Der vorletzte Geburtstag

Ein Sonntag im Juni, schönes Wetter.

„Ich muss zu einem Termin, auswärts. Tut mir sehr Leid, Heinrich. Aber ich kann es wirklich nicht ändern. Die Anfahrt dauert anderthalb Stunden, dann zwei Stunden reden und wieder zurück. Ich schaff das nicht abends, nach Ladenschluss.“

„Perfekt“, sagt Heinrich. „Ich kann die ganze Zeit allein mit dir im Auto sitzen. Und wir können uns sogar noch unterhalten. Das ist wirklich mal ein Vorteil dem Fahrrad gegenüber.“

„Du möchtest Deinen 84. Geburtstag auf der Straße verbringen?“, frage ich.

„Ja, unbedingt. Ich kann mich auch waschen, wenn dir das Spaß macht. Also, um dir zu meinem Geburtstag eine Freude zu machen, ziehe ich sogar ein weißes Hemd an.“

„Und Martha schenkst Du drei Dosen Instant-Cappuccino? Feierlicherweise?“

„Sie wird das zu schätzen wissen“, schmunzelt Heinrich. „Aufmerksamkeiten nimmt sie stets gern entgegen.“

Tatsächlich. Martha hält Geburtstage für überschätzt. Die meisten sind sowieso gefälscht, um wertvollen Personen weiszumachen, sie müssten endlich sterben. Martha denkt, sie ist eigentlich 59 oder 63. Aber sie kann sich mit gefälschten Dokumenten nicht beschäftigen, nicht heute.

„Also, dieser Cappuccino. Typ Classico. Wie ich. Passt zu mir.“

„Die Dose ist rot.“

„Ja, sehr hässlich. Aber nur zur Tarnung. Classico erkenn ich immer.“

„Wir sind eben Klassiker“, sagt Heinrich. „Und jetzt lass uns fahren, ich freu mich auf den Weg mit dir.“

Wir machen uns auf die Reise, und es ist wirklich sehr schön. Der Termin, eine Manuskriptbesprechung, verläuft angenehm. Heinrich schließt zwei neue Freundschaften – ein Mann in seinem Alter, den er einfach super findet. Und ein anderer, etwas jüngerer, der sich für Franz Boas interessiert.

„Franz Boas war ein Pionier des wissenschaftlichen Kulturvergleichs. Er hatte viel mit Eskimos zu tun.“

„Heinrich, was glaubst Du, wie viele Menschen auf der Welt sich mit Franz Boas beschäftigen?“

„Weiß ich nicht. Fünfzehn? Aber Klaus wird mir seine Vorarbeiten schicken, und ich habe bestimmt auch noch Dokumente. Ich habe mich schon vor sechzig Jahren für Franz Boas interessiert. Und das hat nicht nachgelassen. Also, es ist eine Fügung.“

Wir essen zusammen, die neuen Freunde, Heinrich und ich.

„Ein Festmahl“, freut er sich. „Wenn das mein letzter Geburtstag sein sollte, ich wäre es zufrieden.“

Wir fahren nach Hause. Auf dem Küchentisch eine Notiz von Martha. Wahrnehmung von Termin, auswärts. Betrifft: Ermittlung tatsächliches Alter. Cappu im Schrank. Ich sehe sie weiter hinten im Garten, ihr Kopftuch leuchtet zwischen den Bäumen.

Ein heiterer vorletzter Geburtstag. Der letzte wird aber auch noch schön sein, bittersüß. Nur mit Martha und in dem Wissen, dass es bald zu Ende geht.

 

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