Achtzehn Jahre

Vor achtzehn Jahren dachte ich, nun bin ich wirklich bald erwachsen. Noch ein letztes Lehrjahr, dann echt unabhängig für den Rest des Lebens. Denn mit einem Abgangszeugnis von der IHK, so hatte ich das oft gehört, mit dem wäre man einsatzfähig. Am Arbeitsmarkt begehrt und deswegen gut bezahlt. Frei. In diesem Europa, das zu wachsen schien wie Pilze auf dem Herbstwaldboden, im großen Europa mit der einen Währung – ach, es würde wunderbar. Die Welt stünde mir offen. Sollte ich das glauben?

Ich glaubte es nicht. Ich war vor achtzehn Jahren auch schon skeptisch, aber ich war noch keine Patriotin. Das wurde ich erst durch Situationen, die man zu der Zeit nicht kennt. Ich ging arbeiten, studierte, wurde krank und gesund, arbeitete, wechselte die Stadt und noch einmal, verlor einen Job und wurde Freiberuflerin. Nahm Darlehn auf, wusste es auch nicht so recht, machte Fehler, machte einen Buchladen. Machte dies und das und nutzte Deutschland, wie man es eben nutzt als Mittelstandstochter in einer soliden Landschaft. Sowieso schwarz regiert, schon immer. Wie sonst?

Maschinenbau, Mähdrescher, Schlachthöfe, Süßwaren. Soziales? Gedöns, um eine Zeitgeistvokabel aufzugreifen. Gedöns für die Frauenbeauftragten mit den Doppelnamen, für die Sozialarbeiter in ihren Birkenstock-Sandalen, für alle möglichen Personen, die leider nicht Betriebswirt werden konnten oder auch Jurist. Kann ja nicht jeder, Sie verstehen schon, vom Kopf und überhaupt. Die werden dann was mit Menschen. Ungefähr wie sowas Kreatives. Nur eben auch noch mit Bezug zum wahren Leben, von dem Sie als sogenannte Kreative nichts verstehen. Sie, Madame, und nichts für ungut. Ich begriff, dass die gestaltenden Figuren meiner Gegend wesentlich binär funktionierten. Die einen machten Wirtschaft, die waren von der CDU. Und die anderen waren fürs Gedöns zuständig. Kindergärten, Frauen, Altersheime, Malkurs und Geschichtswerkstatt. Zuckerguss. Die schwarzen Buben kümmern sich um die Wirtschaft, und der Rest gibt das Geld wieder aus. Ohne Bubenkoffergeld nichts Soziales. Nennt sich Neoliberalismus, lernte ich. Ist halt so. Ich dachte als Skeptikerin gründlich darüber nach. Zerlegte das Argument in Einzelteile, suchte nach einer womöglich verborgenen Logik, drehte und wendete die Sprachbausteine in meinem Kopf wie Holzklötzchen. Fand das Konstrukt inkongruent und unlogisch. Fand es verkürzt, irgendwie albern und übrigens auch chauvinistisch. Schwarze Buben geben Geld und alle anderen tapezieren damit bunt. Legte das Befremden erstmal beiseite.

Vor fünf Jahren, also nach dreizehn Jahren mit dieser einen CDU-Frau, die für sich alleine soviel denken kann wie das gesamt Bubentum der blöden alten BRD, jedenfalls 2013, geriet ich an Gedöns. Aus dem denkbar banalsten Grund, der Liebe wegen. Ich geriet in eine Lebenslage mit echt viel Gedöns. Krankheiten, Alter, Sozialstaat, Sorgerecht, gesetzliche Betreuung, Pflegestufen, Rentenpunkte. Ich bekam mit all dem zu tun, von dem es immerzu geheißen hatte, es ginge mich nichts an. Gut qualifiziert, am Arbeitsmarkt gefragt, wie maßgeschneidert für neoliberale Lebenswelten.

Und dann schaffen Sie sich zwei alte Leute auf den Hals? Geht’s noch? Ich lernte schnell und auf die wirklich harte Tour, dass die allermeisten Buben zu sozialen Fragen nicht nur wenig zu sagen haben, sondern dass sie, schlimmer noch, darauf herabsehen. Ach, Sie jetzt auch noch mit Gedöns, Frau Bergmann? Und wenn, dann mal endlich mit Kindern. Aber diese alten Leute: Was soll denn das, ich bitte Sie. Das hörte ich mir alles an, das übergriffige Gerede, die viele heiße Luft. Lief in der Zwischenzeit von Beratungsstelle zu Sozialdienst zu Gericht und wieder zurück. Lernte die Strukturen des Gedönses kennen, schätzte sie bald als funktional, gut überlegt und sorgfältig umgesetzt. Wurde Patriotin, ausgerechnet, an der für mich selbst früher unmöglichsten Stelle: Ich wurde eine soziale Patriotin.

Achtzehn Jahre brauchte ich, um zu begreifen, warum Sozialpolitik kein Gedöns ist, beileibe nicht, sondern die Grundlage von allem. Und dann tritt diese Frau zurück, die für mich immer vorbildhafte Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin. Warum auch nicht, sie hat den Job lange gemacht, ist bald im Rentenalter, und, also, warum nicht. Aber ich sehe mit Entsetzen, dass die Aktenkofferbuben immer noch meinen, sie machen das Geld und alle anderen Gedöns. Geld bezahlt Gedöns. Anders als vor achtzehn Jahren (sowieso) und auch noch vor fünf Jahren kann ich sagen: Was für ein Schwachsinn! Alles ist sozial in dieser Gegenwart. Und deswegen braucht es keinen Parteivorsitzenden von damals, sondern jemand Zeitgemäßes. Einen vollständigen Menschen, Gedöns und Wirtschaft. In dieser Reihenfolge.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s