Auf eigene Rechnung

Selbständige beschäftigen sich digital viel mit sich selbst. Das ist gut für mich, weil ich immer nachlese, wie andere es handhaben. Ich will nicht sagen, dass die realen Selbständigen um mich herum das nicht auch täten. Aber die schreiben keine Blogs, die machen Notizen auf Bierdeckeln. Und damit fängt es nämlich an.

Ich war immer selbständig in einer Art Vakuum. Ich verdiene Geld mit Tätigkeiten, die Menschen sonst in Hamburg, Berlin und München verrichten. In Bürogemeinschaften, Co-Working-Spaces und Gründerzentren. Was weiß ich. Also, in meiner Vorstellung sitzen die anderen Freiberufler an ordentlichen Tischen mit neuester Technik. Sie trinken angesagte Flüssigkeiten, verwalten sich tüchtig und sind absolut effizient. Ich sitze hinter dem Buchladen, zwischen Kartons. Manchmal fallen Kartons um, weil ich zu faul war, sie rechtzeitig ins Altpapier zu schleppen. Es gab auch schon mal Würmer, als ich vergessen hatte, geschenktes Obst nach Hause zu tragen.

Die menschliche Umgebung hat keine genaue Vorstellung von meinen Tätigkeiten. Die menschliche Umgebung arbeitet, wie gesagt, mit Bierdeckeln und Karopapier und Tischlerbleistiften. Davon würde ich nichts Schlechtes ableiten; diese Leute sind auf eine handfeste Weise ziemlich gescheit. Aber vom Bücherschreiben, vom Übersetzen, Redigieren und überhaupt von intellektueller Arbeit halten sie nicht viel. Man kann das, wie gesagt, nicht anfassen, stapeln und sortieren – weder mental noch ganz konkret.

Die menschliche Umgebung findet aber gut, dass ich eine Buchhandlung unterhalte. Darin sind wir uns einig. Dass sie nicht wahnsinnig viel Geld verdient, war für mich nie wichtig. Sie verdient mir immerhin ein weitestgehend bedingungsloses Grundeinkommen. Die einzige tatsächliche Bedingung: Sei da! Sei bei uns in Borgholzhausen und sprich mit uns und nimm es nicht persönlich, wenn wir uns lustige Gedanken machen, was Du wohl wirklich in deinem Büro da hinten tust. Sei da, damit wir dich mögen können.

Das war jetzt die Vorrede. Die Selbständigkeit räumlich weit weg von denen, die mir intellektuell wichtig sind. Zum Beispiel Maren mit der Espresso-Strategie, die exakt so lange auf eigene Rechnung arbeitet wie ich. Unter halbwegs vergleichbaren Umständen, da ähnlich qualifiziert. Und dann doch nicht vergleichbar, weil mit Kindern und in der Großstadt und aus diesen Gründen mit deutlich höheren Kosten. Aber sie hat zehn ziemlich wahre Punkte aufnotiert, und deswegen komm ich mal hinterher auch wieder mit zehn Kategorien. Unsortiert – wie gesagt, Kartons und Würmer. Also unsortiert das, wovon ich meine, dass es gut und wichtig ist, um als Selbständige ordentlich zu leben.

1. Bleibe absolut immer, unter jedweden Umständen, in der gesetzlichen Krankenversicherung. Lass dir nichts erzählen, von niemandem; besonders nicht als Frau. Gynäkologie ist teuer! Und die gesetzliche Krankenversicherung lässt dich sehr, sehr lange in Ruhe – sowohl in Armut wie bei Reichtum. Ich will das nicht in allen Einzelheiten ausführen, das ist ein Thema für sich. Aber, wie gesagt: Die gesetzliche Krankenversicherung, drei Ausrufezeichen.

2. Das Finanzamt ist nicht Dein Feind. Die wissen, was sie wollen und zu wann. Aber sie sind nicht böse oder hinterhältig, geschweige denn gemein. Du kannst mit denen meistens reden, oft sogar besser als Dein Steuerberater. Steuerberater und Finanzbeamte mögen sich nicht. Finanzbeamte sind, glaube ich, leidgeprüfte Menschen. Sie sind oft verblüffend dankbar, wenn Du höflich bist. Nicht rumschleimen oder anbiedern, einfach die normalen Umgangsformen einhalten.

3. Suche dir genau den Steuerberater, der zu dir passt. Ohne geht es nicht. Aber ich habe in den letzten zehn Jahren mehr Steuerberater als Aushilfen verbraucht. Die richtig guten sind richtig teuer. Ich habe probiert und probiert und dann zu einem gesagt: Ich kann Sie absolut nicht bezahlen, bin aber der Meinung, das binnen achtzehn Monaten hinzukriegen. Er hat die Herausforderung angenommen. Es waren 17 Monate. Er macht eigentlich nicht viel, er ruft immer nur mal an und sagt: Sie denken an mich? Ja, öh, fast, ständig, ach ja, jetzt, wo Sie das sagen.

4. Netzwerke. Aber übertreib es nicht. Du kannst Deine gesamte Privatzeit mit Netzwerken verbringen, Du kannst auch andersherum alle privaten Menschen andauernd geschäftlich einzusetzen versuchen. Nur: Das bringt nichts. Du brauchst Leute um dich, die ähnliche Interessen und Ziele haben. Du brauchst, wenn Du vollumfänglich von der Selbständigkeit lebst, nicht die Zuverdiener mit ehelicher Absicherung. Du brauchst, wenn Du ein Gewerbe hast und Öffnungszeiten, keine Hyperkreativen, die von überall auf der Welt arbeiten. Du brauchst aber unbedingt andere Selbständige, weil sie Deine Konflikte kennen.

5. Netzwerke für den Job, nicht als Geschlecht. Das leidige Thema der Selbständigkeit von Frauen möchte ich zusammenfassen mit einem Satz: Lass es! Sei gut in dem, was Du tust, und sei es mit allen. Männer, Frauen, Diverse. Diese ganzen Themen sind nicht uninteressant, aber sie verdienen kein Geld.

6. Geld brauchst Du. Ich war so naiv zu meinen, ich könnte mit einem Sparbuch von fünftausend Euro loslegen. Das war bescheuert und auch ziemlich teuer. Ich würde heute sagen, 50 000 in Reserve. Muss nicht alles flüssig sein. Das klingt nach viel, aber es ist keine utopische Zahl. Mit einem halbwegs soliden Konzept und ordentlicher Steuerberatung bekommst Du das, notfalls als Förderdarlehn. Für’s Geld empfehle ich die Wirtschaftsförderung der jeweiligen Stadt oder des Kreises. Die sind extra dafür da, dich zu beraten, denn als Gründer bist Du in Deutschland, besser: Für Deutschland attraktiv. Ich würde alles mitnehmen, was sie dir an Zeit und Aufmerksamkeit geben. Als Ausgleich kannst Du irgendwann viele Steuern zahlen oder kostenlose Gründerseminare halten. Aber geht erstmal hin.

7. Wenn Du irgendwo bist, sei ordentlich angezogen. Sorge immer dafür, auch in Phasen von Knappheit, dass Du ein gutes Outfit hast und schöne Schuhe. Geh regelmäßig zum Frisör und pflege Deine Haut. Ich glaube, es kommt immer auf Äußerlichkeiten an, aber nirgends so sehr wie in der Selbständigkeit. Achtung, dies ist kein Mädchen-Argument. Männern schadet optische Ordnung auch nicht.

8. Sei erkennbar. Sei die mit dem Espresso oder der mit dem Fahrrad oder eben: Die mit der roten Jacke. Ich hatte anfangs nur eine gute Jacke, und die war zufällig rot. Ich habe sie längst entsorgt, also die allererste teure rote Jacke. Aber ich habe heute fünf andere im Kleiderschrank, weil ich gelernt habe, daran erkennen mich die Leute wieder. Sogar meine Kleine Oma sagt beim Hausarzt, na ja, mein Chef ist die mit der roten Jacke.

9. Nimm an, was Menschen in dir sehen. Ich habe mir hunderttausend Gedanken über meine Marke, meine Produkte, über alles mögliche gemacht. Kunden wollten aber die mit roten Jacke in ihrem Bücherladen. Ist uns doch egal, was sie da wirklich macht. Aber: Rote Jacke! Bücherladen! Das ist mir nicht so einfach gefallen. Selbständigkeit ist aber nur teilweise Selbstverwirklichung. Sie ist vor allem Broterwerb. Wenn es mein Brot verdient, dass Menschen meinen Bücherladen mögen – bitte. Ich schlafe deswegen keine Nacht schlecht.

10. Schlafe! Wenn Du dauerhaft nicht schlafen kannst, dann läuft was schief und du musst handeln. Ansonsten: Schlafe, ruhe und bedenke. Der Rest kommt von allein.

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