Wer von uns hat das geschrieben?

Bevor ich eine Schriftstellerin dieses Namens wurde, hatte ich mich an allen möglichen Büchern auf verschiedenste Weise betätigt. Ich war Korrektorin, Bildredakteurin, mithelfende Lektorin, ich war eine Verfasserin von Legenden und Fußnoten, und ich habe gar nicht so wenig übersetzt, immer mal wieder. Denn inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens, über zwanzig Jahre, bin ich an der Herstellung von Büchern beteiligt. Ich tat das meistens ohne erheblichen persönlichen Ehrgeiz; es fiel mir immer leicht.

Der Beruf meines Herzens, den ich mir mit fünfzehn ausgesucht habe, mit dem ich also schon Silberhochzeit hatte: Buchhändlerin. Ich war und bin in erster Linie eine Buchhändlerin. Ich habe vor allem immer dann geschrieben, wenn mir Geld fehlte. Für den Buchladen, seltener für ein Paar Schuhe oder einen Mantel. Da dies so ein pragmatischer Zugang zum Schreiben ist, wie er womöglich nur in meiner Landschaft denkbar ist: Deswegen halte ich mich meist zurück, wenn Autor*innen über ihren Alltag sprechen, über die Schwierigkeiten des Tageslaufs am Schreibtisch, über die Hindernisse des Betriebs und, meinetwegen, über die strukturelle Nachrangigkeit des weiblichen Schreibens – was auch immer das sei. Ich fühle mich nicht berufen, zu dieser komplizierten Gemengelage etwas Erheblicheres beizutragen als eben: Es fällt mir einfach. Ich bin immer veröffentlicht worden, wenn ich das für richtig hielt, und ich habe mit dem Schreiben Geld verdient, von Buch 1 an und auch davor.

Buch 1 wurde fast zufällig mein eigenes. Ich produzierte einen Bildband über Borgholzhausen. Schöne Fotos, und es fehlte noch Text. Ich war in Eile, denn ich brauchte das Buch zum Weihnachtsmarkt und wusste, keiner außer mir schafft das in zwei Wochen. Ich dachte nicht, oh, ich bin so toll. Ich wusste nur, ich kann das auf Termin, und ich geh mir dabei nicht selber auf die Nerven. Was ich verfasse, ist irgendwie ok, und sämtliche von mir hier zu Hause über Jahre eingesetzten Testleser wissen nicht, dass zu den Spielregeln des Betriebs eine gewisse Zimperlichkeit zählt. Ich kann mich blind darauf verlassen, dass sie mir sagen, wenn es öde ist. (Und für Rechtschreibfehler gibt es den Korrektor.)

So entstand also Buch 1, die kleine Geschichte von Borgholzhausen, der absolut nichts fehlt, wie sämtliche Leser damals sagten. Aber doch, eins. Es fehlte ein Name. Ich fand es nicht erheblich, an prominenter Stelle zu erwähnen, dass ich selbst die Texte geschrieben hatte. Ich fand sie ok, das Buch wurde fertig, wir haben es sehr schön verkauft. Mehr wollte ich nicht. Dass nebenbei ein Raten losging, wer denn wohl dieses Buch geschrieben hätte, lief an mir zunächst vorbei. Es war ja auch Dezember, und ich hatte anderes zu tun. Ich verpackte zu meiner großen Freude sehr viele Geschenke.

Aber im Januar, gleich zu Beginn, stand einer der Heimatforscher an meinem Tresen. Abteilung: Richtig netter Typ, Cordhosen, Pullunder. Emsiger Fleiß bei geringer Fallhöhe, das Methodische betreffend. Wendete seinen Hut in den Händen, tapste mit den Goretex-Schuhen sein Schmelzwasser auf meinem Linoleum breit, fragte mit einem halben Grinsen: „Wer von uns hat das denn nun geschrieben?“ Ich stand da und begriff es zuerst gar nicht. Sagte: „Hä, wer von euch?“ Er sprach weiter und nannte mir Namen. Lauter integre, kundige Historiker, mehr oder weniger beleumundet, einen ordentlichen Text zu schreiben; all die, die ich auch angerufen hätte, wäre mehr Zeit gewesen.

Ich erklärte, das war ich selber. Aufgrund von Zeitmangel hätte ich schnell mal eben – und dieses Erstaunen dann. Der nette Mensch, einer der heimatkundlichen Endlosverfasser bei starkem Schweiß am Commodore, stand da wie vom Schlag getroffen. Er unterließ es im Augenblick, seinen Schneematsch weiter zu verteilen. Kaufte noch drei Exemplare desselben Bandes, dessen Verfasserin ihre Anonymität nunmehr gelüftet hatte. Ging davon und ließ mich stehen:

Mit dieser Episode, die ich seither in jedem Vortrag erwähne, der nicht von alten Leuten oder Ravensberger Fachwerkhäuschen handelt, sondern davon, dass Frauen sich bis heute wahnsinnig behaupten müssen, wenn sie ihre Sache durchsetzen wollen. Frauen sind meistens nicht eitel. Warum dies so ist, ob nun genetisch, pädagogisch oder wegen Foucault und Walter Benjamin, Hegel, Hannah Arendt, Judith Butler oder keine Ahnung: Dazu werde ich auch weiter keine Meinung haben. Denn dazu fällt es mir zu leicht. Aber seit Buch 1 bin ich eine Schriftstellerin dieses Namens, der mein eigener ist. Dass mir zu dieser Einsicht ein weißer alter Mann aus Borgholzhausen verhelfen musste, wie nett auch immer, begünstigt den Verdacht, dass in der Sache der Frauen noch reichlich viel im Argen liegt.

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