Der 80. Geburtstag

Heinrich war am Telefon. „Du, ich fahre gleich los. Ich bin in fünfundzwanzig Minuten da, und dann müssen wir schnell Geschenke einpacken und Blumen kaufen und zurückfahren und -“ Seine Stimme überschlug sich, er war mit großem Eifer bei der Sache. Ich unterbrach den Redefluss. Ich hatte mir das angewöhnt, auch wenn es unhöflich war. Aber man kam bei Heinrich sonst nicht zu Wort. „Heinrich“, sagte ich. Er sprach weiter. „Hallo, Heinrich. Was ist los?“ Ich stellte mir vor, dass er am Telefon stand, kippelig-federnd. Er sprach mit Körpereinsatz, er bewegte sich im Rhythmus seiner Worte. Nicht elegant, ein Tänzer war er nicht. Mehr im Ansatz zum Schlussspurt. Stets im Aufbruch, immer noch an drei anderen Orten – wenigstens im Kopf.

„Heinrich?“ Er räusperte sich. „Martha“, sagte er. „Martha wird heute achtzig Jahre alt. Du musst sie besuchen. Sonst kommt keiner. Ich seufzte innerlich. Es war kurz vor Schulanfang, ich musste Hefte und Blocks aufräumen, ich musste auch noch einen Auftrag von der Grundschule bearbeiten. Arbeitshefte, eine fiese Friemelei. Und ich hatte es natürlich liegen lassen. Nun war Eile geboten.

„Morgen?“, versuchte ich. „Morgen ist Freitag, und dann ist Samstag. Samstag wäre noch besser. Da habe ich mehr Ruhe.“ „Nein“, sagte Heinrich, und war plötzlich ernst. „Sie wird nur heute achtzig, genau heute, und niemand war da.“ Er hielt inne. „Sie weiß es nicht, aber ich bin gekränkt. Als ob ein Mensch ausgelöscht wird, sobald er selber nichts mehr speichert.“ Ich kannte Martha vom Telefon, und mir war aufgefallen, dass sie ein bisschen – tja. Verschaltet war. Sie telefonierte gern, und sie hatte stets viel zu berichten. Es ging nur manchmal durcheinander. Personen, Ereignisse, Daten. Ich hatte mir angewöhnt, ihre Fäden aufzunehmen. Es war nicht so schwer, es war eigentlich logisch. Ich wusste irgendwann, welche Stichworte zu welchem Jahrzehnt gehörten, und dann konnte ich ihr folgen. Heinrich fiel das schwerer. Er kannte sie vielleicht zu gut.

Martha bediente die Wahlwiederholung, wenn Heinrich bei uns angerufen hatte. Er war nun unterwegs, mit dem Fahrrad. Ich sah auf die Uhr. Er müsste bei der Landesgrenze angekommen sein, also ungefähr ein Drittel der Strecke zurückgelegt haben. Das Telefon klingelte, Heinrichs Nummer. „Hier spricht Frau Doktor Geisler. Ich wollte mich mal melden, weil wir uns ja neulich getroffen hatten.“ „Hi, Martha“, sagte ich. „Herzlichen Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag.“ „Ich kenne keinen Geburtstag!“ Das war Martha. Immer scharf, auch gerne scharf daneben. „Nee“, erklärte ich. „Du hast heute Geburtstag, Du wirst achtzig. Und ich komme gleich mit Heinrich, um dir Geschenke zu bringen.“ „Achtzig? Das kann nicht sein. Der Pass ist gefälscht, ich bin in echt, äh.“ Sie stockte, und ich ergriff die Gelegenheit. „Was wünscht Du dir?“ Martha kicherte. Ich sollte lernen, sie hielt sich dann die Innenhand vor den Mund wie ein Teenager von früher, wie ein Backfisch. „Hihi“, tönte es durch das Telefon. „Hihi, also, ha. Such dir was aus. Ich muss jetzt erstmal in den Garten.“ Das Freizeichen erklang, und sie war weg.

Heinrich stand in der Ladentür. Fahrradtrikot, wie immer. Wollsocken, Klettsandalen, Reiserucksack. Rosen ragten hinter seinem Rücken hervor, die hatte er schon besorgt. Wir packten zwei Bücher ein, eins mit Bildern von Katzen und eins mit vielen Blumen; Heinrich verstaute sie sorgsam. Ich nötigte ihm einen Becher Wasser auf, denn es war warm. Und dann fuhren wir los. Der kleine Mann auf dem Rennrad und ich daneben. Zwei Köpfe größer, achtundvierzig Jahre jünger. Weißes Hollandrad mit roten Reifen. Das hatte mir Heinrich zum 35. Geburtstag geschenkt. Wir waren schon viel gefahren, aber, und das fiel mir jetzt auf, wir waren noch nie bei Heinrich zu Hause gewesen. Er hatte sich geziert. Die Unordnung, die Schotterstraße, aber eigentlich war er nervös, mich Martha vorzustellen. Sie hatte mir am Telefon berichtet, und nicht nur einmal, dass es sich bei ihr um eine Haushälterin handelte, aber mit Spezialbefugnissen. Heinrich hatte dazu geschmunzelt, leicht verlegen. Sie war mal seine Freundin gewesen, also seine Geliebte. Wenn ich wüsste, was er meinte. Und jetzt teilten sie das Alter.

„Es wirkt, als hättet ihr es gut zusammen“, sagte ich. „Ja“, sagte Heinrich. „Und ich muss sie leider auch beschützen. Früher hat sich keiner für uns interessiert, aber seit sie sich in diese poetische Verfassung begeben hat, werden wir ständig von vorgeblich fürsorglichen Instanzen belästigt.“ „Nachbarn? Kirche? Das Altersheim?“, fragte ich. Ich war lange genug Provinzbuchhändlerin, um den schmalen Grat zwischen Aufmerksamkeit und Aufdringlichkeit zu kennen. „Ja“, seufzte Heinrich. „Und wie verlogen sie sind, erkennst Du daran, dass genau niemand Martha zum achtzigsten Geburtstag gratuliert hat. Ich habe ihr das Telefon weggenommen, um das zu kontrollieren. Keiner, kein Mensch. Deswegen musst Du mit. Möglicherweise schickt sie dich zur Hölle. Aber jemand wird ihr die Hand gegeben haben. Sie wird nur einmal achtzig.“

Wir waren bei Heinrich angekommen. Ich kannte das Haus, aber ich hatte es noch nie betreten. Ein kleiner Bauernkotten, vorn die Deele mit Fahrrädern und Gartengerät. Dann ein großer Raum mit einem Flügel darin. Dunkel. Ich stieß mit dem Fuß gegen einen Stapel Zeitungen. „Martha?“, rief Heinrich. „Hier“, ertönte es von vorne rechts. „Hier, bei der Arbeit.“ Wir gingen durch den Flügel-Raum und nahmen eine Stufe. Plötzlich war es hell. Eine kleine Küche, beide Fenster weit offen. Die Abendsonne schien herein. Eine kleine, zarte Frau stand am Waschbecken. Lange weiße Haare, eine buntes Kopftuch. Wenn ich es richtig sah, spülte sie Marmeladengläser. Sie wischte die rechte Hand an ihrer Hose ab. Sie trug Chucks, fiel mir auf. Diese hochgeschnürten Turnschuhe mit dem runden Etikett an der Seite. Cool, dachte ich. Sie wischte also und streckte mir ihre Hand entgegen. Energisch, fester Händedruck. Sie hätte auch ein Messer zücken können, von der Geste. „Ich gratuliere dir“, sagte ich. „Schön, dass wir uns jetzt auch in echt kennen.“ „Ich dir auch“, erwiderte Martha. Sie strahlte und wippte. Wie Heinrich pflegte sie mit dem ganzen Körper zu sprechen. „Ich hatte mir schon überlegt, wo Du die letzten Wochen warst. Ich habe doch den Tisch für dich gedeckt.“ Tatsächlich, da standen drei Tassen, drei Holzbretter, Messer, Gabeln, ein Gurkenglas, etwas Kuchen, zwei Äpfel und eine Banane.

Heinrich stupste mich an. Er war sehr bewegt, ich merkte das. „Ich schenke dir“, sagte er, „das größte Abenteuer deines bisherigen Lebens. Mit Martha ist es nie langweilig. Du wirst das immer wieder merken.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s