Grenzen, Abstand

Es ist schon ein paar Wochen her, da stellten sich zwei Leute vor: Wir sind ein nettes junges Paar. Ok, sagte ich, und Ihr Traum ist ein Häuschen auf dem Land, wo Sie als Selbstversorger Ziegen züchten. – Ja, freute sich die Frau. Woher weißt Du das? Weil, sagte ich, Sie nicht die ersten sind. Nicht das erste nette junge Paar, nicht der erste von Liebesromanen beflügelte Teenager, nicht die erste Hausfrau, die sich wirklich sehr gut vorstellen kann, mir unter die Arme zu greifen in ihrer warmherzigen Art.

Der Mann begriff schneller: Sie ist wirklich so, sagte er zu seiner netten jungen Frau. Sie ist, wie die Leute sagen. Und sie: Lass uns beim Du bleiben, wir sind doch alle nette junge Leute. Ich sagte, nö. Wir kennen uns nicht näher. Und ich bin fast vierzig Jahre alt. Sie machte den Mund auf und wieder zu. Er sagte, hm, tut mir Leid. War echt nicht so gemeint. Aber können wir das Gartenhaus nun mieten oder nicht? Ich habe stumm zur Tür gewiesen. Sie gingen dann.

Ich fand das sogenannte nette junge Paar weder schlimm noch ungewöhnlich. Sie sind typisch für ein Phänomen, das mich seit Längerem beschäftigt. Es geht da um Grenzen, wobei das unnötig martialisch klingt. Also umgetauft zu Abstand. Abstand zwischen bisher Unbekannten, ein normaler, gesellschaftlich eingeübter Abstand. Man trifft sich, man redet, man kann miteinander oder nicht. Abstände können schnell kleiner werden, man kann sie aufheben. Aber das funktioniert nur wechselseitig. Beide Personen oder Gruppen müssen einverstanden sein.

Ich habe mir solche Begebenheiten eine Weile schön geredet als etwas Provinzielles. Distanzlosigkeit als Kennzeichen des ländlichen Lebens. Aber das ist es nicht. Die Landleute sind direkt. Direkt herzlich, direkt wütend, direkt geradeaus. Die Landleute benutzen einen nur nicht, sie instrumentalisieren keine Dritten. Dann liegt das am Internet, sagt meine Mutter. Du bist zuviel im Internet, ganz klar. Nein. Was ich im Internet tue, mit wem ich dort welchen Kontakt habe, kann ich steuern. Es ist wirklich ein Echtleben-Problem; tut mir Leid für alle Digitalapokalyptiker und anderen Verschwörungsfreunde. Denn das Problem ist eigentlich keins. Sämtliche Fragen von Abstand und Distanz, von gefühltem Recht und vermeintlichem Selbstverständnis, die süß gekleisterten Schamlosigkeiten im Berufsalltag, all das lässt sich mit einem Wort zusammenfassen. Es lautet:

Peinlich.

Advertisements

Plus Fahrer (Meine Oma)

Eine Schachtel mit Briefen in der Schublade. Ganz hinten, dritte Reihe, nach aktueller Wäsche und Wäsche, die man nochmal anzieht, irgendwann. Also die Schachtel aus Blech mit eingelassenem Rautenmuster. Meine Oma ist lange tot, 30 Jahre diesen Herbst, also kann das keine Retro-Schachtel sein. Darin verwahrt sind Einladungskarten zu Bauernhochzeiten. Zu den Hochzeiten von Eltern meiner Sandkastenfreunde. Großes Fest auf der Deele, Einladung für Frau Bergmann plus Fahrer. Plus als Kreuzchen, nicht ausgeschrieben. Fotos liegen dabei, die erinnere ich vom Anschauen, als wäre ich dabei gewesen. Aber ich war ja noch nicht geboren, denn sonst stünde mein Vater auf diesen Fotos nicht im Hintergrund herum. Viele junge Paare, wenige ältere Paare, viele alte Einzelfrauen, die die Haare zum Knoten tragen und über ihren mächtigen Körpern Zelte aus buntem Stoff. Sie sehen ähnlich aus, auch von der Form.

Ach ja, diese fleischfarbenen Dinger. Korselett. Die hatten alle Korseletts an und waren eben zusammengeschnürt. Das wellige Fleisch, die alten Knochen – verstaut. Und zu jeder alten Einzelfrau ein junger Mann. Man kann das durchzählen, es geht immer auf. Junge Paare, alte Paare, alte Einzelfrauen und junge Männer, mit Bierflasche. Es war so gedacht, erfuhr ich später, dass die Einzelfrauen eben nicht allein auf eine Hochzeit gehen mussten. Das wäre doch traurig gewesen, all die Jahre. Sie waren mindestens zehn Jahre Witwe, manche 15 oder 20. Meine Oma war vierzehn Jahre Witwe, sie war also vierzehn Jahre plus Fahrer unterwegs. Der Fahrer hat irgendwann meine Mutter geheiratet. Es ist nicht überliefert, ob das an Fahrten zu Bauernhochzeiten liegt. Dagegen spricht, dass sie nicht vom Hof ist, wie man so sagt. Sie hatte auf Bauernhochzeiten qua Status nichts zu suchen. Dafür spricht, dass das eine schöne Geschichte wäre.

Und die Geschichte ist ja auch abstrakt schön. Sie lautet nämlich: Die Bedürfnisse älterer Menschen (Mobilität, Geselligkeit) haben für jüngere Menschen einen Nebennutzen. Nicht immer nur Brautschau, obwohl meine Oma diesen Aspekt sehr gern aufgegriffen hat. Die Plus Fahrer-Ehen haben alle gehalten – zumindest, solange sie lebte. Und die Plus Fahrer-Ehen sind kinderreich – wie sich das gehört, in dem Milieu, bei diesen Leuten. Die Kehrseite ist enthalten, sie heißt natürlich: Wo sind die jungen Frauen? Wieso gab es nicht eine einzige Einladung plus Fahrerin? Oder meinetwegen neutral, plus Fahrer/in? So wurde nicht gedacht. Genauso wenig interessierte man sich dafür, ob die jungen Frauen der Plus-Fahrer eine landwirtschaftliche Großfamilie ihren Lebenstraum nannten. Ob die jungen Frauen gern länger zur Schule gegangen wären, ob sie womöglich hätten studieren wollen. Also, das sind ja Ideen. Ich höre meine Oma reden, nicht lange vor ihrem Tod. Also, das sind ja Ideen, die Du hast. Wo kommen wir da hin? Ich hatte gesagt, also, mein Klassenziel im dritten Schuljahr ist: Besser sein als alle Jungs. Die Mädchen waren mir egal, die konnten ruhig auch gut sein. Aber ich wollte besser sein als alle Jungs, und meine Oma im Korselett an der Heizung fand das, also, hm. Sie wollte mit dem Plus-Fahrer, mit meinem Vater, darüber beraten.

Ich weiß nicht, wie das ausgegangen ist. Ich war am Ende der dritten Klasse auf jeden Fall das Kind mit dem besten Zeugnis. Ich wurde neben ein türkisches Mädchen gesetzt, das auch komisch war. Die komische Ehrgeizige und die Kopftuch-Komische. So war das, in den Achtzigern. In Westdeutschland. Und Oma war gestorben, in dem Winter, bevor ich Klassenbeste im dritten Schuljahr wurde. Sie hatte aber dafür gesorgt, dass der Plus-Fahrer sich verheiratet und vier Kinder, also vier Enkel, in ihren Haushalt eingebracht hatte. Es gab noch mehr Enkel, woanders. Aber die zählten weniger, denn sie waren eben woanders. Oma, die alte Bauernfrau im Korselett, Oma mit dem Haarknoten und diesen Kittelschürzen, die im Sommer statt Kleid getragen wurden (sonst wüsste ich nichts vom Korselett, das man darunter ahnen konnte), Oma hatte Zugriff auf ihr Leben. Sie steuerte das. Ich hörte, Oma betreffend, nicht ein einziges Mal das Wort Pflege. Pflegebedürftigkeit. Pflegedienst. Oma hatte Arbeit und Enkel und gelegentlich eine Einladung plus Fahrer. Aber Oma war nicht separiert als eine durchs Altsein, durch den Witwenstand unsichtbar gewordene Frau. Oma war nicht einsam.

Plus Fahrer-Fotos in alten Schachteln sind von vorgestern. Ich schreibe diesen Text nicht, um diese Zeit zurückzufordern. Ich kann mir ungefähr denken, was Oma dazu sagen würde, dass ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Ich weiß aber auch, was ich darauf entgegnen würde. Mit Oma konnte man nämlich gut diskutieren; die war wortgewandt. Sie hätte viele Abende mit mir gestritten. Über Plus Fahrer-Feiern, Rollenbilder und studierte Frauen. Sie hätte am Ende gesagt, gut, nun kennst Du alle Gegenargumente, jetzt kannst Du dich da draußen wehren. Ab ins Bett mit dir, und erzähl das bloß nicht Deiner Mutter. Es bleibt unser Geheimnis, dass ich insgeheim auch Deiner Meinung bin. Aber die Zeiten waren eben anders.

 

Der Staat in meinem Kühlschrank oder: Mit alten Menschen leben

Mit der Kleinen Oma kam der Staat zurück. Ich hatte ihn mir vom Leib geschafft. Ich war so froh gewesen, als das Theater mit dem BaföG-Amt vorbei war, die Nachweise über Einkommen von Eltern und Geschwistern. BaföG ist eine gute Erfindung, ich hätte ohne BaföG und ein Stipendium gar nicht studieren können. Aber BaföG war auch die Rechtfertigung meines Lernens vor dem, der das bezahlte. Vor dem Staat. Es war der Staat in meinem Kühlschrank, und ich habe es gehasst.

Wir kamen uns nun wieder nahe, der Staat und ich, weil die Kleine Oma beschlossen hatte, sie gehört zu mir. Warum denn nicht? Dass sie Hilfe braucht, ignoriert sie seit Jahren mit funkelnder Lässigkeit, und dass wir beide nicht verwandt sind, dass wir selbst unter noch so weit gefassten Vorstellungen von Familie eine ungewöhnliche Kombination sind: Das hat sie nie begriffen. Die eine und die andere Geliebte, 45 Jahre Altersunterschied. Ja und? Ich höre sie reden, beim Betreuungsrichter: Ja und? Vom Tonfall: Geht’s noch? Haben Sie sonst kein Problem? Ey, flüsterte ich, sei nett. Der kann dir schaden. Und sie rief laut: Mir schadet keiner! Der Richter blieb freundlich. Herrliches Selbstbewusstsein, sagte er und entschied, dass wir als Familie funktionieren.

Ich dachte, Mensch, dieser Staat. Der ist wirklich nicht schlecht. Allein, dass er eine alte Frau mit erheblichen Einschränkungen nach ihrer Meinung fragt – einmal, dreimal, notfalls jedes Quartal: Das nimmt mich für diesen Staat sehr ein. Auch, dass der Staat Institutionen geschaffen hat, die Aufgaben wahrnehmen anstelle derer, die das nicht mehr können, dass er sich Berufs- und ehrenamtliche Betreuer überlegt hat, für diese wiederum Strukturen bildet, dass der Staat, kurzum, seinen Schwächeren viel organisiert und ihnen Handlungsspielraum gibt: Das finde ich richtig gut.

Aber das Gute an diesem Staat, an seiner Sorge für die Schwachen und Gebrechlichen, führt oft zu einem Missverständnis. Der Staat pflegt nämlich nicht. Er kann das gar nicht, und ich meine, Gott sei Dank. Staaten sollen möglich machen, dass die einen Pflege erhalten und die anderen pflegen. Aber der Staat hat in meinem Kühlschrank so wenig zu suchen wie am Schuhregal der Kleinen Oma. Es ist richtig, dass der Staat sich erkundigt, ob sie auch zwischendurch Gemüse auf dem Teller hat. Aber den Staat geht es nichts an, ob und wann sie wie viele Becher Pudding isst. Der Staat muss sicher sein, dass sie stabile Schuhe trägt. Deren Farbe ist privat.

Der Staat hat sich namens seiner Betreuungsrichter und Rechtspfleger nie für unseren Kühlschrank interessiert. Er fragt auch nicht, warum die Kleine Oma manchmal schwarze Leggings trägt (wegen Brigitte Macron, sieht gut aus – bei beiden). Aber der Staat hat uns vor denen beschützt, die meinen, der Staat regelt alles. Die meinen, man kann beim Staat den Pingelanton machen und behaupten, Pudding, Sauberkeit und Abendruhe erfolgten nicht nach der Vorstellung einiger Nachbarn, der Kirchengemeinde oder des Jägervereins. Der Staat kann die gut schützen, die wissen, wie sie leben wollen. Aber die, die sich keine Gedanken machen, die das Leben laufen lassen und meinen: Ach ja, der Staat. Das sind die, die sehenden Auges in den viel beredeten Pflegenotstand rennen. Menschen altern, und alte Menschen brauchen Unterstützung. Das ist nicht alles Pflege im eng gefassten Sinn; Pflege klingt mehr nach Krankheit als das meiste davon ist.

Ich habe jetzt fast fünf Jahre mit alten Menschen gelebt, und es sieht danach aus, dass das noch eine Weile geht. Es ist auch schön. Es ist nur eben: Morgens, mittags, abends eine Mahlzeit. Dafür Zutaten kaufen, verwahren, sie zubereiten und anreichen. Nicht vergessen, dass das länger dauert als für mich allein. Schon deshalb, weil kein nächster Termin wartet. Sieben Abende die Nachtruhe ankündigen, guten Schlaf wünschen, das Licht ausknipsen. Sieben Morgen Wäsche, Strümpfe, Schuhe richten. Jede Woche Fingernägel schneiden, Fußpflege anrufen, Haare kämmen. Manchmal in die Ohren schauen, hin und wieder auf die Waage stellen. Erzählen, zuhören, trösten und loben.

Leben mit alten Leuten ist ungefähr das, was in der Berufsberatung ein sozialer Beruf genannt wird. Was mit Menschen, ist eine andere beliebte und, wie Pflege, etwas beliebige Formel für den Umgang mit Schwächeren. Das ganze Leben ist mit Menschen, Menschen sind Leben. Und Menschen, wie sie miteinander leben, bilden den Staat. Es ist wirklich ganz gut, dass er in Deutschland so funktioniert, wie er das eben tut. Aber es ist ein Irrglaube zu meinen, der Staat könne pflegen, Pflege organisieren, was mit Menschen tun. Das können immer nur Einzelne und Gruppen, die sich einig sind, wie sie zusammen leben wollen. Für realistische Vorstellungen von persönlichem Leben ist dieser Staat ein guter Partner. Aber mehr, zum Glück, auch nicht.

Mehr Staat als nötig im privaten Leben widerspricht meinem Selbstverständnis. Wenn ich aber lese, wer wie zu Pflege leitartikelt, wer in Berichten Zustände schildert, als seien sie dem Zufall oder einem wie auch immer gearteten Schicksal geschuldet: Dann werde ich unruhig. Das Leben mit alten Menschen ist fraglos aufwändig, aber Zeit und Zuwendung kann man nur schlecht in Geld quantifizieren, sofern sie nicht unmittelbar pflegerisch sind. Diesen Aufwand müssen Menschen, Einzelne und Gruppen, bewältigen. Der Staat, das sind wir alle. Nicht allein Parteipolitiker, Verwaltungsleiter und Sozialverbandsvorstände. Der Staat, das sind auch die Kleine Oma und ich in unserer schön schrulligen Kleinstfamilie.

Ein Leben mit alten Menschen kann man bewältigen, wenn man sich selbst Gedanken macht, eine Meinung hat und diese umzusetzen wagt. Davon ist viel zu wenig die Rede im Moment. Und das ist bedauerlich, denn wir beide, die Kleine Oma und ich, sind eigentlich ein Beispiel für Glück und Freiheit. Auch im Alter und mit Speicherschwierigkeiten.

Irgendwas ist immer (Stoizismus nebst Zuneigungen)

Ich lebe wieder wie im Studium. Ich gehe morgens aus dem Haus, erreiche gegen neun Uhr meinen Arbeitsplatz, bleibe bis mittags, mache zwei Stunden irgendwas anderes und kehre wieder. Der Ort heißt nicht mehr Staatsbibliothek Unter den Linden, sondern Bergmann Verlag. Ich muss wegen Internet nicht mehr anstehen, und statt in die Mensa geh ich zu Edeka Niehoff. Manchmal rede ich da mit einer Mitarbeiterin von früher, als wir nur die Buchhandlung hatten. Meistens kommt einer und sagt, könnten Sie mal bitte nicht so schwatzen.

Das ist wie mit dem Bibliotheksgenossen damals, der über Fontane promovierte und Flüstern als Variante von Stillarbeit ausgab. Dabei habe ich nie wieder jemand so laut flüstern gehört. Er sagte immer, ach, weißt Du. Hauptsache, man schreibt Bücher und sorgt gelegentlich für Streit. Damit reinigt man sein Umfeld von Schleimern und Gelichter. Seine Vokabel war Intellektpöbel. Die ist schon eher hässlich, aber nun gut. Jedenfalls die Schleimer, wie er laut flüsterte, die wehrst Du ab.

In meinem Arbeitsgefüge heute kommt er in anderer Besetzung vor. Jemand ist noch unverblümter. Und sie flüstert dabei nicht. Wenn sie sich empört oder empören will, verfällt sie in einen schlesischen Akzent. Der klingt dramatischer als unser matschiges Nordwestdeutsch. Ein Hauch von Leidenschaft und Operette, kurz vor Kitsch. Aber deutlich vom semantischen Gehalt. Der da heißt: Du musst viel arbeiten. Von morgens bis abends. Zehn Stunden sind kein Problem. Hörst Du? Wenn dir einer sagt, Du sollst nicht soviel arbeiten – der ist nur selber faul.

Jetzt lies mal vor, was hast Du denn geschrieben heute? Hm, weiche ich aus. Ich musste den Buchladen aufräumen und Belege sortieren und Pudding kaufen. Nein, hebt sie an. Ein Anflug von Schlesisch. Warte, beeile ich mich. Bloß kein Theater jetzt. Ich nehme einen Text, ich lese was. Sie hört, sie denkt, sie lacht. Hach, sagt sie. Ich hab es dir immer schon gesagt. Bücher schreiben. Das ist gut für uns beide. Wenn ich lache, werd ich hundert.

Witzbücher also? Nein! Sie funkelt mich an. Das Leben an sich. Du musst es nur beschreiben. Es ist absurd genug. Und das stimmt. Folgendes ist mir zum Beispiel widerfahren: Die Nachbarn verbreiten, ich verkaufe mein Gartenhaus. Makelei fremden Eigentums bei der Fußpflege. Das Dach der Buchhandlung ist abgestürzt. Ich konnte verfolgen, wie PKWs und Rollatoren durch die Scherben donnerten. Bis zum Eintreffen der Feuerwehr war auch der letzte halb zerborstene Ziegel zu Brösel zerfahren.

Herrlich, sagt die Person in meinem Haushalt. Was sind die Leute auch bescheuert. Kein Schlesisch, kein Hauch davon. Wieso regst Du dich nicht auf? Deswegen doch nicht. Irgendwas ist immer, die Leute sind eben verwirrt. Hauptsache, Du schreibst das alles auf. Stoizismus, Computer, Routine, Internet. Bücher, höre ich den einen flüstern und die andere funkeln. Jetzt schreib endlich Bücher, wie wir dir das immer sagen.

Also los.

Provinz verteidigen (Zu Hause sein)

Provinz wird immer dann zur Kulisse, wenn die Leute aus der Stadt das so gebrauchen. Wenn sie im Dorf heiraten, weil die Kirche schöner ist. Wenn sie wandern und auf ein Wurstbrot einkehren – Spoiler. Wenn sie an der Tankstelle ein Heißwürstchen im Tauchsieder bereiten lassen, weil nichts geöffnet hat. Kein Landgasthof, wo das Krustenbrot zu Räucherschinken mundet und der Johannisbeersaft von den Sträuchern fast fertig in die Gläser rieselt. Nicht mal ein Italiener mit Würfeltischdecke, und dabei haben die uns Genuss erst beigebracht. Gerade auf dem Land. Wo wären die heute, hätte sie keiner belehrt, dass man zu Nudeln Pasta sagt. Paaasta, langes A. Die wären immer noch bei Eisbein und Sauerkraut.

Kultiviertes Leben und Provinz, das scheint sich zu widersprechen. Ich höre so sagen, seit ich zurück bin. Ich denke, das ist unlogisch. Ihr kauft die Landlust mit den schönen bunten Bildern. Ihr träumt von Kuchen aus glücklichen Äpfeln und würdet wahrscheinlich Bienen halten, wenn die Etagenwohnungen nur nicht so teuer wären. Steigen ständig, die Mieten. Aber immerhin, der Kaffee ist mit Crema. Und Milchschaum, vegan bei Belieben. Tofu, Hafer, andere Substanzen. Ich kann dazu wenig sagen, ich bin zu lange wieder hier. Manchmal ärgere ich mich. Dieses Dorf, die ewige Quatscherei. Die weiten Wege, wenn man eine Bank mit Diskretion gebraucht, einen Steuerberater, der versteht, dass Menschen beruflich Bücher schreiben – kein Hobby. Die Fahrerei zu irgendwelchen Ärzten, zu der einen Kirche, wo am Sonntag die Messe gehalten wird. All das nervt mich, aber in einem normalen Rahmen, so dass ich es für unbedenklich halte.

Was mich wirklich nervt: Kulisse sein zu sollen. Kulisse für die Lebenskonsumenten in Funktionskleidung beim Wandern, Kulisse für Personen in intellektuellem Walkfilz, die mich ungefragt bedauern, weil die Kunden Barbaren sein müssen. Kann ja nicht anders, hier auf dem Land. Wo die Lokalreporter stumpfe Trottel sind – schon wieder eine Hühner- und Kaninchenausstellung. Malwettbewerb in der Grundschule. Einweihung von Verkehrskreisel mit Skunstskulptur. Was mich also nervt: Das Denunzieren von vermeintlich ungeschlachten Personen, von all den Figuren, die so eine Provinz besiedeln. Inhaber von Männerwitzbeständen. Betreiberinnen von Strickzirkeln und Bücherkränzchen. Solche, die rosa Geschenkpapier für Mädchen mögen. Es ist einfach, über sie herumzuwitzeln. Und noch viel leichter, seit gefühlt jeder einzelne Großstadtbewohner über ein Smartphone mit Twitter-App verfügt. Twitter kennen die hier nicht; Twitter ist insofern kein Provinzmedium, als man sich dort kurz fassen muss.

Aber was schreibe ich – die? Wir! Wir hier in der Provinz. Ich gehöre ja dazu, schon länger. Woran ich das merke? Am meisten daran, dass ich mich oft nicht mehr aufrege. Über Geschenkpapier in Rosa und auch noch mit Glitzer. Über Spielzeugschießgewehre für die nächste Generation im Schützenverein. Geschenke, die vermittels der Serviettentechnik angefertigt wurden. Die ich bis heute nicht beherrsche. Ebensowenig wie Sockenstricken nach der einen oder anderen Methode. Ich vergesse sogar, wie die heißen. Es ist eine echte Glaubensfrage mit diesen Socken, genauer gesagt, mit den Fersen so oder so. Aber das stört keinen, denn wir in der Provinz sind viel toleranter als der Großstadtmensch bei Twitter gemeinhin unterstellt. Wenn wir in der Provinz jemand beim falschen Namen rufen, dann ist das halt passiert. Tut uns Leid, blöder Fehler. Kein Grund, das halbe Internet in Brand zu stecken.

Provinz, das denke ich oft: Provinz ist das Gegenteil von einsam. Und deswegen wird Provinz im Netz gern denunziert. Schade für die, die so einsam sind, dass sie das tun. Aber für die Provinz, für uns in der Provinz – egal. Es ist schön hier, weil wir uns leben lassen, wie wir sind.

Tische, Bücher

Mein Lieblingsmöbel ist der Tisch. Ich finde Tische genauso zeitlos gelungen wie Bücher. Platte mit Beinen oder Inhalt mit Einband, das ist jeweils zweckmäßig und technologisch immerfort erneuerbar. Muss ja kein Holz sein. Rohstoffe für Möbel und Beschreibstoffe für Inhalt passen sich dem Erfindungsgeist der Menschen an. Aber die Grundfunktion bleibt gleich: Daran sitzen, arbeiten. Am besten mit den einen am anderen. Tisch-Lese-Situationen fallen mir ein:

Universitätsbibliotheken. Vor mir ein weißer Quader, von der Leuchte am oberen Ende gerade so stark beleuchtet, dass sich die Lesewelt auf die Fläche von einem Meter Breite bei einer Höhe von achtzig Zentimetern beschränkt. Bücher oben rechts, oben links Papier, dazwischen Platz zum Schreiben. Auch noch Bücherstapel an den Tischbeinen, wobei das eigentlich verboten ist. Sieht ja nur keiner, wegen der schlechten Beleuchtung.

Auslagetische in Buchhandlungen. Stapelware, Türme und Pyramiden. Einen Tisch bauen, in der Sortimentersprache. Erstmal schauen, was noch da ist. Passt das inhaltlich zusammen? Vielleicht auch optisch? Man soll Bücher nicht nach Farben sortieren – oder doch? Nur blaue, rote, grüne Einbände. Mitunter wird so etwas witzig gefunden. Ich halte das für albern. Aber ich bin auch eine Buchhandelsoma mit über zwanzig Weihnachtsgeschäften und weiß: Am wichtigsten ist die Tischdecke. Schön lang, absolut undurchsichtig. Irgendwo muss man Vorräte lassen.

Küchentische. Das absolut wichtigste Utensil meiner Tisch-Biografie ist der Küchentisch. Massivholz, mit Platz für mindestens sechs, besser acht Personen. An solchen Küchentischen kann man wohnen. Man kann am einen Ende kochen und speisen, am anderen die Zeitung und Bücher liegen lassen, irgendwo auch noch ein Schnittmuster abzeichnen und möglichst die Nähmaschine aufbauen. Küchentische müssen stabil sein, um daran lange Gardinen herzustellen. Wenn das rappelt, nur wegen sieben Metern Leinen, dann taugt so ein Küchentisch nichts.

Um irgendwo heimisch zu werden, stelle ich Tische auf. Manchmal neu, meistens aus meinem Bestand. Aus der Buchhandlung ist neulich einer umgezogen in das Gartenhaus. Dabei ist ein interessantes Problem aufgetreten. Die kleine Oma hat das nämlich sofort kapiert, als erste Person in meinem Leben. Nur: Ihr Lieblingsmöbel ist der RUNDE Tisch. Die Dinger mit den Ecken kommen ihr nicht ins Haus. Tisch und gut und schön, aber bitte rund. Wir tüfteln schon eine Weile, wie wir diese Frage klären. Ihre Tische, meine Tische. Wir reden darüber so lange und haben soviel Tischwissen ausgetauscht, dass wir inzwischen meinen: Wir müssen das nicht lösen. Es gibt runde und eckige Tische. Das ist ja bei den Büchern ganz genauso: Es gibt Ebooks und Papierbücher. Nicht alles gefällt jedem, aber es ist für alle was dabei. Tisch und Buch sind viel zu alt und oft genug bewährt, um an unseren Spitzfindigkeiten zu verschleißen. Das ist sehr beruhigend und ein Argument mehr für dieses großartige Produkt, wahlweise mit Namen Tisch oder Buch. Es hält viel aus – auch Meinungsverschiedenheiten seiner Nutzer. Deswegen mag ich Tische und Bücher (und die kleine Oma).

Novemberlicht oder: Das eigentliche Wetter

Es schneit hier nicht so oft. Es regnet eher. Es regnet im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Aber zu keiner Zeit so schön und passend wie im November. Die Nachmittage gehen zügig über in Halbdunkel, das man noch nicht Abend nennen kann, weil es erst halb vier ist. Oder zehn nach vier oder kurz vor halb fünf. Im Halbdunkel sieht man gerade noch ein paar Blätter, die keiner weggefegt hat. Und jetzt liegen sie regenfeucht und angepappt herum. Halbe Farben, darüber feiner Regen. Es ist noch nicht so kalt, dass man sich sorgen müsste. Kein Eis. Rutscht trotzdem. Man kann nicht rennen, nur schlendern. Aber nicht zu langsam, denn sonst wird man nass. Nieselregen ist nur ungefähr fünf Minuten nett. In diesem kurzen Augenblick muss man vom Haus zum Auto gehen. Oder den Regenschirm aufspannen und seinen Bus nicht verpassen. Oder irgendwo herumstehen und sich darüber freuen, dass für einen Moment das Wetter die Landschaft ergänzt. Wald geht in Nebel geht in Regen geht in Asphalt über. Matschiges Laub, das gerade noch ungefährlich ist. Und irgendwo dahinter:

Licht. Kleine Lichtquadrate namens Fenster. Man sieht sie und freut sich, denn beim Licht sind Trockenheit und Wärme. Das ist die Richtung. Auf diesen kurzen Wegen passt, wie gesagt, das Wetter zur Landschaft. Das ist der späte Herbst in Ostwestfalen. Er ist schön, denn er ist das eigentliche Wetter.