Kuratieren, äh: Aufräumen

Kuratieren ist eine Vokabel, die mir grundsätzlich gefällt: Etwas umständlich, nicht ständig in Gebrauch, klingt auch nach was. Klingt wie Große Weite Welt (GWW) oder intellektuell oder sehr intellektuell. Klingt wie ganz was anderes als Borgholzhausen. Halt so ein Hegewort, das ich mir heimlich aufsage, wenn ich die Pixibücher sortiere. Kuratieren, kuratieren. Klingt anders als: Buchladen aufräumen in Borgholzhausen. Aber Borgholzhausen ist auch nicht GWW. Borgholzhausen ist zu Hause.

Kuratieren, kuratieren kann man sich prima selber predigen, wenn man das Kassenbuch zum siebten Mal neu schreibt, weil man das ja von Hand erledigt. Nicht wegen Borgholzhausen, aber aus Prinzip. Spart siebzig oder hundert Euro Computerkosten im Monat (kuratieren, kuratieren), also noch mehr als der Verzicht auf EC-Cash (kuratieren, kuratieren). Man kann, ich habe es ausprobiert, bei jeder echt profanen Arbeit denken, dass das ja heimlich Kuratieren ist. Oder wenigstens die Vorstufe davon. Prä-Kuratieren.

Das eigentliche Kuratieren, also das, was jetzt neuerdings ganz viele tun, das hat mit GWW zu tun. Sprich, überhaupt nicht mit Borgholzhausen. Prominente kuratieren in Buchhandlungen. Andere auch, und die werden dann später prominent. Eins bedingt das andere. Dritte kuratieren nicht, aber die wissen trotzdem über den Buchhandel Bescheid. Man merkt das an verschiedenen Faktoren, die in Zusammenhang stehen mit GWW und Kuratieren. Ich nicht, denn ich bin ja in Borgholzhausen (kuratieren, kuratieren).

Ich bin einfach in Borgholzhausen und suche aus, was hier in den Regalen steht. Vorher muss ich aufräumen und Staub putzen und den Boden wischen. Leider fällt mir dafür kein Euphemismus ein, nicht einmal so ein ähnlich schönes Wort wie Kuratieren. Arbeit, fällt mir ein. Einzelhandel macht viel Einzelarbeit. Deswegen gibt es davon nicht mehr viel, besonders nicht in GWW. Da müsste der nämlich eine andere Rendite erzielen als hier auf dem Land.

Wo wir nicht kuratieren, sondern die Pixibücher aufräumen. Und wenn wir damit fertig sind, die Postkarten, die Klappkarten, die Lesezeichen, das Taschenbuchalphabet, die Bilderbücher nach Jahren und die Kochbücher nach Farbe. Nein, falsch. Wir kuratieren ja hier nicht. Also Obst zum Obst und Grillwurst ins Fleischfach. Grillen mit Gemüse nach woanders, etwa zu den Vegetariern. Oder Veganern. Oder, oder. Man hat zu tun, wenn man Einzelhandel betreibt. Auch ohne Kuratieren. Unabhängig davon, dass man sich Vokabeln aufsagt wie zum Beispiel kuratieren (kuratieren, kuratieren).

Vielleicht sollte man eher Wochenende, Wochenende sagen. Oder Freibad, Freibad. Spargel, Spargel. Irgendwas von dieser Art, das gar nicht nach GWW klingt. Oder intellektuell oder sehr intellektuell. Sondern einfach nach dem guten Leben. Denn das haben wir hier zweifelsohne. Ein schöner Aberglaube wäre, wenn das nur erhalten bleiben kann, indem man Vokabeln wie kuratieren vermeidet. Denn die klingen nach GWW, und da gibt es gar nicht mehr viel Einzelhandel. Also besser wirklich nicht von kuratieren reden, denken, träumen. Einfach weiter aufräumen. Wenigstens hier auf dem Land.

 

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