Provinz verteidigen (Zu Hause sein)

Provinz wird immer dann zur Kulisse, wenn die Leute aus der Stadt das so gebrauchen. Wenn sie im Dorf heiraten, weil die Kirche schöner ist. Wenn sie wandern und auf ein Wurstbrot einkehren – Spoiler. Wenn sie an der Tankstelle ein Heißwürstchen im Tauchsieder bereiten lassen, weil nichts geöffnet hat. Kein Landgasthof, wo das Krustenbrot zu Räucherschinken mundet und der Johannisbeersaft von den Sträuchern fast fertig in die Gläser rieselt. Nicht mal ein Italiener mit Würfeltischdecke, und dabei haben die uns Genuss erst beigebracht. Gerade auf dem Land. Wo wären die heute, hätte sie keiner belehrt, dass man zu Nudeln Pasta sagt. Paaasta, langes A. Die wären immer noch bei Eisbein und Sauerkraut.

Kultiviertes Leben und Provinz, das scheint sich zu widersprechen. Ich höre so sagen, seit ich zurück bin. Ich denke, das ist unlogisch. Ihr kauft die Landlust mit den schönen bunten Bildern. Ihr träumt von Kuchen aus glücklichen Äpfeln und würdet wahrscheinlich Bienen halten, wenn die Etagenwohnungen nur nicht so teuer wären. Steigen ständig, die Mieten. Aber immerhin, der Kaffee ist mit Crema. Und Milchschaum, vegan bei Belieben. Tofu, Hafer, andere Substanzen. Ich kann dazu wenig sagen, ich bin zu lange wieder hier. Manchmal ärgere ich mich. Dieses Dorf, die ewige Quatscherei. Die weiten Wege, wenn man eine Bank mit Diskretion gebraucht, einen Steuerberater, der versteht, dass Menschen beruflich Bücher schreiben – kein Hobby. Die Fahrerei zu irgendwelchen Ärzten, zu der einen Kirche, wo am Sonntag die Messe gehalten wird. All das nervt mich, aber in einem normalen Rahmen, so dass ich es für unbedenklich halte.

Was mich wirklich nervt: Kulisse sein zu sollen. Kulisse für die Lebenskonsumenten in Funktionskleidung beim Wandern, Kulisse für Personen in intellektuellem Walkfilz, die mich ungefragt bedauern, weil die Kunden Barbaren sein müssen. Kann ja nicht anders, hier auf dem Land. Wo die Lokalreporter stumpfe Trottel sind – schon wieder eine Hühner- und Kaninchenausstellung. Malwettbewerb in der Grundschule. Einweihung von Verkehrskreisel mit Skunstskulptur. Was mich also nervt: Das Denunzieren von vermeintlich ungeschlachten Personen, von all den Figuren, die so eine Provinz besiedeln. Inhaber von Männerwitzbeständen. Betreiberinnen von Strickzirkeln und Bücherkränzchen. Solche, die rosa Geschenkpapier für Mädchen mögen. Es ist einfach, über sie herumzuwitzeln. Und noch viel leichter, seit gefühlt jeder einzelne Großstadtbewohner über ein Smartphone mit Twitter-App verfügt. Twitter kennen die hier nicht; Twitter ist insofern kein Provinzmedium, als man sich dort kurz fassen muss.

Aber was schreibe ich – die? Wir! Wir hier in der Provinz. Ich gehöre ja dazu, schon länger. Woran ich das merke? Am meisten daran, dass ich mich oft nicht mehr aufrege. Über Geschenkpapier in Rosa und auch noch mit Glitzer. Über Spielzeugschießgewehre für die nächste Generation im Schützenverein. Geschenke, die vermittels der Serviettentechnik angefertigt wurden. Die ich bis heute nicht beherrsche. Ebensowenig wie Sockenstricken nach der einen oder anderen Methode. Ich vergesse sogar, wie die heißen. Es ist eine echte Glaubensfrage mit diesen Socken, genauer gesagt, mit den Fersen so oder so. Aber das stört keinen, denn wir in der Provinz sind viel toleranter als der Großstadtmensch bei Twitter gemeinhin unterstellt. Wenn wir in der Provinz jemand beim falschen Namen rufen, dann ist das halt passiert. Tut uns Leid, blöder Fehler. Kein Grund, das halbe Internet in Brand zu stecken.

Provinz, das denke ich oft: Provinz ist das Gegenteil von einsam. Und deswegen wird Provinz im Netz gern denunziert. Schade für die, die so einsam sind, dass sie das tun. Aber für die Provinz, für uns in der Provinz – egal. Es ist schön hier, weil wir uns leben lassen, wie wir sind.

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2 Gedanken zu “Provinz verteidigen (Zu Hause sein)

  1. Provinz – daraus besteht über die Hälfte des Staates. Mitsamt den mal kleineren, mal größeren Provinzstädten. Und ja, auch hier in der Provinz gibt es Kultur, Theater und Menschen, die das idyllische Leben für Städter herausputzen. So, das man die Arbeit dahinter nicht sieht.
    Mir gefällt übrigens das Buch „Altes Land“ von Dörte Hansen 🙂 Beim Lesen habe ich oft kräftig nicken müssen, viel geschmunzelt und herzhaft gelacht. Die Städter kommen selten gut dabei weg, aber die Beschreibungen der Dörfler waren ebenso gut, knorrig und herrlich bodenständig.

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