Fernsehzeitung

Die Fernsehzeitung war stets wichtig gewesen. Sie kam immer donnerstags, im Abonnement. Und dann wusste man, was in der übernächsten Woche gesendet werden würde. Man wusste das vermutlich sowieso, aber mit Hilfe der Fernsehzeitung hatte man den Überblick auch schriftlich. Einige Leute kreuzten sich in der Fernsehzeitung etwas an, andere machten sofort das Kreuzworträtsel. Ich bilde mir ein, ich hätte in Sachkunde den Gebrauch der Fernsehzeitung durchgenommen. Aber womöglich bilde ich mir das heute ein, weil das Kinderleben insgesamt war wie die Fernsehzeitung. Jeder hatte denselben Stundenplan, so ungefähr jedenfalls. Grundschule, Mittagessen, Hausaufgaben, nicht fernsehen, irgendwas machen, nicht fernsehen, Abendessen, vielleicht fernsehen.

Ins Bett gehen, lesen, nein, nicht fernsehen. Nicht zu Oma rübergehen, die nämlich immer fernsieht. Unter der Decke lesen, nein, Licht aus jetzt, man sieht das unter der Türe durch. Quatsch, doch nicht, wenn ich unter der Decke lese. Ja, doch, aber gefühlt. Nur noch drei Seiten, nein, nicht zu Oma nach nebenan, obwohl die seit sieben Uhr fernsieht. Aber Oma ist alt und sitzt im Sessel, und die darf das. Fernsehen und aufbleiben, beides. Schwupps, rüber zu Oma, ganz leise. Man sieht den Lichtschein von unten (angeblich), aber Kinderfüße hört man nicht (meine ich). Fernsehen mit Oma, herrlich. Oma findet das auch. Sie findet, man soll sich mal nicht so anstellen mit diesem Fernsehen. Das hat noch keinem Kind geschadet. Quatsch, sagt Mama, alles verkehrt. Fernsehen war früher noch nicht erfunden, und deswegen ist das keineswegs bewiesen. Fernsehen und Schäden und kein Schaden. Und jetzt ab ins Bett, und diese bescheuerte Idee, dass man Kinderfüße von unten nicht hören kann. Zwei vielleicht nicht. Aber vier Füße und sechs Füße.

Als Oma starb, war ich neun. Und danach hatte ich keine Lust mehr auf Fernsehen. Ich las weiter und wurde älter, ich wurde alt genug, um selber zu entscheiden, wann ich das Licht ausmachte. Las und las und las. Und dies und das. Vergaß das Fernsehen, vergaß auch die Fernsehzeitung. Das Abonnement war bei Omas Tod gekündigt worden. Sah keine Talkshows und Gesprächsrunden und History Channel und Frühstücksfernsehen und auch nicht Rosamunde Pilcher. Keinen Tatort. Konnte andauernd nicht mitreden, hatte leider keine Ahnung. Alle hatten sich daran gewöhnt.

Und dann stand mein Buch in der Fernsehzeitung. Alle wussten es, klar. Alle außer mir, von der aber jeder wusste, sie hat doch nicht die Fernsehzeitung. Keinen Fernseher und also keine Fernsehzeitung. Logisch. Nicht alle, aber einige schnitten die Buchbesprechung aus. Liefen damit in die Buchhandlung, brachten mir Schnipsel. Ich habe hier zwanzig Schnipsel mit ein und derselben Buchbesprechung. Ich bin gerührt. Denn ich weiß: Die Fernsehzeitung ist heilig. Bevor man die kaputtschneidet, muss wirklich was passiert sein. Und noch dazu die übernächste. Nicht die, die direkt anfängt, sondern die andere. Also: Nutzer der Fernsehzeitung verließen ihre Ordnung. Konnte jemals schöner bewiesen werden, wie Literatur die Welt verändert? In Ostwestfalen sicher nicht.

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