Grubenponys (Literaturvermittlung, Selbstbilder)

Es muss ja heute keiner mehr in eine Buchhandlung gehen. Amazon hat sowieso alles, und bei Thalia oder im nächsten größeren Bahnhof liegt zumindest die gängige Belletristik im Stapel aus. Das Geschäftsmodell steht insgesamt zur Diskussion. Was ist das heute, eine Sortimentsbuchhandlung? Ein freundlicher Kramladen für schöne Artikel, darunter auch Bücher? Eine Anlaufstelle für alle, die sowieso des Weges kommen – als Schulkind, Rollator-Omi, Wanderer oder Flaneur? Wobei, Flaneur: Das ist eine soziale Figur aus Großstadtromanen, das ist keiner, der in westdeutschen  Fußgängerzonen herumläuft. Das schließt sich ästhetisch aus. So ein Flaneur, wenn es ihn hier gäbe: Klar, der würde mit mir ein literarisches Kleincolloquium bestreiten. Die Feuilletons des Tages, FAZ, Süddeutsche, am Donnerstag Die Zeit. Der Flaneur würde sich freuen, dass ich zu Bobrowskis Briefen eine Meinung habe, dass ich Nipperdeys Geschichtsschreibung den Wehlers und Winklers der historischen Zunft vorziehe. Der Flaneur hätte Vergnügen an Jaspers und Löwith, die hinter mir an der Kasse stehen.

Aber weder die Jaspers-Korrespondenz noch der kundig edierte Austausch von Karl Löwith und Martin Heidegger haben ihr Publikum in einer kleinstädtischen Sortimentsbuchhandlung. Diese Bücher stehen hier, weil ich sie interessant finde. Und weil ich sie gekauft habe – für mich. Falls ein Flaneur beschriebener Art durch Borgholzhausen schlendert, kauft er ein Buch aus meinem Privatvorrat. Dann freue ich mich. Das sind etwa 500 Euro Umsatz im Jahr. Der Rest der intellektuellen Bücherschau ist mein persönliches Vergnügen. Ich lebe, wie vermutlich 99,75 Prozent der selbständigen Buchhändler, von Liebes- und Kriminalromanen, von Wanderkarten, Sprüchebüchern. Ich kann zu diesen Artikeln etwas sagen, das sich von Sternchen bei Amazon oder einer Stapelhöhe im Kettenladen unterscheidet. Ich kann inhaltliche Argumente anführen, kann berichten, dieser Roman ist handlungsarm, aber sprachlich komplex. Oder: Da passiert ne Menge, das macht Spaß. Ich kann, weil ich Kunden wie Ware kenne, ganz gut übersehen, welches Buch zu wem gehört. Das ist aber keine intellektuelle, gar eine preiswürdige Kompetenz. Das ist Routine.

Und die Literaturvermittlung? Mein Schaffen im Weinberg des Werbens um den kulturellen Mehrwert meiner Stadt? Ich weiß es nicht. Kunden meinen, ich sei beflissen in der Vermittlung höherer Werte. Ich meine, was ich verkaufe, entspricht meistens nicht den Kriterien von Literatur im akademischen oder auch nur feuilletonistischen Sinn. Ich verkaufe sehr viel Unterhaltung und gehobene Belletristik, mitunter historische Sachbücher oder einen politischen Essay. Das ist mein Job. Das ist keine Selbstverwirklichung, kein Hobby, aber auch kein kultureller Wert, für den ich mir ein Etikett an die Jacke stecken müsste. 173 Freiexemplare aus Konzernverlagspaketen durchgelesen. 69 Texte namens Besprechung verfasst, zusätzlich validiert durch händische Erledigung (Breitfeder-Füllhalter!) und großzügige Beimischung von Gefühlsattributen (warmherzig, liebenswert, anrührend, sehr ergreifend). 57 Schaufenstergestaltungen, eindeutig nicht vom Dekorateur (Pappplakat, Tischdecken aus Omas Vorrat). Man kann das alles machen, man kann sich der Bastelei hingeben, stationär wie digital. So entstehen schein-originelle Sortimentsbuchhandlungen, Bücherblogs mit Kaffeetassen und auf farbigem Kopierpapier gedruckte Lesetipps. Wie gesagt, man kann das alles tun. Schadet keinem, weil es die allermeisten Leute sowieso nicht interessiert. Aber man soll nicht meinen, dass man dafür Preise bekommt. Als ob Sortimentsbuchhandlungen untereinander funktionieren wie die Bundesjugendspiele. Irgendeine Urkunde kriegt jeder, irgendwann. Notfalls das Fleißkärtchen für akribisch durchgeführte Mittelmäßigkeit.

Der Eindruck, jeder müsste Preise bekommen, habe gar ein Recht darauf: Das ist selbstbezüglicher Unsinn von Personen, die sich in die Tasche lügen, Umsatzrückgänge seien fremdverschuldet. Amazon, Internet, Globalisierung. Das Grubenpony ist irgendwann durch Maschinen ersetzt worden. Und ich muss kein Tierschützer sein, um das für einen guten Fortschritt zu halten.

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