Kreis Gütersloh

Weißt Du, sage ich zu jemand, den ich echt schon länger kenne. Weißt Du, ich habe mich andauernd darüber aufgeregt, aus diesem letzten Winkel zu sein. Wo es nichts gibt. Kathedralen nicht, keine Architektur in dem Sinn, auch Bildungsbürger begegneten mir erst, nachdem ich aufgebrochen war. Ganze Welt und so, alles lesen, sehen, können wollen. Es reichte zu einigem Wissen und ein paar Ländern in Europa. Dann kehrte ich wieder, eben in diesen Winkel. Kreis Gütersloh in Ostwestfalen. Kaum Arbeitslose, aber auch keine Kultur. Mettwurst, Schnitzel, Grillfleisch. Autos. Landmaschinen und andere Apparate. Das alles ist Ostwestfalen. Es ist, muss ich sagen, wirklich okay soweit.

Es ist, davon abgesehen, auch meine Heimat. Selbst wenn es blöder wäre: Das ist bei mir zu Hause. Ich mag, wie die Menschen sich geben, wie sie reden und, vor allem, wie sie scherzen. Sie sind so normal wie nur was. Um bei diesen meinen Menschen zu bleiben, musste ich mir einen Beruf erfinden. Was ich sein wollte, irgendwie intellektuell mit Medien und Dingens, das geht hier nicht. Ich wurde behelfsweise erstmal Buchhändlerin und, über Schleifen, eine Art Geist-Hausfrau.

Wie die Mütter meiner Kinderzeit sitze ich herum und sehe zu. Gut, nicht der Brut bei irgendwelchen Hausaufgaben, während ich Kartoffeln schäle. Eher, dass ich die Kunden reden höre, während ich eigentlich einen Artikel, Essay, Aufsatz schreibe. Auch den nächsten Roman. Wenn ich im Kopf die Worte wende, sind um mich herum Geräusche. Die normalen, im Sommer: Wilde Kinder, vom Freibad her. Andere Kinder, mit Eis. Ich sage dann, nein, nicht mit dem Eishörnchen hier hinein. Auch nicht zu dritt, seid Ihr bescheuert? Ich murmele, jaja, wenn es über die Schultüten geht (natürlich selbst gebastelt), die Marmeladen (hier, drei Sorten zum Probieren), und dass die Kinder eigentlich im Garten zelten wollten, aber nachts hatten sie plötzlich Angst vorm Wolf und liefen zu den Eltern, während der ältere Cousin ins Zelt wechseln musste. Papa vielleicht auch, und dann spielten sie dort Skat und ließen sich von Mücken beißen. Das wäre normal.

Jetzt sitze ich hier auch. Geist-Hausfrauen bewegen sich wenig. Schon im Kopf, aber ihren Körper nicht bei 30 Grad. Eben wie immer. Nur die Geräusche sind anders. Hastiger, oft laut, kein Mensch hört zu. Sie kapieren das nicht. Es ist doch ungerecht. Der Urlaub und das Grillfleisch und die Kontrollen, und beim Abstrichzentrum wartet man drei Stunden. Da könnte man – Nein, rufe ich. Da jetzt nun nicht ein Würstchen grillen. Auch kein veganes. Gar keins! Abstand halten, ey. Das ist kein Spiel. Ja, hm, sagen die Ostwestfalen. Ich merke, sie sind verstört. Fleisch ist blöd und wir wohl auch, und unsere Autos (heilig bei uns, vergaß ich zu sagen) werden zerkratzt. Die Personen in diesem Kreis Gütersloh, in der mentalen Gruppenhaft, die Deutschland ihnen gerade verpasst: Sie sind gekränkt.

Ich bin es nicht. Ich war auch schon woanders, immer mal. Ich weiß, Provinzialität ist keine Frage des Autokennzeichens. Das ist die Sache mit der Haltung. Recht vielen Menschen fehlt sie aktuell.

Also von mir, von der Geist-Hausfrau im Buchladen in diesem Kreis Gütersloh am Ende der Welt: Ich find’s Scheiße. Ich finde erbärmlich, wie mit uns verfahren wird. Und ich bin aber froh, dass ausgerechnet hier mein Zuhause ist. Niemals würden wir uns nämlich so betragen. Wir gäben jedem Münsteraner ein Kuchenstück und auch den Leuten von Osnabrück ihr Kaltgetränk.

Wir sind die Provinz, na klar. Aber keine Kleinbürger mit engster Sicht.

Gezeichnet: Eine von einem Drittel einer Million hier in der Region.

 

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