Frauenbilder

Es ist ja gerade Wahlkampf, und die Partei, die hier in der Gegend meist gewinnt, hat Frauen aufgehängt. Frauen in meinem Alter. Und Frauen, die auch gut ausgebildet sind. Übrigens freundliche Frauen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber sie sehen aus, als kämen wir zurecht. Und wir sind ziemlich sicher darin einig, dass wir die Frau nicht mögen, die bei der AfD ganz oben steht. Die ist auch ungefähr so alt wie wir, ebenfalls gut ausgebildet – und sie hat auch hier in Ostwestfalen Abitur gemacht.

Andersherum: Eine nach links tendierende, aber insgesamt ausgewogene Gesellschaft hat diese kalte, ganz auf sich bezogene Person hervorgebracht, die jetzt die Stimmen derer fängt, die sich fürchten. Ich schreibe extra nicht – die am rechten Rand fischt. Das glaub ich nämlich nicht. Es gibt rechte Spinner zwischen viel roter NRW-Folklore und etwas bürgerlichem Grün, das ja. Aber die gab es immer, die schwenken ihre Fahnen. Die wählt man nicht.

Man wählt aber Personen, die Ängste bedienen. Die von Überfremdung sprechen und sich der ordinären Bildersprache eines früher gelobten Romanautors bedienen. Als Buchhändlerin konnte ich mir Thor Kunkel vom Hals halten. Ich konnte sagen – der ist ekelhaft. Ich finde seine Schreibe weder radikal schick noch poetisch wagemutig oder sonstwie ästhetisch zu entschuldigen. Ich finde ihn geschmacklos. Narzissmus mit Fäkalien durcheinander. Stinkt.

Als Wählerin, als Frau im Alter dieser ganzen Frauen: Komme ich an Thor Kunkel nicht vorbei. Auch nicht an seinem Auftraggeber, an der Mundgeruchspartei. Es klingt schal und hohl und abgestanden, was sie reden. Es klingt so, dass man denkt: Bitte, gründet einen Klub. Fahrt mit euren Geländeautos herum, spielt Golf, sortiert die Perlen und den restlichen pseudobürgerlichen Kitsch. Wir sind eine freie Gesellschaft, wir tolerieren Personen mit Geschmacksproblem. Aber wir tolerieren bestimmt nicht, dass ihr unsere Freiheit missversteht. Ich bin mir sicher, dass ich mit den freundlichen Frauen auf den Wahlplakaten darin einer Meinung bin.

Ich wähle sie aber nicht. Die Wahlversprechen der freundlichen Frauen lauten: Kindergartenplätze, Elterngeld, mehr Geld, anderes Geld. Sie möchten Angst mit Transfergeld kurieren. Das ist nett von ihnen, aber es hilft nicht. Wer die Angstmacher wählt, befürchtet, in der globalisierten Arbeitswelt unter die Räder zu kommen. Hat Angst, dass die Glücksversprechen früherer Generationen nicht mehr gelten. Geh arbeiten, sei fügsam, baue ein Reihenhaus mit Garten und engagiere dich im Schwimmverein. Es funktioniert kaum noch. Aber das liegt nicht an Fremd- und Leiharbeitern, an ein paar Flüchtlingen oder an Christian Lindner im Unterhemd.

Ich meine, die Angst kommt von Latenz, von einem diffusen Unbehagen. Keiner sagt dir in diesem Wahlkampf, so geht das hier nicht weiter – mit dem umlagefinanzierten Rentensystem aus Adenauers Zeiten. Absoluter Wahnsinn, demografisch unmöglich. So geht das auch nicht weiter, die Verlagerung privater Verwerfungen in Transfergeldbürokratie. So geht das nicht weiter, mehr und mehr Kompetenz an eine Institution namens „Staat“ zu verschieben. Verwaltung ist gut und schön und sinnvoll. Aber Verwaltung ist kein Selbstzweck. Genauso die Bürokratisierung von Bildung. Bildung ist nicht: Zettel sammeln, Abschlüsse zurechtbasteln und notfalls einklagen. Bildung ist Freiheit. Die Möglichkeiten und die Freiheit zu erhalten, Meinung, Position und Weltanschauung zu entfalten.

Die freundlichen Frauen von der SPD, die Angstfrau mit den Perlen und ich, die Tochter des Freigeists: Wir hatten die großzügige und vielgestaltige Ausbildung der achtziger und neunziger Jahre. Wir hatten es wirklich sehr gut, und deswegen gehört es sich, dafür zu sorgen, dass junge Leute heute auch ihre Chance bekommen. Angst ist keine Chance. Angst ist etwas, das Thor Kunkel gefällt, denn der verdient damit sein Geld.

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