Alles richtig gemacht?!

Die Leute bekennen einander in Ostwestfalen (und womöglich auch in anderen Provinzen), alles richtig gemacht zu haben. Das ist ein Kompliment hier. Es beinhaltet das ordnungsgemäße Verhalten gegenüber den Institutionen, ein fleißiges Schaffen mit entsprechender ökonomischer Vergütung, das unauffällige Mittun im Sozialen. „Alles richtig gemacht“ ist die zivilgesellschaftliche Formel für ein quasi-militärisches Gehorchen, nur ohne Kasernen, Soldaten oder einen Obersten. Man fügt sich von allein.

Ich muss nicht betonen, dass dieses Kompliment mir selten gilt. Und wenn doch, besorgt es mich fast. Ich bin die, wo immer was schief geht, vergessen wird, sich jemand wahnsinnig aufregt. Falschparken, laut Sprechen, unverdrossen einfach weiter machen, was man für sinnvoll hält: Alles Kategorien, für die es selten ein „alles richtig gemacht“ gibt. Und wenn doch: Zufallstreffer. Unwichtig. Wenn jemand sagt, heute, in diesem Augenblick, hast Du mir eine Freude gemacht. Mir geholfen. Dies oder das wirklich auf den Punkt gebracht: Solche Sätze wärmen mich. Dafür stehe ich morgens auf. Garantiert nicht, um alles richtig zu machen, nach wessen Maßstäben auch immer.

Etwas kürzer gefasst, geht es um Unabhängigkeit. Wer alles immer richtig macht, ist das nicht. Der oder die ist sicherlich ein angenehm zu verwaltender Zeitgenosse. Menschen, die das für sich brauchen, wenn so ein Bürgermeister oder Abgeordneter sie lobt: Diese Menschen braucht es auch. Wahrscheinlich in Summe viel mehr von denen als die Selberdenker, denn letztere sind lästig. Die nerven, die fragen nochmal nach, die sagen auch: Jetzt allmählich – Ihr spinnt! Ihr werdet nicht nur, sondern seid, als Verwaltende und Politiker, vollkommen unglaubwürdig. Ihr labert so vor euch hin, beschließt mal dies, dann das und morgen jenes.

Ihr haltet uns an der kurzen Leine, seit Monaten, mit dem Zuckerbrot namens Transfergeld-Zahlung, das dann doch noch nicht fertig ist, weil der Backofen, ach nee: Die Website. Es liegt natürlich an der Website, dass Ihr Millionen Gastronomen den dritten Monat in Folge darben lasst. Die Website! Ihr schließt uns die Läden, mitten in der umsatzstärksten Zeit; die Peitsche schwingt das Ordnungsamt. Man kann das als Einzelhändler eine Weile länger mitgehen als ein Restaurant. Bücher müssen nicht so schnell verbraucht werden wie Schnitzelfleisch. Aber dann spart euch das Gelaber über die Innenstädte. Die sind schon länger dem Tod geweiht – und nicht wegen Corona. Ihr kriegt es das x-te Jahr in Folge nicht geregelt, von den Internet-Riesen Steuern einzusammeln, euch Gedanken zu machen, wie es um die Nachhaltigkeit der Versenderei beschaffen ist. Nämlich erbärmlich, gar nicht.

Und dann steht Ihr da und wundert euch? Dass euch keiner mehr ernst nimmt? Dass die Leute denken, verdammt, diese Laberärsche. Ich wähle nicht aus Protest irgendwas Extremes; so dumm bin ich nicht. Aber dass ich euch für mehr ernst nehme als für das sehr ausgiebige Anwärmen eurer Parlamentsstühle durch Herum- und Aussitzen: Nee.

Die böse Lehre aus ungefähr einem Jahr Corona: Alles richtig zu machen, wird nicht mehr nur nicht belohnt, es wird bestraft. Selber denken war immer schon etwas aufwändiger. Aber ich glaube, das ist inzwischen die Überlebensaufgabe für jeden, der in diesem Land selbständig und nicht im Zweitjob wohlhabend ist.

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