Landnahme. Über die Unmöglichkeit des Dorfromans

Eine Gattung hat Konjunktur, die nennt sich Dorfroman. Es sind, dem Inhalt nach, meist Bücher über jüngere Frauen mit älteren Männern, die aus der Stadt ins Umland ziehen, um ihre Probleme zu lösen, was oft nicht gelingt. Aber sie legen einen Garten an und geraten in Kontakt zu ihrer menschlichen Umgebung, die völlig anders ist als das ihnen Vertraute. Diese Bücher verkaufen sich gut und bedienen also eine Nachfrage. Ich habe allerdings Zweifel, ob Dorfroman eine angemessene Bezeichnung für diese düster grundierte Gegenwartsprosa ist. Ich meine eher, das ist eine Anmaßung, die dem entspricht, was Leser:innen solcher Bücher auch im echten Leben gerne tun. Daher einige Beobachtungen.

Erstmal der Begriff: Was kennzeichnet ein Dorf? Die Abwesenheit der Stadtrechte für eine bestimmte Anzahl Straßen, an denen Häuser liegen? Die sprichwörtliche Kirche? Flutlicht am Bolzplatz? Was erhebt menschliche Ansiedlungen zu einem Dorf, und welchen Status erlangen dadurch die gemeinten Anwohner:innen? Wie viele Menschen bilden ein Dorf, im Mindesten und aber wirklich höchstens? Tankstelle, Bäckerei, Briefkasten, Bushaltestelle; sind das die Marker? Und wenn man sich sein Territorium abgesteckt hat, das für ein Dorf gelten soll: Je nun. Die Personen und ihre Konflikte: Was bieten sie, um daraus einen Roman zu machen? Roman in dem Sinn, dass es eine Handlung gibt, dass Figuren sich entwickeln – und sei es nur, dass sie verschwinden: Geht das auf? Ich glaube, nein.

Man kann in so ein Dorf ungefähr jede emotionale Situation der Menschen bauen: Liebe und Schmerz, Ehre, Treue, Verrat. Gier und Neid. Aber alles Große wirkt vor der kleinen Kulisse fast immer albern. Beispiel: Ein Dorf ist der Ort, wo sich die Leute in wenigen Kleidern begegnen. Der Stückzahl nach und auch vom Ausmaß der textilen Oberfläche. Karoflanelloberhemd und derbe Schuhe für die Männer; Frauen in Leggings, Jeggins, Jogpants. In Dehnbarem jedenfalls, das nicht zwangsläufig der Körperfülle geschuldet ist. Bequemlichkeit gilt viel. Es gibt tragische Liebe fraglos auch in solch einem Habit, aber wenn sie nicht klappt, springt keiner vom Balkon.

Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass die beteiligten Figuren eins der Feste aufsuchen, die stets ein guter Anhaltspunkt dafür sind, eine Kulisse Dorf zu heißen. Feste in Zelten, die ritualisiert sich ereignen – immer dasselbe Wochenende, selten früher als im Mai und nach September eher auch nicht. Zelte in ihrer ganz eigenen Welthaftigkeit: Der leicht instabile Boden aus x-fach verlegten Holzbohlen, die Wände aus Streben mit wasserdichter Plane, schließlich ein halber Himmel bis zum Dach aus ebensolchem Material. Die Luft wird darin schnell eng, und Bier tut ein Übriges, die Nähe gewöhnlicher werden zu lassen als draußen auf der Straße. Man kann da was erleben. Man erlebt, was auch immer man erleben möchte, um zu vergessen, wie unglücklich man gerade war. Feste sind wichtig!

Sich dem Dorf anzunähern, bedeutet, von irgendwo zu kommen. Von weither oder aus der nächsten Stadt. Dörfer sind immer das Umland wenigstens ihrer Kreisstadt oder eines sogenannten Oberzentrums. Da gibt es Schulen, wo man Abitur machen und meist auch die Berufsschule besuchen kann. Akademiker:innen sind vorhanden; Studierte, die im Dorf eigentlich nur vorkommen als: A. Pastor. B. Grundschullehrerin. C. Zufall. A und B sind literarisch weithin beschrieben und müssen nicht von mir auch noch neu beredet werden. C. ist natürlich interessant. In früheren Zeiten (keine 300 Jahre, einfach die Bundesrepublik von Schmidt und Kohl) liefen unter C die sogenannten Alternativen. Denen sicher auch ein Roman zu widmen wäre, aber ich könnte den nicht schreiben. Er müsste sich im Düsteren verlaufen (Drogen, Rheuma, Armut, Einsamkeit), und ich mag nur Geschichten, die gut ausgehen. Was wiederum kein Kriterium von Literatur darstellt und höchstens etwas darüber sagt, dass ich selbst eine Dorffigur bin.

Nämlich: Die Buchhändlerin. Dörfer haben normalerweise keine Buchhandlung; dafür braucht es C. Zufall! Ich kam nach den Alternativen und bevor Juli Zeh dorfliterarisch wurde. Über meine Gründe haben andere Personen so viele Geschichten erzählt, dass ich nicht noch eine schreiben muss. Die Erfindungen der Nachbarschaft sind allesamt originell; Phantasie haben diese Leute ja. Aber jede einzelne würde im Lektorat entfernt mit der Bemerkung: Geht’s noch? Also, ich bin jetzt hier das zwölfte Jahr, und ich habe gelernt, das Interesse am Neuen, Fremden, Zufälligen ist sagenhaft. Im Dorf beschäftigen sie sich immerzu mit ihren Anderen, und wenn diese vorläufig auserzählt sind, ist es ein Beitrag zur Gemeinschaft, wenn man unter C erscheint. Beiträge zum Allgemeinen sind wichtig!

Ein weiterer Dorfindikator ist nach meiner Definition das ewige Gerede. Wer mit wem und wo, welche und wie viele Fahrzeuge und andere technische Installationen (PS, Benzinverbrauch; Bildschirme, Funkmasten und Daten). Man kann sowieso über alles reden, tut das auch, und als Geschäftsperson nach diesen Jahren habe ich so einen Fundus an Episoden, die mir angedichtet worden sind, dass ich daraus eine Vorabendserie schreiben könnte. Der ganze Quatsch! Aber will man das im Roman? Was im Dorf passiert und wovon wir erzählen, ist nie abgeschlossen. Vielleicht ist das Dorf zwar für Literatur geeignet, aber nicht ausgerechnet für Romane? Kurzgeschichten, Fabeln, alle solchen Formate. Johann Peter Hebel hat sie Kalendergeschichten genannt, und ich glaube, wenn man eine Dorf-Poetik suchte, würde man bei ihm besser fündig als in der Antike. Kurze Form, leicht lehrstückhaft. Gern heiter.

Ein weiteres Dorfmerkmal ist sicherlich Gelächter. Die fröhliche Albernheit, die hier ein Grundgeräusch bildet wie in der Stadt das Autobrausen. Über sie müsste ich länger nachdenken, weil ich sie mag und weil sie oft genug ersetzt, was man gelegentlich vermisst. Ablenkung, Geschwindigkeit, die neuen Bilder jeden Tag. Ach komm, lass uns lachen, sagt meine Schwester dann. Darüber ein andermal, weil dies ein schönes Thema ist, das aber mit den neuen Dorfromanen keine Berührung hat. Sie sind ja ernsthaft. Humorlos. Wenn man etwas lustig finden soll, wird das anmoderiert. Man erfährt über Figuren, dass sie sich gern ironisch geben, dass sie Sarkasmus für ein Stilmittel des Zwischenmenschlichen halten; man erfährt, worüber sie sich amüsieren. Über uns, in den Dörfern, wie wir trottelig herumstapfen und, tja. Noch nicht uns mit Äxten bekriegen, aber viel fehlt nicht.

Was wollen die nochmal hier? Die Figuren der Romane, wo Dörfer erschlossen werden genauso wie die realen Menschen, die ein Haus im Grünen kaufen? Die wollen Land, ganz einfach. Platz, Raum, Weite: Alles, wovon wir hier mehr haben als in der Stadt und wovon wir geben. Im Dorf ist man nicht kleinlich. Das Missverständnis dieser Landnahmen besteht meist darin, dass die Hinzukommenden sich durch den Kaufvertrag, die notariellen Urkunden, durch die Überweisung verblüffend hoher Geldbeträge direkt für eingemeindet halten. Und so geht es eben nicht. Dörfer sind freundliche Strukturen; Gewebe aus mündlichem Wissen, Gewohnheiten, oft aus Ungesagtem, das aber für alle gilt. Sie fangen irgendwo an, gehen weiter, ertragen allerlei An- und Umbauten.

Ich halte, wie ich oben schrieb, den Roman nicht für die nächstliegende Form, Dorfstrukturen literarisch abzubilden. Ich finde den Ton dieser Romane, das dunkel Beklommene mit Stich ins Aggressive, sowieso nicht schön. Aber er trifft, dies vor allem, die Stimmung der Dörfer nicht. Womöglich spiegelt er das Innere der Protagonisten, sofern sie denn Figuren und nicht einfach Lautsprecher ihrer Verfasser:innen sind. Dann müsste man das Genre aber anders heißen – Quengelroman vielleicht. Dass Dörfer dazu die Kulisse bilden, ist auch nur eine Landnahme, die dann nicht auf dem Immobilien-, sondern auf dem Buchmarkt sich ereignet. Möglich ist das. Aber es ist langweilig, und mit Dörfern hat es nichts zu tun. Geistige Flächenversiegelung halte ich für kein aufregendes Genre. Möge es rasch außer Mode kommen.

Die seelische Gesundheit

Zweitausendsechs ist fünfzehn Jahre her; das sogenannte Sommermärchen. Wenn ich es recht erinnere, log sich Deutschland damals in die Tasche, weltoffen zu sein. Menschen tanzten Unter den Linden in der glühend heißen Sonne, sie tranken Bier, sie übertrieben es mitunter. Wenn das der Fall war, landeten sie in einem Krankenhaus der Versorgungsregion Mitte von Berlin, Abteilung Psychiatrie.

Ich war da auch. Ich war allerdings nicht an Fußball verrückt geworden, sondern an mir selbst. Weniger prosaisch: Ich litt an einer schizophrenen Psychose, episodisch. Das heißt, sie war ausgebrochen, aber sie würde nicht bleiben. Kurierbar und kein ewiger Fall. Mitteldramatisch, von heute besehen. Aber ich fand mich dort eben wieder, in einem Hochhaus in der Turmstraße, ich glaube, im achten Stock. Weit oben jedenfalls, und überall Gitter.

Ich war bis dahin eine mehr als erfolgreiche Person gewesen; ich hatte ein glänzendes Abitur, zwei Ausbildungen, hatte Auslandserfahrung und Berufspraxis. Magisterstudium der Geisteswissenschaften, Vollstipendium der Studienstiftung. Viel mehr geht nicht, wie man so sagt. Zumal: Ich hatte das allein geschafft. Eine nette Familie, aber keine mit akademischem Prestige, mit Namen oder Geld. BRD-Provinz, so normal wie nur was.

Von dort in die Berliner geschlossene Psychiatrie – ein langer, weiter Weg. Ich hatte mich womöglich überanstrengt. Nein, falsch: Ich hatte es eindeutig übertrieben mit all den Sprachen, Jobs und Opportunitäten. Es war zu viel gewesen, und nun befand ich mich unter Fußballfans. Es war die absurdeste, erbärmlichste Situation in meinem Leben; der vollständige Kontrollverlust. Furchtbar!

Diese Fußball-Veranstaltung ging zur gleichen Zeit zu Ende wie mein Studium. Vorbei, dachte ich. Ein für alle Mal vorbei. Auf das Turnier trifft es zu, auf meine Leidenschaft des Lernens absolut nicht (anderes Thema). Ich kehrte in mein Kinderzimmer zurück, mit 27 bei Mama und Papa am Rand von Borgholzhausen. Die gute Leute sind, aber: Ach, was soll ich sagen. Siebenundzwanzig, Kinderzimmer, Nervenwrack. Geht es schlimmer? Ich glaube, nein.

Ich glaube, ich war in meinem Leben nie erbärmlicher als damals. Ich hatte in der Selbständigkeit anfangs oft kein Geld, war ewig in der Bredouille. Hier ein Rechtsstreit, da Maläschen. Immer war was. Aber nichts, nie, war annähernd so furchtbar wie diese Episode. Siebenundzwanzig, Kinderzimmer. Die Studienunterlagen von damals lagern bis heute auf dem Dachboden in Westbarthausen. Meine kleinen Nichten schauen sie sich manchmal an, denn ich besaß schon zu der Zeit viele Bücher. Aber keines zog in weitere Wohnungen mit um, kein Blatt, kein Block, kein Buch. Gar nichts.

Ich machte Tabula rasa, begann ein neues Leben als Sortimentsbuchhändlerin. Dabei half, dass ich ein Zertifikat besaß, mit dem ich mich bewerben konnte. Und sehr viel mehr als das: Ein wirklich guter Psychologe. Er war nicht der erste, den ich sah, er war in einer Odyssee der sechste oder siebte. Saß in Bielefeld, wohin ich mit dem Schulbus fuhr wie früher. Und so erbärmlich war, gerupft.

Aber er sagte den einen Satz, auf den ich dann doch, mit Mühe, über Jahre immer wieder baute: Er sagte, Sie müssen lernen, mit sich umzugehen. Mit Ihrer Begabung und deren Gefährdungen. Psychosen ereilen keine dummen Menschen, keine Personen ohne Talent. Psychosen dieser Art sind schöpferisch. Wer weiß, vielleicht nutzen Sie eines Tages das Potenzial.

Da war ich damals nicht. Ich war bei: Die Krankenkasse zahlt die Schulbuskarte, und ich kann jeden Tag nach Bielefeld. Ich kann da Zeitungen lesen, durch Buchläden laufen; ich suche mir Arbeit, beginne ein neues Leben. Eigenartig. Ein überaus fremdes Gefühl, wenngleich kein schlechtes. Staksend, ungelenk. Wird es gelingen? Wie werde ich darin sein? Über Monate besuchte ich eine Tagesklinik; ich glaube, es war fast ein halbes Jahr.

Und dann die Rehabilitation – nochmal sehr lange Wochen. Ein weiterer Sommer, ein anderer Herbst. Achtzehn Monate, bis ich sagen konnte, so ganz ungefähr bin ich: Wieder die alte? Nein. Aber achtzehn Monate, bis ich alleine konnte. Und nochmal ein Jahr, bis ich davon nicht mehr sprach, wie krank ich gewesen war. Es ist ja eins, von seinem Wahnsinn zu genesen. Aber ein anderes, viel Weiteres, das auch noch zu verarbeiten.

Fast war ich froh, als die Selbständigkeit rumpelig begann. Als ich mich andauernd um Kredite, das Finanzamt und alle solche Sorgen kümmern musste. Durchaus einverstanden, als zwei alte Leute in mein Leben traten, die der Fürsorge bedurften. Unendlich erleichtert, als der Buchladen sich so entwickelte, wie ich das wollte. Es gab mit den Jahren immer wieder andere Themen, die mich erst ablenkten, dann bannten, die mich schließlich fast vergessen ließen, wie schrecklich das gewesen war: Seelisch erkrankt zu sein. Und nicht, weil die Gesellschaft dazu gerade so oder so oder so verkehrt. Nein, es ist einfach fürchterlich, so krank zu sein. Man möchte es nicht wieder haben; im Leben nicht.

Aber, und deswegen schreibe ich überhaupt, nach sehr viel Zögern, diesen Blogbeitrag: Man kann sich helfen lassen. Seelische Erkrankungen sind grässlich, jedoch bekannt, erforscht, beherrschbar. Häufig sind sie heilbar. Und, wichtiger noch, man kann dem zuarbeiten. Das Eingeständnis der Ohnmacht wird belohnt mit Perspektiven. Wenn nur eine Person diesen Text liest, die aufgrund von Corona oder anderem gerade allein und elend irgendwo herumsitzt, sich traut, um Hilfe zu ersuchen: Dann habe ich ihn gern geschrieben.

Fußball finde ich nach wie vor irrelevant.

Zu Gesicht

Frau Martha verließ meinen Haushalt Ende Oktober 2019. Sie hatte sich ein Bein gebrochen, und ich erhielt im Krankenhaus Komplimente, in welch herrlicher Verfassung sie sei. Gut ernährt, klare Haut – der Rest, Frau Bergmann, der Rest heilt aus. Es war mir unbehaglich, weil so eine Oma kein Preisferkel ist.

Sie ist ein alter Mensch, dessen körperliche Gesundheit damals tatsächlich ausgezeichnet war. Ich bilde mir ein, es lag auch daran, dass Heinrich und ich weite Wege gegangen waren, um ihr eine medikamentöse Therapie zu ersparen. Demenz heilst Du nicht. Dorfärzte und Nachbarn wussten es natürlich besser, aber der liebe Heinrich hatte einen Titel. Damit hielten wir uns vom Hals, was wir als zudringlich empfanden. Als er starb, ließ ich Martha unter Betreuung stellen. Sie hat das selbst nicht mehr verstanden, aber die verschiedenen Einrichtungen, juristisch wie medizinisch, machten es zügig möglich. Drei oder vier Wochen, wenn ich mich recht entsinne. Ein Eilverfahren war es nicht, und das heißt im Umkehrschluss, es kann auch noch viel schneller gehen, wenn es muss.

Ich lernte in den Folgejahren etliches über Betreuungsrecht; ich war, als sie außer Haus ging, nicht mehr naiv. Ich wusste, ich bin besser nett, weil sie so eine Nervensäge ist. Ärzten, Pflegeeinrichtungen, selbst Handwerkern versichere ich immerzu, dass ich ihnen wirklich dankbar bin, und wenn sie Stress macht: Bitte, geben Sie Bescheid. Ändern kann ich’s nicht, aber als meine Betreuerpflicht sehe ich (auch) an, dass Sie sich erleichtern dürfen. Wir wollen uns alle nicht vormachen, sie sei die niedlichste, plüschigste Oma unter der Sonne. Harmlos debil und körperlich gut gewartet. Das sprichwörtliche Preisferkel, siehe oben.

Martha verbrachte den Winter 19/20 in Pflegeeinrichtungen. Kurzzeitpflege hier und Krankenhaus dort. Sie gab alles. Ich glaube, sie war verzweifelt und machte deswegen so ein Theater. Aber vielleicht war sie auch nur widerlich, weil der Sinn ihr danach stand. Den Pflegekräften, die das ertrugen, gilt ewig mein Respekt. Ich habe mir viele Klagen angehört und reichlich Blumen verteilt.

Dann kam Corona; sämtliche Türen gingen zu. Ich fand das richtig und wusste, wenigstens diese eine Person betreffend, dass Isolation ihr im Zweifel besser bekommt als jedwede weitere, noch so gut gemeinte Therapie. Sah ich sie? Nein. Ging nicht, und alle, die heute quengeln, weil schon damals Lebenslichter erloschen seien, Herzen beschlagen und in Ketten gelegt, die Würde, die Ehre und dergleichen – bitte, erinnern wir uns. Es gab keinen Impfstoff. Es war saugefährlich. Schon damals überboten sich Personen in Politik und Journalismus in ranzigem Pathos. Kam allgemein gut an, bei mir echt nicht. Ich dachte, boah, wäre ich im Pflegebereich beschäftigt, ich würde den Windeleimer entleeren vor den Füßen von wem auch immer, der oder die des Weges kommt.

Und Martha? Ich hatte kein gutes Gefühl und dachte, Du musst was tun. Betreuerpflichten! Ich telefonierte mit dem Gericht, schilderte meinen Eindruck. Am Tag selbst reiste jemand in das Krankenhaus, wo sie sich aufhielt und schickte mir einen Bericht. Ich hatte auch ein Bild, ein Handyfoto. Ob letzteres 100 Prozent legal war, weiß ich nicht. Aber wir kannten uns lange, und sie wussten, das geht ok. Ich sah Martha, sah die Augen, wusste: Die ist absolut genervt. Kein weiterer Sorgengedanke nötig; sie kommt dadurch. Genervt stirbt nicht.

So war es. Sie wurde, auch darüber hätte ich mich empören können, einer stationären Einrichtung zugewiesen. Siehe oben, Corona und Ausnahmesituation. Hätte ich dieses Heim exakt gewählt, wäre ich in meiner Entscheidung frei gewesen? Nein, denn ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Ich wusste aber, sie erhalten jetzt, mit Schleife drum, ein Prachtexemplar. Schon unter normalen Umständen kein Anfängermodell, gestresst mit Sicherheit ein Zustand. Ich fuhr hin und machte mich ehrlich. Sagte, bitte. Wir sparen uns jedwede Rhetorik. Sie ist, wie sie ist. Und wenn sie Sie nervt, rufen Sie mich an. Ich höre zu und verspreche, ich werde nicht lästig. Für eigene Gefühle habe ich Freunde, den Pastor, das Internet.

Martha bezog ihr Quartier. Über ein Jahr ist das her, und sie haben es großartig gemacht. Sie waren geduldig, sie waren lieb, haben manchmal, zart, auch angedeutet, was für ein Querköpfchen sie sei. Martha fühlt sich heute wohl. Sie isst und trinkt und arbeitet. Und dass ich dort nicht selber wohne, ist schön blöd von mir. Falls ich mal zur Vernunft komme – sie kennt die Leute. Sie regelt das für mich.

Martha ist geimpft, schon lange. Corona ist aber nicht vorbei. Die Besuchsregeln ändern sich deswegen von Zeit zu Zeit. Es gab jedoch keinen Moment, in dem es unmöglich gewesen wäre, ihrer ansichtig zu werden. Ich wundere mich daher, wenn ich im Radio Minister Laumann höre, Einrichtungen dürften sich nur mit Erlass der Landesregierung verschließen. Wenn Herr Fleischhauer beim Focus kundtut, der Umgang mit seiner kranken Mutter würde ihm erschwert; die bösen Menschen. Und Dritte und Vierte daraufhin rhetorische Großgeschütze auffahren – von Unmenschlichkeit und Fanatismus fabuliert etwa die dümmste Familienministerin, die wir je hatten. (Angela Merkels Rache an der Bundesrepublik; sie spiegelte uns süffisant das antiquierte Frauenbild. Aber das ist ein anderes Thema.)

Ich nehme das zur Kenntnis, denke an Martha und ihre Einrichtung, denke aber auch an die vielen anderen alten Menschen in meinem Leben, an deren Familien und die Mitarbeiter:innen der Pflegedienste und Sozialstationen. Niemand bedient hier seine Flüstertüte, macht sich wichtig. Wenn man sie fragt: Es war ein hartes Jahr. Sie sehnen sich – nach den Enkeln, dem Doppelkopf, nach ihrem Tanztee. Die pflegenden Personen: Nach Ruhe und Gelassenheit. Danach, dass die weit entfernt lebenden Angehörigen aufhören, sie am Telefon zu terrorisieren. Besuche sind schon möglich, aber es gibt eben Regeln, die – aufgelegt. Beleidigt. Pompöses Geschreibe, gern auch per Anwalt oder vermittels einer Behörde.

Dabei sollte man ihnen allen sagen, Pflegenden wie Gepflegten: Ihr wart echt tapfer, Ihr habt den Job eures Lebens gemacht. Von der Gesellschaft gebührt euch Dank und mehr als das. Stattdessen: Wahlkampf. Das bürgerliche Lager fängt mal an, also die, die ökonomisch sicher nicht gelitten haben und nun, im Home Office, nicht müde werden, sich ihrer Privilegien zu rühmen. Die anderen werden aber folgen, und ich möchte doch bitte sagen:

Ach, nichts. Ruhe, möchte ich sagen. Seht zu, dass Ihr die Nächsten regelmäßig zu Gesicht bekommt. Lernt die Mitarbeitenden kennen, versteht, was sie tun. Dienstboten sind das nicht! Aber wenn man nett ist, geht irgendwas nach meiner Erfahrung immer. Und seht zu, dass Ihr euch das Getöse grundsätzlich verkneift. Denn mehr als ein verdammt schlechtes Gewissen steckt dahinter nicht.

Männer, die Frauen einfach Scheiße finden

Seit ich selbständig bin, gebe ich viel Geld für Rechtsanwälte aus. Ich meine damit nicht die normalen Rechnungen, wenn man sich zu einer Unternehmensform beraten lässt, einen Arbeitsvertrag verhandelt oder im Notariat seinen Firmensitz verlegt. Das ist der Standard, um den es hier überhaupt nicht geht. Es geht auch nicht um Falschparken, Schnellfahren oder Macken an Autos. Es geht an dieser Stelle um Männer, die Frauen einfach Scheiße finden.

Ich habe lange gezögert, diesen Text zu schreiben, weil ich sehr viel mehr wirklich gute Männer kenne, die mir tagtäglich nichts zuleide tun, die ich mag oder auch nicht, die aber jedenfalls einen zivilen Umgang mit mir haben. Die, und auch das gehört zur Wahrheit, oft die besten Gefährten sind gegen die anderen. Jeder Text, den man über die relativ wenigen Arschgeigen schreibt, setzt die vielen anderen, guten Typen irgendwie mit unter Verdacht. Das passt mir an den meisten Veröffentlichungen zu dem Thema nicht.

Denn struktureller Gewalt an Frauen kommt man durch die Verachtung von Männern nicht bei. Eher dadurch, dass man dazu nicht immer schweigt, sei es aus Verlegenheit, sei es, weil es einfach kein schönes Thema ist. Deswegen ein paar Geschichten von mir.

Bevor ich mich selbständig machte, lebte ich zum Beispiel in Hamburg und fuhr abends oft allein in der U-Bahn. Ich wohnte in keiner Villengegend, und trotzdem erinnere ich nicht, mich jemals bedroht gefühlt zu haben. Ich lebte auch einmal in Südfrankreich und reiste dorthin im Nachtzug. Es war ungefährlich, trotz oder gerade weil Fremdenlegionäre von Strasbourg über Lyon nach Arles oder Marseille gondelten. Sehr langsam, man hätte zur Not wahrscheinlich aus dem Fenster klettern können. Aber da war keine Not.

Ich lebte schließlich etliche Jahre in Berlin-Wedding und fuhr dort viel mit dem Fahrrad herum. Das ist schon eine ganze Weile her; vielleicht geht es dort inzwischen anders zu. Nur: Von heute besehen, bestand das größte Sicherheitsrisiko für mich darin, dass ich für einen Fahrradhelm zu eitel war.

Ich kehrte dann zurück nach Ostwestfalen und, nein, ich bin in keinem Bus zu irgendeiner Zeit, von keinem Taxifahrer, auch nicht allein in der Buchhandlung bedroht worden. Ich könnte spekulieren, ob es wohl an meiner Körpergröße liegt, an meiner gut trainierten Streitfunktion, und – nee, lieber nicht. Ich will das gar nicht beschwören, damit es bitteschön einigermaßen sicher bleibt.

Die Aggression kam tatsächlich nie zur Tür herein. Die Aggression war immer feige. Sie schickte Briefe, redete herum und ließ agieren. Die Aggression entstand meist, wenn ich deutlich geworden war.

Ich machte mich etwa einmal darüber lustig, viele Jahre her, dass Mitglieder der FDP häufig Porsche fuhren, während ich (damals auch Mitglied dieser Partei) morgens im Linienbus von Werther nach Borgholzhausen kam. Eine Person am Ort, die sowohl so ein Auto fuhr als auch parteiinterne Ambitionen hegte, rastete schier aus. Erwog eine Anzeige, erstattete sie angeblich doch nicht, aber ob das stimmt? Er redet sich bis heute schön, dass er verzichtet habe. Ich glaube, welcher Polizeibeamte auch immer wird ihm einen Vogel gezeigt haben.

So auch jetzt wieder. Eine Person, die Corona eher harmlos findet, jedenfalls harmloser als mich, nämlich: Die Bergmann. Diese Person hatte nun auch wieder das Recht zu nutzen versucht. Ich kam zufällig dahinter, und natürlich genügt es zu gar nichts Strafbarem, wenn die Buchhändlerin am Ort sich mit ihrem Heimatverein solidarisiert, der von überreizten Figuren am rechten Rand unterwandert wird.

Was soll daran strafbar sein, aus der Tradition der Heimatvereine abzuleiten, diese müssten nicht zwangsläufig von Männern geleitet werden, die erkennbar mehr Testosteron als Sauerstoff im Oberstübchen haben? Man sieht das am Verkrampfen, am roten Kopf, an der Verknotung der Figur und ihrer Argumente. Es gibt solche Menschen; sie sind notorisch unentspannt, was mir auch immer Leid tut. Aber deswegen kann man natürlich nicht akzeptieren, was sie tun und reden. Furchtbar, diese Leute!

Ein dritter fällt mir gerade ein, der gefiel sich darin, jede neue Aushilfe bei uns mit der Formel zu begrüßen, auch sie tauge garantiert gar nichts. Wie all ihre blonden Vorgängerinnen. Was schon in der Sache ein Quatsch ist, weil die einzige tatsächlich blondhaarige Aushilfe jemals ein junger Mann gewesen ist. Ich beschied jedenfalls diesen Herrn, er möge künftig die Firma Amazon unterstützen. Er grüßt mich seither nicht, er wechselt oft die Straßenseite, wenn wir uns begegnen.

Ausnahme: Jemand schenkt ihm einen Gutschein meiner Firma. Dann geht das kurz und knapp, denn vierzehn Euro fünfundneunzig sollte man nicht liegen lassen. Vielleicht werde ich ihm das nächste Mal sagen, nee, sorry. Ich erstatte den Betrag dem Frauenhaus. Aber Sie und ich, das wird nichts mehr.

Ein vierter, letzter, denn ich wollte ja keinen Text rein gegen Männer schreiben. Aber dieser jedenfalls, dem ich einmal Geld schuldig blieb, als ich echt keins hatte. Sehr lange her, und ich wusste sofort, es ging eben nicht ums Geld. Es ging darum, dass er vorgeschlagen hatte, ich möge den Saldo anders abtragen, ich wüsste schon. Wir standen dort, wo ich damals wohnte. Kirchplatz in Halle, ein finsterer Eingang nach hinten zur Kirche. An einem Abend im November klingelte es an der Tür, ich ging die Treppen runter, ich weiß noch, ich trug ein Kleid aus Kaschmir mit Rollkragen, in beige. Die Person, die ich nicht so schlecht kannte, die stand da eben. Musterte meinen Körper, taxierte, unterbreitete den Vorschlag, legte eine Hand an meinen Busen. Rechts, ich weiß es noch genau.

Und ich hob mein Knie.

Fast zehn Jahre her ist das her. Drei Häuser weiter eine Kneipe, die ich stürmte, um zu berichten. Das machte mich frei, und daher habe ich kein Trauma. Womöglich sogar Respekt von einigen der anderen, die sich das anhören mussten. Der Typ war jedenfalls weg. Und lange. Ich hatte sein Geld nicht vergessen, aber ich wunderte mich, dass da nie mehr was kam.

Dann doch. Als ich fürs Fernsehen gebucht war, für diese Talkshow über Heinrich und Martha, schrieb mir ein Anwalt, es sei beauftragt worden, meine Reisekosten zu pfänden, und auch das Honorar des Fernsehsenders. Wenn irgend möglich, solle der Auftritt verhindert werden. Es kam so nicht; es ist nicht an dem, dass drittklassige Anwälte vom Land in überregionalen Redaktionen ernst genommen werden. Ich rief ihn aber an, nochmal danach, und fragte:

Der hasst mich, oder? Der Anwalt war ehrlich. Nicht nur Sie, sagte er. Sie schon besonders. Aber der hasst Frauen allgemein. Das war der Moment, als ich lernte, es ist eben nicht Martina Bergmann mit der Räuberschnauze, Abteilung: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Es sind genauso wenig Männer insgesamt. Aber es gibt eine bestimmte Sorte, die hat die innere Biochemie nicht unter Kontrolle. Ob es die Gene sind, Erziehung, eine Glaubensart, von allem etwas oder noch was anderes? Der sprichwörtlich zu kurze Schwanz?

Ich weiß das nicht. Ich weiß nur inzwischen, es gibt eine Sorte Mann, die muss man sich vom Leibe halten. Rechtsanwaltlich, strafjuristisch. Dafür gebe ich Geld aus; viel zu viel nach meiner Meinung. Aber ich kann mir das leisten. Nur: Kann das jede? Denn Männer, die Frauen richtig Scheiße finden, suchen sich ihre Opfer überall. Vielleicht auch, weil zu wenig darüber gesprochen wird, weil aus Scham oft beschwiegen wird, was sehr viel mehr zur Polizei gehört als ein paar blöde Witze über teure Autos und kleinstädtische Ämter.

Seien wir laut und deutlich über Männer, die Frauen richtig Scheiße finden. Alles andere hilft echt nicht.

Der Schlüssel zum Musikraum

Als Realschülerin wusste ich allerlei nicht, wie ich recht bald bemerkte. Konkret: Mein Französisch war sauschlecht. Der Lehrer riet mir nach drei Stunden in Klasse 11, den Kurs doch bitte abzuwählen. Es sei angesichts dieser Defizite, besonders in Grammatik, einigermaßen aussichtslos. Ich machte mir daraus, dass er es nicht für unmöglich hielt. Deswegen begann ich zu lernen, schloss auf, überholte und hatte im Abituraufsatz 15 Punkte. Ich glaube, dafür gab es einen Preis oder eine Urkunde oder so etwas, jedenfalls mit Stempel aus Paris. Meine Verwandten interessierten sich für das Abitur insgesamt wenig, aber der Stempel machte Eindruck.

Als ich Romanistik zu studieren begann, verfestigte sich bei ihnen das Bild einer Abschluss-Schleife. Sie entstammen, man merkt es hier, dem Schützenfest-Milieu. Darin kam das Abitur irgendwie auch vor, sagen wir mal, empirisch. Dass sie deswegen jubelten, nein. Womöglich war dieses Abitur erforderlich, um eine Banklehre anzutreten. Denn Maschinenbau, die andere Option für Personen des Milieus mit diesem sogenannten Abitur, schlossen sie für mich aus. Logisch, da Mädchen. Der Studienbeginn, eine Weile später, irritierte sie fast ausnahmslos. Ich habe Verwandtschaft, die bis heute ignoriert, dass man neben Maschinenbau und etwas Betriebswirtschaft noch anderes studieren kann. Sie wissen allenfalls von Juristen, aber die heißen in dem Umfeld „Paragraphenverdreher“, und solche werden nicht einmal geheiratet. Dann lieber gar nicht.

Meine Verwandten sind nette Leute; ich mag die. Ich weiß, sie finden mich komisch, aber das tut der Liebe keinen Abbruch. Sie unterstellten früher, es liege entweder an den vielen Körnern, die ich mit meinen Geschwistern ständig zu mir nahm – achtziger Jahre, die große ideologische Schlacht um Industriezucker, Kinderzähne, Selbstgeschrotetes und Sprossentöpfe. Oder womöglich auch daran, dass ich andauernd las. Die Verwandten hatten Ansichten zu meinen Augen; sie befürchteten dauerhafte Schäden. Auch der Rücken könnte krumm geraten und, wichtigstes Argument: Männer mögen das nicht. Mädchen! Wenn Du zu schlau wirst von dem ganzen Lesen, haben die Männer irgendwann Angst vor dir.

Ich besprach mich in solchen Angelegenheiten stets mit Papa, und er versicherte mich, dass Lesen schädlich sei. Nämlich gegen Blödheit. Ich finde dieses Argument bis heute überzeugend.

In der Oberstufe fiel mir nicht nur auf, was ich nicht wusste und eben durch Lernen kompensierte. Ich begriff, dass da noch ein anderes war. Es betraf Mitschülerinnen, die schon damals nicht Sonja oder Silke hießen, sondern vielsilbig und traditionell. Henriette, Friederike, Caroline, Marie-Christine. Ich teilte mit ihnen, dass wir gute Zensuren hatten. Ich teilte nicht, was sie in ihrer Freizeit taten. Sie lernten Instrumente, die ich mir bis heute anschauen muss, um sie zuzuordnen. Klari-O- Bratschi-nette. Oh Gott, dachte ich. Die Ärmsten. Sie mussten sich nach der Schule mit so etwas beschäftigen, während ich Kuchen backte oder im Buchladen arbeitete oder Kinder hütete oder las. Bücher, zum reinen Vergnügen.

Ich erinnere, dass ich versank in Eva Ibbotson. Sie schrieb Romane von geflüchteten Adeligen, die in Armut Internatsschüler hüteten, aber dann doch erkannt wurden. Eine der Henri-Fri-Carolinen teilte mir mit, Eva Ibbotson gehöre nicht zum Kanon. Ich entgegnete, ich läse sie im Original, und darauf hielt sie ihre Klappe. Die Christi-nette-Maria war nämlich in Englisch fünf Punkte schlechter als ich, obwohl sie Sprachferien besuchte, während ich in dem betreffenden Sommer Pflaumen entsteinte. Die ganze Saison hindurch, in einer Konditorei, von der man, zugeklebt nach einer Frühschicht, direkt ins Freibad gegenüber wechselte. Es war herrlich.

Ich beneidete also die sogenannten höheren Töchter nicht. Und wenn, dann höchstens um den Schlüssel zum Musikraum, über den diese verfügten. Sie mussten in der Pause nicht nach draußen, weil sie da drin ihre wertvollen Instrumente polierten oder so etwas. Keine Ahnung. Ich musste, wenn ich nicht nach draußen wollte, zu den Rauchern. Wo ich mir ein klein bisschen verwegen vorkam, aber nicht sehr. Und da lernte ich alles mögliche andere, wovon ich als Dorfkind echt keine Ahnung hatte.

Zum Beispiel, dass irgendwelche Mitschüler:innen gar nicht mehr zu Hause wohnten. Einfach ausgezogen; Wohngemeinschaft. Das interessierte mich wesentlich mehr als die Verwandtschaftsgrade der Vielsilbigen. Bayreuth war für mich immer nur ein anderes Schützenfest – vielleicht mit schöneren Kleidern, und relativ sicher kotzt da keiner hinters Zelt. Aber woanders wohnen, selbst entscheiden, was man isst und wann: Die Faszination der eigenen Speisekammer ist unter Geschwisterkindern selbsterklärend, ebenso das genussvolle Endlosduschen ohne Donnerfäuste an der Tür.

Die Jahre vergingen, wir wurden alle älter. Inzwischen ungefähr das Doppelte vom Abitur. Ich bin bis heute nicht auf die Idee gekommen, dass der Schlüssel zum Musikraum lebenswichtig ist. Ich verfolge aber Diskussionen aufmerksam, die genau davon handeln. Die Vorteile der Frie-line-Caro-Sophien im Rahmen von Kammermusik mit Erbhintergrund sind mir durchaus geläufig. Fakt: Manches ist leichter, wenn man Visitenkarten und Adressen hat, wenn einem der Schlüssel zum Musikraum auf dem Goldtablett gegeben wird.

Ich will nicht leugnen, dass ich auch gern nach dem Ende des Wintersemesters mit den Eltern nach Lanzarote oder La Gomera geflogen wäre. Dass bis heute manchmal wohlige Schauer über meinen Rücken laufen, wenn ich Zeitungen kaufe für zwanzig oder dreißig Euro. Das ist dieselbe Heimlichkeit, mit der ich früher saure Schnüre für zehn Pfennig aß. Meine Mutter hätte das persönlich genommen, gegen ihre Körner. Teile meiner Verwandtschaft sagen zu jeder überregionalen Tageszeitung: Ganz schön teures Papier dafür, dass Du da drauf Kartoffeln schälst.

Zusammengefasst: Für einige Mitschülerinnen der privaten gymnasialen Oberstufe, die ich als Realschülerin auf Empfehlung einer Alumna auch besuchte, war der Eingang in die akademische Welt sicher leichter als für mich. Die meisten von denen hatten früher Autos, Wohneigentum und Segelboote oder Kinder mit ähnlich lautenden Namen. Aber ich würde im Leben nicht darauf kommen, sie deshalb anzugreifen, eine Rechtfertigung, gar eine Selbstbezichtigung von ihnen zu erpressen – am besten noch nirgendwo im Internet, per Interview.

Diese Larmoyanz von Abiturienten ohne soziale Tapete, neuerdings nobilitiert zu einem Klassismus, der einem angeblich die Existenz vergällt: Also, diese Kleingeistigkeit befremdet mich viel mehr als jede bildungsbürgerliche Schraube, die den Mädchen mit den langen Namen manchmal locker sitzt. Letztere sind dabei wenigstens unterhaltsam. Auf die anderen, die Klage-Geister mit ihren Besitzphantasien, würde meine Schützenfest-Verwandtschaft mit ziemlicher Sicherheit das Pisspott-Kochtopf-Theorem anwenden. Es passt oft schön, aber selten so gut wie hier. Also:

Aus nem Pisspott wird kein Kochtopf, da kannst Du machen, was Du willst.

Talkshows

Zum Glück besitze ich keinen Fernseher. Einer meiner nächsten Menschen möchte mir seit vielen Jahren einen Fernseher schenken, verkaufen, leihen oder alles auf einmal. Er ist sehr nett. Andere freundliche Personen laden zum TV zu sich nach Hause ein. Dritte finden es komisch. Ich meine, wie immer, das ist meine Privatangelegenheit. Ich habe genügend Informationen, von überall her; ich bin nicht der Ansicht, ich sei schlecht informiert.

Und das wichtigste Argument gegen Fernsehen stammt, natürlich, aus der spätesten Lebensphase des herrlichen Heinrich. Er verbrachte von seinen 85 Jahren die letzten sechs Wochen im Bett. Aber selbst dort nutzte er den Fernseher so gut wie gar nicht – gleichwohl vorhanden. Als er tot war, sagte der Pflegemann, der ihm den letzten Kot vom Hintern wischte: Ich tat das so gern, denn wenigstens erzählte er nicht immer dasselbe wie alle anderen. Man merkte, er sah nicht fern.

Deswegen behalte ich das bei. Und auch, weil ich des Gelabers überdrüssig bin. Social Media, wo ich mich informiere, verschonen einen ja nun leider nicht, weil alle Welt in Talkshows herumsitzt. Was sie dort reden, puh. Vermutlich im Kreis und immer dasselbe. Ich kehre wieder zu Heinrich; nein, nicht zum Toilettenstuhl. Ich kehre dahin zurück, mir einen Blick zu bewahren, den Fernseher mit ihren Talkshows schnell vermüllen.

Wie so eine Aussicht vom Balkon, vor die jemand plötzlich zehn Mülltonnen knallt. Muss halt sein; Sie wissen schon. Ihr Verständnis wird vorausgesetzt. Es verhält sich mit diesem seit Monaten zwiespältig. Ich weiß, ohne die Mülltonnen geht’s nicht. Diese Lockdowns sind notwendig, ob sie mir nun gefallen oder nicht. Aber das stinkt mir natürlich. Um im Bild zu bleiben: Ich habe Umsätze und Reserven genug, um relativ endlos Gegengerüche zu verbreiten. Duftbäumchen. Ich kann den Buchladen mit Blumen fluten und davon Bilder versenden, ich kann die Postkarten nach Jahreszeiten tauschen, ich kann immer neue Romane bestellen und den Kund:innen zugänglich machen. Vielleicht schreibe ich endlich wieder ein Buch.

Wie auch immer. Ich war schon eine Weile ganz gut digitalisiert, und die Kund:innen sind mir nun fleißig gefolgt. Die sind großartig! Danke, liebe Kund:innen, bei Facebook, Twitter, Instagram und, insbesondere, in Borgholzhausen. All diese Netzwerke funktionieren wunderbar. Zu dem, was schlecht funktioniert, möchte ich mich nicht mehr auslassen.

Aber ich möchte doch sagen: Einen schönen Gruß aus Borgholzhausen an alle Talkshow-Redaktionen dieses Landes. Was Ihr dort duldet, seit Monaten: Dieses ewige Einerlei von immer denselben Protagonisten, dieses Blabla der ganzen Figuren, die wir eigentlich wählen, damit sie arbeiten. Nicht, damit sie in Talkshows herumsitzen und anschließend ihre Kanäle mit Fernsehfotos fluten:

Das, liebe Redaktionen, ist ein astreiner Beitrag von euch zur Vermeidung von Fernsehen. Man könnte ihn fast kulturell nennen, eine aktive Leseförderung. Insofern: Dankeschön, Talkshows. Besser, die Politiker:innen sitzen bei euch als dass sie Menschen belästigen, die zum Teil unter ihrem Fuhrwerken schlimm leiden. Davon kann man nämlich wirklich böse werden.

Alles richtig gemacht?!

Die Leute bekennen einander in Ostwestfalen (und womöglich auch in anderen Provinzen), alles richtig gemacht zu haben. Das ist ein Kompliment hier. Es beinhaltet das ordnungsgemäße Verhalten gegenüber den Institutionen, ein fleißiges Schaffen mit entsprechender ökonomischer Vergütung, das unauffällige Mittun im Sozialen. „Alles richtig gemacht“ ist die zivilgesellschaftliche Formel für ein quasi-militärisches Gehorchen, nur ohne Kasernen, Soldaten oder einen Obersten. Man fügt sich von allein.

Ich muss nicht betonen, dass dieses Kompliment mir selten gilt. Und wenn doch, besorgt es mich fast. Ich bin die, wo immer was schief geht, vergessen wird, sich jemand wahnsinnig aufregt. Falschparken, laut Sprechen, unverdrossen einfach weiter machen, was man für sinnvoll hält: Alles Kategorien, für die es selten ein „alles richtig gemacht“ gibt. Und wenn doch: Zufallstreffer. Unwichtig. Wenn jemand sagt, heute, in diesem Augenblick, hast Du mir eine Freude gemacht. Mir geholfen. Dies oder das wirklich auf den Punkt gebracht: Solche Sätze wärmen mich. Dafür stehe ich morgens auf. Garantiert nicht, um alles richtig zu machen, nach wessen Maßstäben auch immer.

Etwas kürzer gefasst, geht es um Unabhängigkeit. Wer alles immer richtig macht, ist das nicht. Der oder die ist sicherlich ein angenehm zu verwaltender Zeitgenosse. Menschen, die das für sich brauchen, wenn so ein Bürgermeister oder Abgeordneter sie lobt: Diese Menschen braucht es auch. Wahrscheinlich in Summe viel mehr von denen als die Selberdenker, denn letztere sind lästig. Die nerven, die fragen nochmal nach, die sagen auch: Jetzt allmählich – Ihr spinnt! Ihr werdet nicht nur, sondern seid, als Verwaltende und Politiker, vollkommen unglaubwürdig. Ihr labert so vor euch hin, beschließt mal dies, dann das und morgen jenes.

Ihr haltet uns an der kurzen Leine, seit Monaten, mit dem Zuckerbrot namens Transfergeld-Zahlung, das dann doch noch nicht fertig ist, weil der Backofen, ach nee: Die Website. Es liegt natürlich an der Website, dass Ihr Millionen Gastronomen den dritten Monat in Folge darben lasst. Die Website! Ihr schließt uns die Läden, mitten in der umsatzstärksten Zeit; die Peitsche schwingt das Ordnungsamt. Man kann das als Einzelhändler eine Weile länger mitgehen als ein Restaurant. Bücher müssen nicht so schnell verbraucht werden wie Schnitzelfleisch. Aber dann spart euch das Gelaber über die Innenstädte. Die sind schon länger dem Tod geweiht – und nicht wegen Corona. Ihr kriegt es das x-te Jahr in Folge nicht geregelt, von den Internet-Riesen Steuern einzusammeln, euch Gedanken zu machen, wie es um die Nachhaltigkeit der Versenderei beschaffen ist. Nämlich erbärmlich, gar nicht.

Und dann steht Ihr da und wundert euch? Dass euch keiner mehr ernst nimmt? Dass die Leute denken, verdammt, diese Laberärsche. Ich wähle nicht aus Protest irgendwas Extremes; so dumm bin ich nicht. Aber dass ich euch für mehr ernst nehme als für das sehr ausgiebige Anwärmen eurer Parlamentsstühle durch Herum- und Aussitzen: Nee.

Die böse Lehre aus ungefähr einem Jahr Corona: Alles richtig zu machen, wird nicht mehr nur nicht belohnt, es wird bestraft. Selber denken war immer schon etwas aufwändiger. Aber ich glaube, das ist inzwischen die Überlebensaufgabe für jeden, der in diesem Land selbständig und nicht im Zweitjob wohlhabend ist.

Die Weite der Freiheit (und ihre Verteidigung gegen Viren aller Art)

Die Episode ist nicht neu; ich erzählte sie vielfach. Womöglich auch hier. Die Episode handelt vom Tag nach der Beerdigung meines Liebsten, der 48 Jahre älter war als ich und der mir einen Roman hinterließ, nämlich die Kleine Oma. An dem Tag also, an einem schwülwarmen Mittwoch Anfang September, fand in Borgholzhausen (9 000 Einwohner, 2 Kirchen, Supermarkt, Handyladen, Tankstelle – westdeutsche Provinz) das statt, was man unter einem Wochenmarkt versteht. Vor der Kirche die traurigen Wagen, die dann zusammenfinden: Fisch, Gemüse, Kartoffeln. Türkische Früchte und Textilien aus Vietnam. Drei Stände, selten vier. Ein paar Häuser weiter Bio-Gemüse, aber auf dem eigenen Grundstück – man spart, wo man kann. In der Buchhandlung, die es in der Nähe auch gibt (aus anderen Gründen) die jüngst durch Tod verlassene Unternehmerin von 37 Jahren. Primzahl, würde der Verblichene sagen. 37 ist eine Primzahl, und jetzt mach was draus.

Innerhalb der Buchhandlung, auf einer Chaiselongue, die beiden Klassenfeinde an den Ausläufern des Horizonts dieser Person. Eine ihrer liebsten Freundinnen links, die Haare rot wie im Klischee, den Körper gewandet in das, was in dem Milieu üblich ist. Und rechts der Papa. Er hält von vielem absolut gar nichts. Feminismus zum Beispiel. Er findet die Grünen doof, er hat was gegen Beamte, er ist auch immer noch unschlüssig, diese Buchhandlung betreffend. Andere Kinder von ihm haben Berufe, die ihm etwas sagen – technisch. Aber die anderen Kinder sind weiter weg, die kann er nicht täglich besuchen. Die anderen Kinder kennen auch keine Menschen, wenigstens nicht in der Zahl, an denen er sich reiben kann. Die Klassenfeinde! Die Brüder mit den langen Haaren und ihre Frauen, mit Henna gefärbt. Er kann sich echt aufregen, und er tut das gern. Fast sportlich. Die jetzt anwesende Lieblingsfreundin findet er besonders interessant. Nie sind sie einer Meinung, und das gefällt ihm ja beinahe. Ich darf das aber nicht weiter erzählen, denn sonst würde man womöglich bemerken, wie tolerant er ist. (Ehrenwort!)

Die Klassenfeinde trinken Filterkaffee, wechseln Satzbausteine, versuchen sich in einem Pseudo-Gefecht. Ich bemerke aber, sie fixieren mich. Sie sorgen sich, dass ich Kummer leide, dass mein Herz gebrochen sei. Das ist es nicht, denn der Liebste ist gut gestorben; geradezu glücklich war er. Ich habe jetzt keine Lust, genau dies zu bereden. Jeweils, ja. Aber nicht mit beiden gemeinsam, Mittwochmorgen bei schwüler Luft in Borgholzhausen. Dann muss ich doch heulen. Ich konzentriere mich auf den Blick durch das Fenster, auf diesen traurigen Markt.

Da ist aber nun mehr Betrieb als für gewöhnlich. Ein Stand, umlagert, von Frauen mit Verhüllung. Lange Gewänder, schwere Schleier. Reichlich Kinder mit schwarzen Köpfen. 2015 liegt kaum zurück; Deutsch spricht noch niemand von den neuen Menschen richtig gut. Ich wundere mich – die jetzt auf dem Wochenmarkt? Was gibt es denn da heute, wohl neuerdings? Die Buchhandlung verlassend, wenige Schritte weiter, entdecke ich den Goldschmied, der nun eine Frau sein wird. Sie hat es mir neulich erzählt, und ich habe sie wirklich bewundert. Es war schon nicht einfach, als heterosexuelle Intellektuelle hier Fuß zu fassen Aber immerhin aus der Gegend, nur halt komisch, da überstudiert (wie man so sagt). Eine Transperson, Donnerwetter. Und diese nun auf dem kleinen Markt, mit Schmuck, an ihrem Stand die muslimischen Frauen: Das haut mich um. Das ist der Augenblick, in dem ich merke, wie gern ich zurzeit in Deutschland bin. In einem Land, wo auf wenigen Quadratmetern dies alles nebeneinander möglich ist.

Ein bleibender Moment, ein kleines Glück am Mittwochmorgen. Ich denke daran oft, besonders in diesem Jahr. Ich halte das Virus für sehr gefährlich, aber ich war auch immer der Meinung, es müsse einzuhegen sein. So scheint es ja nun zu kommen, durch Forschung und Impfstoffe und durch viel Geld vom Staat. Ich bin weiter der Meinung, Deutschland ist weitestgehend sehr gut. Aber Deutschland ist nicht überall so frei wie ich, wie man nun da und dort bemerkt. Diese komischen Kirchen, wo sie meinen, Corona sei eine Verfügung des Allmächtigen. Diese lauten Männer, die sich anmaßen, mit ihren Geräuschen all das Feine zu gefährden, das uns anderen wichtig ist. Die frevelhafte Dummheit, der Aberglaube – sehr viel mehr gefährdet die Gesellschaft gerade als ein Virus, gegen das man sich wird impfen lassen können.

Ich war immer eine Person der Freiheit, aber selten mit solcher Überzeugung wie in diesem Jahr. Bei mir stets, wie in Bernstein abgelegt, das Bild vom Tag nach dem Tag der Beerdigung von Theodor Harder. Ein Moment der Weite und Freiheit, wie er schöner kaum zu erfinden wäre – nur auch noch echt passiert. Dafür lohnt es sich zu streiten, weit über das Virus hinaus. Das ist meine Konsequenz aus diesem Jahr.

Männer, die Gedichte* schreiben

*eine Autobiografie/einen heiteren Roman über ihre Studienzeit/ein Grundlagenwerk zu irgendwas (oder alles in eins)

Statistisch betrachtet, müssten Frauen und Männer ungefähr gleich gut begabt sein, sich literarisch zu verhalten. Nämlich in der großen Mehrheit eher nicht. Das macht nichts, denn es erscheinen sowieso zu viele Bücher. Die viel zu vielen werden aber, je ambitionierter es zugeht, immer noch weit überwiegend von Männern verfasst. Es gibt Theorien, warum das so ist, und denen will ich gar nicht widersprechen. Sie sind ziemlich logisch. Den meisten fehlt aber eine Herleitung aus praktischer Erfahrung. Dazu kann ich beitragen, und eine Menge. Fast alles davon ist, objektiv betrachtet, mehr lustig als bedrohlich. Deswegen ist es der passende Text für einen langweiligen Novemberabend.

Der Anfang liegt in einer Zeit, als man Maschine schreiben ließ. Männer sprachen auf Band, und Frauen hörten sich das an. Sie machten einen Text daraus. Ich tat das auch, denn ich konnte sehr, sehr schnell Maschine schreiben. Das zählte mehr als mein wirklich gutes Abitur. Ich hatte den Ausbildungsplatz wegen der Noten. Aber ich wurde verwendet für Maschinenschrift. Etwas über zwanzig Jahre her, man reibt sich heute die Augen. Egal. Ich verschriftlichte also Bänder von jemand, der beim Diktieren aß, rülpste, sich unterbrach, eine Geliebte anrief oder das Delikatessengeschäft. Die Texte waren ungefähr so kohärent wie heute eine WhatsApp-Sprachnachricht. Generationen von Frauen redigierten die Geräusche aus den Briefen des Lektors, eine Lebensarbeitszeit entlang. Ich war zufällig die letzte. Als ich, wiederum Jahre später, dies beiläufig erwähnte, sinngemäß: Hahaha. Wie lustig. Wenn das irgendjemand wüsste. Als ich das also sagte, durchaus freundlich, endete unser Gespräch. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Ein anderer, eine Person, die sich unbedingt auf rund eintausend Seiten zu ihrem eigenen Leben, zu einem Hergang von bewunderungswürdiger Durchschnittlichkeit (Schulbesuch, Fußballspiel, Bundeswehr, Studienabschluss, Reihenhaus, Verehelichung mit zwei Nachwüchsen, die dies artig wiederholen) verhalten musste, erwähnte auch, er habe den ersten Sohn nach dem Verzehr von Grünkohl mit Mettwurst gezeugt. Ich riet, als Textbearbeitende, diese Information doch im Interesse der Enkel privat zu halten. Die Person war nicht einverstanden. Egal. Das Buch floppte so sehr, dass es ohnehin kaum jemand zu lesen bekam. Die Person regte sich maßlos auf, mit weiteren Seiten endlos öden Gefasels. Ich dachte, Rache ist in diesem Fall nicht Blut-, sondern Mettwurst. Der Tag wird kommen, an dem ich hierüber Witze mache. Es ist Donnerstag, 19. November 2020.

Dann begab es sich, dass jemand während einer Lesung siebenmal mein Handy anrief. Eine Lesung von mir, wohlgemerkt. Es saßen etwa 90 Personen im Publikum. Jemand störte mit seinem Geklingel also echt viele Menschen. Ungehört, stellte er dann SMS des Inhalts zu, sein Ruhm als Autor sei durch mich gefährdet. Durch alles, was ich selber schreibe. Sehr bezeichnend. Dieser sogenannte Autor ist nämlich gar keiner. Er hatte mir Texte seiner lange verstorbenen Mutter überantwortet, die ich echt gut finde. Aber sie sind von ihr und nicht von ihm. Möge sie ihm von ihrer Wolke eins hinter die Ohren geben. Ich kann’s schlecht selber tun, denn ich wechselte die Handynummer. Der sogenannte Autor wandte sich, Klassiker, an Papa Bergmann. Das ist die einhundertprozentige Garantie, von uns beiden nicht länger für voll genommen zu werden. Papa Bergmann verlegt Rohre. Ich verlege Bücher. Babyeinfach zu behalten. Es sei denn, man ist so eitel, dass man sonst nichts mitbekommt.

Von Verlegerin zu Verleger erzählte ich ihm nun gerade gestern eine neue Episode aus der Umlaufbahn der Eitelkeit. Das Heimatheft. Jemand, sagte ich, also dieser jemand, dem wir Bargeld im Briefumschlag schicken mussten, weil – was weiß ich. Künstler sind mitunter so, man muss es nicht alles immer verstehen. Also dieser jemand, der alles besser kann und weiß als wir, jemand plagiiert das Heimatheft. Der Dicke?, fragte Papa Bergmann. Dicke Männer fressen einem alles weg, wenn man nicht aufpasst. Gut, meinte ich. Stimmt in dem Fall tatsächlich. Würde ich aber nicht zum Gesetz erheben. Ich würde eher von Eitelkeit sprechen, von Narzissmus womöglich. Papa Bergmann motzte sich was zurecht über studierte Fremdwörter; ein Lieblingsthema von ihm und eine andere Geschichte.

Es ging in der Sache jedenfalls um das Heimatheft. Ein Format, das ich aus guten Gründen digital verborgen halte. Darunter: Zielgruppe faxt. Und: Zielgruppe gebraucht einen Filter, der Begriffe und Ideen entfernt, die Friedrich Merz gefallen. Die Filterin schreibt diesen Text. Für die von Papa und mir jeweils sehr geliebten Heimathefte konnte der Bargeld-Künstler immer nur Hohn und Spott erübrigen. Völlig unter seinem Niveau. Und jetzt macht der das auch! Und ich stelle mir vor, wie er schon an der Silbentrennung scheitert. Wie in all den Umbrüchen, die ich über Jahre noch und noch einmal durchsehen musste. Wer Silbentrennung nicht kann (Gehör! Duden!), wird relativ sicher mit der Kernzielgruppe Heimatheft überquer kommen. Denn Duden können sie. Schreiben, na ja. Die sind aber auch die einzigen, die das von sich gar nicht erst behaupten.

Unterm Strich, in vier nahezu beliebigen Episoden: Es gibt zu viele schlechte Texte von unbegabten männlichen Autoren, weil fast keine Frau im Hintergrund sich traut, aus ihrer Werkstatt zu berichten. Und auch, weil mir in vielen Jahren rund um die Bücher so gut wie keine in ihre Zeilen übermäßig verliebte weibliche Person begegnet ist. Ich denke schon den ganzen Abend darüber nach, aber es fällt mir keine ein. Es sind einfach immer und immer und immer wieder eitle Männer, aus denen die Worte quellen wie Hackfleisch aus dem Drehwolf. Frauen (und begabte Männer) sollten ihnen deutlicher sagen: Geh doch bitte den Rasen mähen oder streiche das Gartenhaus. Das kannst Du wirklich gut. Literatur, nicht so. Das wird nichts, auch nicht mit Gewalt. Das wird nur schrill und albern und ist ästhetisch ungefähr so ansehnlich wie Gedacktes halb und halb.

Damit ist dieser Artikel erst einmal zu Ende. Ich bemerke, über Gedichte ist noch nichts gesagt. Den dazu erforderlichen Eintrag kann ich nur betrunken verfassen. Sonst schlage ich meinen Computer zu Bruch. Der Tag wird aber kommen.

Bilder von Martha

Ein letzter Text, denn literarisch ist alles gesagt, und Martha geht es gut, wo sie jetzt lebt. Sie ist der Meinung, ich sei ausgezogen. Ich hatte ein halbes Jahr so etwas wie Liebeskummer, nur schlimmer. Männern kann man alles Mögliche vorwerfen. Zum Beispiel, dass sie fremdgehen oder bescheuert sind, oder dass sie einem Frauenleben im 21. Jahrhundert mit Argumenten von Adenauer begegnen. Man kann aber einer Frau von 85 Jahren mit fortschreitender Demenz diese eben nicht zum Vorwurf machen. Es ist, wie es ist, nämlich furchtbar.

Falls Martha das auch meinte oder fühlte, hat sie es vergessen. Ich gönne es ihr, mit aller Liebe. Ich gönne ihr, dass sie jetzt rund um die Uhr versorgt wird von Menschen, die das professionell können, die von Pflege in dem eigentlichen Sinn etwas verstehen. Die die greisen Körper passend versorgen, die auch wissen, wann (gegen all meine Gedanken) Chemie nötig wird. Die es gelernt haben, medizinisch, psychologisch und was weiß ich. Was ich hier getan habe, war erweiterte Hauswirtschaft mit Vorlesen. Es war sehr schön, und es ist sieben Jahre gut gegangen. Aber wenn ich Bilder von Martha betrachte, von dieser hinreißend schönen Frau, der wilden Elfe, wie ein Freund des Hauses manchmal sagte, dann zeigen diese Fotos Veränderungen. Nicht zum Guten!

Demenz ist die Krankheit, die den Charakter stiehlt, die das Leuchten und ein jegliches Charisma zerstört. Wenn ich Fotos von Heinrich sehe, noch Tage vor seinem Tod an Krebs, dann höre ich ihn reden, weiß, was er sagte, wie er küsste. Bei Martha muss ich lange zurück, um Jahre. Sie wird auf meinen ungefähr 3000 Handyfotos nicht weniger schön. Aber sie verschwindet. Was ich mit Martha persönlich zu klären habe, beruht auf unseren Vereinbarungen, als sie noch konnte, wusste, wollte. Das gilt für mich, und da sie eine wirklich zähe Pflanze ist, haben wir diesen Vertrag miteinander bestimmt noch ein paar Jahre. Niemals, das steht darin auch, würde Martha wollen, dass man sie jetzt sieht. Ich finde sie, wie gesagt, immer noch bildschön. Aber ich weiß, sie selbst wäre anderer Meinung.

Bilder von Martha kommen mir jetzt in den Sinn, wenn in den sozialen Netzwerken Fotos auftauchen, die entsetzte Angehörige versenden. Sie stellen leere, entseelte Gesichter zur Schau. Es solle, sagen die Angehörigen, an Corona liegen, an der Isolation, an schlechter Pflege. Sie lassen alles aus sich heraus, was ihnen auf der Seele ist. Der eigenen Einsamkeit wegen, ihrer Existenzangst, des Trübsinns infolge November. Das ist legitim. Aber es hat mit der Demenz nichts zu tun. Die zieht in den Gesichtern ihre Kreise, und wenn die Patienten so aussehen, wie es irgendwann kommt: Spätestens an der Stelle bedarf es professioneller Pflege. Die Leute, die das tun, sind Helden. Sind sie immer, aber natürlich x-mal mehr in einem Jahr wie diesem. Sie brauchen bestimmt mehr Geld (wer nicht), und sie können sich von den rhetorischen Girlanden aus Politik und Zeitgeschehen sowieso nichts kaufen. Ich habe nach all den Jahren allerdings nicht den Eindruck, dass es sie wahnsinnig stört. Jeder Beruf hat seine Schattenseiten.

Aber dass für Mitarbeiter*innen in der Pflege quengelnde Angehörige gerade jetzt überflüssig sind wie Warzen an der Nase, wie ein entzündeter Fußnagel oder die Seuche an sich: Ich dachte, das sei nun wirklich selbsterklärend. Wie ich aber anhand der Gruselfotos da und dort begreife, versteht es sich eben nicht von selbst. Deswegen, von Martha und von mir, von uns beiden hier (und dem Heinrich auf seiner Wolke): Lasst das sein! Lasst die Pflegenden ihre Arbeit tun und prostituiert euch nicht mit Fotos euer demenzkranken Freunde und Verwandten!

Danke.