Plus Fahrer (Meine Oma)

Eine Schachtel mit Briefen in der Schublade. Ganz hinten, dritte Reihe, nach aktueller Wäsche und Wäsche, die man nochmal anzieht, irgendwann. Also die Schachtel aus Blech mit eingelassenem Rautenmuster. Meine Oma ist lange tot, 30 Jahre diesen Herbst, also kann das keine Retro-Schachtel sein. Darin verwahrt sind Einladungskarten zu Bauernhochzeiten. Zu den Hochzeiten von Eltern meiner Sandkastenfreunde. Großes Fest auf der Deele, Einladung für Frau Bergmann plus Fahrer. Plus als Kreuzchen, nicht ausgeschrieben. Fotos liegen dabei, die erinnere ich vom Anschauen, als wäre ich dabei gewesen. Aber ich war ja noch nicht geboren, denn sonst stünde mein Vater auf diesen Fotos nicht im Hintergrund herum. Viele junge Paare, wenige ältere Paare, viele alte Einzelfrauen, die die Haare zum Knoten tragen und über ihren mächtigen Körpern Zelte aus buntem Stoff. Sie sehen ähnlich aus, auch von der Form.

Ach ja, diese fleischfarbenen Dinger. Korselett. Die hatten alle Korseletts an und waren eben zusammengeschnürt. Das wellige Fleisch, die alten Knochen – verstaut. Und zu jeder alten Einzelfrau ein junger Mann. Man kann das durchzählen, es geht immer auf. Junge Paare, alte Paare, alte Einzelfrauen und junge Männer, mit Bierflasche. Es war so gedacht, erfuhr ich später, dass die Einzelfrauen eben nicht allein auf eine Hochzeit gehen mussten. Das wäre doch traurig gewesen, all die Jahre. Sie waren mindestens zehn Jahre Witwe, manche 15 oder 20. Meine Oma war vierzehn Jahre Witwe, sie war also vierzehn Jahre plus Fahrer unterwegs. Der Fahrer hat irgendwann meine Mutter geheiratet. Es ist nicht überliefert, ob das an Fahrten zu Bauernhochzeiten liegt. Dagegen spricht, dass sie nicht vom Hof ist, wie man so sagt. Sie hatte auf Bauernhochzeiten qua Status nichts zu suchen. Dafür spricht, dass das eine schöne Geschichte wäre.

Und die Geschichte ist ja auch abstrakt schön. Sie lautet nämlich: Die Bedürfnisse älterer Menschen (Mobilität, Geselligkeit) haben für jüngere Menschen einen Nebennutzen. Nicht immer nur Brautschau, obwohl meine Oma diesen Aspekt sehr gern aufgegriffen hat. Die Plus Fahrer-Ehen haben alle gehalten – zumindest, solange sie lebte. Und die Plus Fahrer-Ehen sind kinderreich – wie sich das gehört, in dem Milieu, bei diesen Leuten. Die Kehrseite ist enthalten, sie heißt natürlich: Wo sind die jungen Frauen? Wieso gab es nicht eine einzige Einladung plus Fahrerin? Oder meinetwegen neutral, plus Fahrer/in? So wurde nicht gedacht. Genauso wenig interessierte man sich dafür, ob die jungen Frauen der Plus-Fahrer eine landwirtschaftliche Großfamilie ihren Lebenstraum nannten. Ob die jungen Frauen gern länger zur Schule gegangen wären, ob sie womöglich hätten studieren wollen. Also, das sind ja Ideen. Ich höre meine Oma reden, nicht lange vor ihrem Tod. Also, das sind ja Ideen, die Du hast. Wo kommen wir da hin? Ich hatte gesagt, also, mein Klassenziel im dritten Schuljahr ist: Besser sein als alle Jungs. Die Mädchen waren mir egal, die konnten ruhig auch gut sein. Aber ich wollte besser sein als alle Jungs, und meine Oma im Korselett an der Heizung fand das, also, hm. Sie wollte mit dem Plus-Fahrer, mit meinem Vater, darüber beraten.

Ich weiß nicht, wie das ausgegangen ist. Ich war am Ende der dritten Klasse auf jeden Fall das Kind mit dem besten Zeugnis. Ich wurde neben ein türkisches Mädchen gesetzt, das auch komisch war. Die komische Ehrgeizige und die Kopftuch-Komische. So war das, in den Achtzigern. In Westdeutschland. Und Oma war gestorben, in dem Winter, bevor ich Klassenbeste im dritten Schuljahr wurde. Sie hatte aber dafür gesorgt, dass der Plus-Fahrer sich verheiratet und vier Kinder, also vier Enkel, in ihren Haushalt eingebracht hatte. Es gab noch mehr Enkel, woanders. Aber die zählten weniger, denn sie waren eben woanders. Oma, die alte Bauernfrau im Korselett, Oma mit dem Haarknoten und diesen Kittelschürzen, die im Sommer statt Kleid getragen wurden (sonst wüsste ich nichts vom Korselett, das man darunter ahnen konnte), Oma hatte Zugriff auf ihr Leben. Sie steuerte das. Ich hörte, Oma betreffend, nicht ein einziges Mal das Wort Pflege. Pflegebedürftigkeit. Pflegedienst. Oma hatte Arbeit und Enkel und gelegentlich eine Einladung plus Fahrer. Aber Oma war nicht separiert als eine durchs Altsein, durch den Witwenstand unsichtbar gewordene Frau. Oma war nicht einsam.

Plus Fahrer-Fotos in alten Schachteln sind von vorgestern. Ich schreibe diesen Text nicht, um diese Zeit zurückzufordern. Ich kann mir ungefähr denken, was Oma dazu sagen würde, dass ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Ich weiß aber auch, was ich darauf entgegnen würde. Mit Oma konnte man nämlich gut diskutieren; die war wortgewandt. Sie hätte viele Abende mit mir gestritten. Über Plus Fahrer-Feiern, Rollenbilder und studierte Frauen. Sie hätte am Ende gesagt, gut, nun kennst Du alle Gegenargumente, jetzt kannst Du dich da draußen wehren. Ab ins Bett mit dir, und erzähl das bloß nicht Deiner Mutter. Es bleibt unser Geheimnis, dass ich insgeheim auch Deiner Meinung bin. Aber die Zeiten waren eben anders.

 

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