Abholfach

Das Abholfach ist, technisch betrachtet, ein Regal an unattraktiver Stelle. Hinter der Kasse, in einem Kabäuschen nahebei, ach ja, und in einer der vielen Buchhandlungen vor meiner eigenen hatten sie ihr Abholfach am anderen Ende des Geschäfts. Man musste für die Kunden laufen, im Wortsinn. Geradeaus, linksrum, Achtung, zwei Stufen. Wenige Schritte, dann wieder links, und dann beim Chef vorbei an den Computern. Das Abholfach machte einem dort Mühe. Das sollte aus irgendwelchen Gründen sinnvoll sein, die er aber bis heute keinem verraten hat. Womöglich hatte dieser Chef nur keine Lust, sein Abholfach besonders wichtig zu nehmen. Er fand, eine Vermutung aus der zeitlichen Ferne, sein Sortiment vor Ort gut genug. Diese Bestellerei!

Das Abholfach war immer da, war auch nie unwichtig, aber das Abholfach war früher so etwas wie Graubrot im Buchhandel. War da, tat keinem weh, aß man, um im Bild zu bleiben, mit Margarine und Wurst. Halt so, nichts außer der Reihe. Man hatte viel, was deutlich mehr mundete. Romane auf Türmen, Taschenbücher nach Alphabet, von den Kinderbüchern am üppigsten. Kunst auch, dazu Lexika, Atlanten, man hatte Globen, Bibeln (vergoldet und ohne) und ganz viel Herrliches. Delikatessen: Lachs, Kaviar, erlesene Früchte, mundenden Käse, vom Fleisch nur das Feinste. Man hatte das alles in seiner Buchhandlung, und das Abholfach, na ja. Man muss auch hin und wieder Graubrot essen, um zu wissen, wie gut man es mit allem anderen hat.

Delikatessen kamen von irgendwo, ich bilde mir ein: Vom Zauberboten. Graubrot brachte das Barsortiment. Ich hatte unterwegs gelernt, warum es Barsortiment heißt und nicht einfach: Großhandel. Die Begründung ist historisch, die hat mit Zeiten zu tun, als es noch kein einheitliches Geld in Deutschland gab und der Einzelhandel sich En détail nannte. Selbstbedienung nicht so gern, Präsentation der schönen Ware besser durch geschultes Fachpersonal – etc pp. In die Zeit, als das Barsortiment erfunden wurde, möchte ich nicht zurück. Ich möchte keine Könige und Fürsten, keine Seuchengefahr, geprügelte Kinder und missbrauchte Dienstmädchen. Ich wünsche mir aber die Zeit etwas näher, als das Abholfach irgendein Regal im Laden war und das Barsortiment Großhandelsfunktionen erfüllte. Man bestellte da etwas, das traf ein, der Kunde freute sich über die zügige, für ihn portofreie Belieferung, und wenn es einmal nicht funktionierte, reagierte der Kunde gelassen. Graubrot, nun ja. Da hing die Welt nicht von ab.

Heute scheint die Belieferungsgeschwindigkeit von Graubrot das Hauptkriterium für die Relevanz einer Buchhandlung zu sein. Kunden meinen das häufig. Sie halten mir gern ihr Smartphone unter die Nase, sagen – Amazon hat das aber! Mit Prime ist das morgen früh da! Oder – Ich gebe Ihnen eine Chance. Bei Amazon ist das nämlich gerade nur über den Marketplace zu haben, und wer bin ich denn, dass ich da 3 Euro Porto zahle. Also, ich gebe Ihnen eine Chance. Man unterstützt den Einzelhandel, wo man kann.

Und dann kommt die Einzelhändlerin und sagt: Och nö, schönen Dank. Wir unterhalten hier gern ein Abholfach. Wir bestellen Ihnen dieses oder jenes, übrigens auch immer noch portofrei. Normalerweise klappt es schnell, aber mein Name ist nicht Prime, mein Name ist Bergmann. Mein alter Großhändler hat im Frühjahr eine krachende Insolvenz hingelegt, ich habe mehrere sehr öde Monate damit verbracht, den Einkauf neu zu organisieren. Es war, als müsste ich die Buchhandlung komplett neu einrichten. Ich hatte das nicht vorgesehen, dieses Frühjahr, ich wollte meinen Roman vermarkten und mich darüber freuen, dass die Welt ihn mag. Delikatessen, so war mein Plan. Ich hatte absolut keine Lust auf Graubrot, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als es aufzuessen, bis ich von einem Vorschuss an neuer Stelle Sicherheiten hinterlegen konnte.

Der neue Großhändler beliefert mich zuverlässig, es lässt sich gut an. Aber wie bei allem, was ganz neu ist, muss man sich erst noch gewöhnen. Und dann stehen da wieder Personen mit Smartphone. Das sind die Leute, die selten Guten Tag sagen und Auf Wiedersehen auch wirklich nur, wenn es über Nacht und portofrei geklappt hat. Im anderen Fall gehen sie grußlos. Ich hatte noch nie die Angewohnheit, mir schlechte Manieren unnötig lange, ach was: überhaupt gefallen zu lassen. Ich bin aus genau diesem Grund überhaupt selbständig: Ich muss mir Allüren, Manieren und anderen Zeitgeist-Hokuspokus nicht gefallen lassen, solange ich mir das leisten kann.

Kassensturz: Ich kann. Ich habe in den letzten zwei Jahren drei Bücher geschrieben, eines übersetzt, ich habe Hunderte weiterer Seiten verfasst, ich habe mich als Autorin rentabel gemacht. Ich habe das bestimmt nicht getan, weil mir das blöde Abholfach jemals zu schwer im Magen gelegen hätte. Aber der schöne Effekt all der herrlichen Lektüren, der Bücher-Delikatessen mit geistreichen Menschen: Der wunderbare Effekt davon – Scheiß aufs Abholfach. Wir machen das, so ist es nicht. Aber nicht mehr um jeden Preis, in Abwesenheit von Umgangsformen.

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