10 Wahrheiten für selbständige Frauen in Ostwestfalen – nebst 11b mit Sternchen

Erstens, Du bist komisch. Irgendwas ist an dir komisch. Sonst würdest Du nicht so ein Risiko eingehen. Oder Du bist heimlich gut verheiratet. Dann bist Du nicht komisch. Aber dann ist das ungerecht. Daraus folgt:

Zweitens: Wenn Du Erfolg hast, ist das Zufall. Zufälle sind ungerecht. Oder Du bist gut verheiratet, dann ist das vielleicht kein Zufall und auch nicht ungerecht. Aber dann bist Du auf jeden Fall komisch, denn Du musst ja gar nicht arbeiten. Daraus folgt:

Drittens: Du bist eindeutig komisch. Wahrscheinlich hast Du studiert. Davon wird man komisch. Es ist unlogisch, warum Du nicht wenigstens mit diesem Abitur zufrieden warst. Das hat schon Geld genug gekostet. Das ist, tja. Das zeugt von einigem Selbstbewusstsein. Das finden wir nicht gut. Daraus folgt:

Viertens: Du bist ganz schön selbstbewusst. Das verstehen wir nicht. Das ist für Frauen nicht vorgesehen. Aber wir bringen dir das schon bei. Mädchen. Und wenn Du jetzt sagst, mein Name ist nicht Mädchen. Dann sagen wir dir das so lange, bis Du es verstanden hast. Du Mädchen, Mädchen, Mädchen. Du weinst immer noch nicht? Das kann nur einen Grund haben, nämlich:

Fünftens: Du bist Feministin! Du hast ja wohl ne absolute Vollmeise! Es reicht, dass Frauen Auto fahren. Aber das reicht auch wirklich. Und dann kommst Du und wäscht Dein Auto nicht. Dabei ist das ein Wertgegenstand. Und ich will nicht wissen, wie das bei dir zu Hause aussieht. Selbstbewusste Frauen sind studiert, also feministisch, also Schlampen. Daraus folgt:

Sechstens: Eine Schlampe ist eine Schlampe ist eine Schlampe. Das ist wie früher mit den Hexen. Wir würden dich nicht direkt verbrennen. Wir haben unsere modernen Methoden. Mädchen. Du blödes Mädchen. Als da wären:

Siebtens: Stören, nerven, lärmen. Zerrütten. Wir zerrütten dich. Du kannst das glauben, wir haben schon ganz andere klein gekriegt. Wir erzählen was rum, und wir kennen ja Deinen Vater, und wenn der wüsste. Der versteht nämlich was von Ehre. Wie wir. Ehrenmänner. Unter Ehrenmännern ist das mit dem Datenschutz natürlich Ehrensache. Das regeln wir schon unter uns. Das merkst Du dann, Du Mädchen. Zum Beispiel, wenn:

Achtens: Plötzlich irgendwelche Leute Deine Handynummer haben. Sonntagnachmittag. Und dich anrufen wegen Tüdelütt. Was, Du hast frei? Du spinnst wohl, Du faules Mädchen. Ich bring dir das Arbeiten noch bei. Madame. Und glaub doch nicht, wir geben auf. Acht Jahre? Ein Pups, ein Fürzchen, ein Windhauch in der Geschichte unserer Männerwirtschaft. Wir kriegen dich klein, Du Mädchen, denn:

Neuntens: Wir halten zusammen. Du kannst eventuell bei uns mitmachen, aber dafür bist Du eigentlich zu schlau. Und studiert. Und Du kennst überall Leute. Das ist gefährlich. Vor allem dieses Internet. Unübersichtlich. Wir lehnen das total ab, denn:

Zehntens: Wir bleiben unter uns. Du Mädchen. Da kuckst Du blöd, Du studiertes Schlampenmädchen, das doch ernsthaft meint, es könne selbständig sein. Du heulst immer noch nicht, obwohl wir dich jetzt völlig zerrüttet haben? Das kann nur einen Grund haben:

Elftens: Du kennst diese schreckliche Buchhändlerin. Deren Texte im Schnitt dreitausend Mal gelesen werden. Die sich eine Öffentlichkeit erschrieben hat, die – tja. Die sie all den Frauen zur Verfügung stellt, die selbständig sein wollen, sollen, können. Noch in dem hinterletzten Pfaffenwinkel irgendwo in Ostwestfalen. Und die gute Nachricht lautet:

Elf B mit Sternchen: Wenn Du die blöden Kerle aushältst, hast Du Nerven. Und die brauchst Du in der Selbständigkeit. Jeden Tag, immer. Du wirst das schaffen. Eindeutig. Ich gratuliere dir.

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Familienbetrieb

Als ich achtzehn war, wollte ich in einer großen Stadt in einem Büro mit Computer arbeiten. Ich wollte mit dem Fahrstuhl nach oben fahren und fast in den Wolken von Frankfurt oder Berlin oder New York sitzen, Telefonate führen und Faxe verschicken. Ich stellte mir das sehr lässig vor – und weit weg von Ostwestfalen. Mein Heimatbild hatte mit Bushaltestellen zu tun, mit Anoraks, die man von September bis Mai bewohnen musste, mit stabilen Schnürschuhen, Butterbrotdosen, Langeweile. Unnötig zu sagen, dass ich Lebensformen strikt ablehnte, die mit Familie zu tun hatten. Großfamiliengeschwisterkinder sind wohl so.

Als ich fünfundzwanzig war, hatte sich das kaum geändert. Es gab inzwischen E-Mails, die gefielen mir noch besser als Faxe. Ich war im Ausland gewesen und fand an Deutschland vieles prima. Zum Beispiel, dass es Bushaltestellen gibt. Und eine Müllabfuhr und das BaföG-Amt und einiges mehr, das man als Ostwestfalenkind für selbstverständlich hält. Nur die Mode war überall anders besser. No more Anoraks. Ich ruinierte viele schöne Schuhe, weil sie für das Berliner Straßenpflaster ungeeignet waren. Aber ich fand jetzt meine Geschwister in Ordnung. Erstmal sind sie nicht langweilig. Und zweitens immerhin zu dritt, sodass ich nicht mehr Elternaufmerksamkeit bekam als von mir vorgesehen. Nämlich wenig.

Jetzt bin ich achtunddreißig. Es hat sich so ergeben, dass ich in der Nähe meiner Fluchtbushaltestelle arbeite. Seit fast acht Jahren, und ich bin da immer noch. Ich könnte sogar im Auto türmen, aber es ist nicht mehr nötig. Ich fahre mittags oft nach Hause und esse Eintopf oder Spiegeleier. Ich trage stabile Schnürschuhe, wenn auch weiter keine Anoraks. Und ich bin ständig mit Familienmitgliedern beschäftigt, die ich feiern, pflegen oder unterhalten muss. Es ist kein bisschen so, wie ich mir das mit achtzehn vorgestellt hatte. Aber sehr schön. Und ab November auch noch mit meiner Mutter hier in der Buchhandlung. Sie ist jetzt Rentnerin, und wir dachten: Warum weiter mit den Betreuungs- und Seelenfisimatenten von Aushilfen beschäftigen? Mama kennt mich schon immer, mit allen Girlanden, und deswegen nimmt sie den Arbeitsplatz an meiner Seite ein. Ich bin darüber ausgesprochen gut gelaunt.

Absagen

Neulich war ich eingeladen, so halb offiziell. Schon irgendwie privat, als die Person, die abends um zwanzig vor neun durch den Edeka rennt. Aber irgendwie auch nicht, weil alle anderen mal wissen wollten, wie ich wirklich bin. Ich dachte erst, das ist ja nett. Aber es hing mir nach. Wie, wirklich? Ich bin nie unwirklich. Ich bin immer 38, ohne Kinder und mit kleiner Oma. Immer studiert und immer mit Meinung und immer noch mit ein paar Schulden – wenn auch nicht mehr soviel wie damals, als mich keiner kennen wollte. Wie, wirklich? Ja, meinten die Leute. Wir reden manchmal, in unserem Verein. Wir sagen uns, ach, dieses Bücherlädchen. Wenn man seinen Traum verwirklicht, dann lebt man ansonsten sicher gern bescheiden. Also, wir finden das gut, wie Sie leben. Deswegen hatten wir Sie jetzt mal eingeladen. Wir wollten eben wissen, wie Sie wirklich sind.

Gut, dachte ich. Jetzt hab ich das verstanden. Ihr habt ein Bild von mir. Das Büchermädchen aus dem Bücherlädchen. Das ist nicht mein Lieblingsimage, aber eins, das funktioniert. Es hat sich verselbständigt, es ist eine behagliche Fantasie für verschiedene Personen, und es tut mir auch nicht weh. Meinetwegen. Aber dann ladet Samstagabend jemand ein, der euch das Büchermädchen gibt. Ich tu das nicht. Wirklich nicht. Denn wirklich:

Ich arbeite an sechs Tagen, sehr gern und sehr viel. Aber wenn ich nicht arbeite, bin ich privat. Nicht halb und semi und im Verein und x oder y. Ich bin tatsächlich privat und sitze auf dem Sofa und schaue in die Luft und besuche meine Eltern und schwatze mit der kleinen Oma und – was auch immer. Es ist meins, es ist egal, es interessiert mich nicht die Bohne, ob jemand dazu eine Meinung hat. Egal, wie freundlich. Egal, wie gut gemeint. Privat ist privat ist privat, und deswegen habe ich diese Einladung abgelehnt. Ich habe gesagt, schönen Dank, sehr nett. Aber außerhalb meiner Geschäftsräume bin ich privat und stehe nicht zu Ihrer Verfügung.

 

Frauenbilder

Es ist ja gerade Wahlkampf, und die Partei, die hier in der Gegend meist gewinnt, hat Frauen aufgehängt. Frauen in meinem Alter. Und Frauen, die auch gut ausgebildet sind. Übrigens freundliche Frauen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber sie sehen aus, als kämen wir zurecht. Und wir sind ziemlich sicher darin einig, dass wir die Frau nicht mögen, die bei der AfD ganz oben steht. Die ist auch ungefähr so alt wie wir, ebenfalls gut ausgebildet – und sie hat auch hier in Ostwestfalen Abitur gemacht.

Andersherum: Eine nach links tendierende, aber insgesamt ausgewogene Gesellschaft hat diese kalte, ganz auf sich bezogene Person hervorgebracht, die jetzt die Stimmen derer fängt, die sich fürchten. Ich schreibe extra nicht – die am rechten Rand fischt. Das glaub ich nämlich nicht. Es gibt rechte Spinner zwischen viel roter NRW-Folklore und etwas bürgerlichem Grün, das ja. Aber die gab es immer, die schwenken ihre Fahnen. Die wählt man nicht.

Man wählt aber Personen, die Ängste bedienen. Die von Überfremdung sprechen und sich der ordinären Bildersprache eines früher gelobten Romanautors bedienen. Als Buchhändlerin konnte ich mir Thor Kunkel vom Hals halten. Ich konnte sagen – der ist ekelhaft. Ich finde seine Schreibe weder radikal schick noch poetisch wagemutig oder sonstwie ästhetisch zu entschuldigen. Ich finde ihn geschmacklos. Narzissmus mit Fäkalien durcheinander. Stinkt.

Als Wählerin, als Frau im Alter dieser ganzen Frauen: Komme ich an Thor Kunkel nicht vorbei. Auch nicht an seinem Auftraggeber, an der Mundgeruchspartei. Es klingt schal und hohl und abgestanden, was sie reden. Es klingt so, dass man denkt: Bitte, gründet einen Klub. Fahrt mit euren Geländeautos herum, spielt Golf, sortiert die Perlen und den restlichen pseudobürgerlichen Kitsch. Wir sind eine freie Gesellschaft, wir tolerieren Personen mit Geschmacksproblem. Aber wir tolerieren bestimmt nicht, dass ihr unsere Freiheit missversteht. Ich bin mir sicher, dass ich mit den freundlichen Frauen auf den Wahlplakaten darin einer Meinung bin.

Ich wähle sie aber nicht. Die Wahlversprechen der freundlichen Frauen lauten: Kindergartenplätze, Elterngeld, mehr Geld, anderes Geld. Sie möchten Angst mit Transfergeld kurieren. Das ist nett von ihnen, aber es hilft nicht. Wer die Angstmacher wählt, befürchtet, in der globalisierten Arbeitswelt unter die Räder zu kommen. Hat Angst, dass die Glücksversprechen früherer Generationen nicht mehr gelten. Geh arbeiten, sei fügsam, baue ein Reihenhaus mit Garten und engagiere dich im Schwimmverein. Es funktioniert kaum noch. Aber das liegt nicht an Fremd- und Leiharbeitern, an ein paar Flüchtlingen oder an Christian Lindner im Unterhemd.

Ich meine, die Angst kommt von Latenz, von einem diffusen Unbehagen. Keiner sagt dir in diesem Wahlkampf, so geht das hier nicht weiter – mit dem umlagefinanzierten Rentensystem aus Adenauers Zeiten. Absoluter Wahnsinn, demografisch unmöglich. So geht das auch nicht weiter, die Verlagerung privater Verwerfungen in Transfergeldbürokratie. So geht das nicht weiter, mehr und mehr Kompetenz an eine Institution namens „Staat“ zu verschieben. Verwaltung ist gut und schön und sinnvoll. Aber Verwaltung ist kein Selbstzweck. Genauso die Bürokratisierung von Bildung. Bildung ist nicht: Zettel sammeln, Abschlüsse zurechtbasteln und notfalls einklagen. Bildung ist Freiheit. Die Möglichkeiten und die Freiheit zu erhalten, Meinung, Position und Weltanschauung zu entfalten.

Die freundlichen Frauen von der SPD, die Angstfrau mit den Perlen und ich, die Tochter des Freigeists: Wir hatten die großzügige und vielgestaltige Ausbildung der achtziger und neunziger Jahre. Wir hatten es wirklich sehr gut, und deswegen gehört es sich, dafür zu sorgen, dass junge Leute heute auch ihre Chance bekommen. Angst ist keine Chance. Angst ist etwas, das Thor Kunkel gefällt, denn der verdient damit sein Geld.

Grubenponys (Literaturvermittlung, Selbstbilder)

Es muss ja heute keiner mehr in eine Buchhandlung gehen. Amazon hat sowieso alles, und bei Thalia oder im nächsten größeren Bahnhof liegt zumindest die gängige Belletristik im Stapel aus. Das Geschäftsmodell steht insgesamt zur Diskussion. Was ist das heute, eine Sortimentsbuchhandlung? Ein freundlicher Kramladen für schöne Artikel, darunter auch Bücher? Eine Anlaufstelle für alle, die sowieso des Weges kommen – als Schulkind, Rollator-Omi, Wanderer oder Flaneur? Wobei, Flaneur: Das ist eine soziale Figur aus Großstadtromanen, das ist keiner, der in westdeutschen  Fußgängerzonen herumläuft. Das schließt sich ästhetisch aus. So ein Flaneur, wenn es ihn hier gäbe: Klar, der würde mit mir ein literarisches Kleincolloquium bestreiten. Die Feuilletons des Tages, FAZ, Süddeutsche, am Donnerstag Die Zeit. Der Flaneur würde sich freuen, dass ich zu Bobrowskis Briefen eine Meinung habe, dass ich Nipperdeys Geschichtsschreibung den Wehlers und Winklers der historischen Zunft vorziehe. Der Flaneur hätte Vergnügen an Jaspers und Löwith, die hinter mir an der Kasse stehen.

Aber weder die Jaspers-Korrespondenz noch der kundig edierte Austausch von Karl Löwith und Martin Heidegger haben ihr Publikum in einer kleinstädtischen Sortimentsbuchhandlung. Diese Bücher stehen hier, weil ich sie interessant finde. Und weil ich sie gekauft habe – für mich. Falls ein Flaneur beschriebener Art durch Borgholzhausen schlendert, kauft er ein Buch aus meinem Privatvorrat. Dann freue ich mich. Das sind etwa 500 Euro Umsatz im Jahr. Der Rest der intellektuellen Bücherschau ist mein persönliches Vergnügen. Ich lebe, wie vermutlich 99,75 Prozent der selbständigen Buchhändler, von Liebes- und Kriminalromanen, von Wanderkarten, Sprüchebüchern. Ich kann zu diesen Artikeln etwas sagen, das sich von Sternchen bei Amazon oder einer Stapelhöhe im Kettenladen unterscheidet. Ich kann inhaltliche Argumente anführen, kann berichten, dieser Roman ist handlungsarm, aber sprachlich komplex. Oder: Da passiert ne Menge, das macht Spaß. Ich kann, weil ich Kunden wie Ware kenne, ganz gut übersehen, welches Buch zu wem gehört. Das ist aber keine intellektuelle, gar eine preiswürdige Kompetenz. Das ist Routine.

Und die Literaturvermittlung? Mein Schaffen im Weinberg des Werbens um den kulturellen Mehrwert meiner Stadt? Ich weiß es nicht. Kunden meinen, ich sei beflissen in der Vermittlung höherer Werte. Ich meine, was ich verkaufe, entspricht meistens nicht den Kriterien von Literatur im akademischen oder auch nur feuilletonistischen Sinn. Ich verkaufe sehr viel Unterhaltung und gehobene Belletristik, mitunter historische Sachbücher oder einen politischen Essay. Das ist mein Job. Das ist keine Selbstverwirklichung, kein Hobby, aber auch kein kultureller Wert, für den ich mir ein Etikett an die Jacke stecken müsste. 173 Freiexemplare aus Konzernverlagspaketen durchgelesen. 69 Texte namens Besprechung verfasst, zusätzlich validiert durch händische Erledigung (Breitfeder-Füllhalter!) und großzügige Beimischung von Gefühlsattributen (warmherzig, liebenswert, anrührend, sehr ergreifend). 57 Schaufenstergestaltungen, eindeutig nicht vom Dekorateur (Pappplakat, Tischdecken aus Omas Vorrat). Man kann das alles machen, man kann sich der Bastelei hingeben, stationär wie digital. So entstehen schein-originelle Sortimentsbuchhandlungen, Bücherblogs mit Kaffeetassen und auf farbigem Kopierpapier gedruckte Lesetipps. Wie gesagt, man kann das alles tun. Schadet keinem, weil es die allermeisten Leute sowieso nicht interessiert. Aber man soll nicht meinen, dass man dafür Preise bekommt. Als ob Sortimentsbuchhandlungen untereinander funktionieren wie die Bundesjugendspiele. Irgendeine Urkunde kriegt jeder, irgendwann. Notfalls das Fleißkärtchen für akribisch durchgeführte Mittelmäßigkeit.

Der Eindruck, jeder müsste Preise bekommen, habe gar ein Recht darauf: Das ist selbstbezüglicher Unsinn von Personen, die sich in die Tasche lügen, Umsatzrückgänge seien fremdverschuldet. Amazon, Internet, Globalisierung. Das Grubenpony ist irgendwann durch Maschinen ersetzt worden. Und ich muss kein Tierschützer sein, um das für einen guten Fortschritt zu halten.

Worlds apart oder: Das Internet als solches

Es ist hier immer mal die Rede vom digitalen Anschlussbedarf. Netze ausbauen, Zugänge schaffen, sich dem Thema stellen. Furchtlos dieser Herausforderung entgegentreten. Entschlossenheit und Maßnahmen sind gefragt. Aufklärung!

Beschäftigen Sie sich mal mit diesem Internet, Frau Bergmann. Es ist wichtig. Es ist im Moment Vierpunktnull. Internet Vierpunktnull, die ganze Welt spricht schon davon.

– Welche Welt?

Na ja, die Unternehmer. Sie wissen schon, die aus der freien Wirtschaft. Vierpunktnull.

– Und was ich hier mache, das ist keine Wirtschaft? Unfreie Wirtschaft?

Kultur ist das, Frau Bergmann. Sie sind ja so eine sogenannte Kreative. Wobei, das fällt mir gerade ein. Die sind ja viel in diesem Internet. Wie nennt sich das bei Ihnen?

– Vierpunktnull?

Sie nehmen mich nicht ernst, ich merke das.

– Gleichfalls.

Hm. Nein, das kann man so nicht sagen. Sie müssen auch mal meinen Standpunkt verstehen. Ich geb mir hier wirklich alle Mühe. Und Sie machen sich darüber lustig. Öffentlich.

– Allenfalls im Internet.

Dann will ich mal nicht so sein. Zurück zum Thema. Sie müssen sich, wie ich mehrfach sagte, unbedingt mit diesem Internet beschäftigen. Das ist die Zukunft. Sie mit Ihrem Einzelhandel, ich würde weinen, wenn ich Sie wäre.

– Sind Sie ja nicht.

Jetzt geht das schon wieder los. Ich will mich hier wirklich mit Ihnen unterhalten, ernsthaft. Und Sie tun so, als hätten Sie schon Ahnung von diesem Internet.

– Ich kenn mich in der digitalen Öffentlichkeit ganz gut aus.

Ja. Sie klüngeln immer mit dem Haller Kreisblatt rum. Was die alles über Sie berichten. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

– Das hat was mit dem Internet zu tun. Die nutzen das dort auch.

Ist nicht wahr. Wewewe Haller Kreisblatt?

– Nö, eher Social Media. Die sind zum Beispiel auf Facebook unterwegs, neuerdings auch bei Instagram. Und gar nicht schlecht, wenn ich das sagen darf. Irgendwer hat sich da sinnvolle Gedanken gemacht.

Frau Bergmann. Bleiben Sie bei der Sache. Wie waren beim Internet gewesen, und jetzt kommen Sie schon wieder mit was anderem. Social Media, hahaha. Ich nenn das Fatzebook. Wer da seine Zeit verplempert, der hat doch den Schuss nicht gehört. Der hat zuviel Zeit. Ihr habt alle zuviel Zeit, Ihr Kulturellen. Sie und diese Lokalreporter.

– Ich müsste jetzt dringend schreiben.

Für dieses Internet? Hahaha, nee, bestimmt für das Haller Kreisblatt. Sie schreiben Ihre eigene Werbung. Ich hab Sie durchschaut.

– Nö. Für ein Printmagazin, bei den Buchhändlern. Das Internet als Selbstverständlichkeit. Ich erkläre, warum ich meine, Internet funktioniert für Einzelhändler und überhaupt für Unternehmer intuitiv – oder gar nicht. Internet funktioniert nur, wenn man es als Teil der Realität akzeptiert. Dann bietet es faire Chancen, auch für kleine Unternehmer in der Provinz. Die Investitionen für Sichtbarkeit im Netz sind nämlich in Geldbeträgen überschaubar. Man kann seine Ideen selbst umsetzen, indem man Zeit investiert. Die kostet erstmal nichts. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss morgen 3 000 Zeichen abliefern. Dann reden wir weiter.

Immer diese kulturellen Kreativen. Ich lass Sie mal in Ruhe. Aber nicht, dass das wieder heißt, Sie seien nicht dabei gewesen. Man habe Sie nicht gefragt. Vierpunktnull. Ich sag nur, Vierpunktnull. Bis die Tage, Frau Kollegin.

 

 

 

 

Glitzermütze

Vierter Adventssamstag. Ich kam nach Hause, es war früher Nachmittag, und sie hatten schon dreimal angerufen.

Wo bleibst Du denn? Wir müssen Geschenke kaufen!

– Seid froh, dass der Buchladen nur bis mittags geöffnet hat. Überall anders ist langer Samstag.

Mittags ist ewig vorbei. Und wir müssen jetzt wirklich Geschenke kaufen. Dringend!

Wir, das bedeutete: Personen in diesem Haushalt. Einzelne von uns, zwei, manchmal alle drei. Aber eher er und ich. Sie blieb daheim.

Seid mir nicht böse, sagte sie. Ich hab soviel zu tun. Ich würde sehr gern mitfahren, aber die Arbeit hält mich auf. Ich kann das nicht verantworten.

Mitunter dachte ich, Schabernack. Sie spricht mir nach, um mich zu ärgern. Arbeit, die einen aufhält, das ist doch Floskeldeutsch. Aber für sie: Schützende Arbeit. Die man vorschützt, um zu Hause zu bleiben. Weil man da geborgen ist, sicher. Bewahrt vor schrägen Blicken, wenn man die Zeiten durcheinander wirft. Bewahrt, weil man sich bei der Speisekarte helfen lässt.

Ich bestelle, was Du nimmst. Du hast einen guten Geschmack.

– Ok. Ich bring dir Käsekuchen mit.

Prima. Und überschlagt euch nicht. Ich habe viel zu tun.

Wir kauften reichlich Geschenke an diesem vierten Advent, Geschenke für alle, die wir mochten. Bunte Tücher, schöne Becher. Ich kaufte für meine Mutter eine Filzstola und für die kleine Nichte eine Krippe aus Holz. Ich suchte für ihn eine Brille aus – helles Blau, Eisblau, es passte genau zu seinen Augen. Und für sie kauften wir eine Glitzermütze. Weiche Wolle, innen Fleece. Durchwirkt von Silberfäden. Sie würde leuchten, wenn sie im Dunkeln durch die Felder ging. Sie wäre sichtbar, und ich hätte diese Sorge los.

– Gib es ihr nicht sofort, das Päckchen. Lass es erstmal liegen. Sie muss sich dran gewöhnen.

Ich will ihr das aber sofort geben, sagte er. Sie muss heute Abend beschützt werden. Auf der Stelle. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Er sauste an mir vorbei, die Einfahrt herunter ins Haus hinein. Ich musste den Kofferraum leerräumen, die Tüten aufnehmen. Ich folgte ihm ein paar Minuten später.

Am Küchentisch die Szene, die ich hatte vermeiden wollen. Sie in großer Freude, oh, schönes Papier. Ein Aufkleber. Und Schleifchen. Er mit der Glitzermütze auf dem Kopf. Hässlich, hatte sie gesagt. Natürlich sehr hässlich. Setz die selber auf, die hässliche, komische Mütze. Aber schönes Papier. Das verwahre ich.

– Sie wird die Mütze lieben, sagte ich. In zwei, drei Tagen. Nach Annäherung.

Und dachte, nach zweiundvierzig Jahren könntest Du durchschauen, dass sie mit dir spielt. Glaub doch nicht, dass sie auf Knopfdruck reagiert. Aber er war schon davon gegangen, er spielte Weihnachtslieder am Klavier. Sie faltete das Papier, legte die Schleife beiseite und stellte sich daneben.

Schön, sagte sie. Ich habe einen erlesenen Geschmack. Sonst hätte ich dir nicht so eine schöne Mütze ausgesucht. Er seufzte und spielte. Ich schickte ein stilles Gebet. Liebes Christkind. Lass es bitte so bleiben. Noch viele Jahre.

Achteinhalb Monate später war er tot. An Krebs gestorben. Wenn das gehen mag, einigermaßen undramatisch. Die Glitzermütze hatte uns begleitet. Sie störte Röntgenaufnahmen, behinderte die Kernspintomographie. Glitzer, glitzer. Sie war im Krankenhaus dabei, im Hochsommer. Meistens auf dem Kopf, nie außer Reichweite. Das musste so sein. Sie braucht das, sagte er. Vertrau ihr, dass sie sich zu verstehen gibt.

– Hier, Herr Doktor. Sehr schöne Mütze. Ich hab die für ihn ausgesucht. Ich hatte schon immer einen guten Geschmack. Auch bei Männern.

Lass sie, sagte er. Lass sie glitzern, über meinen Tod hinaus. Sie hat das Recht, anständig behandelt zu werden.

– Und mit Glitzer!

Sie hat ihm die Glitzermütze in den Sarg gelegt. Sie hat dem Totengräber gesagt, junger Mann, die Mütze muss mit. Aber ich bleibe hier. Ich hab noch was zu tun.

Heute fragt sie mich manchmal:

– Du. Könnten wir wohl bei diesem Friedhof vorbeifahren? Ich wollte überprüfen, ob man die Glitzermütze sieht.

Ja, sage ich. Ich meine, in Vollmondnächten kurz nach zwei Uhr morgens glitzert sie.

– Ok. Das beruhigt mich. Ich schreibe mir das auf.

Sie nimmt ein Notizbuch, sucht den Schminkstift, befeuchtet ihn mit Spucke, schreibt:

Prüfen, ob erledigt. Und setzt ein Häkchen dran.

– Wir haben das gut gemacht, wir beide. Komm, wir essen Käsekuchen.

Wenn es schöne Trauer gibt, dann wohl die mit Käsekuchen. In dem Wissen, dass sie weiter glitzert. Und dass er weiß, sie kommt zu ihrem Recht. Sie wird anständig behandelt. Nicht von allen, beileibe nicht. Aber von mir und denen, die auch finden, Glitzer muss man haben. In jedem Lebensalter.