Adelheid oder: Auf einmal fast 40

Adelheid (*Pseudonym) aus Osnabrück (*stimmt auch nicht) sagte neulich: „Du bist ja nicht mehr ganz jung.“ Sie sprach schnell weiter; ich konnte nicht beleidigt sein. „Also, nicht vom Alter. Aber von dem, was wir zusammen erlebt haben. Du kannst logischerweise nicht mehr ganz jung sein. Wie alt bist Du nochmal?“ „Fast vierzig“, sagte ich. „Ist egal.“ „Natürlich ist es egal“, beschied sie mich. „Nur: Man muss sich orientieren, wer von den Kollegen noch Buchhändler ohne Computer war.“ „Ich nicht, Adelheid. Ich war Buchhändlerin ohne Internet, aber nicht mehr ohne Computer.“

„Du wirst mir also folgen können“, sagte sie. „Internet ist ja angeblich weltweit. Aber es kommt mir provinziell vor.“ Ich mochte nicht widersprechen. „Im Internet kann man sich das Leben zusammensuchen wie ein Menü bei McDonalds.“ Das trifft wohl zu, dachte ich bei mir. Aber wenn ich ihr das Wort redete, würde sie sich unterbrechen und einen anderen Gesprächsfaden aufnehmen. Torte, zum Beispiel. Ich wollte nichts über Kuchen hören, Himbeer-Sahne, Apfel-Streusel, Mandelsplitter. Adelheid hat auch so ihre provinziellen Elemente. Sie ist nur schlau genug, die nicht ins Netz zu stellen. Niemals würde Adelheid ihr Abendessen bei Instagram ausstellen – wie ich, wenn mir langweilig ist. Sich beim Essen zu langweilen, ist für sie undenkbar. Essen ist –

„Internet“, sagte sie, „scheint bei übermäßigem Konsum das Gehirn zu schädigen.“ Sollte ich entgegnen, dass der Konsum von Speisen dem Körper abträglich ist? „Die jungen Kollegen, die viel Internet machen“, jetzt hatte sie ihr Thema, „die schwelgen gar nicht so.“ „In Torte?“, warf ich ein. Sie lachte. „Das würde denen gar nicht schaden. Sie sind oft zu dürr. Aber nein. Ich meine, sie schwelgen nicht in Sprache. Sie können Romane gar nicht mehr genussvoll lesen.“ Sie brachte Beispiele an, Bücher aus dieser Saison. „Adelheid“, sagte ich. „Das ist Belletristik vom Stapel. Die darf schlicht sein.“ Sie schnaubte durch das Telefon. „Auch Lieschen Müller hat ein Recht auf schöne Sprache, das will ich dir wohl sagen. Kein Mensch denkt mehr an Lieschen Müller in diesen Verlagen. Das empört mich!“

„Was ist meine Aufgabe?, fragte ich. Ich kenne Adelheid sehr lange; ich hatte noch kein Smartphone, als ich zuerst mit ihr Torte essen war. Ich kenne Adelheid so gut, dass ich wusste, nun gibt sie mir eine Aufgabe. Früher: Regal putzen. Bestseller-Wand auffüllen. Gerade stehen. Hände aus den Taschen. Und heute? „Adelheid, was willst Du?“ „Über Deinen vierzigsten Geburtstag reden.“ „Der ist erst nächstes Jahr. Was willst Du wirklich?“ Ich hörte sie schmunzeln. „Ok“, sie setzte an. „Ok, ich habe mir das so gedacht. Du sendest den Verlagen, sie sollen wieder schöne Bücher machen. Nicht so viele, aber schöne. Sie sollen an die Lieschen Müllers denken.“

„Und dann?“ Sie pustete in ihr Telefon. „Ich will bis zur Rente Buchhändlerin sein. Das geht nur, wenn die Bücher besser werden. Ich traue dir zu, diese schlichte Wahrheit zu verbreiten.“ „Ja, gut“, versprach ich. „An mir soll das nicht liegen.“ Sie war zufrieden. „Du hättest selber darauf kommen können, aber Du bist ja noch jung. Nicht mal vierzig. Schreibe: Die besten Bücher, nicht nur bessere. Dann reicht es für dich auch noch.“ Ich war irgendwie ergriffen, das gebe ich gern zu. Adelheid würde sagen, dann iss doch ein Stückchen Kuchen, für die Nerven. Aber vorher, schreib den Text. Also:

 

 

 

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