BRD

Als ich zum Studieren nach Berlin ging, lernte ich die BRD erst kennen. Dabei war sie zu dem Zeitpunkt schon genauso historisch wie die DDR. Die Republik nannte sich einfach „Deutschland“, und bis zu ihrer ersten Kanzlerin würde es nicht mehr lange dauern. Ich war dreiundzwanzig und hatte zwei Ausbildungen absolviert, beide mit glänzenden Noten. Ich hatte mir vorgenommen, nun lauter Dinge zu tun, die mich interessierten. Berufe hatte ich ja schon, und in diesen Lehrberufen (konkret: Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin IHK und Buchhändlerin mit Schwerpunkt im herstellenden Buchhandel) sollte man immer genug Geld zum Leben verdienen können. So war es, und das stimmt übrigens bis heute.

Ich sagte das in einem Einführungskurs Geschichte an der Humboldt-Universität leicht dahin, ich studiere, weil ich Lust dazu habe. Ich hatte den Satz nicht beendet, da fuhr mir ein Mädchen mit fettigen Haaren dazwischen: „Ein Töchterlein, da sieh mal an. Wohnt wahrscheinlich mit Warmwassser!“ Das Mädchen mit den fettigen Haaren lebte ofenbeheizt und, wie ich, vom BaföG-Höchstsatz. Sie erhielt BaföG, weil sie Halbwaise war und ihre Mutter ABM-Kraft. Ich hatte viele Geschwister. Ich ging, wenn ich etwas haben wollte (Wohnung mit Warmwasser, Wintermantel, Computer, dies, das), arbeiten, und weil ich einen Beruf hatte, wurde das ordentlich bezahlt. Das Mädchen mit den fettigen Haaren behauptete, mit dem BaföG-Höchstsatz auszukommen.

Wir blieben uns ein paar Jahre erhalten, wie sich das in Zusammenhängen eines Studiums manchmal ergibt. Wir waren uns auch nicht unsympathisch, da ähnlich ehrgeizig. Und wir kamen klar, weil wir beide in dem System fremd waren.  Sowas verbindet. „Wasch dir mal die Haare“, sagte ich ihr eines Tages. „Wasch dir die Haare, und ich garantiere, du findest einen Job.“ Sie meckerte, aber weil sie etwas jünger war als ich, folgte sie meinem Rat. Sie wurde sofort irgendetwas bei der Uni, eine ganze Weile vor mir. Sie bekam, weil sie schlau war, einen Job mit fast elf Euro Stundenlohn – und wir reden von Berlin, vor fünfzehn Jahren. Es gab damals keinen Mindestlohn, es gab genügend Studenten, die für fünf Euro kellnerten.

„Hör auf, dich mit den Bürgermädchen zu befreunden“, stänkerte sie. „Du hast kein Klassenbewusstsein.“ Ich dachte ausgiebig darüber nach, ich wusste auch, was sie meinte. Die Insignien des akademischen Bürgertums hatte ich lernen müssen wie sie, und ‚Haare waschen‘ war dabei die leichteste Übung. Das akademische Bürgertum, Abteilung: Töchter, spielte nach Regeln, die mir genauso fremd waren wie einer Halbwaisen aus der ehemaligen DDR. Instrumente, Lektüren, Freizeitgewohnheiten.  Symbolkapital, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen. Aber, Bourdieu gelesen (und verstanden) habend, befolgte ich ihren Rat absolut nicht.

Ich wusste, es gab in der BRD ein tonangebendes Milieu, zu dem ich eindeutig nicht gehörte. Meine Eltern sind keine Akademiker, ich habe als erste nach beiden Seiten Abitur gemacht. Das hat sich inzwischen geändert, ich glaube, alle Geschwister, Cousins und Cousinen haben mehr als zehn Klassen Schule absolviert. Ich weiß es aber wirklich nicht, weil das in der BRD außerhalb dieses zahlenmäßig überschaubaren Milieus des akademischen Bürgertums nicht wichtig war. Ein Beruf war wichtig, ein sogenannter ordentlicher Beruf, der einen durchs Leben trägt – Mädchen wie Jungs. Dass Berufen dies heute nur noch selten gelingt, ist eine Nachwendeerfahrung meiner Generation (West).

Unsere Wende war nicht 1989. Es gab zwischen 2000 und jetzt einen Sicherheitseinbruch, den ich eher nicht wirtschaftlich fassen möchte. Nahezu allen Mitschülern und Kommilitonen geht es heute ökonomisch ordentlich. Aber wir werden in den seltensten Fällen so stabil wie unsere Eltern leben, und das zu akzeptieren, fällt nicht jedem einfach. Dennoch: wir haben fast alle mehr gelernt und die Welt ausgiebiger bereist als die Generation vor uns, auch viel länger darüber nachgedacht, wie wir leben wollen. Wir sind im guten Sinn Kinder der liberalen und großzügigen BRD. Man musste absolut nicht dem akademischem Bürgertum entstammen, um auch das zu haben, was diese Leute für ihre Kinder richtig fanden. Man sollte Sprachen lernen, sich umtun, verschiedene Meinungen gelten lassen, man sollte Arbeit und Muße in ein ordentliches Verhältnis bringen. Diese Leute waren souverän genug, sich eben nicht abzuschotten.

Als es modisch wurde, Didier Eribon zu lesen und sich in seinem schwer erträglichen Klassen-Selbstmitleid zu suhlen, fiel mir das Mädchen mit den fettigen Haaren wieder ein. Ich hatte sie verloren, als ich entschied, einem nichtakademischen Broterwerb nachzugehen. Sie hatte mich bemitleidet, dass ich angestellte Buchhändlerin wurde, während sie promovierte. In der Selbständigkeit begann sich mich zu verachten: Ein Kapitalistin, Ausbeuterin. BRD! Sie hatte es immer gewusst. Immer, immer, immer hätte sie mir angesehen, dass ich mit den von ihr vielfach apostrophierten Bürgermädchen wesentlich mehr gemein hatte als mit ihr – BaföG-Höchstsatz hin oder her. Ich brach den Kontakt ab; ich fand, es stand sie nicht an, über mich zu urteilen, weder als einzelne noch über meine Generation. Sie hatte sich nie bemüht, uns jenseits ihrer Vorurteile kennen zu lernen. Wie unhöflich!

Natürlich habe ich mit den Frauen meiner Generation (West) deutlich mehr gemein als mit anderen sozialen Gruppen, in denen ich mit einem Bein vielleicht auch stehe. Wir haben alle Berufe gelernt, die uns liegen, die unseren Neigungen entsprechen und die normalerweise dazu hinreichen, uns selbst über Wasser zu halten. Uns fehlt meistens der letzte Ehrgeiz, es den Männern unbedingt gleichzutun, sich also um jeden Preis durchzusetzen. Es kommt von wo, dass im Verhältnis recht viele Frauen meiner Generation nur wenig arbeiten, sich vielen anderen Dingen widmen, sich zum Teil leichtfertig versorgen lassen möchten. Das hat aber mit den Geschlechterverhältnissen der Elterngeneration zu tun, nicht mit dem akademischen Bürgertum der BRD. Denn dieses war, anders als die französische Bourgeoisie, eine zugängliche Elite. Wenn man wollte, war man dabei. Dieses Selbstverständnis finde ich, über die ökonomischen Sicherheiten hinaus, enorm stabil. BRD war: Jeder kann dabei sein. DDR war: Jeder muss dabei sein.

Und Deutschland heute? Ich habe dieses Jahr gefühlt nichts anderes gelesen und gehört als Erklärungen des Ostens. Warum sie da so sind, warum der anders ist und warum man ewig Verständnis haben muss für alles mögliche. Unterm Strich: MUSS ist eine grässliche Vokabel. Wenn mir von dem herrlichen BRD-Liberalismus eins geblieben ist, Bürgermädchen (das ich nicht bin) hin oder her, dann die Gewissheit, dass jeder können soll, aber nicht müssen muss.

Ich muss also für AfD-Wähler kein Verständnis haben. Soviel BRD ist in mir drin.

 

 

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