Lob des Einzelhandels mit Lesewaren

Kannst Du, beschwerte sich der Geliebte, auch vielleicht mal irgendwas anderes schreiben als Beiträge zur Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft des Bucheinzelhandels? Nein, sagte ich. Geht absolut nicht. Angeblich bin ich vollständig bescheuert und habe absolut keine Ahnung. Ich bin einfach nur zu blöd. Sonst würde ich etwas sozial und ökonomisch Rentableres betreiben als eben diese Sortimentsbuchhandlung. Eine gewisse Oma schaltete sich ein und sagte, ja, wieso. Ich finde das immer sehr interessant. Du, meckerte er, Du vergisst auch, dass sie sich wiederholt. Sie könnte Sachbücher schreiben, Romane, übrigens auch ihre akademische Abschlussarbeit. Es gäbe genügend andere Felder. Davon weiß ich nichts, bekundete die gewisse Oma. Aber sie wird ihre Gründe haben.

Ich kann mehrere Sachbücher und zwei Romane später berichten, sie hatten beide Recht. Er täuschte sich nicht darin, dass mehr Themen meinem Gehirn und meiner Laune besser stehen würden als immer das eine, selbe Kreisen um den Bucheinzelhandel. Es war ein bisschen neurotisch. Aber es war deswegen nicht unnütz, und da kannte mich die Kleine Oma besser. Denn die ewigen Abgesänge auf meinen Beruf, auf das, was ich mir mit fünfzehn ausgesucht und wovon ich nie gelassen hatte: Diese schlechte Rede kränkte mich. Wie das mit Kränkungen so ist: Sie zu überwinden, dauert. Es gelingt noch nicht mal immer. Schulden kann man bezahlen, Verfahren gewinnen. Kränkungen muss man erdulden und sich ihnen immer neu zuwenden, um sie vielleicht irgendwann vergessen zu haben.

Mich störte, auf den Punkt, dass unser Sortimenterwissen nichts mehr zählen sollte. Dass die Digitalisierung vermeintlich unnötig machte, was wir in unseren Köpfen speicherten. Autoren, Titel, Buchreihen. Verlagsprofile, Themenschwerpunkte. Anlässe, saisonal wie regional. Mentale Prägungen politischer, religiöser, dritter weltanschaulicher Naturen. Das alles sollte nicht mehr wichtig sein, weil Computer, Controller, Betriebswirte und, natürlich, immer, Bankmenschen es besser wussten. All die Ermahnungen und Belehrungen, von sanftem Hohn über nicht immer leisen Spott bis hin zu den krachend selbstgefälligen Auftritten von lauten Männern (ausschließlich Kerle, Frauen nie): Das war ein Päckchen. Ich verfüge nun über nicht wenig Selbstbewusstsein und auch die nötige Grundarroganz, um so etwas normalerweise zu verarbeiten. Aber es zehrte doch. Es waren, siehe oben, Kränkungen.

Ich wendete mich anderen Aufgaben zu, schrieb eben dies und das und jenes, kochte, wusch und ordnete die Oma. Sie war so gut, mir einen zunehmend erheblichen Aufwand abzuverlangen. Mein dauerndes Thema, die Ungerechtigkeit an mir selbst und Generationen von Sortimentsbuchhändlerinnen, geriet in den Hintergrund. Danke, Kleine Oma. Well done!

Aber jetzt wohnt sie woanders, und außerdem findet Corona statt. Nein, tut es ja nicht, denn wir bleiben zu Hause, senken die Kurve, verhalten uns, wie ich meine, alle relativ gesittet und werden exzellent regiert. Mein Status als selbständige Sortimentsbuchhändlerin: Prima! Ich habe einen finanziellen Puffer, den mir keine Bank der Welt je gäbe, geschweige denn, binnen 48 Stunden. Die Bezirksregierung Detmold war aber so gut. Der Buchladen darf von mir selbst betreten werden, von anderen nicht. Ich erhalte Ware, bediene das Telefon, reiche Pakete an und tue tatsächlich die ganze Zeit ungefähr das, was Buchhändler klassisch arbeiten. Plus Social Media. Es gab früher kein Facebook, Twitter, Instagram, und ich möchte echt nicht ohne sein. Ich merke aber, vieles von dem, was ich über die Jahre privat und öffentlich dachte – es war nicht nur verkehrt.

Ich meinte, die Chance des Einzelhandels sei Kommunikation. Kompetenz auch, aber noch davor: Kommunikation. Logistik kommt nicht nur im Alphabet danach. Ich meinte zudem, dass ich ein Sortiment präziser einkaufen könnte als eine zentrale Steuerung, dass ich die Kunden genauer kennen, ihren Geschmack einschätzen, im Zweifel sie auch durch Hermeneutik würde versorgen können. Stöbern ist schön, klar. Aber subtil ist es nicht. Ich meinte also beständig und grämte mich mal mehr, mal weniger darüber, dass unsere Bildung und unser Horizont als Sortimentsbuchhändler verkannt wurden, weil wir auch kassierten, Geschenke verpackten, den Boden kehrten und das Altpapier wegschafften.

Irrtum!

Niemand hält den smarten Konsumenten gerade schöner den Spiegel vor als ihr Götze Amazon. Denn was macht der jetzt, wo ist er in der Krise? Bei sich, am eigenen Portemonnaie. Und wir sind hier, sind in den Läden, machen die Arbeit. Ich finde, wir waren selten besser als in dieser Krise, die für uns Einzelhändler der Lesewaren nun wahrlich keine ist. Seien wir stolz auf uns!

 

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