Die seelische Gesundheit

Zweitausendsechs ist fünfzehn Jahre her; das sogenannte Sommermärchen. Wenn ich es recht erinnere, log sich Deutschland damals in die Tasche, weltoffen zu sein. Menschen tanzten Unter den Linden in der glühend heißen Sonne, sie tranken Bier, sie übertrieben es mitunter. Wenn das der Fall war, landeten sie in einem Krankenhaus der Versorgungsregion Mitte von Berlin, Abteilung Psychiatrie.

Ich war da auch. Ich war allerdings nicht an Fußball verrückt geworden, sondern an mir selbst. Weniger prosaisch: Ich litt an einer schizophrenen Psychose, episodisch. Das heißt, sie war ausgebrochen, aber sie würde nicht bleiben. Kurierbar und kein ewiger Fall. Mitteldramatisch, von heute besehen. Aber ich fand mich dort eben wieder, in einem Hochhaus in der Turmstraße, ich glaube, im achten Stock. Weit oben jedenfalls, und überall Gitter.

Ich war bis dahin eine mehr als erfolgreiche Person gewesen; ich hatte ein glänzendes Abitur, zwei Ausbildungen, hatte Auslandserfahrung und Berufspraxis. Magisterstudium der Geisteswissenschaften, Vollstipendium der Studienstiftung. Viel mehr geht nicht, wie man so sagt. Zumal: Ich hatte das allein geschafft. Eine nette Familie, aber keine mit akademischem Prestige, mit Namen oder Geld. BRD-Provinz, so normal wie nur was.

Von dort in die Berliner geschlossene Psychiatrie – ein langer, weiter Weg. Ich hatte mich womöglich überanstrengt. Nein, falsch: Ich hatte es eindeutig übertrieben mit all den Sprachen, Jobs und Opportunitäten. Es war zu viel gewesen, und nun befand ich mich unter Fußballfans. Es war die absurdeste, erbärmlichste Situation in meinem Leben; der vollständige Kontrollverlust. Furchtbar!

Diese Fußball-Veranstaltung ging zur gleichen Zeit zu Ende wie mein Studium. Vorbei, dachte ich. Ein für alle Mal vorbei. Auf das Turnier trifft es zu, auf meine Leidenschaft des Lernens absolut nicht (anderes Thema). Ich kehrte in mein Kinderzimmer zurück, mit 27 bei Mama und Papa am Rand von Borgholzhausen. Die gute Leute sind, aber: Ach, was soll ich sagen. Siebenundzwanzig, Kinderzimmer, Nervenwrack. Geht es schlimmer? Ich glaube, nein.

Ich glaube, ich war in meinem Leben nie erbärmlicher als damals. Ich hatte in der Selbständigkeit anfangs oft kein Geld, war ewig in der Bredouille. Hier ein Rechtsstreit, da Maläschen. Immer war was. Aber nichts, nie, war annähernd so furchtbar wie diese Episode. Siebenundzwanzig, Kinderzimmer. Die Studienunterlagen von damals lagern bis heute auf dem Dachboden in Westbarthausen. Meine kleinen Nichten schauen sie sich manchmal an, denn ich besaß schon zu der Zeit viele Bücher. Aber keines zog in weitere Wohnungen mit um, kein Blatt, kein Block, kein Buch. Gar nichts.

Ich machte Tabula rasa, begann ein neues Leben als Sortimentsbuchhändlerin. Dabei half, dass ich ein Zertifikat besaß, mit dem ich mich bewerben konnte. Und sehr viel mehr als das: Ein wirklich guter Psychologe. Er war nicht der erste, den ich sah, er war in einer Odyssee der sechste oder siebte. Saß in Bielefeld, wohin ich mit dem Schulbus fuhr wie früher. Und so erbärmlich war, gerupft.

Aber er sagte den einen Satz, auf den ich dann doch, mit Mühe, über Jahre immer wieder baute: Er sagte, Sie müssen lernen, mit sich umzugehen. Mit Ihrer Begabung und deren Gefährdungen. Psychosen ereilen keine dummen Menschen, keine Personen ohne Talent. Psychosen dieser Art sind schöpferisch. Wer weiß, vielleicht nutzen Sie eines Tages das Potenzial.

Da war ich damals nicht. Ich war bei: Die Krankenkasse zahlt die Schulbuskarte, und ich kann jeden Tag nach Bielefeld. Ich kann da Zeitungen lesen, durch Buchläden laufen; ich suche mir Arbeit, beginne ein neues Leben. Eigenartig. Ein überaus fremdes Gefühl, wenngleich kein schlechtes. Staksend, ungelenk. Wird es gelingen? Wie werde ich darin sein? Über Monate besuchte ich eine Tagesklinik; ich glaube, es war fast ein halbes Jahr.

Und dann die Rehabilitation – nochmal sehr lange Wochen. Ein weiterer Sommer, ein anderer Herbst. Achtzehn Monate, bis ich sagen konnte, so ganz ungefähr bin ich: Wieder die alte? Nein. Aber achtzehn Monate, bis ich alleine konnte. Und nochmal ein Jahr, bis ich davon nicht mehr sprach, wie krank ich gewesen war. Es ist ja eins, von seinem Wahnsinn zu genesen. Aber ein anderes, viel Weiteres, das auch noch zu verarbeiten.

Fast war ich froh, als die Selbständigkeit rumpelig begann. Als ich mich andauernd um Kredite, das Finanzamt und alle solche Sorgen kümmern musste. Durchaus einverstanden, als zwei alte Leute in mein Leben traten, die der Fürsorge bedurften. Unendlich erleichtert, als der Buchladen sich so entwickelte, wie ich das wollte. Es gab mit den Jahren immer wieder andere Themen, die mich erst ablenkten, dann bannten, die mich schließlich fast vergessen ließen, wie schrecklich das gewesen war: Seelisch erkrankt zu sein. Und nicht, weil die Gesellschaft dazu gerade so oder so oder so verkehrt. Nein, es ist einfach fürchterlich, so krank zu sein. Man möchte es nicht wieder haben; im Leben nicht.

Aber, und deswegen schreibe ich überhaupt, nach sehr viel Zögern, diesen Blogbeitrag: Man kann sich helfen lassen. Seelische Erkrankungen sind grässlich, jedoch bekannt, erforscht, beherrschbar. Häufig sind sie heilbar. Und, wichtiger noch, man kann dem zuarbeiten. Das Eingeständnis der Ohnmacht wird belohnt mit Perspektiven. Wenn nur eine Person diesen Text liest, die aufgrund von Corona oder anderem gerade allein und elend irgendwo herumsitzt, sich traut, um Hilfe zu ersuchen: Dann habe ich ihn gern geschrieben.

Fußball finde ich nach wie vor irrelevant.

2 Gedanken zu “Die seelische Gesundheit

  1. „Es ist ja eins, von seinem Wahnsinn zu genesen. Aber ein anderes, viel Weiteres, das auch noch zu verarbeiten.“

    Das kann ich komplett so unterschreiben.
    Danke für den Text.
    LG

  2. Es gehört sehr viel Mut dazu, so offen über die schizophrene Psychose zu schreiben. Meine Ärzte in Telgte haben mich dahingehend behandelt, dass ich meine Erkrankung verschweigen soll und ich mache gute Erfahrungen damit. Ich sage, ich war krank, aber ich sage nicht, was ich hatte, bzw. was ich durchgemacht habe. Gelegentlich zuhause in meinen eigenen vier Wänden kommt es vor, dass ich mit Zettel und Stift hinsetze und schreibend tätig werde. Das aber nur für mich allein….

    Danke für den Text!

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