Seicht

Manche Worte mag ich nicht. Prozessoptimierung, prokrastinieren, seicht. Prozessoptimierung ist undeutlich für Aufräumen. Prokrastinieren ist pseudo-schlau für Nichtstun. Und seicht ist eine Ohrfeige ins eigene Gesicht. Jeder, der ein seichtes Buch erbittet, haut sich selber eine rein. Zu seicht gibt es, ich habe das extra nachgelesen, nicht eine einzige positive Belegung. Seicht ist auf der Sachebene ein Tümpel und sonst: Abgeschmackt, banal, trivial, geist- und niveaulos. Sagt der Duden.

Die Buchhändlerin sagt: Man soll leichte Bücher lesen, gerade im Sommer. Vergnügte, charmante und folgenlose Zwischendurchlektüren. Man soll sie als Taschenbuch konsumieren, und nicht nur, weil Kurt Tucholsky einmal so schön beschrieben hat, dass Bücher am Strand ein Eigenleben haben. „Nach etwa ein bis zwei Wochen schwellen sie ganz dick an – nun werden sie wohl ein Broschürchen gebären, denkt man – aber es ist nichts damit, es ist nur der Sand, mit dem sie sich vollgesogen haben. Das raschelt so schön, wenn man umblättert.“ (als Peter Panther, 1930)

Man soll, sagt die Buchhändlerin, sich Leichtigkeit zuführen. Leicht ist hell und freundlich, leicht ist nicht blöd. Leicht ist die Bedingung, dass das andere auch funktioniert. Das, wozu man sein Gehirn gebraucht, sein Wissen, Mut, Charakter. Aber das geht immer nur, wenn leicht auch geht. Kein Schopenhauer ohne Kurt Tucholsky, kein Sartre ohne den sonnigen Albert Camus. Keine Elena Ferrante ohne „Sommerferien auf Saltkrokan“, kein Böll ohne ein wenig Uwe Timm und Christa Wolf niemals ohne Brigitte Reimann.

Leicht ist wichtig, seicht ist blöd. Seicht ist für Feiglinge, die sich immerzu selbst optimieren und darüber vergessen, was auch noch wichtig ist: Die Sonne scheint. Und all die schönen Bücher warten nur darauf, dass man sie liest. Funktioniert übrigens besser mit solchen, die man beim Buchhändler kauft. Anonym liefern lassen ist nämlich sehr seicht. Es ist das Eingeständnis, schlecht für sich zu sorgen.

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