Frauenbilder

Es ist ja gerade Wahlkampf, und die Partei, die hier in der Gegend meist gewinnt, hat Frauen aufgehängt. Frauen in meinem Alter. Und Frauen, die auch gut ausgebildet sind. Übrigens freundliche Frauen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber sie sehen aus, als kämen wir zurecht. Und wir sind ziemlich sicher darin einig, dass wir die Frau nicht mögen, die bei der AfD ganz oben steht. Die ist auch ungefähr so alt wie wir, ebenfalls gut ausgebildet – und sie hat auch hier in Ostwestfalen Abitur gemacht.

Andersherum: Eine nach links tendierende, aber insgesamt ausgewogene Gesellschaft hat diese kalte, ganz auf sich bezogene Person hervorgebracht, die jetzt die Stimmen derer fängt, die sich fürchten. Ich schreibe extra nicht – die am rechten Rand fischt. Das glaub ich nämlich nicht. Es gibt rechte Spinner zwischen viel roter NRW-Folklore und etwas bürgerlichem Grün, das ja. Aber die gab es immer, die schwenken ihre Fahnen. Die wählt man nicht.

Man wählt aber Personen, die Ängste bedienen. Die von Überfremdung sprechen und sich der ordinären Bildersprache eines früher gelobten Romanautors bedienen. Als Buchhändlerin konnte ich mir Thor Kunkel vom Hals halten. Ich konnte sagen – der ist ekelhaft. Ich finde seine Schreibe weder radikal schick noch poetisch wagemutig oder sonstwie ästhetisch zu entschuldigen. Ich finde ihn geschmacklos. Narzissmus mit Fäkalien durcheinander. Stinkt.

Als Wählerin, als Frau im Alter dieser ganzen Frauen: Komme ich an Thor Kunkel nicht vorbei. Auch nicht an seinem Auftraggeber, an der Mundgeruchspartei. Es klingt schal und hohl und abgestanden, was sie reden. Es klingt so, dass man denkt: Bitte, gründet einen Klub. Fahrt mit euren Geländeautos herum, spielt Golf, sortiert die Perlen und den restlichen pseudobürgerlichen Kitsch. Wir sind eine freie Gesellschaft, wir tolerieren Personen mit Geschmacksproblem. Aber wir tolerieren bestimmt nicht, dass ihr unsere Freiheit missversteht. Ich bin mir sicher, dass ich mit den freundlichen Frauen auf den Wahlplakaten darin einer Meinung bin.

Ich wähle sie aber nicht. Die Wahlversprechen der freundlichen Frauen lauten: Kindergartenplätze, Elterngeld, mehr Geld, anderes Geld. Sie möchten Angst mit Transfergeld kurieren. Das ist nett von ihnen, aber es hilft nicht. Wer die Angstmacher wählt, befürchtet, in der globalisierten Arbeitswelt unter die Räder zu kommen. Hat Angst, dass die Glücksversprechen früherer Generationen nicht mehr gelten. Geh arbeiten, sei fügsam, baue ein Reihenhaus mit Garten und engagiere dich im Schwimmverein. Es funktioniert kaum noch. Aber das liegt nicht an Fremd- und Leiharbeitern, an ein paar Flüchtlingen oder an Christian Lindner im Unterhemd.

Ich meine, die Angst kommt von Latenz, von einem diffusen Unbehagen. Keiner sagt dir in diesem Wahlkampf, so geht das hier nicht weiter – mit dem umlagefinanzierten Rentensystem aus Adenauers Zeiten. Absoluter Wahnsinn, demografisch unmöglich. So geht das auch nicht weiter, die Verlagerung privater Verwerfungen in Transfergeldbürokratie. So geht das nicht weiter, mehr und mehr Kompetenz an eine Institution namens „Staat“ zu verschieben. Verwaltung ist gut und schön und sinnvoll. Aber Verwaltung ist kein Selbstzweck. Genauso die Bürokratisierung von Bildung. Bildung ist nicht: Zettel sammeln, Abschlüsse zurechtbasteln und notfalls einklagen. Bildung ist Freiheit. Die Möglichkeiten und die Freiheit zu erhalten, Meinung, Position und Weltanschauung zu entfalten.

Die freundlichen Frauen von der SPD, die Angstfrau mit den Perlen und ich, die Tochter des Freigeists: Wir hatten die großzügige und vielgestaltige Ausbildung der achtziger und neunziger Jahre. Wir hatten es wirklich sehr gut, und deswegen gehört es sich, dafür zu sorgen, dass junge Leute heute auch ihre Chance bekommen. Angst ist keine Chance. Angst ist etwas, das Thor Kunkel gefällt, denn der verdient damit sein Geld.

Advertisements

Grubenponys (Literaturvermittlung, Selbstbilder)

Es muss ja heute keiner mehr in eine Buchhandlung gehen. Amazon hat sowieso alles, und bei Thalia oder im nächsten größeren Bahnhof liegt zumindest die gängige Belletristik im Stapel aus. Das Geschäftsmodell steht insgesamt zur Diskussion. Was ist das heute, eine Sortimentsbuchhandlung? Ein freundlicher Kramladen für schöne Artikel, darunter auch Bücher? Eine Anlaufstelle für alle, die sowieso des Weges kommen – als Schulkind, Rollator-Omi, Wanderer oder Flaneur? Wobei, Flaneur: Das ist eine soziale Figur aus Großstadtromanen, das ist keiner, der in westdeutschen  Fußgängerzonen herumläuft. Das schließt sich ästhetisch aus. So ein Flaneur, wenn es ihn hier gäbe: Klar, der würde mit mir ein literarisches Kleincolloquium bestreiten. Die Feuilletons des Tages, FAZ, Süddeutsche, am Donnerstag Die Zeit. Der Flaneur würde sich freuen, dass ich zu Bobrowskis Briefen eine Meinung habe, dass ich Nipperdeys Geschichtsschreibung den Wehlers und Winklers der historischen Zunft vorziehe. Der Flaneur hätte Vergnügen an Jaspers und Löwith, die hinter mir an der Kasse stehen.

Aber weder die Jaspers-Korrespondenz noch der kundig edierte Austausch von Karl Löwith und Martin Heidegger haben ihr Publikum in einer kleinstädtischen Sortimentsbuchhandlung. Diese Bücher stehen hier, weil ich sie interessant finde. Und weil ich sie gekauft habe – für mich. Falls ein Flaneur beschriebener Art durch Borgholzhausen schlendert, kauft er ein Buch aus meinem Privatvorrat. Dann freue ich mich. Das sind etwa 500 Euro Umsatz im Jahr. Der Rest der intellektuellen Bücherschau ist mein persönliches Vergnügen. Ich lebe, wie vermutlich 99,75 Prozent der selbständigen Buchhändler, von Liebes- und Kriminalromanen, von Wanderkarten, Sprüchebüchern. Ich kann zu diesen Artikeln etwas sagen, das sich von Sternchen bei Amazon oder einer Stapelhöhe im Kettenladen unterscheidet. Ich kann inhaltliche Argumente anführen, kann berichten, dieser Roman ist handlungsarm, aber sprachlich komplex. Oder: Da passiert ne Menge, das macht Spaß. Ich kann, weil ich Kunden wie Ware kenne, ganz gut übersehen, welches Buch zu wem gehört. Das ist aber keine intellektuelle, gar eine preiswürdige Kompetenz. Das ist Routine.

Und die Literaturvermittlung? Mein Schaffen im Weinberg des Werbens um den kulturellen Mehrwert meiner Stadt? Ich weiß es nicht. Kunden meinen, ich sei beflissen in der Vermittlung höherer Werte. Ich meine, was ich verkaufe, entspricht meistens nicht den Kriterien von Literatur im akademischen oder auch nur feuilletonistischen Sinn. Ich verkaufe sehr viel Unterhaltung und gehobene Belletristik, mitunter historische Sachbücher oder einen politischen Essay. Das ist mein Job. Das ist keine Selbstverwirklichung, kein Hobby, aber auch kein kultureller Wert, für den ich mir ein Etikett an die Jacke stecken müsste. 173 Freiexemplare aus Konzernverlagspaketen durchgelesen. 69 Texte namens Besprechung verfasst, zusätzlich validiert durch händische Erledigung (Breitfeder-Füllhalter!) und großzügige Beimischung von Gefühlsattributen (warmherzig, liebenswert, anrührend, sehr ergreifend). 57 Schaufenstergestaltungen, eindeutig nicht vom Dekorateur (Pappplakat, Tischdecken aus Omas Vorrat). Man kann das alles machen, man kann sich der Bastelei hingeben, stationär wie digital. So entstehen schein-originelle Sortimentsbuchhandlungen, Bücherblogs mit Kaffeetassen und auf farbigem Kopierpapier gedruckte Lesetipps. Wie gesagt, man kann das alles tun. Schadet keinem, weil es die allermeisten Leute sowieso nicht interessiert. Aber man soll nicht meinen, dass man dafür Preise bekommt. Als ob Sortimentsbuchhandlungen untereinander funktionieren wie die Bundesjugendspiele. Irgendeine Urkunde kriegt jeder, irgendwann. Notfalls das Fleißkärtchen für akribisch durchgeführte Mittelmäßigkeit.

Der Eindruck, jeder müsste Preise bekommen, habe gar ein Recht darauf: Das ist selbstbezüglicher Unsinn von Personen, die sich in die Tasche lügen, Umsatzrückgänge seien fremdverschuldet. Amazon, Internet, Globalisierung. Das Grubenpony ist irgendwann durch Maschinen ersetzt worden. Und ich muss kein Tierschützer sein, um das für einen guten Fortschritt zu halten.

Worlds apart oder: Das Internet als solches

Es ist hier immer mal die Rede vom digitalen Anschlussbedarf. Netze ausbauen, Zugänge schaffen, sich dem Thema stellen. Furchtlos dieser Herausforderung entgegentreten. Entschlossenheit und Maßnahmen sind gefragt. Aufklärung!

Beschäftigen Sie sich mal mit diesem Internet, Frau Bergmann. Es ist wichtig. Es ist im Moment Vierpunktnull. Internet Vierpunktnull, die ganze Welt spricht schon davon.

– Welche Welt?

Na ja, die Unternehmer. Sie wissen schon, die aus der freien Wirtschaft. Vierpunktnull.

– Und was ich hier mache, das ist keine Wirtschaft? Unfreie Wirtschaft?

Kultur ist das, Frau Bergmann. Sie sind ja so eine sogenannte Kreative. Wobei, das fällt mir gerade ein. Die sind ja viel in diesem Internet. Wie nennt sich das bei Ihnen?

– Vierpunktnull?

Sie nehmen mich nicht ernst, ich merke das.

– Gleichfalls.

Hm. Nein, das kann man so nicht sagen. Sie müssen auch mal meinen Standpunkt verstehen. Ich geb mir hier wirklich alle Mühe. Und Sie machen sich darüber lustig. Öffentlich.

– Allenfalls im Internet.

Dann will ich mal nicht so sein. Zurück zum Thema. Sie müssen sich, wie ich mehrfach sagte, unbedingt mit diesem Internet beschäftigen. Das ist die Zukunft. Sie mit Ihrem Einzelhandel, ich würde weinen, wenn ich Sie wäre.

– Sind Sie ja nicht.

Jetzt geht das schon wieder los. Ich will mich hier wirklich mit Ihnen unterhalten, ernsthaft. Und Sie tun so, als hätten Sie schon Ahnung von diesem Internet.

– Ich kenn mich in der digitalen Öffentlichkeit ganz gut aus.

Ja. Sie klüngeln immer mit dem Haller Kreisblatt rum. Was die alles über Sie berichten. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

– Das hat was mit dem Internet zu tun. Die nutzen das dort auch.

Ist nicht wahr. Wewewe Haller Kreisblatt?

– Nö, eher Social Media. Die sind zum Beispiel auf Facebook unterwegs, neuerdings auch bei Instagram. Und gar nicht schlecht, wenn ich das sagen darf. Irgendwer hat sich da sinnvolle Gedanken gemacht.

Frau Bergmann. Bleiben Sie bei der Sache. Wie waren beim Internet gewesen, und jetzt kommen Sie schon wieder mit was anderem. Social Media, hahaha. Ich nenn das Fatzebook. Wer da seine Zeit verplempert, der hat doch den Schuss nicht gehört. Der hat zuviel Zeit. Ihr habt alle zuviel Zeit, Ihr Kulturellen. Sie und diese Lokalreporter.

– Ich müsste jetzt dringend schreiben.

Für dieses Internet? Hahaha, nee, bestimmt für das Haller Kreisblatt. Sie schreiben Ihre eigene Werbung. Ich hab Sie durchschaut.

– Nö. Für ein Printmagazin, bei den Buchhändlern. Das Internet als Selbstverständlichkeit. Ich erkläre, warum ich meine, Internet funktioniert für Einzelhändler und überhaupt für Unternehmer intuitiv – oder gar nicht. Internet funktioniert nur, wenn man es als Teil der Realität akzeptiert. Dann bietet es faire Chancen, auch für kleine Unternehmer in der Provinz. Die Investitionen für Sichtbarkeit im Netz sind nämlich in Geldbeträgen überschaubar. Man kann seine Ideen selbst umsetzen, indem man Zeit investiert. Die kostet erstmal nichts. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss morgen 3 000 Zeichen abliefern. Dann reden wir weiter.

Immer diese kulturellen Kreativen. Ich lass Sie mal in Ruhe. Aber nicht, dass das wieder heißt, Sie seien nicht dabei gewesen. Man habe Sie nicht gefragt. Vierpunktnull. Ich sag nur, Vierpunktnull. Bis die Tage, Frau Kollegin.

 

 

 

 

Glitzermütze

Vierter Adventssamstag. Ich kam nach Hause, es war früher Nachmittag, und sie hatten schon dreimal angerufen.

Wo bleibst Du denn? Wir müssen Geschenke kaufen!

– Seid froh, dass der Buchladen nur bis mittags geöffnet hat. Überall anders ist langer Samstag.

Mittags ist ewig vorbei. Und wir müssen jetzt wirklich Geschenke kaufen. Dringend!

Wir, das bedeutete: Personen in diesem Haushalt. Einzelne von uns, zwei, manchmal alle drei. Aber eher er und ich. Sie blieb daheim.

Seid mir nicht böse, sagte sie. Ich hab soviel zu tun. Ich würde sehr gern mitfahren, aber die Arbeit hält mich auf. Ich kann das nicht verantworten.

Mitunter dachte ich, Schabernack. Sie spricht mir nach, um mich zu ärgern. Arbeit, die einen aufhält, das ist doch Floskeldeutsch. Aber für sie: Schützende Arbeit. Die man vorschützt, um zu Hause zu bleiben. Weil man da geborgen ist, sicher. Bewahrt vor schrägen Blicken, wenn man die Zeiten durcheinander wirft. Bewahrt, weil man sich bei der Speisekarte helfen lässt.

Ich bestelle, was Du nimmst. Du hast einen guten Geschmack.

– Ok. Ich bring dir Käsekuchen mit.

Prima. Und überschlagt euch nicht. Ich habe viel zu tun.

Wir kauften reichlich Geschenke an diesem vierten Advent, Geschenke für alle, die wir mochten. Bunte Tücher, schöne Becher. Ich kaufte für meine Mutter eine Filzstola und für die kleine Nichte eine Krippe aus Holz. Ich suchte für ihn eine Brille aus – helles Blau, Eisblau, es passte genau zu seinen Augen. Und für sie kauften wir eine Glitzermütze. Weiche Wolle, innen Fleece. Durchwirkt von Silberfäden. Sie würde leuchten, wenn sie im Dunkeln durch die Felder ging. Sie wäre sichtbar, und ich hätte diese Sorge los.

– Gib es ihr nicht sofort, das Päckchen. Lass es erstmal liegen. Sie muss sich dran gewöhnen.

Ich will ihr das aber sofort geben, sagte er. Sie muss heute Abend beschützt werden. Auf der Stelle. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Er sauste an mir vorbei, die Einfahrt herunter ins Haus hinein. Ich musste den Kofferraum leerräumen, die Tüten aufnehmen. Ich folgte ihm ein paar Minuten später.

Am Küchentisch die Szene, die ich hatte vermeiden wollen. Sie in großer Freude, oh, schönes Papier. Ein Aufkleber. Und Schleifchen. Er mit der Glitzermütze auf dem Kopf. Hässlich, hatte sie gesagt. Natürlich sehr hässlich. Setz die selber auf, die hässliche, komische Mütze. Aber schönes Papier. Das verwahre ich.

– Sie wird die Mütze lieben, sagte ich. In zwei, drei Tagen. Nach Annäherung.

Und dachte, nach zweiundvierzig Jahren könntest Du durchschauen, dass sie mit dir spielt. Glaub doch nicht, dass sie auf Knopfdruck reagiert. Aber er war schon davon gegangen, er spielte Weihnachtslieder am Klavier. Sie faltete das Papier, legte die Schleife beiseite und stellte sich daneben.

Schön, sagte sie. Ich habe einen erlesenen Geschmack. Sonst hätte ich dir nicht so eine schöne Mütze ausgesucht. Er seufzte und spielte. Ich schickte ein stilles Gebet. Liebes Christkind. Lass es bitte so bleiben. Noch viele Jahre.

Achteinhalb Monate später war er tot. An Krebs gestorben. Wenn das gehen mag, einigermaßen undramatisch. Die Glitzermütze hatte uns begleitet. Sie störte Röntgenaufnahmen, behinderte die Kernspintomographie. Glitzer, glitzer. Sie war im Krankenhaus dabei, im Hochsommer. Meistens auf dem Kopf, nie außer Reichweite. Das musste so sein. Sie braucht das, sagte er. Vertrau ihr, dass sie sich zu verstehen gibt.

– Hier, Herr Doktor. Sehr schöne Mütze. Ich hab die für ihn ausgesucht. Ich hatte schon immer einen guten Geschmack. Auch bei Männern.

Lass sie, sagte er. Lass sie glitzern, über meinen Tod hinaus. Sie hat das Recht, anständig behandelt zu werden.

– Und mit Glitzer!

Sie hat ihm die Glitzermütze in den Sarg gelegt. Sie hat dem Totengräber gesagt, junger Mann, die Mütze muss mit. Aber ich bleibe hier. Ich hab noch was zu tun.

Heute fragt sie mich manchmal:

– Du. Könnten wir wohl bei diesem Friedhof vorbeifahren? Ich wollte überprüfen, ob man die Glitzermütze sieht.

Ja, sage ich. Ich meine, in Vollmondnächten kurz nach zwei Uhr morgens glitzert sie.

– Ok. Das beruhigt mich. Ich schreibe mir das auf.

Sie nimmt ein Notizbuch, sucht den Schminkstift, befeuchtet ihn mit Spucke, schreibt:

Prüfen, ob erledigt. Und setzt ein Häkchen dran.

– Wir haben das gut gemacht, wir beide. Komm, wir essen Käsekuchen.

Wenn es schöne Trauer gibt, dann wohl die mit Käsekuchen. In dem Wissen, dass sie weiter glitzert. Und dass er weiß, sie kommt zu ihrem Recht. Sie wird anständig behandelt. Nicht von allen, beileibe nicht. Aber von mir und denen, die auch finden, Glitzer muss man haben. In jedem Lebensalter.

 

 

 

 

Beliebiger Dienstag

Als ich um 9 Uhr in die Buchhandlung kam, sagte Facebook: Da ist was los. Da hat dich einer erwähnt, wohl nicht positiv, denn es hagelt Kommentare. Kritik klickt gut, Häme noch besser. Nolens volens war ich anstößig geworden in einem notorischen Bereich. Buchblogger gekränkt. Das ist ein Verstoß, den man sich besser an einem verregneten Wochenende als zu normalen Arbeitszeiten leistet. Ich habe zwischen 9 und 10 ein paar Reaktionen gekontert. Dann habe ich:

Kunden bedient. Das Telefon beantwortet. Rechnungen geschrieben, Rechnungen bezahlt, Briefe konzipiert, an einem Manuskript gearbeitet, der kleinen Oma Mittagessen gemacht, weitere Kunden bedient, mit der IHK telefoniert, mit dem Haller Kreisblatt geredet, Kollegen im Einzelhandel gemailt, dass wir jetzt wirklich mal in die Gänge kommen müssen mit unserem Manufaktur-Konzept.

Wie, was, Manufaktur?

– Ich hab dir das schon x mal lang und breit erzählt. Euch allen. Es geht darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Qualifizierte Dienstleistungen, starke Marken.

Du hast zuviel Zeit. Als ob man mit Konzepten auch nur einen Cent verdient.

– Konzeptlosigkeit ist keine Lösung.

Du nervst.

– Ich kann das auch alleine machen. Kein Problem.

Das war nur Spaß. Ich bin dabei. Du machst das schon. Also mach jetzt. Wann ist das fertig? Dieses sogenannte Konzept?

– Ich muss mich gerade mit Buchbloggern raufen.

Auf keinen Fall! Wir haben hier dieses, äh, Konzept. Wir müssen sofort damit anfangen, das ist wichtig, der Einzelhandel liegt darnieder. Wo sind die, diese Blogger?

– Im Internet. Oder in Berlin oder beides.

Weit weg! Egal! Los, wir brauchen Postkarten und Aufkleber und eine Sonntagsöffnung und Gummibärchen. Und einen Malwettbewerb mit den Kindergärten, und wehe, Du legst dich schon wieder mit den Vereinen an. Vereine sind wichtige Kunden, besonders der Schützenverein und der Männergesangsverein.

– Blogger sind auch wichtig. Die sind in meiner Branche nicht unerheblich. Eine neue Form von Literaturkritik. Ich finde das interessant.

Ich nicht! Kugelschreiber. Keine Kekse mit Facebook-Daumen. Das ist nur wieder was aus diesem Internet. Das hat bestimmt so ein sogenannter Blogger erfunden.

– Nein, Anita Freitag-Meyer. Die verkauft mit viralem Marketing tonnenweise Gebäck. Facebook, Keksblog, Instagram. Die hat zum Beispiel Einhornplätzchen mit Glitzer.

Du spinnst.

Es ist jetzt kurz vor halb sieben. Ich habe den ganzen Tag geredet, einen normalen Dienstagsumsatz erwirtschaftet, das Manuskript zu 85 Prozent durchgesehen, fast alle Einzelhändlerkollegen für heute davon überzeugt, dass dieses Internet nicht nur des Teufels ist. Zumindest bis morgen. Sportives Vergessen ist ein Hobby von Personen, die mal testen wollten, ob sich Leute mit solchen sogenannten Bücherläden ärgern lassen.

Also, nein. Ich lass mich nicht ärgern. Jedenfalls nicht auf der Straße in Borgholzhausen. Und auch eher nicht von Botschaften aus fernen Welten. Ich meine nämlich, es gibt keinen Konflikt zwischen Bucheinzelhändlern und digitaler Literaturkritik. Ich meine, Personen, die im Einzelhandel den ganzen Tag von Menschen umgeben sind, wissen aus eben dieser Erfahrung, was ihre Kunden wollen. Bestimmte Bücher, andere nicht. Eher Bücher, die mir gefallen als die Favoriten ihnen unbekannter Influencer. Und was ich selbst gern lese, interessiert die meisten Kunden auch nicht absolut. Sie nehmen das ernst, weil ich diejenige bin, die sich die Werbesprüche und Postkarten und Veranstaltungen ausdenkt. Wie sich das gehört im Bücherladen.

Jetzt fahr ich schnell nach Hause, denn morgen früh um 9 geht es hier weiter. Einzelhandelsstrukturwandelmanufakturüberlegungen. Und Kriminalromane, Bleistifte, Leuchtflummis und kleine Geschichten zum Vorlesen für zwischendurch.

Ein schöner Arbeitsalltag. Aber weit weg vom Buchbloggerbetrieb.

 

 

 

So ein schöner Sommer

Sommer ist eine schöne Jahreszeit. Es ist warm, die Sonne scheint, die Menschen haben gute Laune. Und auch noch Urlaub. Sie müssen also durch die Gegend reisen und erleben, was sie anschließend berichten. Vorrat für den Alltag. Ich schau mir das seit Jahren an, und es gefällt mir. Mein guter Sommer geht nämlich so:

Ich arbeite, weil alle anderen Urlaub machen. Ich streite mich nicht um Freizeit – schon gar nicht, seit ich Chef bin. Ich arbeite also in dieser schönen Sommerkulisse. Die Buchhandlung ist hell und freundlich, die Eisdiele nicht weit, und Ferienlektüre verkauf ich gern. Man hört aus dem Freibad Kinderjuchzen, hin und wieder wandert jemand auf dem Hermannsweg vorbei, gelegentlich haben wir selbst Besuch.

Die kleine Oma arbeitet natürlich auch. Sie erledigt Verrichtungen und erzählt mir abends davon. Ich trage ihr dafür Tageskassen, Rechnungsnummern und dergleichen vor. Wobei sie die dritte Kategorie am besten findet – dergleichen. Dazu gehören meine Texte. Artikel, Essays, Buchanfänge. Ich lese ihr vor, was ich geschrieben habe, und sie sagt – gefällt mir. Oder – langweilig! Wo ist der Humor? Ich bin doch kein Witzbuchautor, wende ich ein. Und sie – Autorin! Gewöhn dir endlich an, dass Du Bücherschreiberin und Feministin bin. Wie Du an mir siehst, ist das nicht schwer. Ich schau sie also an und freue mich, dass wir diesen Sommer und bestimmt noch viele vor uns haben.

 

 

Katastrophentourismus im Einzelhandel

Es fällt mir gerade ein: Ich bin ja schon fast sieben Jahre hier. Sieben Jahre Buchhandlung in Borgholzhausen, davon drei Jahre mit Verlag. Das ist gar nicht so wenig Zeit, das ist die längste Berufstätigkeit, und meine liebste sowieso. Es soll so bleiben.

Was hat sich verändert, fragt das Haller Kreisblatt. Och, sage ich. Nicht so viel. Doch, sagt das Haller Kreisblatt, der ganze Einzelhandel liegt darnieder. Schlimm. Schauen Sie mal – Sonderseite Leerstand in Halle. Machen wir demnächst auch mal für Borgholzhausen. Versmold hatten wir schon. Ha, sage ich. Dann gibt’s aber hunderttausendprozentig keine Anzeigen mehr von mir. Ich fördere nicht den Abgesang auf mein Gewerbe. Nicht mal mit 85 Euro netto auf so einer Sammelseite. Vergesst es einfach. Ok, sagt das Haller Kreisblatt, das ist natürlich logisch.

Wie gesagt, hier hat sich nicht viel verändert. Es ist etwas zu voll, ein bisschen unordentlich, ich habe irgendwann andere Lampen gekauft, verschiedene Computer, und nächstens brauchen wir neuen Fußboden. Aber wenn sich der Einzelhandel insgesamt verändert, ist Konstanz beinahe irritierend. Verwirrend. An der Exegese der Verwirrung, an ihrer Perpetuierung durch immer neue Girlanden voller Düsternis sind Kunden wesentlich beteiligt. Es scheint so ein menschliches Grundbedürfnis zu sein – Die Freude an Niedergang und Spektakel, der sanfte Grusel angesichts von Problemen, die man selbst nicht hat.

Ein schönes Beispiel: Die Eisdiele in Borgholzhausen öffnete dieses Jahr spät. Recherchen: Wohin sind die abgehauen, Frau Bergmann? Kann man wohl die Möbel aus der Insolvenz ersteigern? Das kommt davon, dass man meint, wir lassen uns hier das Geld aus der Tasche ziehen. Das meinen Sie doch auch, Frau Bergmann? Nee. Ich wusste, die haben ein Baby bekommen. Die öffnen halt etwas später wegen ihres Säuglings. Ich habe nichts gesagt, aber ich hab mich so gefreut über all die dummen Gesichter, über die Schreckensgeier, die sich – Leute sind zielsicher stillos – auf der Eiscafé-Terrasse von Unkerei erholen, die sie selber angestiftet haben.

Ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie schwer Einzelhändler heute arbeiten. In ihrem Job, in ihrem eigenen Gewerk, mal mehr, mal weniger. Da gibt es auch Herausforderungen; notorisch misstrauische Banken sind zu nennen, die müßigen Diskussionen mit super selbstbewussten Endverbrauchern. Aber das ist alles Teil des Jobs, das weiß man vorher oder lernt es irgendwann.

Die Härte, der wir gerade ausgesetzt sind und die mich ärgert, maßlos ärgert: Öffentlicher Katastrophismus. Alle wissen angeblich, wie es geht, woran es liegt. Jeder hat seine Meinung und dreimal Recht. Aber sie reden, die Verwaltungsleute, Politiker, Journalisten und all die vielen Leute auf der Straße, von Zuständen, die sie nicht übersehen. Die allermeisten sagen, befragt, warum sie nicht selbst im Einzelhandel tätig sind: Liebe Frau Bergmann. Die Arbeitszeiten. Und immer dieses Risiko. Das muss ja jeder selber wissen, aber wenn Sie mich fragen.

Antworten Sie doch mal auf meine Frage, sage ich dann gern. Ich habe gefragt, warum Sie mich mit Gewissheiten belästigen, die nur scheinbar sind. Sie wollten Ihre Sicherheit, und ich meinen Einzelhandel. Ich schlage eine Gegenumfrage vor: Burnout-Risiko in Großraumbüros. Haltungsschäden, Herzinfarkt. Da kommt auf jeden Fall was raus, das Ihnen nicht gefällt. Oder auch Boreout. Vielleicht ist der Katastrophismus, die Freude am Scheitern fremder Leute, auch nur eine Spielart von Langeweile. Krankhafte Langeweile macht boshaft und irgendwann krank. Ich war in sieben Jahren in Borgholzhausen insgesamt fünf Tage krank. Dreimal Stimme weg, zweimal Magen verdorben. Spricht für den Job.