Tupperdosen, Latenz und Freiheit von Viren

Latenz ist ein Fremdwort. Ich bin gerade zu faul, die Wortherkunft nachzuschlagen. Irgendein Leser dieses Textes wird das erledigen; ich bin ganz sicher. Vielleicht jetzt gleich sofort, vielleicht auch später. Womöglich erst morgen oder nächste Woche. Ich werde das nicht nur ertragen, sondern recht bald sogar vergessen haben, dass ich überhaupt nur warte. Es gibt genügend anderes zu tun, und wieso sollte ich meine Nerven verschleißen und Zeit sinnlos vernichten, um etwas Unplanbares exakt vorherzusehen.

Und das ist schon Latenz, in wenigen Worten: Füge dich und ertrage, was du nicht steuern kannst. Latenz ist eine Schlüsselkompetenz der Selbständigen, sie gehört zur seelischen Grundausrüstung aller nicht sozialversicherungspflichtig Angestellten, um es rentendeutsch präzise auszudrücken. Latenz gehört zu den Selbständigen wie die Tupperdose in den Spießerhaushalt. Es geht nicht ohne. Man weiß ja nie, wie sich der nächste Auftrag gestalten wird, wann die Kunden strömen und hoffentlich kaufen, hängt am Faden eines Kredits, einer Betriebsprüfung oder Zertifizierung. Man sieht nie vorher, ob die Angestellten krank werden und wenn ja, wie lange.

Nie, das ohnehin, kommt einem gelegen, wenn die Leute dummes Zeug reden, ihren Neid in Worte kleiden, die Firma schädigen mit hässlichem Gelaber. Dagegen rüstet man sich über die Jahre mit einem Korsett aus blöden Sprüchen; ich bin, ich räume es ein, Scharfschützin gegen Missgunst, also gegen die Kleinbürgerei unter den negativen Sozialkompetenzen. Latenz, um es zusammenzufassen, ist für uns Selbständige überlebenswichtig – Körper, Seele und Geist gingen kaputt, riebe man sich am Warten auf das Ein- und Ausbleiben von Verschiedenstem auf.

Was man tut, in solchen Zeiten? In Phasen der unternehmerischen Latenz, mithin andauernd? Man hält es aus; ganz einfach. Man spricht und liest und trinkt und isst und sucht mitunter die Toilette auf. Bettet sich abends und steht am anderen Morgen wieder auf. Geht Nichtigkeiten nach, den sogenannten Hobbys. Bewegt sich unter der Bezeichnung Sport und sonst auch oder zu wenig. Man ist daran gewöhnt, dass man das Übliche tut, während Unübliches hoffentlich nur in der positiven Spielart vorkommt (Superauftrag, Riesenumsatz, Rückzahlung vom Finanzamt oder eine üppige Ausschüttung der VG Wort). Wenn nicht (schlechtes Wetter, blöde Kunden, wenig Geld – siehe oben), passiert einem aber auch eine ganze Weile nichts. Weder wird man obdachlos noch bettet man sich hungrig, und Freunde bleiben garantiert nicht fern, wenn sie eben Freunde und keine Trittbrettfahrer sind. Latenz ist vollkommen erträglich, muss ich sagen.

Latenz ist aber auch, man merkt es gerade deutlich, nicht so verbreitet unter den Menschen dieser Zeit. Schade. Wer nämlich latenzerfahren ist, muss weder Klopapier horten noch Desinfektionmittel stehlen, kann sich beim Hausarzt und in der Apotheke ordentlich benehmen, im Bücherladen ohnehin.

Ob es mit mehr Latenz nicht so viele Coronaviren gäbe, sei mal dahingestellt. Aber mehr Latenz führte zu weniger schlechter Laune und der Vermeidung von Hysterie. Man kann natürlich auch viele Tupperdosen haben, in einem ordentlich spießigen Haushalt. Warum nicht Latenz darin verstauen? Ganz, ganz viel. Das wünsch ich mir von allen Lesern dieses Textes. Mehr noch als dass sie ermitteln, woher der Ausdruck sprachgeschichtlich stammt.

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