Zu ihm zurück

Manchmal stelle ich mir vor, ich rufe Heinrich an. „Du bist jetzt länger tot, als ich dich überhaupt nur kannte“, würde ich sagen.

„Kein Problem“, wären seine Worte. „Es waren tausend gute Tage. Leider keine Primzahl, Tausend.“ „Martha geht es gut“, würde ich berichten. „Sie ist nicht besonders durcheinander, sie ist auch frech wie eh und je.“ „Ich wusste das“, könnte er antworten, „ich wusste, dass ihr zueinander passt. Wenn ich überhaupt etwas auszusetzen hätte: Sie kennt dich noch soviel länger, jetzt schon tausend und viele Tage. Ich könnte eifersüchtig sein.“ „Oh bitte“, würde ich einwenden, „erspar mir das. Ich hatte deinetwegen ohnehin viel Ärger.“ „So?“ Ich weiß, er würde an mir vorbeiblicken, sich davonwinden. Er wusste, als er starb, dass er Ungeklärtes hinterließ. Krimskrams hier, verletzte Eitelkeiten da. Heinrich hatte in seinem langen Leben manches nicht ordentlich beendet, hatte sich oft entzogen oder herausgekauft. Das war mir klar; ich kannte ihn sehr gut. Ich kannte nur diese ganzen Personen nicht, die – zurecht oder nicht – meinten, sie hätten Hoheit über ihn. Sie sorgten dafür, dass ich sie kennen lernte: Freundliche Briefe hier, Episoden da. Aber auch die, die ihn hassten. Ich verstehe bis heute nicht, wie ein einzelner Mensch soviel Ungemach, soviel Verdruss, eine derartige Menge unausgegorener Gefühle auslösen kann. Das ist wohl nicht nur einer; ich bin es auch. Ich bin die, der es gelungen ist, mit diesem schwierigen, herrlichen Menschen glücklich zu sein. Dass Glück zu Hass führt, bei denen, wo es misslang – ist das normal? Zwangsläufig? Muss das so sein? Ich habe dazu keine Meinung, ich habe auch vermieden, mit Hass auf Hass zu reagieren. Es führt zu nichts.

„Heinrich“, könnte ich sagen, „du, Heinrich. Und ich habe ein Buch geschrieben. Über Martha, dich und mich. Es ist mir, glaube ich, ganz gut gelungen. Die Leser mögen es. Ich war damit im Radio und im Fernsehen, ich lese daraus vor. Womöglich bin ich jetzt eine Schriftstellerin.“ „Ich wusste es“, höre ich Heinrich, „ich wusste das von Anfang an.“ Er würde sich unterbrechen, ein Hustenbonbon auswickeln, „du wolltest es ja nur nicht hören.“ „Ich bin einfach nicht so eitel wie du“, wäre meine Antwort. „Wenn es den Leuten gefällt, gut, schön. Sonst verkauf ich weiter Taschenbücher.“ „Ich wollte dich aus diesem Dorf herausholen“, müsste er einräumen, „ich fand es unangemessen, zu klein für dich.“ „Nö, ich nicht. Es ist ein freundliches Dorf mit herzlichen Menschen. Und, Heinrich. Die Welt ist nicht besser geworden seit deinem Tod. Die Leute spinnen. Wählen idiotisch, verhalten sich hektisch. Ich sage oft zu Kunden, so geht es nun aber nicht.“ Er ließe mich reden. „Konfuser Zeitgeist“, würde er einwerfen, „ich hab es dir doch gesagt. Da machst du nichts.“ „Nein, stimmt. Also, ich verlasse mein Dorf genau deswegen nicht. Ich fühle mich hier aufgehoben, und man kann tatsächlich sehr gut schreiben. Hinten, im Büro, hinter dem Verkaufsraum.“

„Und mein Sofa?“, könnte er sich erkundigen. „Hm. Eins hab ich weggeworfen, das rote. Ich habe nicht ausgehalten, dass Fremde auf deinem Sofa saßen. Das andere, kleine: Das steht bei Martha. Sie findet es hässlich. Er würde lächeln, sagen: „Also, dann gefällt es ihr. Benutzt ihr eigentlich noch mein Haus? Ich habe reden hören, du hättest es verlassen.“ „Nein, nicht so richtig. Ich war eine Weile weg, Gertrud ist mir lästig geworden ist. Es war auch für Martha nicht ganz das richtige. Offenes Feuer, keine Küche. Wir hatten übrigens beide nichts gegen Warmwasser.“

Er hört gut zu, ich sehe es an seinen Fingern. Sie bewegen sich lautlos, wie auf dem Klavier. Bewegen sich im Takt dessen, was ich rede. „Ich gehe aber hin“, sage ich, „jetzt wieder öfter. Einige Bäume müssen gefällt werden, mit dem Brunnen ist auch etwas nicht in Ordnung. Dem Haus merkt man an, dass ich anderes zu erledigen hatte.“ „Das kommt vor“, meint er, „es ist im Leben manchmal so.“ „Ja“, stimme ich zu, wohl merkend, dass ich den Konditional verlassen habe, „aber ich habe neuerdings das Gefühl, ich bin wieder bei dir. Ich glaube, ich habe alles entsorgt. Meinen Schrott und deine Lasten. Ich bin wieder da, wo wir mal waren, Martha, du und ich. Drei ungewöhnliche Personen, die sich die Freiheit nahmen, glücklich zu sein.“ „Gut“, meint Heinrich. „Und wie gesagt, ich wusste, du schaffst es. Jetzt schreibe schnell das nächste Buch und viele mehr. Ich bin immer bei dir.“

Ein Gedanke zu “Zu ihm zurück

  1. „Sich die Freiheit nehmen, glücklich zu sein..“ ist für mich die Essenz aus Ihrem wunderbaren Buch über ihr Leben mit Martha, das ich gerade heute fertiggelesen habe.
    Vielen Dank dafür!
    Doris

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