Grenzen, Abstand

Es ist schon ein paar Wochen her, da stellten sich zwei Leute vor: Wir sind ein nettes junges Paar. Ok, sagte ich, und Ihr Traum ist ein Häuschen auf dem Land, wo Sie als Selbstversorger Ziegen züchten. – Ja, freute sich die Frau. Woher weißt Du das? Weil, sagte ich, Sie nicht die ersten sind. Nicht das erste nette junge Paar, nicht der erste von Liebesromanen beflügelte Teenager, nicht die erste Hausfrau, die sich wirklich sehr gut vorstellen kann, mir unter die Arme zu greifen in ihrer warmherzigen Art.

Der Mann begriff schneller: Sie ist wirklich so, sagte er zu seiner netten jungen Frau. Sie ist, wie die Leute sagen. Und sie: Lass uns beim Du bleiben, wir sind doch alle nette junge Leute. Ich sagte, nö. Wir kennen uns nicht näher. Und ich bin fast vierzig Jahre alt. Sie machte den Mund auf und wieder zu. Er sagte, hm, tut mir Leid. War echt nicht so gemeint. Aber können wir das Gartenhaus nun mieten oder nicht? Ich habe stumm zur Tür gewiesen. Sie gingen dann.

Ich fand das sogenannte nette junge Paar weder schlimm noch ungewöhnlich. Sie sind typisch für ein Phänomen, das mich seit Längerem beschäftigt. Es geht da um Grenzen, wobei das unnötig martialisch klingt. Also umgetauft zu Abstand. Abstand zwischen bisher Unbekannten, ein normaler, gesellschaftlich eingeübter Abstand. Man trifft sich, man redet, man kann miteinander oder nicht. Abstände können schnell kleiner werden, man kann sie aufheben. Aber das funktioniert nur wechselseitig. Beide Personen oder Gruppen müssen einverstanden sein.

Ich habe mir solche Begebenheiten eine Weile schön geredet als etwas Provinzielles. Distanzlosigkeit als Kennzeichen des ländlichen Lebens. Aber das ist es nicht. Die Landleute sind direkt. Direkt herzlich, direkt wütend, direkt geradeaus. Die Landleute benutzen einen nur nicht, sie instrumentalisieren keine Dritten. Dann liegt das am Internet, sagt meine Mutter. Du bist zuviel im Internet, ganz klar. Nein. Was ich im Internet tue, mit wem ich dort welchen Kontakt habe, kann ich steuern. Es ist wirklich ein Echtleben-Problem; tut mir Leid für alle Digitalapokalyptiker und anderen Verschwörungsfreunde. Denn das Problem ist eigentlich keins. Sämtliche Fragen von Abstand und Distanz, von gefühltem Recht und vermeintlichem Selbstverständnis, die süß gekleisterten Schamlosigkeiten im Berufsalltag, all das lässt sich mit einem Wort zusammenfassen. Es lautet:

Peinlich.

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