Landnahme. Über die Unmöglichkeit des Dorfromans

Eine Gattung hat Konjunktur, die nennt sich Dorfroman. Es sind, dem Inhalt nach, meist Bücher über jüngere Frauen mit älteren Männern, die aus der Stadt ins Umland ziehen, um ihre Probleme zu lösen, was oft nicht gelingt. Aber sie legen einen Garten an und geraten in Kontakt zu ihrer menschlichen Umgebung, die völlig anders ist als das ihnen Vertraute. Diese Bücher verkaufen sich gut und bedienen also eine Nachfrage. Ich habe allerdings Zweifel, ob Dorfroman eine angemessene Bezeichnung für diese düster grundierte Gegenwartsprosa ist. Ich meine eher, das ist eine Anmaßung, die dem entspricht, was Leser:innen solcher Bücher auch im echten Leben gerne tun. Daher einige Beobachtungen.

Erstmal der Begriff: Was kennzeichnet ein Dorf? Die Abwesenheit der Stadtrechte für eine bestimmte Anzahl Straßen, an denen Häuser liegen? Die sprichwörtliche Kirche? Flutlicht am Bolzplatz? Was erhebt menschliche Ansiedlungen zu einem Dorf, und welchen Status erlangen dadurch die gemeinten Anwohner:innen? Wie viele Menschen bilden ein Dorf, im Mindesten und aber wirklich höchstens? Tankstelle, Bäckerei, Briefkasten, Bushaltestelle; sind das die Marker? Und wenn man sich sein Territorium abgesteckt hat, das für ein Dorf gelten soll: Je nun. Die Personen und ihre Konflikte: Was bieten sie, um daraus einen Roman zu machen? Roman in dem Sinn, dass es eine Handlung gibt, dass Figuren sich entwickeln – und sei es nur, dass sie verschwinden: Geht das auf? Ich glaube, nein.

Man kann in so ein Dorf ungefähr jede emotionale Situation der Menschen bauen: Liebe und Schmerz, Ehre, Treue, Verrat. Gier und Neid. Aber alles Große wirkt vor der kleinen Kulisse fast immer albern. Beispiel: Ein Dorf ist der Ort, wo sich die Leute in wenigen Kleidern begegnen. Der Stückzahl nach und auch vom Ausmaß der textilen Oberfläche. Karoflanelloberhemd und derbe Schuhe für die Männer; Frauen in Leggings, Jeggins, Jogpants. In Dehnbarem jedenfalls, das nicht zwangsläufig der Körperfülle geschuldet ist. Bequemlichkeit gilt viel. Es gibt tragische Liebe fraglos auch in solch einem Habit, aber wenn sie nicht klappt, springt keiner vom Balkon.

Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass die beteiligten Figuren eins der Feste aufsuchen, die stets ein guter Anhaltspunkt dafür sind, eine Kulisse Dorf zu heißen. Feste in Zelten, die ritualisiert sich ereignen – immer dasselbe Wochenende, selten früher als im Mai und nach September eher auch nicht. Zelte in ihrer ganz eigenen Welthaftigkeit: Der leicht instabile Boden aus x-fach verlegten Holzbohlen, die Wände aus Streben mit wasserdichter Plane, schließlich ein halber Himmel bis zum Dach aus ebensolchem Material. Die Luft wird darin schnell eng, und Bier tut ein Übriges, die Nähe gewöhnlicher werden zu lassen als draußen auf der Straße. Man kann da was erleben. Man erlebt, was auch immer man erleben möchte, um zu vergessen, wie unglücklich man gerade war. Feste sind wichtig!

Sich dem Dorf anzunähern, bedeutet, von irgendwo zu kommen. Von weither oder aus der nächsten Stadt. Dörfer sind immer das Umland wenigstens ihrer Kreisstadt oder eines sogenannten Oberzentrums. Da gibt es Schulen, wo man Abitur machen und meist auch die Berufsschule besuchen kann. Akademiker:innen sind vorhanden; Studierte, die im Dorf eigentlich nur vorkommen als: A. Pastor. B. Grundschullehrerin. C. Zufall. A und B sind literarisch weithin beschrieben und müssen nicht von mir auch noch neu beredet werden. C. ist natürlich interessant. In früheren Zeiten (keine 300 Jahre, einfach die Bundesrepublik von Schmidt und Kohl) liefen unter C die sogenannten Alternativen. Denen sicher auch ein Roman zu widmen wäre, aber ich könnte den nicht schreiben. Er müsste sich im Düsteren verlaufen (Drogen, Rheuma, Armut, Einsamkeit), und ich mag nur Geschichten, die gut ausgehen. Was wiederum kein Kriterium von Literatur darstellt und höchstens etwas darüber sagt, dass ich selbst eine Dorffigur bin.

Nämlich: Die Buchhändlerin. Dörfer haben normalerweise keine Buchhandlung; dafür braucht es C. Zufall! Ich kam nach den Alternativen und bevor Juli Zeh dorfliterarisch wurde. Über meine Gründe haben andere Personen so viele Geschichten erzählt, dass ich nicht noch eine schreiben muss. Die Erfindungen der Nachbarschaft sind allesamt originell; Phantasie haben diese Leute ja. Aber jede einzelne würde im Lektorat entfernt mit der Bemerkung: Geht’s noch? Also, ich bin jetzt hier das zwölfte Jahr, und ich habe gelernt, das Interesse am Neuen, Fremden, Zufälligen ist sagenhaft. Im Dorf beschäftigen sie sich immerzu mit ihren Anderen, und wenn diese vorläufig auserzählt sind, ist es ein Beitrag zur Gemeinschaft, wenn man unter C erscheint. Beiträge zum Allgemeinen sind wichtig!

Ein weiterer Dorfindikator ist nach meiner Definition das ewige Gerede. Wer mit wem und wo, welche und wie viele Fahrzeuge und andere technische Installationen (PS, Benzinverbrauch; Bildschirme, Funkmasten und Daten). Man kann sowieso über alles reden, tut das auch, und als Geschäftsperson nach diesen Jahren habe ich so einen Fundus an Episoden, die mir angedichtet worden sind, dass ich daraus eine Vorabendserie schreiben könnte. Der ganze Quatsch! Aber will man das im Roman? Was im Dorf passiert und wovon wir erzählen, ist nie abgeschlossen. Vielleicht ist das Dorf zwar für Literatur geeignet, aber nicht ausgerechnet für Romane? Kurzgeschichten, Fabeln, alle solchen Formate. Johann Peter Hebel hat sie Kalendergeschichten genannt, und ich glaube, wenn man eine Dorf-Poetik suchte, würde man bei ihm besser fündig als in der Antike. Kurze Form, leicht lehrstückhaft. Gern heiter.

Ein weiteres Dorfmerkmal ist sicherlich Gelächter. Die fröhliche Albernheit, die hier ein Grundgeräusch bildet wie in der Stadt das Autobrausen. Über sie müsste ich länger nachdenken, weil ich sie mag und weil sie oft genug ersetzt, was man gelegentlich vermisst. Ablenkung, Geschwindigkeit, die neuen Bilder jeden Tag. Ach komm, lass uns lachen, sagt meine Schwester dann. Darüber ein andermal, weil dies ein schönes Thema ist, das aber mit den neuen Dorfromanen keine Berührung hat. Sie sind ja ernsthaft. Humorlos. Wenn man etwas lustig finden soll, wird das anmoderiert. Man erfährt über Figuren, dass sie sich gern ironisch geben, dass sie Sarkasmus für ein Stilmittel des Zwischenmenschlichen halten; man erfährt, worüber sie sich amüsieren. Über uns, in den Dörfern, wie wir trottelig herumstapfen und, tja. Noch nicht uns mit Äxten bekriegen, aber viel fehlt nicht.

Was wollen die nochmal hier? Die Figuren der Romane, wo Dörfer erschlossen werden genauso wie die realen Menschen, die ein Haus im Grünen kaufen? Die wollen Land, ganz einfach. Platz, Raum, Weite: Alles, wovon wir hier mehr haben als in der Stadt und wovon wir geben. Im Dorf ist man nicht kleinlich. Das Missverständnis dieser Landnahmen besteht meist darin, dass die Hinzukommenden sich durch den Kaufvertrag, die notariellen Urkunden, durch die Überweisung verblüffend hoher Geldbeträge direkt für eingemeindet halten. Und so geht es eben nicht. Dörfer sind freundliche Strukturen; Gewebe aus mündlichem Wissen, Gewohnheiten, oft aus Ungesagtem, das aber für alle gilt. Sie fangen irgendwo an, gehen weiter, ertragen allerlei An- und Umbauten.

Ich halte, wie ich oben schrieb, den Roman nicht für die nächstliegende Form, Dorfstrukturen literarisch abzubilden. Ich finde den Ton dieser Romane, das dunkel Beklommene mit Stich ins Aggressive, sowieso nicht schön. Aber er trifft, dies vor allem, die Stimmung der Dörfer nicht. Womöglich spiegelt er das Innere der Protagonisten, sofern sie denn Figuren und nicht einfach Lautsprecher ihrer Verfasser:innen sind. Dann müsste man das Genre aber anders heißen – Quengelroman vielleicht. Dass Dörfer dazu die Kulisse bilden, ist auch nur eine Landnahme, die dann nicht auf dem Immobilien-, sondern auf dem Buchmarkt sich ereignet. Möglich ist das. Aber es ist langweilig, und mit Dörfern hat es nichts zu tun. Geistige Flächenversiegelung halte ich für kein aufregendes Genre. Möge es rasch außer Mode kommen.

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