächten kurz nach zwei Uhr morgens glitzert sie.

– Ok. Das beruhigt mich. Ich schreibe mir das auf.

Sie nimmt ein Notizbuch, sucht den Schminkstift, befeuchtet ihn mit Spucke, schreibt:

Prüfen, ob erledigt. Und setzt ein Häkchen dran.

– Wir haben das gut gemacht, wir beide. Komm, wir essen Käsekuchen.

Wenn es schöne Trauer gibt, dann wohl die mit Käsekuchen. In dem Wissen, dass sie weiter glitzert. Und dass er weiß, sie kommt zu ihrem Recht. Sie wird anständig behandelt. Nicht von allen, beileibe nicht. Aber von mir und denen, die auch finden, Glitzer muss man haben. In jedem Lebensalter.

 

 

 

 

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