Buchhandel und Literaturkritik

Als ich sehr jung war, also vor einiger Zeit, lebte noch ein alter Mann mit kahlem Kopf. Er wurde gern parodiert; gefühlt jeder zweite männliche Leser wusste ihn zu wiederholen. Was er empfahl, kauften trotzdem alle. Ich erinnere mich an einen Samstag im Dezember 1995, als die Kunden den Schuber gebrauchten. Sie wissen schon, dieser Schuber. Wusste ich nicht. Ich war sechzehn, Schüleraushilfe in einem Bücherladen innerhalb von Fachwerk. Ich erinnere mich, dass ich an dem Tag einen roten Pullover trug, für die Kulisse eigentlich zu warm. Vielleicht trüge ich ihn heute als Kleid; so ein roter Pullover war das. Der Buchhändler war in Breitcord, seine Katze lag auf der Schreibmaschine. Diese Art von Geschäft.

Und der Schuber? Falsch, es war keiner. Es handelte sich, technisch gesprochen, um eine Kassette mit der mehrbändigen Teilausgabe der Tagebücher eines Romanisten aus dem Land, das es nun auch nicht mehr gab. DDR. Victor Klemperer, seines Zeichens Wissenschaftler mit dem Fachgebiet „französische Literatur“, Spezialität: 18. Jahrhundert (Aufklärung). Victor Klemperer war zu dem Zeitpunkt 35 Jahre tot. Was er zu Lebzeiten an Universitäten des Kaiserreichs, der kurzen Republik und dann des roten Staats gelehrt und geschrieben, wo er sich verborgen gehalten, wie er darüber Zeugnis gegeben hatte, was ihm als Jude unter dem Nationalsozialismus widerfahren war – das alles wusste ich als Schüleraushilfe von sechzehn Jahren absolut nicht. Woher auch?

Ich wusste: A. Die Kassette kostet 98 Mark. B. Der Typ in Cord findet gut, wenn ich hundert Mark Umsatz mache. C. Wenn der andere Typ es empfiehlt, ist es bestimmt nicht schlecht. Ich kann anstelle dieses Dings, das mir erstmal nichts sagt, auch zwei Fotobände über Hirsche verkaufen. Damit erreiche ich A. und B. ebenfalls. Vielleicht ist B. sogar heiterer und gibt mir fünf Mark Prämie, denn er hat viele Hirsche, Rehe, Welt- und Seekarten zu hohen Preisen vorrätig. Der will gar nicht mal unbedingt, dass ich diesen Schuber, äh, die Kassette anbiete. Die muss er ja bestellen. Ich mache das natürlich extra; dafür bin ich sechzehn und trage diesen roten Pullover. Mit C. werde ich mich später beschäftigen. Dreimal Klemperer an diesem Samstag, zwei am Dienstag danach (montags keine Ware vom Barsortiment). Der Cordmann ist zufrieden und schenkt mir einen Roman von Eva Ibbotson. Die passende Lektüre für ein, Zitat, junges Mädchen. Ich hätte eigentlich gern den Schuber, äh, die Kassette, aber das versteht der nicht.

Die Zeit ging darüber weg, es wurde 1996, 97, die Zeit ging weiter, der wirklich sehr alte Mann mit dem kahlen Kopf schrieb ein berührendes Buch der Liebe in Zeiten des Genozids und wurde mir, aus diesem und anderen Gründen, als Beschreibender von Texten angenehm geläufig. Brauchte ich Ordnung für das, was ich gerade las, schlug ich bei ihm nach. Da er sehr, sehr alt wurde und echt wichtig war, ließen Ausgaben nicht auf sich warten. Gesammelte Rezensionen, sowas. Essays, Aufsätze, eine Geschichte der deutschen Literatur in zwei Bänden. Ich las das alles: Erst gierig, dann besonnen. War anfangs ständig beeindruckt, später nur manchmal. Fand den Kritiker oft klug, aber manchmal scharf und zu scharf. Las es alles, hatte das Fachwerk mit der Katze lange hinter mir gelassen, übrigens auch Klemperer irgendwann: Einen gescheiten Schreiber und präzisen Chronisten, den ich brauchte, um Voltaire zu finden.

Jetzt ist 2019, wir haben inzwischen Internet und Facebook und Blogs. Es gibt immer noch Buchläden, und Cord ist sogar wieder in Mode. Mir fällt aber gerade ein, als ich dies schreibe, dass der Buchhändler von damals nie auf die Idee gekommen wäre, ein Urteil über Literatur zu äußern. Der freute sich immer nur über 98 Mark Umsatz. Wenn es sich dabei um Literatur handelte, hatte er nichts dagegen. Kritik war eine nützliche und anerkannte Größe, der wir uns fügten: Der Cordbuchhändler, die Katze und ich. Niemand kam auf die Idee, uns in eine Jury zu berufen. Und ich finde das bis heute gut.

2 Gedanken zu “Buchhandel und Literaturkritik

  1. Ein schöner Text.
    Muss doch mal wieder MRR und Klemperer lesen, gerade jetzt.
    Und der letzte Absatz: mein Buchhändler denkt ebenso, aber ihm verdanke ich viele Einsichten und Inspirationen.
    Danke.

    1. Das schließt sich ja auch nicht aus. Ich habe zu Literatur meistens eine Meinung, wie ungefähr alle Kollegen. Ich würde meine Einzelmeinung aber nicht zu Literaturkritik nach den Regeln ihres Fachs erheben.

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