Irgendwas ist immer (Stoizismus nebst Zuneigungen)

Ich lebe wieder wie im Studium. Ich gehe morgens aus dem Haus, erreiche gegen neun Uhr meinen Arbeitsplatz, bleibe bis mittags, mache zwei Stunden irgendwas anderes und kehre wieder. Der Ort heißt nicht mehr Staatsbibliothek Unter den Linden, sondern Bergmann Verlag. Ich muss wegen Internet nicht mehr anstehen, und statt in die Mensa geh ich zu Edeka Niehoff. Manchmal rede ich da mit einer Mitarbeiterin von früher, als wir nur die Buchhandlung hatten. Meistens kommt einer und sagt, könnten Sie mal bitte nicht so schwatzen.

Das ist wie mit dem Bibliotheksgenossen damals, der über Fontane promovierte und Flüstern als Variante von Stillarbeit ausgab. Dabei habe ich nie wieder jemand so laut flüstern gehört. Er sagte immer, ach, weißt Du. Hauptsache, man schreibt Bücher und sorgt gelegentlich für Streit. Damit reinigt man sein Umfeld von Schleimern und Gelichter. Seine Vokabel war Intellektpöbel. Die ist schon eher hässlich, aber nun gut. Jedenfalls die Schleimer, wie er laut flüsterte, die wehrst Du ab.

In meinem Arbeitsgefüge heute kommt er in anderer Besetzung vor. Jemand ist noch unverblümter. Und sie flüstert dabei nicht. Wenn sie sich empört oder empören will, verfällt sie in einen schlesischen Akzent. Der klingt dramatischer als unser matschiges Nordwestdeutsch. Ein Hauch von Leidenschaft und Operette, kurz vor Kitsch. Aber deutlich vom semantischen Gehalt. Der da heißt: Du musst viel arbeiten. Von morgens bis abends. Zehn Stunden sind kein Problem. Hörst Du? Wenn dir einer sagt, Du sollst nicht soviel arbeiten – der ist nur selber faul.

Jetzt lies mal vor, was hast Du denn geschrieben heute? Hm, weiche ich aus. Ich musste den Buchladen aufräumen und Belege sortieren und Pudding kaufen. Nein, hebt sie an. Ein Anflug von Schlesisch. Warte, beeile ich mich. Bloß kein Theater jetzt. Ich nehme einen Text, ich lese was. Sie hört, sie denkt, sie lacht. Hach, sagt sie. Ich hab es dir immer schon gesagt. Bücher schreiben. Das ist gut für uns beide. Wenn ich lache, werd ich hundert.

Witzbücher also? Nein! Sie funkelt mich an. Das Leben an sich. Du musst es nur beschreiben. Es ist absurd genug. Und das stimmt. Folgendes ist mir zum Beispiel widerfahren: Die Nachbarn verbreiten, ich verkaufe mein Gartenhaus. Makelei fremden Eigentums bei der Fußpflege. Das Dach der Buchhandlung ist abgestürzt. Ich konnte verfolgen, wie PKWs und Rollatoren durch die Scherben donnerten. Bis zum Eintreffen der Feuerwehr war auch der letzte halb zerborstene Ziegel zu Brösel zerfahren.

Herrlich, sagt die Person in meinem Haushalt. Was sind die Leute auch bescheuert. Kein Schlesisch, kein Hauch davon. Wieso regst Du dich nicht auf? Deswegen doch nicht. Irgendwas ist immer, die Leute sind eben verwirrt. Hauptsache, Du schreibst das alles auf. Stoizismus, Computer, Routine, Internet. Bücher, höre ich den einen flüstern und die andere funkeln. Jetzt schreib endlich Bücher, wie wir dir das immer sagen.

Also los.

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