In Ostwestfalen Bücher schreiben (müssen)

Wann machst du das?, fragt mein akademischer Lehrer. Ich treffe ihn, nach vielen Jahren. Wir haben uns nie aus den Augen verloren, aber seine anderen Schüler sind näher bei ihm geblieben. Fachlich, auch räumlich.

Wann, will er wissen, schreibst du? Mittags, sage ich, in den zwei Stunden, wo keine Kunden kommen. Und manchmal am Abend, aber eher nicht. Abends koche ich der Oma was zu essen und lese vor.

In der Mittagszeit?, wundert er sich. Also, da bin ich aber sehr beschäftigt. Ich muss unterrichten und konferieren und die Sprechstunde halten. Ich gehe dann auch noch in die Mensa, ich treffe Kollegen. Mittags habe ich zum Schreiben keine Zeit.

Mittags, sage ich, sind die Ostwestfalen daheim am Mittagstisch. Sie essen Salzkartoffeln und ein Stück Fleisch, Karotten, Erbsen, Kohl. Nachtisch. Lecker, sagt der akademische Lehrer. Die Mensa hat oft Fraß im Angebot. Also, ein Mittagessen wie bei meiner Mutter – das nähme ich sehr gern. Tja, sage ich. Tja. Aber mir kocht keiner ein Mittagessen mit Salzkartoffeln, Fleisch und matschigem Gemüse. Ich will das auch gar nicht. Ich will nicht essen wie vor 25 Jahren. Du stellst dich an, sagt er. Du hast dich immer schon mehr angestellt als meine Assistenten.

Die sind ja auch Männer, sage ich. Nicht alle, meint er. Ha, sage ich. Haha, aber die Universität ist im Berliner Osten. Und ich bin in Westfalen auf dem Land. Das ist ein Unterschied, sogar beim Essen. Schmeckt besser da, sagt er. Kann sein, überlege ich. Kann wohl wirklich sein. Aber in Westfalen auf dem Land wird eben überhaupt zur Mittagszeit gegessen, in der Familie.

Bürgerlich?, fragt er. Ach, nein. Ja, nein. Wie soll ich das sagen? Spuck’s aus, verlangt er. Was ist das für ein Theater um ein lächerliches Mittagessen? Du bist doch sonst nicht so anstrengend. Nur beim Kaffeekochen und inzwischen, wie es scheint, bei weiteren häuslichen Verrichtungen. Du wirst älter, ich merke das genau.

Grundsätzlicher, sage ich. Es geht mir nicht ums Mittagessen. Ich koche bestimmt besser als deine anderen Mitarbeiter, männlich wie weiblich. Wer unter Hausfrauen aufgewachsen ist, kann kochen, bügeln, waschen. Kann das alles auch schnell und hat deswegen keine Mühe, die Oma zu versorgen.

Er sieht mich an, ich muss jetzt antworten. Und keinen Blödsinn, denn dumm ist er nicht. Er war auch immer fair. Dieselben, irrwitzig hohen Anforderungen für Frauen und Männer. Kaum einer konnte sie erfüllen. Einige Männer in Cordhosen, ganz selten eine Wissenschaftlerin. Ich lege mir die Worte sorgsam zurecht; wie soll ich das erklären:

Das Problem, sage ich. Das Problem ist dieses völlig aus der Zeit gefallene Rollenverständnis hier bei uns. Es nervt mich seit 10 Jahren jeden Tag. Es kränkt und ärgert mich, dass selbst junge Männer auf dem Land noch meinen, sie seien zum Haushaltsvorstand geboren. Sie müssten sich verheiraten, um einige Kinder und die Mutter dieser selben mit einem soliden Einkommen auskömmlich zu versorgen. Dafür arbeiten sie hart, das ist gar kein Problem für sie.

Aber so ein Mittagessen, ein paar Salzkartoffeln Punkt halb eins – das ist ja dann wohl nicht zuviel verlangt.

Er lacht, der akademische Lehrer. Stell dich nicht an, sagt er. Du hast mittags zwei Stunden ganz für dich allein. Das ist mehr als den meisten Hochschullehrern und all deinen Studienkollegen tagsüber zur Verfügung steht. Stell dich nicht so an und lass die kleinen Kameraden reden. Selbst in der Jungen Union fängt irgendwann die Zukunft an. Bis dahin kannst du aber noch völlig ungestört drei oder vier Bücher schreiben.

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