Talkshows

Zum Glück besitze ich keinen Fernseher. Einer meiner nächsten Menschen möchte mir seit vielen Jahren einen Fernseher schenken, verkaufen, leihen oder alles auf einmal. Er ist sehr nett. Andere freundliche Personen laden zum TV zu sich nach Hause ein. Dritte finden es komisch. Ich meine, wie immer, das ist meine Privatangelegenheit. Ich habe genügend Informationen, von überall her; ich bin nicht der Ansicht, ich sei schlecht informiert.

Und das wichtigste Argument gegen Fernsehen stammt, natürlich, aus der spätesten Lebensphase des herrlichen Heinrich. Er verbrachte von seinen 85 Jahren die letzten sechs Wochen im Bett. Aber selbst dort nutzte er den Fernseher so gut wie gar nicht – gleichwohl vorhanden. Als er tot war, sagte der Pflegemann, der ihm den letzten Kot vom Hintern wischte: Ich tat das so gern, denn wenigstens erzählte er nicht immer dasselbe wie alle anderen. Man merkte, er sah nicht fern.

Deswegen behalte ich das bei. Und auch, weil ich des Gelabers überdrüssig bin. Social Media, wo ich mich informiere, verschonen einen ja nun leider nicht, weil alle Welt in Talkshows herumsitzt. Was sie dort reden, puh. Vermutlich im Kreis und immer dasselbe. Ich kehre wieder zu Heinrich; nein, nicht zum Toilettenstuhl. Ich kehre dahin zurück, mir einen Blick zu bewahren, den Fernseher mit ihren Talkshows schnell vermüllen.

Wie so eine Aussicht vom Balkon, vor die jemand plötzlich zehn Mülltonnen knallt. Muss halt sein; Sie wissen schon. Ihr Verständnis wird vorausgesetzt. Es verhält sich mit diesem seit Monaten zwiespältig. Ich weiß, ohne die Mülltonnen geht’s nicht. Diese Lockdowns sind notwendig, ob sie mir nun gefallen oder nicht. Aber das stinkt mir natürlich. Um im Bild zu bleiben: Ich habe Umsätze und Reserven genug, um relativ endlos Gegengerüche zu verbreiten. Duftbäumchen. Ich kann den Buchladen mit Blumen fluten und davon Bilder versenden, ich kann die Postkarten nach Jahreszeiten tauschen, ich kann immer neue Romane bestellen und den Kund:innen zugänglich machen. Vielleicht schreibe ich endlich wieder ein Buch.

Wie auch immer. Ich war schon eine Weile ganz gut digitalisiert, und die Kund:innen sind mir nun fleißig gefolgt. Die sind großartig! Danke, liebe Kund:innen, bei Facebook, Twitter, Instagram und, insbesondere, in Borgholzhausen. All diese Netzwerke funktionieren wunderbar. Zu dem, was schlecht funktioniert, möchte ich mich nicht mehr auslassen.

Aber ich möchte doch sagen: Einen schönen Gruß aus Borgholzhausen an alle Talkshow-Redaktionen dieses Landes. Was Ihr dort duldet, seit Monaten: Dieses ewige Einerlei von immer denselben Protagonisten, dieses Blabla der ganzen Figuren, die wir eigentlich wählen, damit sie arbeiten. Nicht, damit sie in Talkshows herumsitzen und anschließend ihre Kanäle mit Fernsehfotos fluten:

Das, liebe Redaktionen, ist ein astreiner Beitrag von euch zur Vermeidung von Fernsehen. Man könnte ihn fast kulturell nennen, eine aktive Leseförderung. Insofern: Dankeschön, Talkshows. Besser, die Politiker:innen sitzen bei euch als dass sie Menschen belästigen, die zum Teil unter ihrem Fuhrwerken schlimm leiden. Davon kann man nämlich wirklich böse werden.

2 Gedanken zu “Talkshows

  1. Liebe Frau Bergmann,
    dem stimme ich voll und ganz zu. Ich besitze auch keinen Fernseher und geniesse dies seit Jahrzehnten. Was wichtig ist, erfährt man auch so, sowie leider oft auch das Unwichtige.
    Und glücklicherweise gibt es Bücher. Und es wäre wunderbar, wenn Sie wieder ein Buch schreiben würden.
    Kommen Sie gut durch diese verrückten Zeiten und bleiben Sie gesund!
    Liebe Grüße
    Hille Linden

    1. Ich bin gerade sehr dabei. Es wird ein Buch über eine Frau mit einem Buchladen. Sie wird häufig geärgert, aber irgendwie kriegt sie es immer wieder hin. Es hat mit mir nicht sehr viel zu tun, weil es lange vor meiner Geburt und auch anderswo spielt. Sie ähnelt mir aber womöglich.

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