Die kleinen Schwestern

Sie waren in diesem Sommer sehr gut zufrieden, denn es war unheimlich warm. Es gab außerdem in der Familie ein neues Baby, womit keine von ihnen die Jüngste war. Niemand passte hundertprozentig auf, was sie so taten. Oder auch nicht. Mit Oma bei abgedunkelten Fenstern (Holz-Jalousien) Fernsehen schauen, zählte unter: nicht. Man machte aber eigentlich nicht nichts, nur mal eben nicht in diesem wirklich warmen Sommer. Das neue Baby sollte ordentlich schlafen, und wenn man die Holz-Jalousien zu schnell bediente, donnerten die richtig gut laut runter. Davon wachte das Baby garantiert auf. Was ja nicht sein sollte, und deswegen hingen sie eben bei Oma auf dem Sofa herum. Dieses war eigentlich hell, so ungefähr beige mit kleinen Flecken aus einer Farbe wie Pistazien. Die kleinen Schwestern hatten von Pistazien aber bislang nichts gehört. Sie sagten zu den Flecken: Popel.

Das Sofa war auch gar nicht mehr überall hell, nämlich da nicht, wo entweder der kleineren Schwester mal eine Windel ausgelaufen war (Sitz) oder dort, wo Papa hin atmete, wenn er auf dem Sofa schlief (Lehne). Papa lag nicht wegen des neuen Babys oder Mama auf dem Sofa. Er machte das schon immer, aus Prinzip. Abgelegt wie ein Baumstamm. Wenn er ganz fest schlief und eben das Sofa durch Atmen verdunkelte, konnte man als kleine Schwester einzeln um ihn herumturnen und oben auf der Lehne sitzen. Bei zweien wachte er auf, oder wenn man abstürzte. Natürlich auch, wenn beide zugleich abstürzten. Er war aber ein netter Papa und stellte sich nicht so an.

Man durfte nur die Oma nicht ärgern, denn die war schließlich seine Mama. Niemals könnten sie ihr so nahe stehen wie er, behauptete Papa. Die eigene Mama von den kleinen Schwestern war auch sehr nett, aber sie hatte ja nun ein neues Baby und außerdem einen Biogarten. Es ging da unheimlich gesund zu. Sie baute nicht direkt Körner an; die wurden tatsächlich eingekauft. Aber das viele Gemüse aus diesem Biogarten wurde immer mit Körnern zusammen gegessen. Papa sagte manchmal, er sei ja wohl kein Kanarienvogel, und dann fuhr er mit den kleinen Schwestern zur Tankstelle und kaufte ihnen ein Eis. Die Mama fand das eigentlich doof, aber andererseits aß sie auch gern Eis. Sie hatten einmal ausprobiert, ob sie so ein Eis am Stiel im Handschuhfach von der Tankstelle bis nach Hause bringen könnten (wegen: verdunkelt). Ging nicht. Sie wohnten schließlich weit weg von allem, so richtig fast im Wald. Die Eltern von den kleinen Schwestern meinten, das sei das absolut Beste für ihre Kinder, und die Oma hatte entweder keiner gefragt oder es war ihr auch egal gewesen.

Jedenfalls hingen die kleinen Schwestern jetzt mit der Oma im abgedunkelten Wohnzimmer vor der Schrankwand herum und schauten Lassie. Sie trugen schon mal ihre Badeanzüge, weil der Papa losgefahren war, um ihnen ein Planschbecken zu kaufen. Bedingung: Das neue Baby dürfte auch mal mit hinein, aber vorsichtig. Sie hingen und schauten und waren wie kleine Tropfen, nur auch noch mit Neon-Streifen von ihren Badeanzügen. Die Oma strickte nebenbei, das konnte sie blind. Davon leichtes Klackern. Sonst keine weiteren Geräusche. Und was dann geschah, darüber handelt die nächste Geschichte.

 

4 Gedanken zu “Die kleinen Schwestern

  1. Mir gefällt der Erzählton. Ein kleines Kopfkino ist in Betrieb gegangen. Vielen Dank und liebe Grüße, Martina 😉

      1. PS: ich habe mir jetzt Ihr/ihr TB bestellt und verspreche mir davon ganz viel Martina Bergmann Stil. So. Nur für‘s Protokoll 😉
        Ganz liebe Grüße, Martina
        …und ja, das Früher war schon schön!

  2. Wenn Sie bei boersenblatt.net schauen – da ist auch noch sehr viel Martina Bergmann Stil. Meistens Buchhandel und manchmal auch böse. Aber das ist eigentlich meine längste Textbaustelle, sogar noch älter als dieses Blog.

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