Die Gewinner (Eine Zuneigung!)

Die Schule geht ja wieder los, zumindest erst einmal. Da schon länger keine Schule war, fehlt den Kindern jeder Ernst. Ob sie den spazieren trügen bei weniger als 35 Grad: Ich zweifle. Aber sie sind diesen Sommer auffällig heiter und irre und rasen zwischen den Schreibwaren herum. Die wir auch anbieten; richtig, ich hatte es beinahe schon vergessen. Ich bin altmodisch insofern ich bei einem Papiergroßhändler der Generation Fax einkaufe und das übrigens mag. Also, meine Schreibwaren in allen Ecken, irgendwo.

Der gebotene Ernst und ich sind kein Traumpaar. Das verbindet mich mit den Kindern, und deswegen haben wir Sympathien. Sie sind gut gelaunt, ich bin das auch, und wir suchen eben die Bleistifte einer bestimmten Stärke, außerdem Heftstreifen, Leuchtmarkierer, Pappschnellhefter. Wir finden alles Mögliche, und manchmal sogar zügig, was wir suchen. Sonst etwas anderes.

Kinder und ich sind diesbezüglich gleich: Wir gehören unter Aufsicht. Ich merke das. Ich merke, nicht allen ist es gut bekommen, seit März wenig Anleitung gehabt zu haben. Ich räume ja auch nur auf, wenn meine Lieblingsaushilfe eingeteilt ist, vor der ich mich sonst schäme. Oder vielleicht für das Haller Kreisblatt. Aber nur manchmal. Und eben die Kinder: Tja. Ich wünsche ihnen, dass es wieder viel Schule gibt. Jeden Tag und alle Fächer, bis Weihnachten am Stück.

Ich bin weder Elternteil noch Lehrer. Auch nicht Mitarbeitende einer Bibliothek oder des Jugendzentrums. Ich bin die, die sich leistet, den Buchladen nur manchmal aufzuräumen. Und die mit den Kindern schwatzt, sofern sie nicht männlich und schweigsam sind. Was mir dabei in diesem warmen Sommer auffällt:

Erstens: Es ist wichtig, dass die Kinder unter Aufsicht kommen, Aufsicht mit Inhalten, mit Ordnung und allem, was dazugehört. Es gibt nämlich Kinder, die haben es nicht gut. Für die ist es schlecht, wenn sie zuviel zu Hause sind. Diverse Gründe, die sie mir nennen, weil ich nichts weitersage. Versprochen und wird nicht gebrochen. Aber allein die Tatsache, dass sie im Buchladen erscheinen, um sich zu bereden – die sagt etwas über das Fehlen von anderen Orten hier an der Peripherie.

Zweitens: Alles, was ich über ungleiche Chancen gelesen habe, darüber, dass immer stärker wieder zum Tragen kommt, ob zu Hause Strukturen, Bildung, Gelder sind, ist leider wahr. Computer sind dabei noch das Geringste. Bildung ist auch das mit der Ruhe, mit dem Raum für sich (und sei er nur ein Katzentisch). Strukturen sind ein Frühstück, das Haarshampoo, die Busfahrkarte. Ich würde es schandbar finden, verstärkte sich die Ungleichheit durch Abwarten noch weiter.

Drittens: Auch mal das Gute. Also, drittens und zum Schluss: Ich freue mich und bin so stolz für die Kinder, die vor fünf Jahren mit ihren Eltern gekommen sind, in diesem anderen wilden Herbst. Hätten sie nicht meistens schwarze Haare (was in Ostwestfalen ungebräuchlich ist): Von der Sprache allein kann man kaum noch sagen, dass sie einen weiten Weg gekommen sind und dass ihre ersten Worte nicht in Deutschland fielen. Sie schwatzen und räumen und sind so emsig und irre wie alle Kinder diesen Sommer. Es nimmt mich für sie ein, für ihre Energie und ihren Wagemut. Und auch für eine Gesellschaft, die sie so weit getragen hat. Das haben wir tatsächlich geschafft, und diese Kinder sind unsere strahlenden Gewinner.

Wenn es uns mit den abgehängten oder sich abhängenden Eingeborenen auch gelänge, dass sie lernen und dabei sind: Es wäre schön. Alle Kinder sollten in so einem reichen Land Gewinner sein. Kinder sollten immer die Gewinner sein.

4 Gedanken zu “Die Gewinner (Eine Zuneigung!)

  1. Als Landeselternschaft integrierter Schulen vertreten wir Eltern die Interessen genau dieser Kinder. Die Mühlen mahlen langsam, denn diese Kinder stehen meist nur kurzfristig im Interesse. Wenn sich der Wind dreht, vergisst man Kinder aus bildungsfernen Hintergründen wieder sehr schnell. Zurzeit passt das Interesse, weil es auch der Wirtschaft passt.
    Wir Eltern denken ganzheitlich und haben auch die Infektionszahlen im Blick. Verspielen wir den Stand, kommt ein neuer Lockdown. Neue Schließungen wären schlimmer als jetzt Vorsicht walten zu lassen. Daher fordern wir sichere Hygienestandards.

    Der Blick auf die Entwicklung der Infektionszahlen in NRW verheißt nichts Gutes.

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