Irgendwas ist immer (Stoizismus nebst Zuneigungen)

Ich lebe wieder wie im Studium. Ich gehe morgens aus dem Haus, erreiche gegen neun Uhr meinen Arbeitsplatz, bleibe bis mittags, mache zwei Stunden irgendwas anderes und kehre wieder. Der Ort heißt nicht mehr Staatsbibliothek Unter den Linden, sondern Bergmann Verlag. Ich muss wegen Internet nicht mehr anstehen, und statt in die Mensa geh ich zu Edeka Niehoff. Manchmal rede ich da mit einer Mitarbeiterin von früher, als wir nur die Buchhandlung hatten. Meistens kommt einer und sagt, könnten Sie mal bitte nicht so schwatzen.

Das ist wie mit dem Bibliotheksgenossen damals, der über Fontane promovierte und Flüstern als Variante von Stillarbeit ausgab. Dabei habe ich nie wieder jemand so laut flüstern gehört. Er sagte immer, ach, weißt Du. Hauptsache, man schreibt Bücher und sorgt gelegentlich für Streit. Damit reinigt man sein Umfeld von Schleimern und Gelichter. Seine Vokabel war Intellektpöbel. Die ist schon eher hässlich, aber nun gut. Jedenfalls die Schleimer, wie er laut flüsterte, die wehrst Du ab.

In meinem Arbeitsgefüge heute kommt er in anderer Besetzung vor. Jemand ist noch unverblümter. Und sie flüstert dabei nicht. Wenn sie sich empört oder empören will, verfällt sie in einen schlesischen Akzent. Der klingt dramatischer als unser matschiges Nordwestdeutsch. Ein Hauch von Leidenschaft und Operette, kurz vor Kitsch. Aber deutlich vom semantischen Gehalt. Der da heißt: Du musst viel arbeiten. Von morgens bis abends. Zehn Stunden sind kein Problem. Hörst Du? Wenn dir einer sagt, Du sollst nicht soviel arbeiten – der ist nur selber faul.

Jetzt lies mal vor, was hast Du denn geschrieben heute? Hm, weiche ich aus. Ich musste den Buchladen aufräumen und Belege sortieren und Pudding kaufen. Nein, hebt sie an. Ein Anflug von Schlesisch. Warte, beeile ich mich. Bloß kein Theater jetzt. Ich nehme einen Text, ich lese was. Sie hört, sie denkt, sie lacht. Hach, sagt sie. Ich hab es dir immer schon gesagt. Bücher schreiben. Das ist gut für uns beide. Wenn ich lache, werd ich hundert.

Witzbücher also? Nein! Sie funkelt mich an. Das Leben an sich. Du musst es nur beschreiben. Es ist absurd genug. Und das stimmt. Folgendes ist mir zum Beispiel widerfahren: Die Nachbarn verbreiten, ich verkaufe mein Gartenhaus. Makelei fremden Eigentums bei der Fußpflege. Das Dach der Buchhandlung ist abgestürzt. Ich konnte verfolgen, wie PKWs und Rollatoren durch die Scherben donnerten. Bis zum Eintreffen der Feuerwehr war auch der letzte halb zerborstene Ziegel zu Brösel zerfahren.

Herrlich, sagt die Person in meinem Haushalt. Was sind die Leute auch bescheuert. Kein Schlesisch, kein Hauch davon. Wieso regst Du dich nicht auf? Deswegen doch nicht. Irgendwas ist immer, die Leute sind eben verwirrt. Hauptsache, Du schreibst das alles auf. Stoizismus, Computer, Routine, Internet. Bücher, höre ich den einen flüstern und die andere funkeln. Jetzt schreib endlich Bücher, wie wir dir das immer sagen.

Also los.

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Provinz verteidigen (Zu Hause sein)

Provinz wird immer dann zur Kulisse, wenn die Leute aus der Stadt das so gebrauchen. Wenn sie im Dorf heiraten, weil die Kirche schöner ist. Wenn sie wandern und auf ein Wurstbrot einkehren – Spoiler. Wenn sie an der Tankstelle ein Heißwürstchen im Tauchsieder bereiten lassen, weil nichts geöffnet hat. Kein Landgasthof, wo das Krustenbrot zu Räucherschinken mundet und der Johannisbeersaft von den Sträuchern fast fertig in die Gläser rieselt. Nicht mal ein Italiener mit Würfeltischdecke, und dabei haben die uns Genuss erst beigebracht. Gerade auf dem Land. Wo wären die heute, hätte sie keiner belehrt, dass man zu Nudeln Pasta sagt. Paaasta, langes A. Die wären immer noch bei Eisbein und Sauerkraut.

Kultiviertes Leben und Provinz, das scheint sich zu widersprechen. Ich höre so sagen, seit ich zurück bin. Ich denke, das ist unlogisch. Ihr kauft die Landlust mit den schönen bunten Bildern. Ihr träumt von Kuchen aus glücklichen Äpfeln und würdet wahrscheinlich Bienen halten, wenn die Etagenwohnungen nur nicht so teuer wären. Steigen ständig, die Mieten. Aber immerhin, der Kaffee ist mit Crema. Und Milchschaum, vegan bei Belieben. Tofu, Hafer, andere Substanzen. Ich kann dazu wenig sagen, ich bin zu lange wieder hier. Manchmal ärgere ich mich. Dieses Dorf, die ewige Quatscherei. Die weiten Wege, wenn man eine Bank mit Diskretion gebraucht, einen Steuerberater, der versteht, dass Menschen beruflich Bücher schreiben – kein Hobby. Die Fahrerei zu irgendwelchen Ärzten, zu der einen Kirche, wo am Sonntag die Messe gehalten wird. All das nervt mich, aber in einem normalen Rahmen, so dass ich es für unbedenklich halte.

Was mich wirklich nervt: Kulisse sein zu sollen. Kulisse für die Lebenskonsumenten in Funktionskleidung beim Wandern, Kulisse für Personen in intellektuellem Walkfilz, die mich ungefragt bedauern, weil die Kunden Barbaren sein müssen. Kann ja nicht anders, hier auf dem Land. Wo die Lokalreporter stumpfe Trottel sind – schon wieder eine Hühner- und Kaninchenausstellung. Malwettbewerb in der Grundschule. Einweihung von Verkehrskreisel mit Skunstskulptur. Was mich also nervt: Das Denunzieren von vermeintlich ungeschlachten Personen, von all den Figuren, die so eine Provinz besiedeln. Inhaber von Männerwitzbeständen. Betreiberinnen von Strickzirkeln und Bücherkränzchen. Solche, die rosa Geschenkpapier für Mädchen mögen. Es ist einfach, über sie herumzuwitzeln. Und noch viel leichter, seit gefühlt jeder einzelne Großstadtbewohner über ein Smartphone mit Twitter-App verfügt. Twitter kennen die hier nicht; Twitter ist insofern kein Provinzmedium, als man sich dort kurz fassen muss.

Aber was schreibe ich – die? Wir! Wir hier in der Provinz. Ich gehöre ja dazu, schon länger. Woran ich das merke? Am meisten daran, dass ich mich oft nicht mehr aufrege. Über Geschenkpapier in Rosa und auch noch mit Glitzer. Über Spielzeugschießgewehre für die nächste Generation im Schützenverein. Geschenke, die vermittels der Serviettentechnik angefertigt wurden. Die ich bis heute nicht beherrsche. Ebensowenig wie Sockenstricken nach der einen oder anderen Methode. Ich vergesse sogar, wie die heißen. Es ist eine echte Glaubensfrage mit diesen Socken, genauer gesagt, mit den Fersen so oder so. Aber das stört keinen, denn wir in der Provinz sind viel toleranter als der Großstadtmensch bei Twitter gemeinhin unterstellt. Wenn wir in der Provinz jemand beim falschen Namen rufen, dann ist das halt passiert. Tut uns Leid, blöder Fehler. Kein Grund, das halbe Internet in Brand zu stecken.

Provinz, das denke ich oft: Provinz ist das Gegenteil von einsam. Und deswegen wird Provinz im Netz gern denunziert. Schade für die, die so einsam sind, dass sie das tun. Aber für die Provinz, für uns in der Provinz – egal. Es ist schön hier, weil wir uns leben lassen, wie wir sind.

Tische, Bücher

Mein Lieblingsmöbel ist der Tisch. Ich finde Tische genauso zeitlos gelungen wie Bücher. Platte mit Beinen oder Inhalt mit Einband, das ist jeweils zweckmäßig und technologisch immerfort erneuerbar. Muss ja kein Holz sein. Rohstoffe für Möbel und Beschreibstoffe für Inhalt passen sich dem Erfindungsgeist der Menschen an. Aber die Grundfunktion bleibt gleich: Daran sitzen, arbeiten. Am besten mit den einen am anderen. Tisch-Lese-Situationen fallen mir ein:

Universitätsbibliotheken. Vor mir ein weißer Quader, von der Leuchte am oberen Ende gerade so stark beleuchtet, dass sich die Lesewelt auf die Fläche von einem Meter Breite bei einer Höhe von achtzig Zentimetern beschränkt. Bücher oben rechts, oben links Papier, dazwischen Platz zum Schreiben. Auch noch Bücherstapel an den Tischbeinen, wobei das eigentlich verboten ist. Sieht ja nur keiner, wegen der schlechten Beleuchtung.

Auslagetische in Buchhandlungen. Stapelware, Türme und Pyramiden. Einen Tisch bauen, in der Sortimentersprache. Erstmal schauen, was noch da ist. Passt das inhaltlich zusammen? Vielleicht auch optisch? Man soll Bücher nicht nach Farben sortieren – oder doch? Nur blaue, rote, grüne Einbände. Mitunter wird so etwas witzig gefunden. Ich halte das für albern. Aber ich bin auch eine Buchhandelsoma mit über zwanzig Weihnachtsgeschäften und weiß: Am wichtigsten ist die Tischdecke. Schön lang, absolut undurchsichtig. Irgendwo muss man Vorräte lassen.

Küchentische. Das absolut wichtigste Utensil meiner Tisch-Biografie ist der Küchentisch. Massivholz, mit Platz für mindestens sechs, besser acht Personen. An solchen Küchentischen kann man wohnen. Man kann am einen Ende kochen und speisen, am anderen die Zeitung und Bücher liegen lassen, irgendwo auch noch ein Schnittmuster abzeichnen und möglichst die Nähmaschine aufbauen. Küchentische müssen stabil sein, um daran lange Gardinen herzustellen. Wenn das rappelt, nur wegen sieben Metern Leinen, dann taugt so ein Küchentisch nichts.

Um irgendwo heimisch zu werden, stelle ich Tische auf. Manchmal neu, meistens aus meinem Bestand. Aus der Buchhandlung ist neulich einer umgezogen in das Gartenhaus. Dabei ist ein interessantes Problem aufgetreten. Die kleine Oma hat das nämlich sofort kapiert, als erste Person in meinem Leben. Nur: Ihr Lieblingsmöbel ist der RUNDE Tisch. Die Dinger mit den Ecken kommen ihr nicht ins Haus. Tisch und gut und schön, aber bitte rund. Wir tüfteln schon eine Weile, wie wir diese Frage klären. Ihre Tische, meine Tische. Wir reden darüber so lange und haben soviel Tischwissen ausgetauscht, dass wir inzwischen meinen: Wir müssen das nicht lösen. Es gibt runde und eckige Tische. Das ist ja bei den Büchern ganz genauso: Es gibt Ebooks und Papierbücher. Nicht alles gefällt jedem, aber es ist für alle was dabei. Tisch und Buch sind viel zu alt und oft genug bewährt, um an unseren Spitzfindigkeiten zu verschleißen. Das ist sehr beruhigend und ein Argument mehr für dieses großartige Produkt, wahlweise mit Namen Tisch oder Buch. Es hält viel aus – auch Meinungsverschiedenheiten seiner Nutzer. Deswegen mag ich Tische und Bücher (und die kleine Oma).

Novemberlicht oder: Das eigentliche Wetter

Es schneit hier nicht so oft. Es regnet eher. Es regnet im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Aber zu keiner Zeit so schön und passend wie im November. Die Nachmittage gehen zügig über in Halbdunkel, das man noch nicht Abend nennen kann, weil es erst halb vier ist. Oder zehn nach vier oder kurz vor halb fünf. Im Halbdunkel sieht man gerade noch ein paar Blätter, die keiner weggefegt hat. Und jetzt liegen sie regenfeucht und angepappt herum. Halbe Farben, darüber feiner Regen. Es ist noch nicht so kalt, dass man sich sorgen müsste. Kein Eis. Rutscht trotzdem. Man kann nicht rennen, nur schlendern. Aber nicht zu langsam, denn sonst wird man nass. Nieselregen ist nur ungefähr fünf Minuten nett. In diesem kurzen Augenblick muss man vom Haus zum Auto gehen. Oder den Regenschirm aufspannen und seinen Bus nicht verpassen. Oder irgendwo herumstehen und sich darüber freuen, dass für einen Moment das Wetter die Landschaft ergänzt. Wald geht in Nebel geht in Regen geht in Asphalt über. Matschiges Laub, das gerade noch ungefährlich ist. Und irgendwo dahinter:

Licht. Kleine Lichtquadrate namens Fenster. Man sieht sie und freut sich, denn beim Licht sind Trockenheit und Wärme. Das ist die Richtung. Auf diesen kurzen Wegen passt, wie gesagt, das Wetter zur Landschaft. Das ist der späte Herbst in Ostwestfalen. Er ist schön, denn er ist das eigentliche Wetter.

Rotkäppchen im Teutoburger Wald

Ein kleines Mädchen, das nicht Jennifer hieß und Einhörner liebte, hatte jedenfalls eine Oma. Jeden Samstag musste das Mädchen, das nicht Jennifer hieß, ihre schön gefilzte rote Mütze aufsetzen und Oma besuchen. Die Oma wohnte in einem Häuschen namens Kotten. Das Mädchen (das nicht Jennifer hieß = dnJh) ging da nicht so gerne hin, weil dieser Kotten in einem Funkloch lag. Sie hätten vermutlich ein besseres Verhältnis, wenn bei Oma WLAN wäre. Aber nun gut. Das Mädchen dnJh war einigermaßen ok erzogen. Samstagmittag ging sie also zu Oma und brachte ihr Speisen. Es bestand keine Gefahr, dass sie unterwegs naschen würde. Kartoffelbrot, aka: Pickert. Schinken. Mettwurstbrötchen mit Zwiebelringen. Wäre das Mädchen dnJh etwas älter als ungefähr sieben, könnte sie Veganerin sein. Aber so fand sie erstmal Mettwurstbrötchen mit Zwiebelringen ekelig. Bäh. Oma fand sie nicht so ekelig. Oma war in Ordnung. Aber dieses Funkloch. Das Mädchen dnJh meinte schon eine ganze Weile, sie könnten auch mit Oma zusammenwohnen. Der Deal wäre: Oma bei ihnen im Loft, also Oma mit den den Weingummi-Einhörnern mit saurem Krümel obendrüber. Und keine Samstage bei Oma ohne WLAN. Aber das Mädchen dnJh hatte in der Hinsicht nichts zu melden. Irgendwo ist auch mal Schluss mit Diskutieren.

Eines Tages, sie war gerade auf dem Weg zu diesem Kotten, und ihr Smartphone hatte nur noch zwei Balken beim Empfang, kam ein Typ namens Wolf aus dem Gebüsch. Er quatschte sie an. Blablabla. Aber das Mädchen dnJh hatte kein Ohr für ihn. Sie befand sich in der Nähe eines PokéStops. Höchste Aufmerksamkeit war geboten. – Ich muss zu Oma in den Kotten, Mettwurstbrötchen mit Zwiebelringen abgeben. Stör mich nicht. Gleich kommt das Funkloch, und dann steh ich da. Geh weg, Du Blödmann! Der Wolf als solcher war zwar ein Bösewicht, aber auf klare Worte verstand er sich durchaus. Er war ja nun mal Wolf im Teutoburger Wald. Er hatte auch reichlich zu tun mit Personen in Funktionskleidung. Da vergriff man sich nun wirklich nicht an kleinen Mädchen. Besser ein paar Touristen ärgern. Aber, hm. Eine Oma im Funkloch? Da musste er wenigstens mal nachsehen. Der Wolf ging seiner Wege, rupfte zwischendurch zwei Luxus-Hunde und einen Kuschel-Collie, aber irgendwann traf er am Kotten von dieser Oma ein. Ungefähr zeitgleich mit dem Mädchen dnJh. Da standen sie nun.

Wolf, Du Blödmann, sagte sie. Ich weiß, Du müsstest jetzt eigentlich erstmal die Oma essen. Und mich wahrscheinlich auch. Aber Wolf. Das gibt so ein Theater. Muss das sein?

– hm, meinte der Wolf und rülpste dezent. Ich hatte ja schon zwei Luxus-Hunde und einen Kuschel-Collie. Ich bin nicht mehr so total hungrig.

Gut, sagte das Mädchen dnJh. Ich schenk dir unsere ekelhaften Mettwurstbrötchen mit Zwiebelringen. Und dann mach ich ein Selfie.

–  hä, was, mampfte der Wolf. Selfie? Du spinnst doch.

Zu spät, freute sich das Mädchen dnJh. Ich renn sofort wieder wohin, wo es Netz gibt. Und dann schick ich das meinen Eltern. Selfie mit Wolf. Pass mal auf, wie schnell die Oma bei uns im Loft wohnt.

– ts, murmelte der Wolf und stieß auf. Was für Zeiten. Wenn Du meinst. Aber nimm wenigstens diesen Wollfilzklorollenbehälter ab. Du siehst aus wie das Kind von Leuten, die ich fressen würde.

Deal, sagte das Mädchen dnJh. Sie warf die schön gefilzte rote Mütze in die Sträucher und rannte bei Oma rein. Ey, Oma! Du kannst aus diesem Kotten raus. Du kommst in die Stadt. Der Wolf hat mir wirklich gut geholfen.

Die Oma rollte mit den Augen. Seniorenwohnen? Oh, bitte nicht.

– nein, nein, beeilte sich das Mädchen dnJh zu sagen. Du kommst zu uns. Wir werden sie stören, bis wir nur noch Weingummi-Einhörner essen und Serien gucken dürfen.

Der Wolf ging seiner Wege. Er war eben ein Ostwestfale. Die Oma wurde 100, und an jedem Geburtstag deponierte das Mädchen dnJh so viele Mettwurstbrötchen mit Zwiebelringen an der Stelle, wo das Funkloch anfing, wie die Oma an Jahren zählte. Ihre Eltern waren sowieso nach Mallorca gezogen. Töpfern. Die Oma und das Mädchen lebten fröhlich in dem Loft und nervten alle anderen in der Wohnanlage. Das geht noch länger mit den beiden. Und nur, weil sie einfach mal lässiger mit Wölfen umzugehen wussten als die meisten Leute.

Geht doch.

10 Wahrheiten für selbständige Frauen in Ostwestfalen – nebst 11b mit Sternchen

Erstens, Du bist komisch. Irgendwas ist an dir komisch. Sonst würdest Du nicht so ein Risiko eingehen. Oder Du bist heimlich gut verheiratet. Dann bist Du nicht komisch. Aber dann ist das ungerecht. Daraus folgt:

Zweitens: Wenn Du Erfolg hast, ist das Zufall. Zufälle sind ungerecht. Oder Du bist gut verheiratet, dann ist das vielleicht kein Zufall und auch nicht ungerecht. Aber dann bist Du auf jeden Fall komisch, denn Du musst ja gar nicht arbeiten. Daraus folgt:

Drittens: Du bist eindeutig komisch. Wahrscheinlich hast Du studiert. Davon wird man komisch. Es ist unlogisch, warum Du nicht wenigstens mit diesem Abitur zufrieden warst. Das hat schon Geld genug gekostet. Das ist, tja. Das zeugt von einigem Selbstbewusstsein. Das finden wir nicht gut. Daraus folgt:

Viertens: Du bist ganz schön selbstbewusst. Das verstehen wir nicht. Das ist für Frauen nicht vorgesehen. Aber wir bringen dir das schon bei. Mädchen. Und wenn Du jetzt sagst, mein Name ist nicht Mädchen. Dann sagen wir dir das so lange, bis Du es verstanden hast. Du Mädchen, Mädchen, Mädchen. Du weinst immer noch nicht? Das kann nur einen Grund haben, nämlich:

Fünftens: Du bist Feministin! Du hast ja wohl ne absolute Vollmeise! Es reicht, dass Frauen Auto fahren. Aber das reicht auch wirklich. Und dann kommst Du und wäscht Dein Auto nicht. Dabei ist das ein Wertgegenstand. Und ich will nicht wissen, wie das bei dir zu Hause aussieht. Selbstbewusste Frauen sind studiert, also feministisch, also Schlampen. Daraus folgt:

Sechstens: Eine Schlampe ist eine Schlampe ist eine Schlampe. Das ist wie früher mit den Hexen. Wir würden dich nicht direkt verbrennen. Wir haben unsere modernen Methoden. Mädchen. Du blödes Mädchen. Als da wären:

Siebtens: Stören, nerven, lärmen. Zerrütten. Wir zerrütten dich. Du kannst das glauben, wir haben schon ganz andere klein gekriegt. Wir erzählen was rum, und wir kennen ja Deinen Vater, und wenn der wüsste. Der versteht nämlich was von Ehre. Wie wir. Ehrenmänner. Unter Ehrenmännern ist das mit dem Datenschutz natürlich Ehrensache. Das regeln wir schon unter uns. Das merkst Du dann, Du Mädchen. Zum Beispiel, wenn:

Achtens: Plötzlich irgendwelche Leute Deine Handynummer haben. Sonntagnachmittag. Und dich anrufen wegen Tüdelütt. Was, Du hast frei? Du spinnst wohl, Du faules Mädchen. Ich bring dir das Arbeiten noch bei. Madame. Und glaub doch nicht, wir geben auf. Acht Jahre? Ein Pups, ein Fürzchen, ein Windhauch in der Geschichte unserer Männerwirtschaft. Wir kriegen dich klein, Du Mädchen, denn:

Neuntens: Wir halten zusammen. Du kannst eventuell bei uns mitmachen, aber dafür bist Du eigentlich zu schlau. Und studiert. Und Du kennst überall Leute. Das ist gefährlich. Vor allem dieses Internet. Unübersichtlich. Wir lehnen das total ab, denn:

Zehntens: Wir bleiben unter uns. Du Mädchen. Da kuckst Du blöd, Du studiertes Schlampenmädchen, das doch ernsthaft meint, es könne selbständig sein. Du heulst immer noch nicht, obwohl wir dich jetzt völlig zerrüttet haben? Das kann nur einen Grund haben:

Elftens: Du kennst diese schreckliche Buchhändlerin. Deren Texte im Schnitt dreitausend Mal gelesen werden. Die sich eine Öffentlichkeit erschrieben hat, die – tja. Die sie all den Frauen zur Verfügung stellt, die selbständig sein wollen, sollen, können. Noch in dem hinterletzten Pfaffenwinkel irgendwo in Ostwestfalen. Und die gute Nachricht lautet:

Elf B mit Sternchen: Wenn Du die blöden Kerle aushältst, hast Du Nerven. Und die brauchst Du in der Selbständigkeit. Jeden Tag, immer. Du wirst das schaffen. Eindeutig. Ich gratuliere dir.

Familienbetrieb

Als ich achtzehn war, wollte ich in einer großen Stadt in einem Büro mit Computer arbeiten. Ich wollte mit dem Fahrstuhl nach oben fahren und fast in den Wolken von Frankfurt oder Berlin oder New York sitzen, Telefonate führen und Faxe verschicken. Ich stellte mir das sehr lässig vor – und weit weg von Ostwestfalen. Mein Heimatbild hatte mit Bushaltestellen zu tun, mit Anoraks, die man von September bis Mai bewohnen musste, mit stabilen Schnürschuhen, Butterbrotdosen, Langeweile. Unnötig zu sagen, dass ich Lebensformen strikt ablehnte, die mit Familie zu tun hatten. Großfamiliengeschwisterkinder sind wohl so.

Als ich fünfundzwanzig war, hatte sich das kaum geändert. Es gab inzwischen E-Mails, die gefielen mir noch besser als Faxe. Ich war im Ausland gewesen und fand an Deutschland vieles prima. Zum Beispiel, dass es Bushaltestellen gibt. Und eine Müllabfuhr und das BaföG-Amt und einiges mehr, das man als Ostwestfalenkind für selbstverständlich hält. Nur die Mode war überall anders besser. No more Anoraks. Ich ruinierte viele schöne Schuhe, weil sie für das Berliner Straßenpflaster ungeeignet waren. Aber ich fand jetzt meine Geschwister in Ordnung. Erstmal sind sie nicht langweilig. Und zweitens immerhin zu dritt, sodass ich nicht mehr Elternaufmerksamkeit bekam als von mir vorgesehen. Nämlich wenig.

Jetzt bin ich achtunddreißig. Es hat sich so ergeben, dass ich in der Nähe meiner Fluchtbushaltestelle arbeite. Seit fast acht Jahren, und ich bin da immer noch. Ich könnte sogar im Auto türmen, aber es ist nicht mehr nötig. Ich fahre mittags oft nach Hause und esse Eintopf oder Spiegeleier. Ich trage stabile Schnürschuhe, wenn auch weiter keine Anoraks. Und ich bin ständig mit Familienmitgliedern beschäftigt, die ich feiern, pflegen oder unterhalten muss. Es ist kein bisschen so, wie ich mir das mit achtzehn vorgestellt hatte. Aber sehr schön. Und ab November auch noch mit meiner Mutter hier in der Buchhandlung. Sie ist jetzt Rentnerin, und wir dachten: Warum weiter mit den Betreuungs- und Seelenfisimatenten von Aushilfen beschäftigen? Mama kennt mich schon immer, mit allen Girlanden, und deswegen nimmt sie den Arbeitsplatz an meiner Seite ein. Ich bin darüber ausgesprochen gut gelaunt.