Zu Gesicht

Frau Martha verließ meinen Haushalt Ende Oktober 2019. Sie hatte sich ein Bein gebrochen, und ich erhielt im Krankenhaus Komplimente, in welch herrlicher Verfassung sie sei. Gut ernährt, klare Haut – der Rest, Frau Bergmann, der Rest heilt aus. Es war mir unbehaglich, weil so eine Oma kein Preisferkel ist.

Sie ist ein alter Mensch, dessen körperliche Gesundheit damals tatsächlich ausgezeichnet war. Ich bilde mir ein, es lag auch daran, dass Heinrich und ich weite Wege gegangen waren, um ihr eine medikamentöse Therapie zu ersparen. Demenz heilst Du nicht. Dorfärzte und Nachbarn wussten es natürlich besser, aber der liebe Heinrich hatte einen Titel. Damit hielten wir uns vom Hals, was wir als zudringlich empfanden. Als er starb, ließ ich Martha unter Betreuung stellen. Sie hat das selbst nicht mehr verstanden, aber die verschiedenen Einrichtungen, juristisch wie medizinisch, machten es zügig möglich. Drei oder vier Wochen, wenn ich mich recht entsinne. Ein Eilverfahren war es nicht, und das heißt im Umkehrschluss, es kann auch noch viel schneller gehen, wenn es muss.

Ich lernte in den Folgejahren etliches über Betreuungsrecht; ich war, als sie außer Haus ging, nicht mehr naiv. Ich wusste, ich bin besser nett, weil sie so eine Nervensäge ist. Ärzten, Pflegeeinrichtungen, selbst Handwerkern versichere ich immerzu, dass ich ihnen wirklich dankbar bin, und wenn sie Stress macht: Bitte, geben Sie Bescheid. Ändern kann ich’s nicht, aber als meine Betreuerpflicht sehe ich (auch) an, dass Sie sich erleichtern dürfen. Wir wollen uns alle nicht vormachen, sie sei die niedlichste, plüschigste Oma unter der Sonne. Harmlos debil und körperlich gut gewartet. Das sprichwörtliche Preisferkel, siehe oben.

Martha verbrachte den Winter 19/20 in Pflegeeinrichtungen. Kurzzeitpflege hier und Krankenhaus dort. Sie gab alles. Ich glaube, sie war verzweifelt und machte deswegen so ein Theater. Aber vielleicht war sie auch nur widerlich, weil der Sinn ihr danach stand. Den Pflegekräften, die das ertrugen, gilt ewig mein Respekt. Ich habe mir viele Klagen angehört und reichlich Blumen verteilt.

Dann kam Corona; sämtliche Türen gingen zu. Ich fand das richtig und wusste, wenigstens diese eine Person betreffend, dass Isolation ihr im Zweifel besser bekommt als jedwede weitere, noch so gut gemeinte Therapie. Sah ich sie? Nein. Ging nicht, und alle, die heute quengeln, weil schon damals Lebenslichter erloschen seien, Herzen beschlagen und in Ketten gelegt, die Würde, die Ehre und dergleichen – bitte, erinnern wir uns. Es gab keinen Impfstoff. Es war saugefährlich. Schon damals überboten sich Personen in Politik und Journalismus in ranzigem Pathos. Kam allgemein gut an, bei mir echt nicht. Ich dachte, boah, wäre ich im Pflegebereich beschäftigt, ich würde den Windeleimer entleeren vor den Füßen von wem auch immer, der oder die des Weges kommt.

Und Martha? Ich hatte kein gutes Gefühl und dachte, Du musst was tun. Betreuerpflichten! Ich telefonierte mit dem Gericht, schilderte meinen Eindruck. Am Tag selbst reiste jemand in das Krankenhaus, wo sie sich aufhielt und schickte mir einen Bericht. Ich hatte auch ein Bild, ein Handyfoto. Ob letzteres 100 Prozent legal war, weiß ich nicht. Aber wir kannten uns lange, und sie wussten, das geht ok. Ich sah Martha, sah die Augen, wusste: Die ist absolut genervt. Kein weiterer Sorgengedanke nötig; sie kommt dadurch. Genervt stirbt nicht.

So war es. Sie wurde, auch darüber hätte ich mich empören können, einer stationären Einrichtung zugewiesen. Siehe oben, Corona und Ausnahmesituation. Hätte ich dieses Heim exakt gewählt, wäre ich in meiner Entscheidung frei gewesen? Nein, denn ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Ich wusste aber, sie erhalten jetzt, mit Schleife drum, ein Prachtexemplar. Schon unter normalen Umständen kein Anfängermodell, gestresst mit Sicherheit ein Zustand. Ich fuhr hin und machte mich ehrlich. Sagte, bitte. Wir sparen uns jedwede Rhetorik. Sie ist, wie sie ist. Und wenn sie Sie nervt, rufen Sie mich an. Ich höre zu und verspreche, ich werde nicht lästig. Für eigene Gefühle habe ich Freunde, den Pastor, das Internet.

Martha bezog ihr Quartier. Über ein Jahr ist das her, und sie haben es großartig gemacht. Sie waren geduldig, sie waren lieb, haben manchmal, zart, auch angedeutet, was für ein Querköpfchen sie sei. Martha fühlt sich heute wohl. Sie isst und trinkt und arbeitet. Und dass ich dort nicht selber wohne, ist schön blöd von mir. Falls ich mal zur Vernunft komme – sie kennt die Leute. Sie regelt das für mich.

Martha ist geimpft, schon lange. Corona ist aber nicht vorbei. Die Besuchsregeln ändern sich deswegen von Zeit zu Zeit. Es gab jedoch keinen Moment, in dem es unmöglich gewesen wäre, ihrer ansichtig zu werden. Ich wundere mich daher, wenn ich im Radio Minister Laumann höre, Einrichtungen dürften sich nur mit Erlass der Landesregierung verschließen. Wenn Herr Fleischhauer beim Focus kundtut, der Umgang mit seiner kranken Mutter würde ihm erschwert; die bösen Menschen. Und Dritte und Vierte daraufhin rhetorische Großgeschütze auffahren – von Unmenschlichkeit und Fanatismus fabuliert etwa die dümmste Familienministerin, die wir je hatten. (Angela Merkels Rache an der Bundesrepublik; sie spiegelte uns süffisant das antiquierte Frauenbild. Aber das ist ein anderes Thema.)

Ich nehme das zur Kenntnis, denke an Martha und ihre Einrichtung, denke aber auch an die vielen anderen alten Menschen in meinem Leben, an deren Familien und die Mitarbeiter:innen der Pflegedienste und Sozialstationen. Niemand bedient hier seine Flüstertüte, macht sich wichtig. Wenn man sie fragt: Es war ein hartes Jahr. Sie sehnen sich – nach den Enkeln, dem Doppelkopf, nach ihrem Tanztee. Die pflegenden Personen: Nach Ruhe und Gelassenheit. Danach, dass die weit entfernt lebenden Angehörigen aufhören, sie am Telefon zu terrorisieren. Besuche sind schon möglich, aber es gibt eben Regeln, die – aufgelegt. Beleidigt. Pompöses Geschreibe, gern auch per Anwalt oder vermittels einer Behörde.

Dabei sollte man ihnen allen sagen, Pflegenden wie Gepflegten: Ihr wart echt tapfer, Ihr habt den Job eures Lebens gemacht. Von der Gesellschaft gebührt euch Dank und mehr als das. Stattdessen: Wahlkampf. Das bürgerliche Lager fängt mal an, also die, die ökonomisch sicher nicht gelitten haben und nun, im Home Office, nicht müde werden, sich ihrer Privilegien zu rühmen. Die anderen werden aber folgen, und ich möchte doch bitte sagen:

Ach, nichts. Ruhe, möchte ich sagen. Seht zu, dass Ihr die Nächsten regelmäßig zu Gesicht bekommt. Lernt die Mitarbeitenden kennen, versteht, was sie tun. Dienstboten sind das nicht! Aber wenn man nett ist, geht irgendwas nach meiner Erfahrung immer. Und seht zu, dass Ihr euch das Getöse grundsätzlich verkneift. Denn mehr als ein verdammt schlechtes Gewissen steckt dahinter nicht.

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