Bilder von Martha

Ein letzter Text, denn literarisch ist alles gesagt, und Martha geht es gut, wo sie jetzt lebt. Sie ist der Meinung, ich sei ausgezogen. Ich hatte ein halbes Jahr so etwas wie Liebeskummer, nur schlimmer. Männern kann man alles Mögliche vorwerfen. Zum Beispiel, dass sie fremdgehen oder bescheuert sind, oder dass sie einem Frauenleben im 21. Jahrhundert mit Argumenten von Adenauer begegnen. Man kann aber einer Frau von 85 Jahren mit fortschreitender Demenz diese eben nicht zum Vorwurf machen. Es ist, wie es ist, nämlich furchtbar.

Falls Martha das auch meinte oder fühlte, hat sie es vergessen. Ich gönne es ihr, mit aller Liebe. Ich gönne ihr, dass sie jetzt rund um die Uhr versorgt wird von Menschen, die das professionell können, die von Pflege in dem eigentlichen Sinn etwas verstehen. Die die greisen Körper passend versorgen, die auch wissen, wann (gegen all meine Gedanken) Chemie nötig wird. Die es gelernt haben, medizinisch, psychologisch und was weiß ich. Was ich hier getan habe, war erweiterte Hauswirtschaft mit Vorlesen. Es war sehr schön, und es ist sieben Jahre gut gegangen. Aber wenn ich Bilder von Martha betrachte, von dieser hinreißend schönen Frau, der wilden Elfe, wie ein Freund des Hauses manchmal sagte, dann zeigen diese Fotos Veränderungen. Nicht zum Guten!

Demenz ist die Krankheit, die den Charakter stiehlt, die das Leuchten und ein jegliches Charisma zerstört. Wenn ich Fotos von Heinrich sehe, noch Tage vor seinem Tod an Krebs, dann höre ich ihn reden, weiß, was er sagte, wie er küsste. Bei Martha muss ich lange zurück, um Jahre. Sie wird auf meinen ungefähr 3000 Handyfotos nicht weniger schön. Aber sie verschwindet. Was ich mit Martha persönlich zu klären habe, beruht auf unseren Vereinbarungen, als sie noch konnte, wusste, wollte. Das gilt für mich, und da sie eine wirklich zähe Pflanze ist, haben wir diesen Vertrag miteinander bestimmt noch ein paar Jahre. Niemals, das steht darin auch, würde Martha wollen, dass man sie jetzt sieht. Ich finde sie, wie gesagt, immer noch bildschön. Aber ich weiß, sie selbst wäre anderer Meinung.

Bilder von Martha kommen mir jetzt in den Sinn, wenn in den sozialen Netzwerken Fotos auftauchen, die entsetzte Angehörige versenden. Sie stellen leere, entseelte Gesichter zur Schau. Es solle, sagen die Angehörigen, an Corona liegen, an der Isolation, an schlechter Pflege. Sie lassen alles aus sich heraus, was ihnen auf der Seele ist. Der eigenen Einsamkeit wegen, ihrer Existenzangst, des Trübsinns infolge November. Das ist legitim. Aber es hat mit der Demenz nichts zu tun. Die zieht in den Gesichtern ihre Kreise, und wenn die Patienten so aussehen, wie es irgendwann kommt: Spätestens an der Stelle bedarf es professioneller Pflege. Die Leute, die das tun, sind Helden. Sind sie immer, aber natürlich x-mal mehr in einem Jahr wie diesem. Sie brauchen bestimmt mehr Geld (wer nicht), und sie können sich von den rhetorischen Girlanden aus Politik und Zeitgeschehen sowieso nichts kaufen. Ich habe nach all den Jahren allerdings nicht den Eindruck, dass es sie wahnsinnig stört. Jeder Beruf hat seine Schattenseiten.

Aber dass für Mitarbeiter*innen in der Pflege quengelnde Angehörige gerade jetzt überflüssig sind wie Warzen an der Nase, wie ein entzündeter Fußnagel oder die Seuche an sich: Ich dachte, das sei nun wirklich selbsterklärend. Wie ich aber anhand der Gruselfotos da und dort begreife, versteht es sich eben nicht von selbst. Deswegen, von Martha und von mir, von uns beiden hier (und dem Heinrich auf seiner Wolke): Lasst das sein! Lasst die Pflegenden ihre Arbeit tun und prostituiert euch nicht mit Fotos euer demenzkranken Freunde und Verwandten!

Danke.

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