Körper und der Einzelhandel

Bücher und Postkarten auszuwählen halte ich bis auf den heutigen Tag für eine weitestgehend körperferne Tätigkeit. Menschen in Textilien begegnen mir dazu in meinen Räumen, und auch ich selbst halte mich hier nicht im Morgenmantel auf. Es ist mein Raum, kein öffentlicher oder sogenannter dritter Ort, es ist ein Raum, für den ich Miete zahle, den ich beleuchte, heize und eben befülle. Siehe oben, Bücher und Postkarten. Der Körper, in dem ich zu Hause bin, hat damit nach meinem Verständnis recht wenig zu tun.

Gleiches gilt für die angestellten Personen, ob sie nun Schüler, Studentin, Flüchtling oder Mutter sind. Diese Menschen halten sich berufstätig hier auf. Würde mir nicht gefallen, wie sie sich kleiden, könnten sie selbst und auch die Endverbraucher sicher sein, dass ich etwas dazu sage. Ich bin klar in meinen Äußerungen, und unsere langjährigen Mitarbeiter hatten insofern nie ein Problem mit mir. Die anderen waren bald wieder weg, wobei das selten an ihren Textilien lag. Ich ertrage strukturelle Dummheit nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Dass Körper dennoch nie unerheblich waren, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die ländlichen Leute gern schwatzen. Über wenig lässt sich besser reden als über den Körper einer Frau. Optik, Haptik, gern auch das sogenannte gebärfreudige Becken. Die Beine, der Busen, mein Po. Wozu sich Personen in nunmehr zehn Jahren zu äußern meinen mussten – es verblüfft mich immer neu. Und ich meine das im eigentlichen Sinn: Ich wundere mich.

Ich habe aufgehört, nach Erklärungen zu suchen. Habe ich gute Laune, denke ich, dann quatscht doch. Blabla. Blablabla und wieder von vorn. Habe ich schlechte Laune (selten) oder überschreitet das allgemeine Gelaber einen von mir gesetzten Punkt (nicht selten), werde ich deutlich. Ich sage dann: „Hören Sie bitte auf zu glotzen.“ oder „Es mag Sie interessieren, ob ich Kinder habe, aber es geht Sie nichts an.“ oder „Obwohl Sie dringend wissen möchten, wie das körperliche Verhältnis zu meinem verstorbenen Partner war: Sie werden es nie erfahren.“

Ich sage auch: „Wenn Sie die Aushilfe noch zehn Sekunden länger anstarren, gehen Sie an die frische Luft und kehren nicht wieder“ oder „Die Liebesgewohnheiten aller Mitarbeiter sind privat. Gilt für Syrer, Deutsche und auch für eng verwandte Vollidioten.“ Es ist für mich das allergeringste Problem, Chauvinismus, Sexismus und den vielen anderen Alltagsferkeleien entgegenzutreten. Zehn Jahre training on the job; da macht mir keiner etwas vor. Zumal ich mich in einem Raum aus Glas befinde, ich selbst und auch die Meinen sind zu sehen. Uns kann niemand auf den Körper, solange Menschen auf der Straße sind.

Aber was machen die Menschen in ihren Wohnungen? Was machen die und lassen mit sich machen, die mir wegen Corona gerade kaum begegnen? Wie verhält es sich mit der Gewalt in Worten und in Taten? Was tut der Alkohol dazu, und was das irrsinnige Rumgeflacker an Bildschirmen, die man besser nach dem ersten halben Glas ausknipst für den Rest der Nacht? Gehe ich von dem aus, was mir im letzten Vierteljahr digital zugestellt worden ist – und wie gesagt, ich bin die mit der Deutlichkeit. Ich habe Öffentlichkeit, und ich habe gute Männer um mich herum. Wenn ich also, in dieser eher komfortablen Lage, schon soviel Scheiß ertrage: Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie es wohl anderen Frauen geht.

Ich wünsche ihnen und uns allen, gerade an diesem Hauptbesäufnistag des Sommerhalbjahrs, ich wünsche mir, dass Ihr etwas sagt. Meldet euch, wenn Körper und Seelen in Gefahr geraten! Bei mir und überall dort, wo auch Öffentlichkeit ist. Zeigt euch, so schlimm es sich anfühlt. Aber nur wer sichtbar wird, dem kann geholfen werden.

 

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