Familienbetrieb

Als ich achtzehn war, wollte ich in einer großen Stadt in einem Büro mit Computer arbeiten. Ich wollte mit dem Fahrstuhl nach oben fahren und fast in den Wolken von Frankfurt oder Berlin oder New York sitzen, Telefonate führen und Faxe verschicken. Ich stellte mir das sehr lässig vor – und weit weg von Ostwestfalen. Mein Heimatbild hatte mit Bushaltestellen zu tun, mit Anoraks, die man von September bis Mai bewohnen musste, mit stabilen Schnürschuhen, Butterbrotdosen, Langeweile. Unnötig zu sagen, dass ich Lebensformen strikt ablehnte, die mit Familie zu tun hatten. Großfamiliengeschwisterkinder sind wohl so.

Als ich fünfundzwanzig war, hatte sich das kaum geändert. Es gab inzwischen E-Mails, die gefielen mir noch besser als Faxe. Ich war im Ausland gewesen und fand an Deutschland vieles prima. Zum Beispiel, dass es Bushaltestellen gibt. Und eine Müllabfuhr und das BaföG-Amt und einiges mehr, das man als Ostwestfalenkind für selbstverständlich hält. Nur die Mode war überall anders besser. No more Anoraks. Ich ruinierte viele schöne Schuhe, weil sie für das Berliner Straßenpflaster ungeeignet waren. Aber ich fand jetzt meine Geschwister in Ordnung. Erstmal sind sie nicht langweilig. Und zweitens immerhin zu dritt, sodass ich nicht mehr Elternaufmerksamkeit bekam als von mir vorgesehen. Nämlich wenig.

Jetzt bin ich achtunddreißig. Es hat sich so ergeben, dass ich in der Nähe meiner Fluchtbushaltestelle arbeite. Seit fast acht Jahren, und ich bin da immer noch. Ich könnte sogar im Auto türmen, aber es ist nicht mehr nötig. Ich fahre mittags oft nach Hause und esse Eintopf oder Spiegeleier. Ich trage stabile Schnürschuhe, wenn auch weiter keine Anoraks. Und ich bin ständig mit Familienmitgliedern beschäftigt, die ich feiern, pflegen oder unterhalten muss. Es ist kein bisschen so, wie ich mir das mit achtzehn vorgestellt hatte. Aber sehr schön. Und ab November auch noch mit meiner Mutter hier in der Buchhandlung. Sie ist jetzt Rentnerin, und wir dachten: Warum weiter mit den Betreuungs- und Seelenfisimatenten von Aushilfen beschäftigen? Mama kennt mich schon immer, mit allen Girlanden, und deswegen nimmt sie den Arbeitsplatz an meiner Seite ein. Ich bin darüber ausgesprochen gut gelaunt.

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