Der Staat in meinem Kühlschrank oder: Mit alten Menschen leben

Mit der Kleinen Oma kam der Staat zurück. Ich hatte ihn mir vom Leib geschafft. Ich war so froh gewesen, als das Theater mit dem BaföG-Amt vorbei war, die Nachweise über Einkommen von Eltern und Geschwistern. BaföG ist eine gute Erfindung, ich hätte ohne BaföG und ein Stipendium gar nicht studieren können. Aber BaföG war auch die Rechtfertigung meines Lernens vor dem, der das bezahlte. Vor dem Staat. Es war der Staat in meinem Kühlschrank, und ich habe es gehasst.

Wir kamen uns nun wieder nahe, der Staat und ich, weil die Kleine Oma beschlossen hatte, sie gehört zu mir. Warum denn nicht? Dass sie Hilfe braucht, ignoriert sie seit Jahren mit funkelnder Lässigkeit, und dass wir beide nicht verwandt sind, dass wir selbst unter noch so weit gefassten Vorstellungen von Familie eine ungewöhnliche Kombination sind: Das hat sie nie begriffen. Die eine und die andere Geliebte, 45 Jahre Altersunterschied. Ja und? Ich höre sie reden, beim Betreuungsrichter: Ja und? Vom Tonfall: Geht’s noch? Haben Sie sonst kein Problem? Ey, flüsterte ich, sei nett. Der kann dir schaden. Und sie rief laut: Mir schadet keiner! Der Richter blieb freundlich. Herrliches Selbstbewusstsein, sagte er und entschied, dass wir als Familie funktionieren.

Ich dachte, Mensch, dieser Staat. Der ist wirklich nicht schlecht. Allein, dass er eine alte Frau mit erheblichen Einschränkungen nach ihrer Meinung fragt – einmal, dreimal, notfalls jedes Quartal: Das nimmt mich für diesen Staat sehr ein. Auch, dass der Staat Institutionen geschaffen hat, die Aufgaben wahrnehmen anstelle derer, die das nicht mehr können, dass er sich Berufs- und ehrenamtliche Betreuer überlegt hat, für diese wiederum Strukturen bildet, dass der Staat, kurzum, seinen Schwächeren viel organisiert und ihnen Handlungsspielraum gibt: Das finde ich richtig gut.

Aber das Gute an diesem Staat, an seiner Sorge für die Schwachen und Gebrechlichen, führt oft zu einem Missverständnis. Der Staat pflegt nämlich nicht. Er kann das gar nicht, und ich meine, Gott sei Dank. Staaten sollen möglich machen, dass die einen Pflege erhalten und die anderen pflegen. Aber der Staat hat in meinem Kühlschrank so wenig zu suchen wie am Schuhregal der Kleinen Oma. Es ist richtig, dass der Staat sich erkundigt, ob sie auch zwischendurch Gemüse auf dem Teller hat. Aber den Staat geht es nichts an, ob und wann sie wie viele Becher Pudding isst. Der Staat muss sicher sein, dass sie stabile Schuhe trägt. Deren Farbe ist privat.

Der Staat hat sich namens seiner Betreuungsrichter und Rechtspfleger nie für unseren Kühlschrank interessiert. Er fragt auch nicht, warum die Kleine Oma manchmal schwarze Leggings trägt (wegen Brigitte Macron, sieht gut aus – bei beiden). Aber der Staat hat uns vor denen beschützt, die meinen, der Staat regelt alles. Die meinen, man kann beim Staat den Pingelanton machen und behaupten, Pudding, Sauberkeit und Abendruhe erfolgten nicht nach der Vorstellung einiger Nachbarn, der Kirchengemeinde oder des Jägervereins. Der Staat kann die gut schützen, die wissen, wie sie leben wollen. Aber die, die sich keine Gedanken machen, die das Leben laufen lassen und meinen: Ach ja, der Staat. Das sind die, die sehenden Auges in den viel beredeten Pflegenotstand rennen. Menschen altern, und alte Menschen brauchen Unterstützung. Das ist nicht alles Pflege im eng gefassten Sinn; Pflege klingt mehr nach Krankheit als das meiste davon ist.

Ich habe jetzt fast fünf Jahre mit alten Menschen gelebt, und es sieht danach aus, dass das noch eine Weile geht. Es ist auch schön. Es ist nur eben: Morgens, mittags, abends eine Mahlzeit. Dafür Zutaten kaufen, verwahren, sie zubereiten und anreichen. Nicht vergessen, dass das länger dauert als für mich allein. Schon deshalb, weil kein nächster Termin wartet. Sieben Abende die Nachtruhe ankündigen, guten Schlaf wünschen, das Licht ausknipsen. Sieben Morgen Wäsche, Strümpfe, Schuhe richten. Jede Woche Fingernägel schneiden, Fußpflege anrufen, Haare kämmen. Manchmal in die Ohren schauen, hin und wieder auf die Waage stellen. Erzählen, zuhören, trösten und loben.

Leben mit alten Leuten ist ungefähr das, was in der Berufsberatung ein sozialer Beruf genannt wird. Was mit Menschen, ist eine andere beliebte und, wie Pflege, etwas beliebige Formel für den Umgang mit Schwächeren. Das ganze Leben ist mit Menschen, Menschen sind Leben. Und Menschen, wie sie miteinander leben, bilden den Staat. Es ist wirklich ganz gut, dass er in Deutschland so funktioniert, wie er das eben tut. Aber es ist ein Irrglaube zu meinen, der Staat könne pflegen, Pflege organisieren, was mit Menschen tun. Das können immer nur Einzelne und Gruppen, die sich einig sind, wie sie zusammen leben wollen. Für realistische Vorstellungen von persönlichem Leben ist dieser Staat ein guter Partner. Aber mehr, zum Glück, auch nicht.

Mehr Staat als nötig im privaten Leben widerspricht meinem Selbstverständnis. Wenn ich aber lese, wer wie zu Pflege leitartikelt, wer in Berichten Zustände schildert, als seien sie dem Zufall oder einem wie auch immer gearteten Schicksal geschuldet: Dann werde ich unruhig. Das Leben mit alten Menschen ist fraglos aufwändig, aber Zeit und Zuwendung kann man nur schlecht in Geld quantifizieren, sofern sie nicht unmittelbar pflegerisch sind. Diesen Aufwand müssen Menschen, Einzelne und Gruppen, bewältigen. Der Staat, das sind wir alle. Nicht allein Parteipolitiker, Verwaltungsleiter und Sozialverbandsvorstände. Der Staat, das sind auch die Kleine Oma und ich in unserer schön schrulligen Kleinstfamilie.

Ein Leben mit alten Menschen kann man bewältigen, wenn man sich selbst Gedanken macht, eine Meinung hat und diese umzusetzen wagt. Davon ist viel zu wenig die Rede im Moment. Und das ist bedauerlich, denn wir beide, die Kleine Oma und ich, sind eigentlich ein Beispiel für Glück und Freiheit. Auch im Alter und mit Speicherschwierigkeiten.

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4 Gedanken zu “Der Staat in meinem Kühlschrank oder: Mit alten Menschen leben

  1. Ich frage mich, ob deine Worte mit dem kürzlich Gesehenen bzgl. der 8000 Pflegefachkräfte zu tun hat?

    Unabhängig davon: Was du über die kleine Oma und dich schreibst, hört sich doch ganz gut an. schön, wenn es so funktioniert und von mir aus auch gerne viel öfter.

  2. Ach, was wäre die kleine Oma, der kleindenkende Staat, die kleine Welt ohne die großartige Frau Bergmann. Und überhaupt ohne große Menschen wie Dich?! Du bist toll, liebe Martina!

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