Der Händler handelt

Ich saß in meinem wie üblich viel zu vollen Bücherladen und wusste auch nicht so recht. Medial war angeraten, in Panik zu verfallen. Lockdown, Pandemie, Jahrhundertkrise. Die Wirtschaft bricht zusammen. Drei Leute mindestens pro Tag am Telefon, die ihr Bedauern äußern wollten. Dass es so schlecht geht, ach, und dieses Elend. Dass sie warme Gefühle für mich hätten und aber selbst ganz froh. Home Office, Sie wissen schon… Mir passiert nichts. Ich hörte es mir an und schaute aus dem Fenster (nix los), besah mir die Bücher (gute Aussichten), war unlustig, mich stärker damit zu befassen, was irgendwer über meine Firma meint.

Was mach ich denn nun, dachte ich. Ach, erstmal etwas Geschenkpapier einkaufen. Auch davon war bereits nicht wenig vorhanden. Aber was Schönes geht immer. Ich rief also den Händler meines Vertrauens an, den ich schon länger kenne, auch aus Zeiten, wo es wirklich schlecht war, was aber damals keinen interessierte. Damals war man selber Schuld. Heute ist die Pandemie der Übeltäter. Also mit dem Händler des Vertrauens sprechen. Erzähl, erzähl. Ich sagte, boah, es geht mir ja auf die Nerven. Dieses Gegreine und Geraune überall.

Was immer nun kommt: Auch diese Krise wird vorübergehen. Wie ungefähr jede Krise, von denen man sich in der Selbständigkeit so viele zuzieht wie als Kleinkind Schnupfen. Denn irgendwas ist immer. Ja, sagte der nette Mensch mit dem schönen Geschenkpapier, mit den Schleifchen und Tüten und all dem Zeug, das man eigentlich nicht braucht. Das aber gute Laune macht, und also. Er berichtete von seiner Firma, redete dies und das. Ähnliche Ansichten wie ich, sagen wir mal: Alles ungewöhnlich, aber nicht nur schlecht. Wir murmelten so herum. Und dann meinte er: Im Grunde ist es einfach. Wir sind Händler. Der Händler handelt.

Ich notierte die Worte auf Papier, weil sie mir schon da gefielen. Ende März, glaube ich. Der Händler handelt.

Den Zettel dann verbuddelt, viel anderes gemacht. Die Oma umquartiert, Bücher verkauft, Texte geschrieben, ziemlich verhandelt an einigen Stationen, und in der Buchhandlung war tatsächlich eine Menge los. Man wird ja scheel angeschaut, wenn man heute sagt, entschuldigen Sie: Ich nehme Krisen ernst. Aber hier ist gerade keine. Und ich kann auch keine herbeizitieren, nur weil es Ihnen gut bekäme, für das Selbst- und Fremdbild, dass alle Selbständigen Nöte leiden. Ist nicht so. Ich bin dafür auch dankbar, aber andererseits war es harte Arbeit.

Ich räumte auf, um zu vermeiden, irgendwelchen Leuten das zu sagen, was ich wirklich denke (Sicherheiten, Ansprüche, das gemeint Zustehende – hilft halt nix, wenn man sich nicht selbst bewegen kann). Ich kramte und schaufelte und tüftelte hier vor mich hin und fand eben das Blatt mit der Bemerkung von im Frühling.

Der Händler handelt.

Ich habe mich so gefreut, denn genau das ist es, in der Essenz. Sich bewegen und verändern können, agieren, wie man meint. Herrlich!

Sofort Geschenkpapier bestellt. Ich kann es nur empfehlen. Geschenkpapier macht gute Laune, und es ist ein Lieferant, von dem man auch lernt.

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